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Helheim - Vikings, Villains & Vultures - Aalen-Dewangen

23.11.2008 | 19:24

07.11.2008, Pepe's Musik Kneipe

Erstklassiges Norweger-Package auf großer Fahrt. HELHEIM, ATROX und VULTURE INDUSTRIES geben sich die Ehre.

Vierzehn lange Jahre ist es her, dass ich mir das Demoband einer damals noch sehr jungen Viking-Metal-Band aus Bergen kommen ließ, und obwohl ich die Karriere der Band sehr aufmerksam und mit viel Freude weiterverfolgt habe, ist es doch bisher leider nie dazu gekommen, dass ich HELHEIM live sehen konnte. Aber am heutigen Abend im November ist es endgültig an der Zeit, die hundert Kilometer nach Aalen zu pilgern, um die Jungs endlich mal in Person zu treffen und um sie und ihre Begleiter von VULTURE INDUSTRIES und ATROX im Rahmen der "Vikings, Villains & Vultures"-Tour auf den Brettern zu sehen. Definitiv ein spannendes Package, das uns Dark Essence Records hier geschnürt hat.

Im ländlichen Aalener Vorort Dewangen angekommen, finden wir recht schnell den Weg zu Pepe's Musik Kneipe, einer gemütlichen kleinen Location, die aus einer Pizzeria und einer angeschlossenen Boiz mit Bühne besteht. Klar, wir sind auf dem Land, fernab der metallischen Hochburgen, und so sind es auch nur knappe hundert Nasen, die sich hierher verirren. Die werden dafür musikalisch rundum perfekt versorgt und bekommen einen bei allen Bands großartig differenzierten Sound geboten, wie man ihn bei einem Konzert dieser Größenordnung selten erlebt. Als erstes kommt der einheimische Support-Act in den Genuss der tollen Rahmenbedingungen:

Bei BLEEDING RED handelt es sich um eine noch sehr junge Truppe aus dem nahe gelegenen Schwäbisch Gmünd, die, vor zwei Jahren gegründet, eben mit ihrer ersten EP an den Start gegangen ist. Für ihr Alter gehen die Burschen bereits technisch sehr ansehnlich zu Werke und hauen dem leider sehr müden Publikum eine flotte Death/Thrash/Black-Metal-Mischung um die Lauscher, die ihre Einflüsse vor allem aus dem Schaffen nordischer Truppen wie DISSECTION, NAGLFAR oder auch IMMORTAL bezieht. Ein bisschen teutonischer Thrash steckt ziemlich sicher auch mit drin. Um auf breiter Ebene erhört zu werden, muss sich zwar noch ein gutes Stück mehr Eigenständigkeit entwickeln, aber wer das von einer so jungen Band in diesem Stadium schon erwartet, der stellt eindeutig zu hohe Ansprüche. Demnach ein gelungener und vielversprechender Start in den Abend.

Die Geierwerke tun sich dann leider wahnsinnig schwer, das gesäßlahme Publikum zu motivieren. Wo der Opener wenigstens noch die eigenen Freundinnen in der Fünf-Meter-Zone wusste, da locken die fünf Norweger von VULTURE INDUSTRIES nur noch drei Fotografen und die gähnende Leere vor die Bühne, der Rest des Publikums schaut zwar durchaus interessiert aus dem Hintergrund der Kneipe zu und spendet Höflichkeitsapplaus, traut sich aber auch nach mehrfacher Aufforderung durch den Frontmann der teilweise barfüßigen Protagonisten nicht nach vorne.

Das finde ich jammerschade, weil Sänger Bjørnar Erevik Nilsen und seine vier Mitstreiter sich wirklich enorm ins Zeug legen, um die Meute in Gang zu bringen. Leider vergeblich, obwohl ihr schräger, avantgardistischer Black Metal wunderbar vielseitig, vertrackt und abgedreht ist und dennoch einprägsame Dreh- und Angelpunkte aufweist. Bjørnars extrovertierter Gesang ist leicht psychotisch, aber sehr cool, und die Band insgesamt geht wunderbar ab. Die beiden Gitarristen Øyvind Madsen und Eivind Huse, die beide auch bei SULPHUR aktiv sind, schütteln sich reihenweise mitreißende und messerscharfe Riffs aus den Ärmeln, und Basser Kyrre Teigen setzt zusammen mit Schlagwerker Tor Helge Gjengedal lässig die rhythmische Basis des breaklastigen aber dennoch flüssigen Gebräus, dessen variabler Gesang ganz gelegentlich ebenso an SYSTEM OF A DOWN erinnert wie gemeinsam mit der spacigen Mucke umso öfters an ARCTURUS. So bleibt ein toller Auftritt, der die Band auf der Landkarte der Freunde des progressiv-innovativen bis freakigen Extrem-Metals fest markieren sollte.

Setlist VULTURE INDUSTRIES:

- Intro
- Pills of Conformity
- Soulcage
- To Sever the hand of corruption (only played on the Aalen show)
- The Benevolent Pawn
- The Enemy Within
- Grim Apparitions
- A Path of Infamy
- Blood Don't Flow Streamlined

Die etwas weniger extremen, aber dafür gleichermaßen völlig abgedrehten oder noch abgedrehteren Psychedelic-Proggies von ATROX tun sich dann ähnlich schwer, das Publikum zu motivieren, doch im Gegensatz zu den Geiern finden sie sich nicht so recht damit ab. Vor allem der herrlich exzentrische Frontmann Rune Folgerø versucht ohne Unterlass, die Leute vor die Bühne zu locken. Mal freundlich auffordernd, mal mit bissigen bis boshaften Ansagen und zu guter Letzt auch noch, indem er von der Bühne klettert und zur Not halt alleine für Tanz und Stimmung sorgt. Auch Bassmann Erik Paulsen kann's kaum mit ansehen und packt meine leider völlig apathischen schwäbischen Landsleute bei der Ehre mit bösen, aber augenzwinkernden Sprüchen oder mit der sarkastischen Frage, ob die Leute vielleicht ausflippen würden, wenn er BURZUM-Sprechchöre anzetteln würde. Auch das blieb unbeantwortet, man könnte fast meinen, die Leute hätten ihn nicht verstanden oder ihm nicht zugehört.

Umso verwunderlicher ist es, dass sich die Band in Sachen Auftreten kein bisschen lumpen lässt und wirklich alles gibt. Rune schreit, singt, wimmert, brüllt ins Megaphon und zwei Mikrophone. Er schneidet Grimassen, schwärzt sich das Gesicht und dreht am Rad, dass man meint, er sei frisch aus der Irrenanstalt entsprungen. Die Gitarristen Eivind "-viNd-" Fjoseide (manchen von euch sicher von den musikalischen Chamäleons MANES bekannt) und Rune Sørgård lassen schwebend-psychotische Astronauten-Riffs vom Stapel und Tor-Arne Helgesen zaubert einen verdrehten Groove, der seinesgleichen sucht. Dass Basser Erik für den trockenen Humor zuständig ist, hab ich erwähnt? Gut. Musikalisch dürfte sich bei ATROX jeder aufgehoben fühlen, der auf Sachen wie ARCTURUS zu "La Masquerade Infernale"-Zeiten steht und dazu noch den Freak-Faktor von TORMENTORs "Recipe Ferrum!" zu schätzen weiß. Oder wer allgemein auf abgedrehten, psychotischen, schizophrenen Metal mit viel Liebe zum Detail und auf großartige Musiker, in denen enormes schauspielerisches Talent schlummert, abfährt. Jederzeit gerne wieder, die Herren!

Setlist ATROX:

- Retroglazed
- Castle For Clowns
- You're In The Movie
- Headrush Helmet
- Orgone
- Transportal
- Binocular
- Tight Tie
- Traces
- No Coil For Tesla

Dann ist es Zeit für den Headliner, die Wikinger-Institution HELHEIM , und nun auch für die Fans, denn endlich, endlich ist es so weit, dass sich die lethargische Meute bequemt, vor die Bühne zu schlurfen und wenigstens ein bisschen abzugehen. Erstaunlich an HELHEIM ist neben der stets innovativen und erstklassigen Musik vor allem die Tatsache, dass die drei Gründungsmitglieder Ørjan Nordvik (alias V'Gandr; Bass, Gesang), Tom Korsvold (alias H'Grimnir; Gitarre, Gesang) und Frode Rødsjø (alias Hrymr; Schlagzeug), noch immer beisammen sind. Das ist ja im norwegischen Szenekarussell nicht unbedingt die Regel, führt aber dazu, dass sich die Bergener Veteranen als toll eingespielte Einheit präsentieren, in welche sich auch der seit Mai an Bord des Drachenschiffs befindliche zweite Gitarrist Noralf Reichborn Venaas (SYRACH) perfekt einfügt.

Großartig ist live die von heiserem Krächzen über hysterisches Kreischen bis hin zu finsterem Growlen reichende Gesangsarbeit zwischen V'Gandr und H'Grimnir aufgeteilt. Auch die oft hektischen aber stets prägnanten Riffs sitzen perfekt, und dass die Rhythmusarbeit von V'Gandr und Hrymr in der Szene ihresgleichen sucht, sollte nichts Neues mehr sein. Die langjährige gemeinsame Erfahrung und das ausgiebige Touren machen sich hier sehr positiv bemerkbar. Neben der tollen Musik fahren die sympathischen Kettenhemdträger eine großartige Videoshow auf, die per Beamer jeweils zum Song passende Grafiken, Gemälde, Rollenspiel- und Filmsequenzen auf den Backdrop projiziert. Für einen Auftritt dieser Größenordnung alles andere als Standard und ein echter Hingucker, weshalb Ørjan auch im Interview nicht verbergen kann und will, wie stolz er darauf ist.

Sie Setlist ist sehr ausgewogen und abwechslungsreich, denn obwohl der Schwerpunkt natürlich auf den letzten beiden Alben "Kaoskult" und "Journeys ..." liegt, kommen auch die von manchen langjährigen Fans ersehnten alten Klassiker zum Zug, bei denen sich Ørjan alle Mühe gibt, die extrem hohen Screams zu bringen, welche diese beiden Alben auszeichneten. Das gelingt ihm erstaunlich gut, obwohl er mir selbst im Gespräch vor dem Auftritt gesagt hat, dass er die nicht mehr wirklich draufhabe. Wäre mir gar nicht aufgefallen, Herr V'Gandr!

So man beim heutigen Aalener Publikum überhaupt von Stimmung reden kann, würde ich sagen, dass diese bei der neuen Hymne 'Northern Forces' sowie bei den Uralt-Göttergaben 'Fra Ginnunga-gap' und 'Jormundgand' am besten ist. Dass es nach gut 75 Minuten dann sogar noch eine Zugabe in Gestalt des großartigen, kämpferischen und extrem breaklastigen 'Thirteen To The Perished' gibt, hat das Auditorium eigentlich gar nicht verdient, doch es ist schön, dass wir fünf Unentwegten, die tatsächlich nach einer Zugabe schreien, in dieser tollen Form belohnt werden.

Setlist HELHEIM:

- Helheim 6 (Intro)
- Northern Forces
- Bewitchment
- Fra Ginnunga-gap Til Evig Tid
- Jormundgand
- Oaken Dragons
- Det Norrøne Alter
- Jernskogen
- Warlot
- Svart Seid
- Nattravnens Tokt
- Thirteen To The Perished (Zugabe)

Als Fazit dieses Abends bleibt mir die Ehre und die Pflicht, festzuhalten, dass das Billing musikalisch und vom Auftreten her mit zum Besten gehört, was ich in den letzten Jahren gesehen habe. Ich kann jedem von euch nur ganz dringend empfehlen, diese Bands live anzuschauen, sobald ihr irgendwo wieder die Gelegenheit dazu bekommt. Ihr werdet es nicht bereuen.

An den Großteil der anwesenden Gäste geht zum Abschluss jedoch die fassungslose Frage: Was wollt ihr denn mehr? Da kommen drei tolle Bands aus Skandinavien zum kleinen Preis zu euch, machen eine Hammer-Show in einer gemütlichen Location mit Bombensound, und ihr steht und sitzt nur rum. Schwaches Bild.

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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