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JUDAS PRIEST - Böblingen

16.03.2005 | 02:15

14.03.2005, Sporthalle

Da ich JUDAS PRIEST auf der Reunion-Tour 2004 leider verpasst habe, ist seit Wochen große Spannung angesagt. Nach zweimal Rob Halford solo und dreimal JUDAS PRIEST mit Tim Owens, steht nun mein erster Gig an, bei dem ich die mit Halford wiedervereinigten Priester zu sehen bekomme, und wer weiß, wie sehr ich das neue Album mag, der wird sich denken können, dass ich diesem Auftritt unheimlich entgegengefiebert habe. Wir fahren also nach Böblingen und finden dort eine extrem gut gefüllte Halle vor. Ob sie letztlich ausverkauft ist, oder nicht, kann ich leider nicht sicher sagen, aber viel fehlt auf keinen Fall, denn so voll habe ich die Sporthalle vorher nur bei MANOWAR gesehen, und damals hieß es, man hätte die Halle komplett ausverkauft. Egal, in jedem Fall sind genug Leute da, um mehr als nur ordentlich Stimmung zu machen. Also harren wir alle gespannt der Dinge, die da kommen mögen, als um acht Uhr pünktlich das Licht ausgeht.

IN FLAMES

Die fünf Schweden von IN FLAMES betreten die Bühne ganz in schwarz, vor einem Backdrop des letzten Albums "Soundtrack To Your Escape" und Sänger Anders Fridén verkündet voll Wehmut, dass dies nun das letzte Konzert der Tour sein werde, bei dem sie die Ehre hätten für die Metalgötter JUDAS PRIEST eröffnen zu dürfen. Zwar ist durchaus eine Menge junger Fans anwesend, und auch etliche der älteren Herrschaften lassen sich von IN FLAMES ordentlich mitreißen, doch insgesamt bleibt die Stimmung während des Gigs der Göteborger ein wenig zurückhaltend. Im ersten Hallendrittel geht die Post ganz ordentlich ab, und auch auf der Tribüne kreisen diverse Propeller von passionierten Dead-Imitatoren ("Come on, Leipzig!") und anderen Spaßvögeln, doch ein großer Teil der älteren Zuhörer beschränkt sich auf interessiertes Betrachten und Höflichkeitsapplaus. Aber immerhin: Die schwedischen Trendsetter haben weder mit dem Bierstand-Syndrom, noch mit ablehnender Haltung der beinharten alten PRIEST-Fans zu kämpfen, die 1998 GOREFEST doch arg zu schaffen machte. Sie spielen vor voller Halle und man hört auch nirgendwo spitze Bemerkungen oder dergleichen. IN FLAMES sind als Opener von allen voll akzeptiert, was bei einem Headliner von diesem Range leider nun wirklich keine Selbstverständlichkeit ist.

Das Outfit der Jungs sieht zwar trotz der Farbe nicht besonders nach dem "wahren" Metal aus, aber den spielen IN FLAMES ja auch nicht - und außerdem gibt's bei JUDAS PRIEST nachher genug schwarzes Leder und Nieten. Die schwarzen Hemden, schwarzen Krawatten und schwarzen Hosen lassen die Band jedenfalls als Einheit erscheinen und passen zum modernen Sound, für den die Gruppe heute steht. Dementsprechend ist auch die Setlist sehr stark auf Stücke von den letzten drei Studioalben fixiert. Mit 'Episode 666' wird lediglich ein Klassiker gespielt, der aber meinem Eindruck nach die besten Publikumsreaktionen erzielt. Doch auch aktuellere Kracher wie 'Cloud Connected', 'Clayman', 'Only For The Weak' oder 'Trigger' werden gut aufgenommen und bringen zumindest Teile des Publikums ordentlich in Bewegung. Nach einer Dreiviertelstunde ist dann Schluss und mir bleibt die Feststellung, dass IN FLAMES einen guten Gig abgeliefert haben, aber in ein PRIEST-Auditorium natürlich nicht die Energie injizieren konnten, die sie bei ihren eigenen Tourneen freisetzen. Außerdem werde ich es nie verstehen, wie eine Band ihren größten Klassiker aus der Setlist streichen kann... Aber vielleicht bin ich ja der Letzte, der meint, dass IN FLAMES ihren Zenith mit "The Jester Race" und hier vor allem mit 'Artefacts Of The Black Rain' hatten.

Setliste: IN FLAMES

The Quiet Place
System
Pinball Map
Dial 595-Escape
Episode 666
Embody The Invisible
Cloud Connected
Trigger
Only For The Weak
Clayman
Touch Of Red
My Sweet Shadow


JUDAS PRIEST

Als nach einer relativ kurzen Umbaupause dann endlich das Licht ausgeht, kann man die elektrisierte Spannung im Publikum förmlich spüren und alle haben wohl die selben Gedanken: Wird die Band als echte Einheit auftreten, oder als bloße Zweckgemeinschaft? Wie wird Halford singen? Wie sieht die Bühnendeko aus, und welche technischen Effekte wird die Band auffahren? Was hat man sich in punkto Choreografie einfallen lassen? Fragen über Fragen... doch die Antworten folgen auf dem Fuß:

Zu den Klängen von 'The Hellion' erscheint als Backdrop das Cover der "Electric Eye"-DVD. Ein großes, von Blitzen umgebenes Auge, das der Beleuchtung entsprechend in den verschiedensten Farben strahlt. In der Pupille, hoch über der Bühne, erscheint dann der heimgekehrte Sänger. Mit langem, nietengespickten Ledermantel, Sonnenbrille und fast regungslos thront Rob Halford über dem Szenario und gibt 'Electric Eye' zum Besten. Beim folgenden 'Metal Gods', begibt er sich von seiner erhöhten Position langsam, mit roboterhaften Schritten und Armbewegungen über zahllose Stufen nach unten auf die Bretter, zum Rest der Band. Dort angekommen, nimmt er schließlich auch die Sonnenbrille ab und beendet den gewollt emotionslosen, kalten Teil seiner Performance, um zum lebendigen Frontmann zu werden, der den Fans auch den Blick in die Augen gestattet.

War der Sound bis dahin vielleicht nicht ganz perfekt, stimmt spätestens ab dem unterbewerteten Klassiker 'Riding On The Wind' alles. Der Sound könnte differenzierter und druckvoller kaum sein. So hat man auch die Möglichkeit die atemberaubende Tightness der Herren Tipton, Downing, Hill und Travis in ihrer ganzen Pracht bewundern zu können. Wahnsinn! Dann kommt mit 'The Ripper' das erste ganz, ganz große Highlight des Abends. Herr Halford schafft es zwar nicht bei allen Stücken, stimmlich an seine Glanzzeiten anzuknüpfen, aber bei 'The Ripper' stimmt einfach alles. Dies gilt auch für 'A Touch Of Evil', bei dem Halford mit einem langen schwarzen Seidenmantel erscheint und auf den zu beiden Seiten der Bühne aufgebauten, von circa zwei Meter hohen JUDAS PRIEST-Kreuzen hoch über die Bühne gehobenen Laufstegen umherstreift, und dabei per Lift die Ebenen wechselt, um am Schluss des Stückes in einem Loch zu verschwinden, aus dem dann roter Nebel steigt. Die auch hier sehr gute Gesangsleistung und die sowieso perfekte Darbietung der Instrumentalisten ist also auch durch die Bühneneffekte gut in Szene gesetzt.

Dann ist es Zeit für das neue Album: Der Vergeltungsengel erscheint als neuer Backdrop und zu den ersten Takten des Übersongs 'Judas Rising' wird Rob Halford - mit gleicher Armhaltung wie der Engel - langsam direkt vor dessen Abbild emporgehoben. Gesanglich sind die neuen Stücke ohnehin an Halfords derzeitige Leistung angepasst, so dass hier keine Stimmprobleme zu erwarten sind und auch nicht auftreten. Mittlerweile in einen Mantel mit verspiegelten Metallplatten gehüllt, gibt sich Rob beim folgenden Stück als Fahnenträger der 'Revolution' und stößt einem Infanteristen gleich, die Flagge mit dem Kreuz-Tribal in die erklommenen Anhöhen.

Danach ist wieder eine echte Klassikerrunde angesagt, bei der PRIEST es zunächst mit 'Hot Rockin' ein wenig easy angehen lassen, um sich dann beim aus Tausenden von Kehlen mitgesungenen 'Breaking The Law' frenetisch abfeiern zu lassen und mit 'I'm A Rocker' erneut Glanzlichter zu setzen. Gerade bei den rockigeren Stücken beweist Halford, wie toll er auch heute noch singen kann, wenn er es etwas entspannter angehen lässt. Er mag in den höchsten Lagen und bei den aggressivsten Screams sicher nicht mehr ganz der Alte sein. Ein Phänomen, das wir auch von den Herren Jon Oliva, Bruce Dickinson und sogar King Diamond kennen, aber in mittleren bis gemäßigt hohen Tonlagen begeistert er wie eh und je. In ruhigeren Momenten wie bei der erneut semi-akustischen Version von 'Diamonds & Rust' singt er schlicht und ergreifend überirdisch gut. Allgemein scheint ein großer Teil des Publikums gerade diesem Stück entgegengefiebert zu haben. Von begeistertem Mitsingen, über ungläubiges Staunen bis hin zur berühmten Träne im Knopfloch konnte man alle Arten der Ergriffenheit beobachten. Auch optisch macht der Song was her. Glenn und Ken an den akustischen Gitarren, Ian wie immer dezent im Hintergrund und Scott stehend hinter seinem Kit, mit der einen Hand am Schellenbaum und mit der anderen mit dem Drumstick die Windmühle mimend. Dazwischen umherschreitend ein erneut neu bemäntelter Halford, der ob der Reaktionen des Publikums sichtlich ergriffen ist. Einfach super!

Nun vor dem Hintergrund des neuen Tribals kann 'Deal With The Devil' diese Stimmung nicht ganz halten und fügt sich auch nicht ganz so harmonisch in die Setlist ein, wie die anderen neuen Stücke. Dafür rockt die Band hier wirklich energisch ab, und strotzt nur so vor wiedergefundener Spielfreude und Euphorie. Mit dem ebenfalls sehr achtbar gesungenen und musikalisch sehr intensiv zelebrierten 'Beyond The Realms Of Death' hat man dann auch wieder das Publikum komplett im Boot, was sich bei 'Turbo Lover' nicht ändert: Wenn man sieht, wie die Leute, insbesondere eine Ganzkörperbangerin auf den Schultern ihres Freundes oder Ehemanns, und viele weitere Ladies zu diesem Song ausrasten, fragt man sich wirklich, warum diese Phase der Band als umstritten gilt. Denn auch der männliche Teil des Auditoriums hat sichtlich Spaß an dem Stück. In diesem Bereich der Setlist behält sich die Birminghamer Stahlschmiede gelegentliche Änderungen vor, so dass dieses Mal mit 'Exciter' ein Klassiker zugunsten von 'Hellrider' weichen muss. Das ist aber nicht weiter schlimm, weil das neue Stück hervorragende Livequalitäten aufweist und mit dem Chor gegen Ende auch einen tollen Mitsingpart enthält. Zudem hat K.K. hier die Möglichkeit sich spielerisch super in Szene zu setzen.

Dann heißt es Zittern: 'Victim Of Changes'. Der Song ist wohl die technische Höchstschwierigkeit im PRIEST-Set, und die Frage, ob Rob das denn noch so hinkriegt wie früher, ist sicher berechtigt und wirklich Entwarnung geben kann man auch nicht. Das Stück wird weitgehend sehr solide gesungen, doch ist klar, dass der Sänger einige schwierige Passagen umgeht und bei den ganz hohen Screams doch sehr gepresst und angestrengt klingt. Hier merkt man Rob halt leider doch an, dass er nicht mehr 30 ist. Dennoch hat er meinen Respekt dafür, dass er es versucht sich noch mal zu beweisen und nicht etwa per Playback versucht, seine Probleme zu vertuschen. Der starke Hall auf dem Mikro retuschiert leichte Unebenheiten, das ist aber auch alles. Es wäre sicher nichts leichter, als den finalen Schrei von 'Victim...' vom Mischpult einzuspielen und so zu tun, als ob sich nichts geändert hätte, aber Rob steht dazu, dass er solche Passagen nicht mehr mit der Leichtigkeit singt, die ihn vor zwanzig Jahren auszeichnete. Außerdem bekommt Glenn Tipton noch eine kleine Soloeinlage im Rahmen dieses Stückes, die allerdings ein wenig unspektakulär ausgefallen ist. Bei 'Green Manalishi' kann sich Rob, der nun in seine "Crucible"-Lederjacke gehüllt ist, stimmlich wieder ein kleines bisschen zurücknehmen, bevor mit 'Painkiller' die nächste Belastungsprobe ansteht. Angetrieben von Scotts wahnsinnigem Drumming und den atemberaubenden doppelten Gitarrenleads, schreit auch Rob die Aggressionen markerschütternd aus sich raus, und man merkt ihm dabei deutlich an, wie sehr es ihn anstrengt. Doch das Ergebnis kann sich sehr gut hören lassen, weshalb ich keinen Grund sehe 'Painkiller' in Zukunft einzumotten, immerhin können sich die Musiker hier instrumental hervorragend beweisen.

Danach ist die reguläre Spielzeit vorbei, doch sehr bald erscheint ein neuer Backdrop (das "United"-Logo). Dann vernimmt man unter tosendem Applaus die Motorgeräusche einer Harley. Kurz darauf fährt Rob - nun im Mantel mit dem Logo der Ripper-Ära - vor, hält in der Mitte der Bühne und singt auf der Harley sitzend das obligatorische 'Hellbent For Leather', an das sich das euphorisch mitgesungene 'Living After Midnight' anschließt. Der Applaus nimmt kein Ende und Herr Halford lässt sich nicht lange bitten: Zunächst animiert er das Publikum noch zu einem wirklich spaßigen Mitsingspielchen, das den sichtlich gut gelaunten und von dem Jubel der begeisterten Fans angesteckten Frontmann, zu den abgedrehtesten Grimassen inspiriert. Kaum zu glauben, aber es scheint, dass Rob - zumindest was seine Talente als Entertainer angeht - wieder ganz der Alte ist und die durchwachsene letzte Solotour vergessen machen will. Zum krönenden Abschluss hauen die Metalgötter noch eine mitreißende Version von 'You've Got Another Thing Coming' raus, und alle scheinen zufrieden und happy.

Ich bin jedenfalls saumäßig glücklich darüber, bei diesem Event dabei gewesen zu sein, und weine keiner einzigen der vierzig Kröten nach, die dafür ihr Biotop (also meinen Geldbeutel) verlassen mussten. JUDAS PRIEST sind definitiv zurück, wo sie hin gehören, nämlich ganz oben. Ich habe es bei Hunderten von Gigs erst ein paar Mal erlebt, dass eine Band noch Minuten nach dem Ende des Auftritts dermaßen lautstark abgefeiert wurde (eigentlich nur bei TWISTED SISTER in Balingen). Der Schlussapplaus mit nicht enden wollenden PRIEST-Sprechchören und stehenden Ovationen von den Rängen ist heute wirklich beeindruckend, und die Band scheint sichtlich bewegt zu sein. Wenn man sie so strahlen sieht, dann nimmt man ihnen wirklich ab, dass sie es genießen, wieder zusammen zu sein und die Massen noch immer begeistern zu können. Alle Musiker nutzten die Zeit nach Showende, um sich vom Publikum zu verabschieden und Drumsticks und Plektren zu verteilen.

Als Fazit bleibt, dass JUDAS PRIEST zu Recht eine der größten Legenden unserer Szene sind, und ich finde, dass sie diesem Ruf auch heute noch vollauf gerecht werden. Sicher ist nicht alles perfekt, aber das braucht es auch gar nicht zu sein. Die Reunion macht so lange Sinn, wie es die Band Abend für Abend schafft, ihre Fans glücklich zu machen, und ihnen ein breites Grinsen oder gar Freudentränen ins Gesicht zu zaubern. Der Auftritt heute Abend in Böblingen ist der beste Beweis dafür, dass sie es können.


Setlist JUDAS PRIEST:

01. The Hellion
02. Electric Eye
03. Metal Gods
04. Riding on the Wind
05. The Ripper
06. A Touch of Evil
07. Judas Rising
08. Revolution
09. Hot Rockin'
10. Breaking the Law
11. I'm a Rocker
12. Diamonds & Rust (semi-acoustic)
13. Deal With the Devil
14. Beyond the Realms of Death
15. Turbo Lover
16. Hellrider
17. Victim of Changes
18. Green Manalishi
19. Painkiller
---
20. Hell Bent for Leather
21. Living after Midnight
22. You've Got Another Thing Comin'


Franks Fotos zu diesem Konzert gibt's hier: http://www.powermetal.de/fotos/fotos-686.html

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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