KISS - Essen

30.06.2019 | 13:10

02.06.2019, Stadion

Der Abschied einer Legende!

You wanted the best, you got the best – the hottest band in the world: KISS! Hören wir nach der aktuellen Tour diesen markanten Satz wirklich nie wieder? Gut, nach fast 50 Jahren Sex, Drugs and Rock 'n' Roll (all nite) haben sich Stanley und Simmons den Ruhestand auch wahrlich verdient. Jedenfalls werde ich das Konzert vor knapp zwei Jahren in der Dortmunder Westfalenhalle nie vergessen: Ein Spektakel, wie es im Buche steht. Und um eine der prägendsten Bands für mich auch würdig zu verabschieden, besuche auch ich an diesem Sonntagabend das Essener Stadion im Herzen des Ruhrgebiets, um KISS auf einem ihrer allerletzten (?) Konzerte zu sehen. Perfektes Stadionkonzert-Wetter mit milden Temperaturen, Sonnenschein und einer Vorfreude, die zum Greifen ist. Hier und dort ein paar KISS-Make-ups an der Bierbude, die Trinkbecher zieren insgesamt drei verschiedene Motive und neben der opulenten Bühne ranken riesige KISS-Army-Banner. Die Vorzeichen also, dass man sich auch an diesen Abend noch lange erinnern wird, sind gesetzt. Also nehmen wir Platz und harren der Dinge, die da kommen.

Vorgruppen sind ja normalerweise musikalischer Natur. Doch für ihre "End Of The Road"-Abschiedstour haben sich Demon, Starchild und Co. etwas ganz Besonderes einfallen lassen. DAVID GARIBALDI ist kein Musiker, sondern Maler, der bei musikalisch rockiger Untermalung mit Fingerfarbe und Pinseln Herrn OZZY OSBOURNE auf schwarzes Tonpapier zaubert. Er macht mit Steven Tyler und eben dem heutigen Hauptact weiter und versetzt das Essener Publikum im Staunen. Dieses erkennt erst bei Fertigstellung die einzelnen Künstler und ein großes "Aaaah" raunt durch das Stadion. Alle Bilder können im Übrigen im Anschluss ersteigert werden. Zugegeben, ungewöhnlich war dieser Vor-Künstler auf jeden Fall, doch mindestens ebenso imposant wie faszinierend, wie Herr GARIBALDI sich hier vor knapp 20.000 Zuschauern einen Namen machen konnte. Beide Daumen also hoch.

Doch dann knistert es in der Luft, verschiedene Rockklassiker dröhnen noch durch die Lautsprecher, als um kurz vor 21 Uhr die Musik erstummt und eben jene berühmten, einleitenden Worte ertönen. Und dann geht es direkt mit 'Detroit Rock City', einem lauten Knall, einem fallenden KISS-Banner und vier maskierten Rockstars auf meterhohen Emporen, die sich langsam dem Boden neigen, endlich los – die Stimmung vor der Stage ist famos und die Blicke auf den Rängen richten sich gespannt auf KISS und einen Auftakt nach Maß. Gleich zu Beginn wird deutlich, dass die Herrschaften heute nichts anbrennen lassen, im Gegenteil. Mit massig Pyro und Feuerfontänen wird jeder Song zu einem richtigen Hingucker. Natürlich, gerade zu Beginn kommt all dies noch nicht so gut zum wie gegen Ende des Gigs, wenn sich die Sonne in den Feierabend verabschiedet hat. Doch gerade zum Auftakt dieser KISS-Show in Essen scheint die Sonne genau auf die Stage und macht weiteren Gassenhauern wie 'Shout It Out Loud', 'Deuce' oder Hits neueren Datums wie 'Say Yeah' den Weg frei. Stanley ist agil wie eh und je und trotz seiner Stimmband-OP vor einigen Jahren immer noch ein guter Sänger und – vor allem – Entertainer: Er lockt das Stadion aus der Reserve, regt zum frenetischen Jubeln an, ehe mit 'Lick It Up' und 'Calling Dr. Love' weitere Geschütze in das Publikum geschossen werden. So muss eine Rockshow einfach aussehen.

Simmons ist die Ruhe selbst und zeigt sich bei 'God Of Thunder' einmal mehr von seiner besessenen und blutrünstigen, bei 'War Machine' von seiner feuerspuckenden Seite. Und natürlich darf auch im Mittelteil ein entsprechendes Drum-Solo nach dem Song '100.000 Years' nicht fehlen, der bei diesem Beginn und dem noch folgenden Finale Furioso leider ein wenig das Nachsehen hat. Doch dann geht das Stimmungsbarometer wieder steil nach oben, als sich Stanley bei 'Love Gun' in die Mitte des Stadions per Seilbahn schwingt und dort bis zum folgenden 'I Was Made For Loving You' – und das ganze Stadion summt mit – verweilt. Das sah man so auch schon vor zwei Jahren auf der Tour und hat auch bei den unzähligen Malen, die Starchild dies fabriziert hat, nichts an Reiz verloren. Zuvor folgten mit 'Cold Gin' und 'Psycho Circus' samt spezieller Animation auf der Leinwand im Hintergrund weitere Killer, als zum Ende hin – die Sonne winkt den Amis noch einmal zum Abschied zu – die hiesige Konfetti-Kanone ihren Einsatz hat und 'Rock And Roll All Nite' das gewisse Extra verleiht. Für ein bisschen Geschmuse sorgte Eric Singer dann am Piano zu 'Beth'. Sicherlich schmerzen die Kehlen noch vom Grölen zu 'Black Diamond' oder 'Crazy Crazy Nights', die mit derart viel Inbrunst speziell auf dem Feld mitgesungen wurden, das man von der Tribüne aus nur Staunen konnte. Doch als dann mit 'God Gave Rock 'n' Roll To You II' vom Band die Band in den Feierabend verabschiedet wird, liegen Freude und Melancholie so dicht beieinander wie Simmons und Stanley auf der Bühne.

Klar, nach dem Konzert selbst herrscht noch ungeheure Euphorie ob der Show, ob dieses grandiosen Rock-Spektakels, ob dieser wunderbaren, zeitlosen Musik, ob der vier Superhelden, die seit Beginn der 1970 Jahre die Welt erobert haben. Mit vielen Ohrwürmern im Ohr geht es dann langsam nach Hause, wir verlassen Essen Rock City.

Doch ich möchte nun – einige Tage nach diesem Konzert – die Gelegenheit nutzen, um meine Gedanken zu sortieren und Gefühle nieder zu schreiben. Nun war es das also, ich habe meine Kindheitshelden zum allerletzten Mal live gesehen – mir kullert eine Träne von der Wange. Natürlich reden wir hier nicht von irgendeiner Band, die nach Jahren in den wohlverdienten Ruhestand geht. Leute, wir reden hier von KISS! Jeder, der diese Zeilen liest, hat irgendeine nahe oder entfernte Verbindung zu dieser Musik, hat während 'I Was Made For Loving You' seinen Jugendschwarm geküsst, bei 'Love Gun' seine Unschuld verloren, bei 'God Gave Rock'n'Roll To You II' wieder Hoffnung trotz schwieriger Tage geschöpft und während 'Detroit Rock City' den gleichnamigen Blockbuster vor dem inneren Auge ablaufen lassen. Es geht nicht nur eine Ära zu Ende, sondern eine komplette Zeitrechnung. Egal, wie sehr wir im Alltag stecken blieben, wie sehr wir uns einen Ausbruch gewünscht und ihn dann doch nicht unternommen haben: Dort drüben in den Vereinigten Staaten – und manchmal auch hier in Europa – gab es vier Typen, die sich für ihre Träume und die der hiesigen Anhängerschaft und der KISS-Army eingesetzt haben, die Generationen geprägt, eine komplette Musiklandschaft revolutioniert und sich in die Annalen des 20. Jahrhunderts verewigt haben. So wie es aussieht, setzen sich Paul, Gene und Co. nach dieser Tour wirklich zur Ruhe, doch bitte, liebe Leser von POWERMETAL.de, tut mir einen Gefallen: Vergesst niemals diese Band und den immensen Einfluss, den KISS auf euch hatte und hat. Und vergesst niemals folgenden Satz: You wanted the best, you got the best – the hottest band in the world: KISS.

Redakteur:
Marcel Rapp

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