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Keith Caputo - New York

26.08.2008 | 14:27

23.08.2008, Mercury Lounge

Irgendwann zwischen Auflösung und Wiedervereinigung seiner Stammformation LIFE OF AGONY fing KEITH CAPUTO an, eigene Songs zu schreiben. Das Solo-Debüt "Died Laughing" erschien 2000 noch bei Roadrunner, die Platten danach waren in Deutschland aber nur schwer erhältlich bzw. ich habe wohl nie richtig danach gesucht, obwohl ich den kleinen Mann mit der großen Stimme eigentlich sehr schätze. Vielleicht war mir "Died Laughing" eine Spur zu zahm, um unbedingt den Nachfolger haben zu müssen. Auch live haben Keith und ich uns ein oder zwei Male verpasst - irgendwie tauchte er immer dann an meinem Wohnort auf, wenn ich gerade woanders war. Selbst von dem heutigen Gig erfahre ich eher zufällig: Ein Newsletter der deutschen Promofirma deutete eine vierwöchige US-Tour an, die mir über meine üblichen Informationsquellen nicht zu Ohren gekommen war. Der Termin in meiner derzeitigen Wahl-Heimat New York fällt auf einen Samstag und findet in der Mercury Lounge statt, einem kleinen Club nur zehn Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt, den ich sowieso schon immer mal antesten wollte. Also nix wie hin!

Eine neue Kuriosität in meiner nicht enden wollenden "Die Amis sind seltsam"-Liste ist die Tatsache, dass es in der Mercury Lounge an den Wochenenden "early" und "late shows" gibt. Ein Tourpaket geht zu sehr früher Stunde (der Opener laut Plan bereits um 18.30 Uhr, tatsächlich wird es eher 19 Uhr) auf die Bühne, und nach den letzten Tönen des Hauptacts gegen 21.15 Uhr wird die Halle geleert und für die für 22.30 Uhr angesetzte "late show" hergerichtet. Eine sehr effiziente Ressourcennutzung, wie ich zugeben muss, denn für beide Events zahlt man natürlich jeweils extra. Wobei der Preis von fünfzehn Dollar für Keith und Co keinesfalls überteuert ist, vor allem angesichts der Tatsache, dass LIFE OF AGONY tendenziell vor mehreren tausend Fans auftreten. Hier und heute wird es hingegen sehr übersichtlich - genau 197 Menschen passen in die Lounge, wie mir das obligatorische Schild an der Wand verrät, tatsächlich werden es wohl etwas weniger sein, die den verlorenen Sohn nichtsdestotrotz mit offenen Armen empfangen.

Doch zunächst gilt es den Opener aus New Jersey zu erdulden. FAIRMONT heißt dieser und will eigentlich gar nicht zum Headliner passen. Sehr fröhlicher Indie Rock mit Geigerin, der durchaus seine Momente hat, wenn die Fidel ertönt, aber sehr schnell sehr belanglos wird, wenn die Dame sich auf Background-Vocals und Tamburin (!) verlegt. Trotzdem: Ein wenig Sorgen mache ich mir, was dies bezüglich des Härtegrades von KEITH CAPUTO bedeutet. Schließlich hat er seit "Died Laughing" drei weitere Alben veröffentlicht, von denen ich nicht den blassesten Schimmer habe.

Kurz nach acht - die anfangs noch ziemlich leere Konzerthalle hat sich inzwischen ansprechend gefüllt - sind alle Sorgen vergessen. Der Opener steigert sich von anfänglicher, fast psychedelischer Melancholie zu einem hochexplosiven Vulkan, dessen imaginäre Rauchschwaden die Atmosphäre verdichten. Die Begleitband - genannt THE SAD EYED LADIES - ist brillant. Vier Herren aus Holland, der Wahlheimat von Caputo, zaubern zum Schneiden dicke Klangcollagen, welche die perfekte Basis für Keiths einzigartige Stimme bilden. Gitarrist Marten A. Moerland (über den der heute äußerst geschwätzige Sänger sagt, dass sie am gleichen Tag Geburtstag haben, nur mit zehn Jahren Unterschied) ist zusätzlich für die tieferen, warmen Background-Vocals zuständig, sein Kollege Chris O. Kikic für die etwas helleren, härteren. Bassist Axel fällt vor allem durch sein mit rund einem Dutzend roter Lämpchen versehenes Griffbrett auf, ist ansonsten aber der Ruhepol im Geschehen. Schlagzeuger Jochem van Rooijen schließlich wird von Keith als "best male friend" geadelt. Man merkt, dass es sich hier nicht um eine "berühmter Sänger mit austauschbarer Begleitband"-Konstellation handelt, sondern dass KEITH CAPUTO and THE SAD EYED LADIES als Ganzes zu betrachten sind.

Der Mastermind selbst schließlich versteckt sich anfangs unter einem albernen, bis tief über die Augen reichenden Sepperlhut, auf dem eigentlich nur noch der Gamsbart fehlt. Seine wieder etwas längeren Haare bedecken das halbe Gesicht, sein Kinn hat schon lange keine Rasierklinge mehr gesehen, und wäre da nicht diese markante Stimme und das für diesen kleinen Kerl unglaublich breite Grinsen, ich hätte ihn kaum erkannt. Doch dieser Zwerg schafft es innerhalb von Sekunden, die Menge in seinen Bann zu ziehen. Von "Died Laughing" gibt es gerade mal zwei Songs zu hören: 'New York City', das - so Caputo - von dem zwiespältigen Verhältnis des Sängers zu seiner Heimatstadt handelt, und 'Razzberry Mockery' (mit stark abgewandelten Gesangslinien, die das Stück fast noch aufwerten), und das ist auch gut so. Denn die neueren Werke sind zumindest live vielschichtiger als das doch eher leicht konsumierbare Debüt. Selbst die ruhigeren Momente tönen sehr intensiv, und immer wieder wird ein bis dahin leise vor sich hin plätschernder Bach zu einem reißendem Strom, wenn der Härtegrad der Musik sich dem LIFE OF AGONY-Sound annähert. Keine Ahnung, ob und welche Drogen Mr. Caputo derzeit konsumiert, aber so entrückt er auf der einen Seite erscheint, so lebt er andererseits genau diesen Moment, diesen Song, diese Textzeile mit fast schmerzhafter Intensität. Zwischendurch stolpert, zuckt und windet er sich in seinem merkwürdigen, sehr eigenen Tanzstil über die kleine Bühne, um im nächsten Moment eine lange, nicht immer ganz nachvollziehbare Einführung zum folgenden Stück zum Besten zu geben. Nur ein Titel - soweit ich den Text verstehe ein fast kitschiges Liebeslied - fällt aufgrund seiner eher kommerziellen Ausrichtung aus dem Rahmen, der Rest ist abgefahren, leicht überdreht und doch immer greifbar.

Eine gute Stunde später - ich hatte etwas mehr erhofft, aber bin dennoch befriedigt- stehe ich um etliche, in drei CDs investierte Dollar ärmer vor der Tür und beobachte, wie Keith ganz allürenfrei alte Freude begrüßt und ihnen für ihr Kommen dankt. Ich danke dir, Keith, für diesen tollen Abend!

In den kommenden zwei Monaten sind KEITH CAPUTO und Band auf Europatour und machen auch für einige Gigs in Deutschland Station. Wenn ihr die Möglichkeit dazu habt, geht unbedingt hin. Es lohnt sich!

Redakteur:
Elke Huber

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