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Kreator/Celtic Frost - Stuttgart

01.04.2007 | 19:37

28.03.2007, LKA-Longhorn

Ein fettes Tourpaket ist da zusammen gekommen am Mittwochabend im Stuttgarter Longhorn. Die alten Ruhrgebietshelden KREATOR haben sich mit den wiedererstarkten CELTIC FROST verbündet und zudem noch LEGION OF THE DAMNED aus dem schönen Holland mit ins Boot gezerrt. Alles, was noch eine alte Kutte und ein paar knöchelhohe Adidas-Turnschuhe im Schrank gefunden hat, macht sich offenbar an diesem Abend auf, um in Erinnerungen an die guten Achtziger ordentlich abzugehen.

Zunächst gilt es aber, die einzige eigentliche Vorgruppe des Abends über sich ergehen zu lassen. Es sind WATAIN aus Schweden, die sich dem Black Metal verschrieben haben. Kultgerecht präsentieren sie sich mit allerhand Nieten- und Kettengeklimper und dem erwarteten Corpsepaint, um sodann rund ein halbes Stündchen die noch nicht ganz gefüllte Location in Stimmung zu bringen. Für eine Black-Metal-Band kommen WATAIN allerdings vergleichsweise beliebig rüber. Irgendwie sind sie nicht richtig evil, ihre Songs nicht wirklich fies. Aber das macht ja nichts. Vielleicht entwickeln sie sich ja noch ...

Da die Veranstaltung bereits vor den angekündigten 19.00 Uhr begonnen hat und die Umbaupause erfreulich kurz gehalten wird, stürmen um kurz vor acht bereits LEGION OF THE DAMNED die Bühne. Und was die zu bieten haben, verlangt schon sehr viel mehr Aufmerksamkeit als die Kollegen aus Schweden. Dabei ist es nachrangig, ob LEGION OF THE DAMNED nun klingen wie die alten SLAYER oder wie der kleinen Brüder von Mille Petrozza – solche Thesen sind zumindest im fachkundigen Publikum zu hören –, die Jungs aus den Niederlanden blasen mit ihren fetten, tiefgestimmten Gitarren und einem vielleicht teilweise sogar zu durchdringenden Bass einfach alles weg. Auf der Bühne ist dazu auch optisch was los. Arschlange Haare fliegen auf allen Seiten penetrant durch die Luft, und im Publikum gibt's erste Begeisterungsstürme in Form eines sich bildenden Moshpits. Aber das ist ja erst der Anfang, wie sich später zeigen wird! LEGION OF THE DAMNED sprechen mit ihrem Gig auf jeden Fall eine herzliche Einladung aus, sich mit ihrem Geknüppel mal näher zu befassen, sofern man es noch nicht getan hat.

Dann ist es Zeit für CELTIC FROST. Endlich. Die Bühne ist in dunkles blaues Licht getaucht, als ein erster penetranter Ton erklingt. Dann erscheinen sie: Martin Eric Ain, Tom Gabriel Fischer und Franco Sesa. Als Gitarrist begleitet die Band dann noch V Santura von der Black-Metal-Combo DARK FORTRESS, der sich im weiteren Verlauf der Show als ausgesprochen headbanging-freundlich entpuppen wird. Fischer und Ain präsentieren sich ebenso wie auf den bisherigen Tourterminen im vergangenen Sommer völlig jenseits des Klischees in eher seriös wirkendem schwarzen Jackett bzw. Mantel, wobei Fischer sein Haupthaar unter einer runden Mütze versteckt. An Black Metal erinnern eigentlich zunächst mal nur die dezent, aber pointiert schwarz angemalten Gesichter der Künstler. Rechts und links der Bühne sind zwei große Darstellungen des von Martin Eric Ain kreierten "Azazel Heptagrammes" auf schwarzem Hintergrund zu sehen.

Die Show beginnt mit 'Procreation Of The Wicked', einem Stück aus früheren Tagen, die zum Glück für die Fans aus alten Zeiten auch mit 'Circle Of The Tyrants', 'The Ursurper' und gegen Ende natürlich 'Into The Crypts Of Rays' ausreichend beleuchtet werden. Recht schnell gelingt es den Schweizern, mit ihrer sich zäh in die Halle ausgießenden Klangwolke mystische Stimmung zu verbreiten. Hierzu tragen nicht zuletzt auch Martin Eric Ains Ansagen bei, der sich einen predigerhaften Duktus verleiht. Ob die Zuhörerschaft Angst vor dem Tode, ja, vor dem Sterben habe, fragt er und lässt im weiteren Verlauf wissen, dass er vor drei Monaten zuletzt eine Messe besucht habe – die Totenmesse seiner Mutter, die ihn offenbar erneut dazu veranlasst hat, darüber nachzusinnen, ob es einen Gott gibt. Es gibt keinen. Zumindest nach Auffassung Ains nicht. Seine philosophischen Ausbreitungen begeistern im Taumel der Musik allerdings nicht die Masse im Publikum. "Hör auf zu quatschen!", brüllt da einer in der Menge, der offenbar in seinem jungen Leben noch keinen Anlass hatte, sich mit Tod, Sterben und dem "Wo gehen die Seelen hin" zu befassen. Es wird schon noch kommen ...

Der FROST in Person von Tom Gabriel Fischer hat inzwischen ins Pandämonium eingeladen und erkundet sodann die Bereitschaft der Fans, sich auf 'Morbid Tales' einzulassen. "Are you morbid?"

Natürlich kommen auch die neuen Songs der aktuellen Scheibe "Monotheist" nicht zu kurz. Hier fordert insbesondere 'Synagoga Satanae' Martin Eric Ain nochmals heraus, seine verballhornte Version eines Vater Unsers vorzutragen, die den Songtext inspiriert.

Die gereiften Herren aus der Schweiz beschäftigen die Meute vor der Bühne eine satte Stunde lang. Dann verneigt sich der FROST und tritt ab. Eine beeindruckende Show, die sich neben dem richtigen Maß an diabolischer Stimmung und guter Klangqualität insbesondere – und so darf man wohl auch in diesem musikalischen Genre feststellen – durch ein hohes künstlerisches Niveau ausgezeichnet hat.

Zu den Klängen klassischer Musik in der Umbaupause kommt die Frage auf, wie KREATOR dieses Programm heute Abend eigentlich noch toppen wollen. Nun ja, sie wollen. Und um es vorwegzunehmen: Eine Konkurrenz ist zwischen den beiden Bands eigentlich gar nicht zu fürchten, da beide derart Unterschiedliches zu bieten haben, dass die Frage nach dem besser oder schlechter gar keine ernst zu nehmende Kategorie des heutigen Abends ist. Schon die Bühnengestaltung ist auch bei KREATOR interessant. Im Hintergrund findet sich eine überdimensionierte Darstellung des "Enemy Of God"-Covers, während an den Seiten der Bühne die eigenartigen Totenschädel-Maschinenmenschen des entsprechenden CD-Booklets zu erkennen sind. KREATOR untermalen ihre Show mit diversen Videoeinspielungen, die aber insgesamt im Hintergrund bleiben, weil sowohl auf als auch vor der Bühne im wahrsten Sinne des Wortes die Musik spielt.

Los geht's mit 'Violent Revolution', sogleich gefolgt von Milles Anfrage, ob man bereit sei, sich gegenseitig umzubringen. Das kann eigentlich nur eines heißen: 'Pleasure To Kill'!

Soundtechnisch prügeln sich KREATOR in der ihnen eigenen Art kompromisslos durch ein gut gemischtes Programm, in dem auch die übliche politische Positionsbestimmung á la Mille Petrozza nicht fehlen darf. Und so kritisiert der Shouter die Verbreitung der Nazi-Seuche in der Metalszene und bezieht unter dem Beifall der Anwesenden dagegen eindeutig Stellung. Gelobt hingegen wird von Mille, dass hier drei Generationen von Metalfans vereint sind, nämlich die Old-School-Fraktion, die "Mittelschool" (da fehlte es wohl am passenden Schublädchen) und eben irgendwie, na ja, die Jungen. Metal vereint jedenfalls die Generationen, das ist heute Abend im Longhorn festzustellen. Und dann gibt es auch noch den Stuttgart-Style kennen zu lernen, die besondere Art des Moshpits, zu dem das kaum zu haltende Publikum immer wieder aufgefordert wird. Songs wie 'Extreme Aggression' und 'Suicide Terrorist' sind dazu ebenso geeignet wie 'Enemy Of God' oder auch das etwas ältere 'Phobia'. Tatsächlich widmet Mille sogar einen Song des Abends unserer Bundeskanzleuse Angie Merkel. Der Song heißt: 'Betrayer'!

Ebenfalls eine reichliche Stunde tobt die Thrash-Metal-Ikone aus dem Pott durch die Halle, bevor mit 'Impossible Brutality' noch ein Zugabenteil eingeleitet wird. Natürlich muss auf das übliche Spiel nicht verzichtet werden. Mit zusammengekniffenen Zähnen fordert Mille von den Fans ein "Hate". Noch mal und noch mal will er es, "bevor wir abhauen", auch aus den letzten Reihen hören: "It's time to raise the flag of hate!" Jawoll, damit und mit dem drangehängten 'Tormentor' geht es verschwitzt und ausgepowert in die liebliche Frühlingsnacht. Da hat nichts gefehlt!

Setlist:
The Patriarch
Violent Revolution
Pleasure To Kill
Some Pain Will Last
Enemy Of God
People Of The Lie
Europe After The Rain
Suicide Terrorist
Awakening Of The Gods
Behind The Mirror ( Medley )
Renewal
Extreme Aggression
Phobia
Betrayer
Voices Of The Dead
Reconquering The Throne
-------------
Impossible Brutality
Flag Of Hate
Tormentor

Redakteur:
Erika Becker

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