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MARTIN BARRE BAND - Augsburg

01.05.2018 | 13:36

30.04.2018, Spectrum

Ein Abend mit Rock, Blues, JETHRO TULL und britischem Humor.

Martin Barres Name wird sicher immer mit JETHRO TULL verbunden sein, immerhin gehörte er von 1969 bis 2015 der Band an und hatte gehörigen Einfluss auf Lieder, Alben und Stil der ikonischen Folkrocker. Als Ian Anderson JETHRO TULL zur Ruhe setzte, startete Barre seine Solokarriere, die bereits auf vier Studioalben zurückblicken kann, von denen allerdings nur "Back To Steel" nicht zahlreiche neue Versionen alter Stücke und vor allem von JETHRO TULL-Songs enthält. Doch natürlich wäre es kommerziell Selbstmord, den großen Namen nicht zu erwähnen, zumal Martin Barre natürlich auch zahlreiche TULL-Klassiker in seine Auftritte integriert. Und so steht die aktuelle Tour unter dem Namen "50th Anniversary Celebration – Best of Jethro Tull", was seine Wirkung nicht verfehlt. Das Spectrum in Augsburg ist gut gefüllt, als ich kurz vor Beginn eintreffe. Der Altersschnitt liegt irgendwo bei meinem Alter, würde ich schätzen. Und so ganz taufrisch bin ich ja auch nicht mehr.

Bereits um Viertel nach Acht betritt die Band die Bühne, ganz unspektakulär, die vier Musiker erscheinen einfach, lächeln einmal nett in Richtung Publikum und beginnen zu spielen. Die heutige Setliste besteht aus eigenen Liedern, JETHRO TULL-Stücken bis 1987 und ein paar Coverversionen. Doch TULL darf beginnen. Mit 'Minstrel In The Gallery' wird gleich einmal der Ton für den Abend gesetzt. Martins Band besteht aus Schlagzeuger Darby Todd, der im Laufe des Abends allerdings naturgemäß im Hintergrund bleibt, Bassist Alan Thompson, der bereits mit John Martyn, Robert Palmer, Rick Wakeman und BLACK SABBATH-Bassist Geezer Butler spielte, und Sänger und Gitarrist Dan Crisp, der neben einer eigenen Soloscheibe noch eine ganz herausragende Eigenschaft hat: Seine Stimme klingt durchaus stark nach Ian Anderson, was den Opener und das nachfolgende 'Steel Monkey' vom 1987er JETHRO TULL Album "Crest Of A Knave" sehr angenehm in Szene setzt.

Mit 'Steel Monkey' hatte ich nicht gerechnet. Weder mit einem so relativ neuen Song, noch mit ausgerechnet diesem, aber Martin Barre sollte mich an diesem Abend noch mehrfach überraschen, so zum Beispiel mit ein paar Coverversionen. In diesem Fall kündigt Martin an, etwas von den BEATLES spielen zu wollen, womit er allerdings wenig Begeisterung im Publikum auslöst. Daraufhin setzt der Brite seinen Humor ein, der uns auch durch den Abend begleiten sollte. Er schwenkt um und fragt, ob er lieber etwas von den ROLLING STONES spielen solle, und tatsächlich ist die Reaktion besser. Daraufhin kündigt er an, zwei Lieder von den ROLLING STONES zu spielen von dem sehr seltenen 1981er Album "THE ROLLING STONES play THE BEATLES" und startet mit einer Hard Rock-Version von 'Eleanor Rigby', das ich erst erkenne, als Crisp zu singen beginnt. Mit dem folgenden zweiten BEATLES-Song 'I Want You (She's So Heavy)' wird es bluesiger, doch auch hier muss der Prog des Originals dem doppelgitarrigen Hard Rock weichen. Die Band macht sich alle Stücke, die gecovert werden, zu eigen, interpretiert sie und transportiert sie in den Barre'schen Kosmos, sodass man nie den Eindruck hat, es mit einer reinen Coverband zu tun zu haben.

Zwischendurch werden auch Stücke der Soloscheiben der MARTIN BARRE BAND eingestreut wie das starke 'Back To Steel', dem Titelsong seines 2015er Soloalbums, von dem wir heute mehrere tolle Lieder zu hören bekommen, oder auch 'Peace And Quiet' von gleichen Album. Doch die größte Begeisterung lösen natürlich JETHRO TULL-Songs aus, von denen Barre noch mehrere auspackt, darunter so ungewöhnliche Lieder wie 'Sea Lion' oder 'Love Story', bevor er mit dem umwerfenden 'Hunting Girl', das durch die beiden Gitarren noch an Durchschlagskraft gewinnt, die erste Hälfte des Konzertes beschließt. Wie er vorher angekündigt hatte, gibt es eine Pause von etwa 20 Minuten, die allen die Gelegenheit gibt, den Flüssigkeitshaushalt zu regulieren und "Daniel" aufzusuchen, der laut Martin Barre ein sehr netter Kerl ist. Und zufällig auch das Merchandise verkauft.

Nach knapp über einer halben Stunde beginnt die Band erneut und legt noch einmal eine Stunde mit der bewährten Mischung nach. Neben dem klassischen 'Cross Road Blues' von Robert Johnson gibt es weitere TULL-Songs, darunter auch 'A Song For Jeffrey', was mich etwas verwundert, da Barre auf dem Album "This Was", von dem der Song stammt, noch gar nicht bei JETHRO TULL war. Dazu freue ich mich über zwei weitere Songs von "Back To Steel", von denen das exstatische 'I'm A Bad Man" herausragt. bei dem Alan Thompson seinen Bass an Dan Crisp übergibt und sich der Slide-Guitar widmet. Den folgenden Applaus quittiert Martin Barre lakonisch mit einem lächelnden "Don't encourage him!". Natürlich kann der Meister nicht gehen, ohne das unsterbliche 'Locomotive Breath', zu spielen, das mit 'Aqualung' zusammen die Zugabe bildet.

Martin Barre und eine Mitstreiter haben gezeigt, dass man TULL auch ohne Flöte spielen kann und dabei wurden einige der Lieder sogar zu echten Krachern. Dabei war das ganze Konzert aber weniger etwas zum Ausflippen, als zum Genießen, denn den beiden Saitenartisten zuzusehen ist ein Erlebnis. Dass der Titel des Abends eher hätte sein sollen "Martin Barre spielt JETHRO TULL und andere schöne Lieder" ist höchstens ein kleiner Schönheitsfehler, der dem Geschäftssinn geschuldet ist. Aber natürlich kann eine "Best Of JETHRO TULL"-Show niemals ohne 'Budapest', 'Roots To Branches', 'Beside Myself', 'Farm On A Freeway' und 'The Whaler's Dues' auskommen. Das ist aber eine ganz andere Geschichte, die Auswahl der Lieder am heutigen Abend war außergewöhnlich und großartig, die Band mitreißend und Martin Barre noch dazu umwerfend charmant und witzig, obwohl nicht er, sondern die Musik absolut im Mittelpunkt stand. Ich bin sehr beeindruckt. Wenn die Band in deine Stadt kommt, solltest du dringend hingehen. Es lohnt sich.

Redakteur:
Frank Jaeger

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