METALFEST LORELEY 2013 - St. Goarshausen

22.08.2013 | 22:34

20.06.2013, Amphitheater

Zum zweiten Mal öffnet das Metalfest Loreley seine Pforten.

Mit den Holländern von DELAIN startet der Freitag. Bestes Wetter und ein anständiger Sound spielen den Symphonic Metallern um Martijn Westerholt, dem Ex-Keyboarder von WITHIN TEMPTATION, natürlich in die Hände und so ist der Bereich vor der Bühne für 12 Uhr schon halbwegs gut gefüllt. Vielleicht liegt es aber auch an Sängerin Charlotte Wessels, die dem einen oder anderen Metal-Macho live sicher deutlich besser gefällt als auf Platte. Dabei ist das Material durchaus ansprechend und die Songs wie 'Get The Devil Out Of Me', 'Not Enough', 'Sleepwalkers Dream' und besonders 'We Are The Others' wissen auch musikalisch zu gefallen.

Anschließend wird das Gegenprogramm zum Female Fronted Metal aufgefahren: Mit den GRAILKNIGHTS stürmen wahrhafte Superhelden mit Muskeln aus Stahl (ok, wohl eher Schaumgummi) die Bühne und eröffnen den Kampf mit ihrer Nemesis Dr. Skull. Zwar sind sie von Grailham City auf die Loreley gekommen, aber den guten Sound scheinen sie leider gleich dort gelassen zu haben. Trotzdem machen die Mannen um Sänger Sir Optimus Prime einfach gute Laune. Zum Beispiel kommt nach 'Nameless Grave' eine Beer Beauty Kuh auf die Bühne und es wird Freibier ans Publikum verteilt, oder Dr. Skull rennt durchs Publikum und stößt unachtsame Zuhörer in die noch vorhandenen Pfützen vom Vortag. Zwischendurch wird mit dem bekanntesten Song der Band 'Moonlit Masquerade' sogar noch ein wenig Musik gemacht, bevor dann die wichtigste Frage geklärt wird: Woher haben die Jungs eigentlich ihre Muskeln? Die Antwort ist so einfach wie naheliegend: Grailrobic! Begeistert machen fast alle mit bei der Körperertüchtigung und die Stimmung ist zwangsläufig mehr als ordentlich, bevor mit 'Grailquest' die letzten Töne dieses Auftritts gespielt werden.

Nach den Superhelden-Fans kommt bei MAJESTY die True Metal Fraktion auf ihre Kosten. Und die scheint reichlich vertreten zu sein, denn es ist ordentlich voll als Sänger Tarek und seine runderneuerte Truppe mit 'Metal Law' die Bühne stürmen. Technisch machen die teilweise noch sehr jungen Mitglieder einen sehr starken Eindruck, und auch der Sound ist anständig, während die Band ihre altbekannte Kost bietet. Das Publikum nimmt die klischeetriefende Performance gut auf, was ich auch schon anders erlebt habe, und hat sichtlich Spaß an den einfachen, aber eben absolut mitgröltauglichen Songs á la MAJESTY.  Auch das Material der neuen Scheibe wie 'Make Some Noise' oder der Titeltrack 'Thunderrider' sind schnell von fast allen Kehlen anektiert und werden lautstark mitgesungen. Natürlich schüttelt auch der eine oder andere Zuhörer belustigt den Kopf, aber so ist das ja bei fast jedem Auftritt von Tarek und Co. Die Jungs lassen sich nicht beirren - auch wenn alle, bis auf Tarek, ein wenig aussehen als wären sie aus dem Kindergarten in Metalhausen abgehauen - und bieten mit den bekannten Songs 'Into The Stadiums', 'Heavy Metal Battlecry' und abschließend 'Sword & Sorcery' eigentlich alles, was der Bandkatalog so bietet. Wer etwas mit dieser Musik anfangen kann, hat einen starken Auftritt gesehen.

Heidnisch angehaucht geht es dann mit VARG weiter. Die Jungs haben sich in den letzten Jahren zu einer ernst zu nehmenden Band gemausert und so ist vor der Bühne schon zu Beginn reichlich Betrieb. Das letzte Mal hab ich die Band 2006 live gesehen und da waren sie noch als Viking-Coverband unterwegs. Viele Mitglieder von damals sind auch nicht mehr übriggeblieben, einzig Freki und Fenrier sind noch dabei. Mit ihrer schwarz-roten Kriegsbemalung stürmen die Jungs also die Bühne und es geht gleich gut ab. Die Spiellaune ist sofort da und trotz der Stufen geht die Masse vor der Bühne auch erstaunlich gut mit. Gespielt wird überwiegend altes Songmaterial und die Fans zeigen sich textsicher. Songs wie 'Wolfskult' oder 'Guten Tag' werden frenetisch mitgesungen und beklatscht. So ganz kann ich die Begeisterung für VARG ja nicht nachvollziehen, aber was die Jungs da bieten, ist auf jeden Fall routiniert und handwerklich gut, auch der Sound spielt mit und so steht der heidnischen Metalparty nichts im Wege und das wird auch ausgiebig genutzt. Bei 'Rotkäppchen' werden dann noch einige Damen der Schöpfung auf die Bühne geholt und dürfen mit den Jungs das Ende des Auftrittes einleuten.

[Martin Schneider]

Der Freitag ist nicht gerade vollgestopft mit extremen Klängen (SLAYER natürlich ausgenommen), weswegen auch viele Hartwurst-Freunde den Auftritt der Schweden von HYPOCRISY sehnlichst erwarten. War mir einer der letzten Auftritte von Tätgren und Co, den ich 2010 auf dem Summer Breeze gesehen habe, wegen mangelnder Spielfreude und fehlendem Engagement noch negativ in Erinnerung geblieben, stimmt hier heute alles von Anfang an. Der Bandchef kommt gut gelaunt auf die Bühne und strotz nur so vor Energie. Kein Vergleich zum etwas hüftsteifen Chris Barnes einen Tag zuvor. Mit dem Titeltrack vom neuen Album "End Of Disclosure" startet ein unterhaltsamer Gig, der von ausgiebigem Headbanging, viel Bewegung und haufenweise Mitsing-Action begleitet wird. Das Set ist ausgewogen und gibt einen schönen Überblick über das Schaffen der Skandinavier. Es sind viele Hits wie 'Left To Rot'. 'Fire In The Sky' oder auch 'Necronomicon', die gnadenlos die Nackenmuskeln beanspruchen. Sowohl die Musiker als auch die nicht schlecht gefüllte Tribüne haben dabei ordentlich Spaß. Neben mir stehen ausschließlich grinsende Gesichter, die weder Füße noch Schädel bei diesen fetten Riffs stillhalten können. Etwas verwundert lässt der gut aufgelegte Tätgren die Zuschauer zurück, als er verschwindet, ohne 'Roswell 47' gespielt zu haben. Aber was wäre ein HYPOCRISY-Gig schon ohne den größten Hit? Richtig, er wäre unvollständig. Deswegen kommen die Nordmänner auch noch mal zurück und treiben die Stimmung noch einmal in Richtung Siedepunkt. Alles in allem haben die Todesblei-Veteranen einen souveränen Gig hingelegt, der für viele sicherlich eines der Highlights des Metalfest 2013 gewesen ist.

[Adrian Wagner]

Dass J.B.O. im Billing nach HYPOCRISY angesiedelt wurde, zeigt welchen Stellenwert sich die Erlanger in den letzten zehn Jahren erspielt haben. Vor der Bühne ist das Gedränge groß, als die rosaroten Blödelbarden mit ihrem Alltime-Hit 'Bolle' die Bühne entern. Also entweder sind Vito, Hannes und Co. heute etwas brutal drauf, oder die trinkfesten Franken haben mit den Genrekollegen von FEUERSCHWANZ am Vortag ordentlich einen gebechert – ansonsten könnte ich mir nicht erklären, warum dem armen Bolle gleich zweimal die Beine amputiert werden. Aber so was muss man – gerade bei J.B.O. – mit Humor nehmen. Trotzdem springt heute, zumindest bei mir, der Funken nicht so richtig über. Entweder zünden die neuen Songs 'Dr. Met' oder 'S.P.O.R.T.' einfach nicht, oder ich habe nach den GRAILKNIGHTS und FEUERSCHWANZ einfach einen Comedy-Overkill, aber es war im Nachhinein das erste J.B.O.-Konzert, das mich ein wenig enttäuscht hat. Das Publikum sieht es aber im Großen und Ganzen anders. Da wird gefeiert und zu 'Metal ist der Doktor' eine Polonaise gestartet, nur um kurze Zeit später zu 'Gänseblümchen' die Matte kreisen zu lassen. Auch die Songauswahl lässt eigentlich keine Wünsche offen: Mit 'Gehma halt zu Slayer' wird die Bude ordentlich auf den Headliner heiss gemacht und mit 'Verteidiger des wahren Bloedsinns' und 'Ein guter Tag zu sterben' folgen noch zwei unverzichtbare Songs in jedem  J.B.O. Set. Dann ist es vorbei und vielleicht ist es auch einfach die Vorfreude auf die nächste Band, dass ich diesmal nicht traurig bin, als die letzten rosaroten Töne verklingen.

Anschließend kommt mit SOULFLY mein persönlicher Festivalhöhepunkt. Die Herren Max Cavalera, Marc Rizzo, Tony Campos und Zyon Cavalera knallen mit 'The Prophecy' auch gleich ordentlich rein. Die Menge tobt und ich bin von Anfang an schwer begeistert. Die Mischung stimmt: neue Songs vom "Enslaved"-Album in Kombination mit den älteren eigenen Tracks und den SEPULTURA-Klassikern. Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich SOULFLY live lieber mag als SEPULTURA, denn da bekomme ich von den beiden Bands die volle Ladung. Auch der Sound ist jetzt perfekt und so kann man bei der doppelten Abrissbirne 'Refuse-Resist' und 'Arise' mit Verzücken den Kopf kreisen lassen. Zwar merkt man Max sein Alter schon ein wenig an, und ein wenig moppelig ist er auch geworden, aber spieltechnisch ist das nach wie vor allerhöchstes Niveau, was der Zottelkopf da locker aus dem Ärmel schüttelt. Aber auch sein Filius Zyon an den Fellen macht einen mehr als ordentlichen Eindruck, vom Rest der Combo brauchen wir ja auch gar nicht zu reden. Aber wo wir grade beim Filius sind. Für den Song 'Bloodshed' von der kommenden Scheibe "Savages" wird mit Igor Cavalera (nicht zu verwechseln mit Max’ Bruder) der nächste Clansspross auf die Bühne geholt und unterstützt seinen Daddy am Mikro. Die Musikalität kann man dieser Familie nicht absprechen, soviel ist klar. Und auch die Menge ist begeistert und geht ab wie Schmitz’ Katze. Da ist es fast schon traurig als mit 'Roots Bloody Roots' viel zu früh das Ende eingeleitet wird – auch wenn ich danach völlig fertig bin und gerne noch weitergemacht hätte.

Einer, wenn nicht sogar DER Klassiker auf dem Metalfest dieses Jahr, sind die Jungs von ACCEPT. Und damit hat man einen guten Auftritt quasi garantiert, denn einen schlechten hab ich von der Combo nicht gesehen. Auch "Neu-Sänger" Mark Tornillo hat sich spätestens seit "Stalingrad" von seinem Vorgänger Udo Dirkschneider emanzipiert, sodass eigentlich alles angerichtet ist für eine schwermetallische Party. Mit dem gleichnamigen Song geht es dann auch gleich los und das Amphitheater ist proppenvoll. Teilweise stehen die Leute bis zu den Essensständen und nicken rhytmisch im Takt zu den Klassikern wie 'Restless And Wild', 'Balls To The Walls' oder 'Fast As A Shark'. Sicherlich, etwas wirklich Neues bietet die Truppe nicht mehr, aber muss sie das überhaupt? Ich finde nicht. Die Songauswahl lässt keine Wünsche offen, das Stageacting ist routiniert und die Stimmung ist hervorragend. Viel kann und muss man da glaube ich auch gar nicht mehr schreiben: Die Band ist Kult und die Auftritte sind bei jedem Festival eigentlich ein Pflichtprogramm – so auch dieser.

[Martin Schneider]

Die neben SLAYER mit der größten Spannung erwartete Band ist die relativ selten in hiesigen Gefilden zu sehende Band DOWN mit Phil Anselmo, und man kann direkt merken, dass sich viele freuen, den ehemaligen PANTERA-Fronter endlich mal live zu sehen. Die Befürchtung, dass die Band nicht so recht ins Line-Up passen könnte, wird auch schnell entkräftet, das Amphitheater bleibt auch nach dem starken ACCEPT-Auftritt sehr gut gefüllt. Und mit 'Eyes Of The South' und 'Witchtripper' hat Phil die Menge auch direkt fest im Griff und führt routiniert durch ein großartiges Set. Bei 'Lysergik Funeral Procession' wird Jeff Hannemann gedacht und 'Lifer' wird wie immer Dimebag Darrel gewidmet. Zwischendurch macht Phil sich noch über die in rosa rumlaufenden J.B.O-Fans lustig, was die Anwesenden aber mit Humor nehmen, die meisten von ihnen sind wohl ohnehin auf dem Zeltplatz zu finden. Das Hauptaugenmerk des Auftritts liegt dabei auf dem Erstling der Band, finden mit den bereits erwähnten 'Eyes Of The South' und 'Lifers' sowie 'Pillars Of Eternity', 'Hail The Leaf' und dem großartigen Abschluss-Doppel 'Stone The Crow' und 'Bury Me In Smoke' sechs Songs von "Nola" ihren Weg in die Setlist des Abends. Durch diesen mitreissenden Auftritt ist DOWN somit für mich der Gewinner und die Überraschung des Festivals, da ich mir absolut nicht sicher war, ob die Musik live auf einem Festival
gut funktionieren würde, wurde aber selten derart überzeugend eines Besseren belehrt. Bitte mehr davon!

[Florian Reuter]

Das Headliner-Programm der amerikanischen Thrash-Helden von SLAYER wird auf der Loreley an diesem Abend von vielen mit Spannung erwartet. Der Raum vor der Bühne ist knackig gefüllt, als die Band ihren Gig mit 'World Painted Blood' vor dem großen in Grautönen gehaltenen SLAYER-Banner eröffnet. Von der SLAYER-Stammbesetzung ist mit Kerry King und Tom Araya nach dem Tod von Jeff Hanneman und dem Rauswurf von Dave Lombardo nur die Hälfte übrig geblieben. Wie bereits während der Zeit von Hannemans Erkrankung hat Gary Holt (EXODUS) dessen Platz eingenommen und an die Drums ist Paul Bostaph zurückgekehrt. Umso neugieriger bin ich, zu erleben, ob dieser – wenn auch nicht völlig überraschende - Personalwechsel Auswirkungen auf die Aura von SLAYER hat. Es bleibt aber alles beim Alten. Bei ihrer Bühnenshow setzt die Truppe wie immer auf ein düsteres Lichtspiel unterschiedlicher Farben und viel Nebel, in dem Tom bei seinen wenigen zurückhaltenden Ansagen gerne verschwindet. Zur Begrüßung fragt er das Publikum auf Deutsch: "Was ist los?" Der etwas in die Jahre gekommene Frontmann geleitet die Fans durch eine durchaus ansehnliche Setlist, auf der sich quer durch die Alben Titel wie 'War Ensemble', 'Mandantory Suicide' und 'Chemical Warfare' finden. Mit 'Disciple' und 'Bloodline' sind auch die beiden stärksten Titel des "God Hates Us All"-Albums vertreten. Wie jedes Mal bei einer SLAYER-Show warte ich auf mein geliebtes 'Dead Skin Mask', das gegen Ende des Gigs im Verbund mit 'Raining Blood' den Schlusspunkt des ersten Teil setzt. Dann folgt eine große Geste. Für den Zugabenteil wechselt auf der Bühne das Banner. Statt des SLAYER-Schriftzuges erscheint eingerahmt von den Worten "Angel Of Death – Still Reigning" ein "Hanneman"-Banner, das wohl nicht ganz zufällig äußerlich Anleihen bei dem Logo des Heineken-Bieres nimmt, das zeitweilig Jeff Hannemans Gitarre zierte. Wie ein Vermächtnis wirken da die beiden letzten Titel. Mit 'South Of Heaven' und dem Kultsong 'Angel Of Death', der vor dem Hanneman-Banner irgendwie noch einmal bedeutungsschwerer wiegt, geht der Abend mit SLAYER zu Ende.

Insgesamt also eine runde Sache. Gary Holt hat sich auf dem Posten bei SLAYER inzwischen offenbar schon gut eingewöhnt und wirkt mit seiner Bewegungsfreudigkeit neben dem inzwischen ziemlich gemächlichen Tom Araya bereichernd. Paul Bostaph ist ja kein wirklicher Neuling in der Truppe, dennoch kann ich mir die Anmerkung nicht verkneifen, dass Dave Lombardo das kurze Drum-Solo am Ende von 'Angel Of Death' besser drauf hatte. Da ist noch was zu tun, Herr Bostaph!

[Erika Becker]

Redakteur:
Hang Mai Le

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