MOTHER ENGINE: Record Release Show zum neuen Album "Hangar" - Leipzig

15.10.2017 | 21:52

22.09.2017, Moritzbastei

Das sächsische Instrumental-Rock-Trio überzeugt mit den neuen Stücken aus seinem dritten Album.

An diesem Abend ist die Moritzbastei, der weitläufig-verwinkelte Club direkt unter der Leipziger Grasnarbe in der Mitte der Stadt, berstend gefüllt. Und dieser Zustand hat auch seinen triftigen Grund. Das Trio MOTHER ENGINE stellt heute in Gänze sein neues Album "Hangar" vor. Wie der gut gelaunten Ansage von Gitarrist Chris Tautenbach zu entnehmen ist, werden alle vier Stücke davon zum besten gegeben, ohne Gnade, Wenn oder Aber. Das Publikum ist dementsprechend begeistert, gespannt und euphorisiert. Zugleich ist der heutige Abend, so kurz vor der Bundestagswahl, auch der Start der sehr weitläufigen und langen Europarundreise der Vogtländer, die sie über Frankreich, Spanien, Österreich, die Schweiz bis auch auf den Balkan führen wird. Zum Abend sind da auch noch einige Termine unbesetzt. Aktuell besehen, scheint die Taktik aber aufzugehen, Spontangigs in die Reise einzubauen. Das ist doch eigentlich genau das, wovon DIY-Musikusse immer schon geträumt haben, oder?

Wenn es überall so läuft wie heute im Sächsischen, fast einem Heimspiel gleich, dürften die drei sympathischen Herren die Reisestrapazen lächelnd wegstecken. Hier in der Moritzbastei wird erwartungsfroh das neue Material präsentiert: rausoundiger, vertrackter, umgreifender ist es geworden. Von den ersten beiden Alben schafft es nur noch der Publikumshit 'Bretthart' ins Set, der als wild ereiferte Zugabe angefordert wird. Die vier neuen Stücke sind jeweils 20 Minuten lang, bestehen jedoch aus jeweils mehreren Parts oder Fragmenten, die auf dem großteils selbst produzierten Album auch eigene Namen erhalten haben. Diese Brüche merkt man zwei der neuen Stücke deutlicher an als den beiden anderen, macht aber auf Dauer keine große Sorge, dass sie funktionieren.

Denn - und das ist die Stärke dieser Instrumentalrocker – immer wieder werden neue Variationen, Modifikationen oder eben Umbrüche ausprobiert, befeilt und behobelt, verziert oder aufgewölkt, dass es sich irgendwann in den Gesamtfluss einpasst. Flüssig geht es voran, oftmals nebelt es, mal windet sich die Band durch monotone Tontropfenwiederholungen, immer wieder wird psychedelisch Gischt aufgewirbelt, um in den wasserfallartigen Überfällen die Anwesenden zum Ausbruch zu zwingen. Das passiert in regelmäßiger Intensität und ist von den Dreien inzwischen perfektioniert worden, die sich der Wirkung ihrer Musik sehr bewusst geworden sind. Aber, großes Aber: Man bemerkt auch heute, dass auch zukünftig immer wieder Ideen einfließen werden und es für MOTHER ENGINE noch lange nicht in eine Einbahnstrasse führt, was man gerade tut. Vor allem das orientale Monstrum 'Weihe/ Leerlauf' hat es mir sehr angetan, und auch in der heutigen Nachbehörung ist das Stück insgesamt ein Herzaufmacher.

Ich habe das Gefühl, dass von ihnen noch viel zu erwarten ist, mit dem Ausbau der Musik mit Gesang oder Sprechbeiträgen ist ja bereits herumexperimentiert worden. Wer sich zudem von Halbgott Koglek die Mikrofone für seine Aufnahmen ausborgt, um einen ganz bestimmten Klang hinzubekommen, der hat auch den gewissen verrückten perfektionistischen Hintergrund, der für diese Art von Musik unabkömmlich ist. Zunächst aber wird sich die Band aber im europäischen Umfeld eine größere Gemeinde erschließen, die den frischen Progrock der Band begierig und die DIY-Atmosphäre dankbar aufnehmen wird. Aber bevor die kontinentale Kultur umfassend erweitert wird, wird auch noch anders mitgestaltet: nachdem am nächsten Abend Eisenach beglückt werden wird, geht es für die drei Musiker zur Stimmabgabe ins heimische Vogtland. Gut so.

Um aber auch die Wahrnehmung der anderen beiden Bands des Abends nicht unerwähnt zu lassen: FESTEFESTE und TSCHAIKA 21/16.  Beides deutlich instrumental ausgelegt, vertrackt und verzwackt, "mathig", wie es so schönblöd heisst. FESTEFESTE aus dem südlichen Sachsen ist ein Trio und hämmert und zwirbelt sich durch die Stücke, ich habe immer mal wieder nach den schönen Harmonien gesucht, aber vielleicht führt die Band die ja noch später mal ein.

Da der Fokus auf MOTHER EINGINE lag, aber in TSCHAIKA 21/16 zwei gestandene Berliner Musiker aufspielen, führe ich mir drei oder vier Nummern des Duos, bestehend aus dem Gitarristen von ROTOR und dem Schlagwerker der OHRBOOTEN, zu Gemüte. In meiner Erinnerung habe ich dieses Bandprojekt bereits zwei, dreimal irgendwo mitbekommen, war aber jedesmal nicht sonderlich überzeugt. Hier und heute ist der Sound in der Moritzbastei sehr gut ausgesteuert und die gut positionierten Mucker geben seitwärts stehend Blicke auf ihr Handwerk frei. Das ist schick anzusehen, aber auch heute zünden die Stücke bei mir nicht. Für meine Ohren gibt es viele Brüche und Flüche, das berlinerisch durchsetzte Gemurmel in den Pausen trifft auch nicht ganz meinen Humor. Aber die beiden Mucker haben sich einen dritten Könner dazugeholt, einen Trompeter, dessen Spiel sich großflächig in die Salven einschmiget und in Gesamtheit einen tollen Effekt hervorbringt.

Das tut der Musik von TSCHAIKA sehr gut, ist mein Eindruck. Und so bleibe ich doch länger, als ich es plante. Und höre zu.

Redakteur:
Mathias Freiesleben

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