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Madball - München

11.04.2001 | 12:14

08.04.2001, Backstage

Drei gute Gründe, um am Sonntagabend auf ein Konzert zu gehen:
ERSTENS braucht man bei 3 Bands für schlappe 24 Märker nicht lange zu überlegen, zumal Hardcore-Shows im Backstage ZWEITENS eh klasse sind und es sich DRITTENS um die Abschiedstour von MADBALL handelte.
Keine Frage, daß Euer ergebener Berichterstatter sich diesen Event natürlich nicht entgehen lassen konnte.

Die Ravensburger BONES CALLED MAN eröffneten den Abend pünktlich und boten etwa 25 Minuten lang eine in allen Belangen durchschnittliche Show: spielerisch und gesanglich, in Sachen Bewegungsfreude und Dynamik, vom Songwritung und dem Tempo her und vor allem hinsichtlich des Unterhaltungswertes; nicht gut, nicht schlecht, einfach Durchschnitt. Dennoch, einige passable Ansätze konnte man bei den Württembergern durchaus ausmachen, mit fleissigem Touren und vor allem viel Üben könnten sie sich eines Tages doch noch zu einer guten Truppe mausern. Dieser Auftritt allerdings war ein Monument der Mittelmässigkeit. Dementsprechend lethargisch verhielt sich auch das sonst so begeisterungsfähige Backstage-Publikum. Trotzdem, als gemütliche Eröffnung eines vielversprechenden Abends konnte man die Schwaben durchgehen lassen.

Von ganz anderem Kaliber waren da schon die nachfolgenden BACKFIRE! Die Holländer gelten völlig zurecht als Bewahrer des klassischen Old School-Sounds und so gestaltete sich dann auch ihre Show: höchst professionell hämmerte das Quartett aus Europas Hardcore-Hochburg seine unverfälschten, tough-räudigen Songs ins Auditorium und profitierte dabei vom Backstage-typisch erstklassigen Sound.
Höchst beeindruckend dabei auch die Performance des Frontmanns, der sich ungeachtet seines klischeehaften Outfits (Adidas-Trainingsanzug, fette Halskette, Wollmütze) ultra-aggressiv präsentierte und dem geneigten Zuhörer mit asozialem Geschrei die Freudentränen in die Glucker trieb. Und doch, der gute Mann kam dabei ausgesprochen sympathisch rüber und suchte stets den Kontakt zum Publikum, wobei einige bewundernswert textischere Herren in der ersten Reihe bei jeder erdenklichen Gelegenheit inbrünstig in das Mikro des Sängers grölten.
Aber auch der Rest der Anwesenden hatte bei Granaten wie \"Trapped In The Maze\" oder \"No Turning Back\" und dem erstklassigen NEGATIVE APPROACH-Cover \"Can´t Tell No One\" sichtlich seinen Spaß; das vordere Drittel der Halle pogte nach Leibeskräften und inszenierte nach Aufforderung des Stimmbandquälers sogar einen ansehnlichen Circle Pit.
Gute 35 Minuten lang eine mächtig fette Darbietung einer der besten Old School-Truppen Europas. Wer diese Tour verpasst hat, sollte sich die Band unbedingt auf dem With Full Force und/oder dem Dynamo Open Air anschauen!

So stark sich die zweite Vorgruppe aber auch präsentierte, der Headliner des Abends setzte da mühelos noch eins drauf; schießlich sind MADBALL nicht nur auf Konserve eine der wichtigsten und besten NYC-Bands aller Zeiten, sondern beeindrucken seit je her auch durch ihre urgewaltigen Live-Shows. Und wie immer machten die Amis keine Gefangenen.
Nach einem tendenziell nervigen Hip Hop-Intro legte der Vierer gewohnt brutal los und versetzte das von BACKFIRE! gut angeheizte Publikum sofort in Hochstimmung. Da wurde ununterbrochen heftigst gepogt und gedived, während Freddy Cricien und seine Nebenleute einen HC-Klassiker nach dem anderen in die Halle bliesen. Müssig zu erwähnen, daß der schrankartige Frontmann ungeachtet einer ziemlich angeschlagenen Stimme in gewohnter Manier mit gnadenlosen Gebrüll aufwartete und sich trotz sichtlich angewachsener Leibesfülle ungeheuer agil und dynamisch präsentierte.
Wie jede gute Hardcore-Truppe haben auch MADBALL in ihrer Karriere nur drei Songs verfasst: den mittelschnellen, den schnellen und den sehr schnellen; und die gab es dann recht bunt gemischt, was auch für die Verteilung auf die verschiedenen Alben der Bandgeschichte galt. Stoff von neueren Platten wie \"Hold It Down\" (z.B. \"Everyday Hate\") und \"Look My Way\" (u.A. \"Moment Of Truth\", \"Temptation Or Restraint\", \"Lesson Of Life\") wurde ebenso geboten wie reichlich alte Songs von alltime Klassikern wie \"Ball Of Destruction\" (beispielsweise \"Get Out\", \"Never Had It\", \"Across Your Face\") oder \"Set it off\" (z.B. Titelsong, \"Down By Law\"). Naturgemäß wurde dabei das zweifellos beste Werk der Bandgeschichte, \"Demonstrating My Style\", dabei am stärksten berücksichtigt (u.A. Titelsong, \"Pride (Times Are Changing)\", \"Streets Of Hate\", \"Back Of The Bus\", \"Hardcore Still Lives\"). An der Songauswahl gab es also nicht das Geringste auszusetzen.
Erstaunlich dabei, daß Sänger Freddy und sein langjähriger Weggefährte Hoya am Baß so ausgezeichnet mit den beiden Aushilfsmusikern (Gitarrist Mitch von SCARHEAD sowie ein mir unbekannter Drummer) harmonierten, welche sich das komplette Programm in gerade einmal eineinhalb Wochen angeeignet hatten. Respekt!
Der charismatische Frontmann selbst gab sich gewohnt volksnah und witzig; so stellte er zum Beispiel die rhetorische Frage, wieviele \"Spicks\" (rassistisch belegter Slangausdruck für amerikanische Hispanos) sich im Saal befänden, nur um dann festzustellen, daß er und Kollege Hoya wohl die beiden einzigen sein dürften; was die Band allerdings nicht daran hinderte, die spanisch gesungene Fassung von \"Our Family\" zu bringen (deren englische Fassung wiederum unter dem Namen \"Nuestra Familia\" auf DMS steht).
Glücklicherweise erging sich der gute Mann nicht in weinerlichem Abschiedsgesäusel, sondern dankte den Fans lediglich kurz, aber ehrlich, für ihren langjährigen Support, und sprach auch der guten Backstage-Seele Rosie seinen aufrichtigen Dank aus. Ulkig seine Erklärung für den Split, nämlich daß Tieftöner Hoya bei N´SYNC einsteigen würde; woraufhin der korpulente Bassist entgegnete, daß in Wirklichkeit Freddy ein Engagement bei den BACKSTREET BOYS antreten würde; und schon legten die beiden Herren eine kleine Boygroup-Einlage hin.
Ansonsten aber, das sei ausdrücklich erwähnt, wurde ganz HC-like nicht lange herumgesülzt, sondern heftig gebrettert. Einziger Kritikpunkt war die mit 50 Minuten selbst für Hardcore-Verhältnisse ziemlich kurze Spielzeit; allerdings galt hier die bewährte Devise \"Qualität statt Quantität\", denn an Intensität war die Darbietung der New Yorker einmal mehr kaum zu überbieten.
Langer Rede kurzer Sinn: MADBALL haben ein letztes mal höchst eindrucksvoll demonstriert, wo der Hammer hängt, keiner der Anwesenden mußte unzufrieden nach Hause gehen. Traurig nur, daß Freddy & Co. in dieser Formation nie wieder für Stimmung sorgen werden. Wollen wir hoffen, daß die Jungs der Hardcore-Szene trotzdem erhalten bleiben.

Redakteur:
Rainer Raithel

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