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Metalfest Niederlamitz Vol. 4 - Niederlamitz

19.11.2018 | 22:03

10.11.2018, TSV-Halle

Das Metalfest Niederlamitz geht in die mittlerweile vierte Runde. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass dies mein Erstes ist, obwohl ich nur etwa 20 km entfernt wohne. Aber wie das Leben so spielt, irgendwas kam bisher immer dazwischen. Veranstaltet wird das Ganze vom eigens dafür gegründeten "Metalfest Niederlamitz e.V." und findet zweimal im Jahr statt, einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Gegründet wurde der Verein mit der Idee, den Leuten in der Region abseits des üblichen Schlager- und Mainstreamgedöhns auch mal ordentliche musikalische Unterhaltung zu bieten und das zu erschwinglichen Preisen. Hierfür wurde kurzerhand die Turnhalle des TSV Niederlamitz gekapert und zur Konzerthalle umfunktioniert. Bisher hat man es auch immer geschafft, die eine oder andere (zumindest im Untergrund) bekannte überregionale Band an Land zu ziehen, aber auch den Truppen aus der Region eine Plattform zu bieten.

Heute stehen beispielsweise die beiden Thrash-Kapellen TOXIC WALTZ und METHHEAD auf dem Programm, sowie die beiden regionalen Bands RETRIBUTION und MELODRAMATIC FOOLS. Am Nachmittag schickt mir der Veranstalter sogar noch eine Nachricht mit einer genauen Wegbeschreibung zur Halle, da sich die Anfahrt wegen einer Baustelle etwas schwierig gestaltet. Toller Service wie ich finde, auf Facebook wurde das übrigens ebenso kommuniziert. Obwohl ich noch nie vorher in Niederlamitz war, finde ich trotz der Umleitung auf Anhieb zur Halle, dankeschön dafür nochmal an dieser Stelle.

Los geht's um 20:00 Uhr mit RETRIBUTION, einer lokalen Truppe aus dem Raum Wunsiedel. Dass die Jungs sich nicht ganz so ernst nehmen, ist spätestens beim Intro klar, hier tönt Beethovens 'Für Elise' aus den Boxen, das immer schneller wird und dann in einem einzigen Klangchaos endet. Die von der Band selbst geschaffene musikalische Schublade "Rußpartikelfilter Blues", die mich direkt neugierig gemacht hat, entpuppt sich als astreine Death-Metal-Schlachtplatte mit ordentlich Groove. Richtig guter Einstieg. Mit viel Spielfreude und Elan feuern die Jungs dem immer zahlreicher werdenden Publikum ihre tonnenschweren Riffs entgegen und ernten reichlich Applaus. Sänger und Gitrarrist Grinnoff stellt zudem seine hervorragenden Entertainerqualitäten unter Beweis, indem er nach jedem Song einen witzigen Spruch oder Kommentar für die Menge parat hat. Alleine das ist schon den Eintrittspreis wert, der Mann ist eine waschechte Rampensau. So kündigt er beispielsweise den "schlechtesten Song, der jemals geschrieben wurde" an, der sich dann aber trotzdem als ziemlich geiler Stampfer entpuppt. Mit den (natürlich in feinstem Fränkisch dargebotenen) Worten "Wollt ihr noch eins? ... des is uns scheißegal, wir hätten's eh g'spielt" wird dann nach einer knappen Dreiviertelstunde auch schon der letzte Song eingeleitet und die Band wird mit ordentlich Jubel verabschiedet. Es wird noch verkündet, dass man leider das Merch vergessen hat, was ich sehr schade finde, denn eine CD dieses äußerst delikaten "Rußpartikelfilter Blues" hätte ich mir doch zu gerne ins Regal gestellt.

Als nächstes steht der Auftritt von METHHEAD auf dem Programm. Die Ruhrpott-Thrasher legen auch direkt fulminant los, doch leider gibt es zu Beginn einige Probleme mit dem Sound. Während der ersten beiden Songs hört man beispielsweise anstelle des Gesangs nur ein unangenehmes Rausch- und Pfeifgeräusch, außerdem ist eine der Gitarren so gut wie nicht zu hören. Es ist schon ein interessantes Bild, wenn man in der ersten Reihe steht und sieht, wie der Sänger ins Mikro brüllt, ohne dass man etwas hören kann. Die Crew bekommt diese Probleme glücklicherweise in den Griff und die Show kann weitergehen. Trotz der Unannehmlichkeiten legt sich METHHEAD mächtig ins Zeug und packt einen Kracher nach dem anderen vom Debütalbum "Escape From Reality" aus. Der Thrash Metal, den die Jungs zocken, kann mit hoher Geschwindigkeit und Aggressivität überzeugen, doch auch mitreißende Melodien und pfeilschnelle Gitarrensoli finden sich in nahezu allen Songs.

Richtig geiler Abriss, der hier zelebriert wird, und METHHEAD bringt die Energie, welche den Songs innewohnt, auch auf die Bühne. Echt schade, dass trotz mehrfacher Aufforderung seitens der Band kein richtiger Pit entstehen will, scheinbar wollen sich die Zuschauer ihre Kräfte noch einteilen. Lediglich einige Headbanger gibt es in den vorderen Reihen zu beobachten. An der Musik und an der Show kann es jedenfalls nicht liegen. Die Halle dürfte mittlerweile geschätzt zu drei Vierteln gefüllt sein, was angesichts einer in knapp 50 km Entfernung stattfindenden Konkurrenzveranstaltung mit CRADLE OF FILTH als Headliner absolut in Ordnung geht. Mit Applaus geizen die Zuschauer aber auch bei den Jungs von METHHEAD nicht, als nach etwa 45 Minuten Adrenalinrausch die letzten Töne erklingen. Da mir die Truppe bisher nicht bekannt war, mich aber mehr als überzeugt hat, schaue ich in der Umbaupause schnell noch beim Merch vorbei und statte mich mit dem Debütalbum und einem Shirt aus. Verschiedene Sticker mit Bandlogo und witzigen Motiven gibt's für lau dazu, da sage ich natürlich nicht nein. Dann noch schnell nach draußen und sich bei einer Zigarette und Gesprächen mit anderen Gästen schonmal seelisch und körperlich auf das nächste anstehende Thrash-Gemetzel vorbereiten.

Dieses steht in Form von TOXIC WALTZ bereits in den Startlöchern. Dass die Combo aus Landsberg am Lech ihren Namen von einem EXODUS-Song geborgt hat, ist kein Geheimnis und passt wie die Faust aufs Auge, denn die Bayern legen mit mindestens ebensolcher Energie und Furiosität los wie die Kollegen aus der Bay Area. Erneut werden keine Gefangenen gemacht, die Songs treten live auch nochmal deutlich mehr Arsch als auf Platte. Die Intensität, mit der sich die Jungs und allen voran Sänger Angelo auf der Bühne ihren Auftritt bestreiten, scheint nun auch auf das Publikum abzufärben, denn jetzt entsteht zum ersten Mal am Abend ein Pit in den vorderen Reihen. Bei diesem Thrash-Brett, das TOXIC WALTZ hier auffährt, kann man aber auch nicht einfach nur still dastehen, denn die Jungs machen nahtlos dort weiter, wo METHHEAD aufgehört hat.

Angelo ist übrigens der erste (und einzige) Sänger des heutigen Abends, der nicht gleichzeitig noch als Saitenakrobat agiert, was ihm mehr Bewegungsfreiheit gibt, wovon er natürlich reichlich Gebrauch macht. Dass er diese Intensität nicht die volle Stunde Spielzeit lang durchhalten kann, ist fast klar, und man merkt ihm die Erschöpfung mit jedem Song etwas mehr an. Das macht aber gar nichts, dann schreit er seine Texte eben stehend in die aufgeheizte Menge. Und das Headbangen geht auch mit den letzten Kraftreserven noch. Nachdem die letzten Töne des Schlusssongs verklungen sind, verabschieden sich die fünf Bayern sichtlich erschöpft, aber zufrieden beim Publikum in Niederlamitz. Was für ein Abriss. Und das war längst noch nicht alles, denn es steht noch ein Auftritt auf dem Programm.

Die Umbaupause nutze ich für einen weiteren Abstecher zum Merch, denn auch TOXIC WALTZ hat einige schicke Shirts mitgebracht. Draußen vor der Halle fällt mir auf, wie verdammt gut diese gedämmt sein muss, denn wenn die Türe zu ist, dringt von drinnen so gut wie nichts nach draußen. Der Soundcheck ist direkt vor der Halle wirklich nicht mal in Zimmerlautstärke hörbar. Eine geradezu perfekte Location also für solche Veranstaltungen, vor allem wenn man bedenkt, dass in unmittelbarer Nähe zur Halle auch mehrere Wohnhäuser stehen.

Der Headlinerspot gebührt heute den Lokalmatadoren MELODRAMATIC FOOLS. Für mich etwas überraschend, denn auf dem Flyer sah es aus, als ob TOXIC WALTZ als Letzte spielen würde. Das ist aber wohl aus logistischen Gründen so gelöst worden, denn für die FOOLS ist das ja fast schon ein Heimspiel, die Bayern hingegen haben noch einige Stunden Fahrt mit dem Tourbus vor sich. Es beginnt zwar erst mit einigen Minuten Verspätung, was aber nicht schlimm ist, denn ein festes Zeitfenster scheint es nicht zu geben, auf dem Infoplakat war die Spielzeit der FOOLS von 23:30 Uhr bis Open End angegeben. Musikalisch fischen diese zwar in etwas ruhigeren Gewässern als die drei Vorgänger, was aber nicht bedeutet, dass sie qualitativ schlechter wären. Stilistisch ist die Musik schwer zu kategorisieren, es ist klassischer Heavy Metal mit starker MOTÖRHEAD-Breitseite, aber auch Einflüsse von NIRVANA sind deutlich hörbar. Gelegentlich sind in den Songs sogar kurze Knüppeleinlagen enthalten, also ziemlich abwechslungsreich.

Sowohl die Band als auch deren Songs dürften den meisten Anwesenden bekannt sein, man sieht auch bei jedem Song vor allem in den vorderen Reihen mehrere Zuschauer, die versuchen Sänger Simon Konkurrenz zu machen, indem sie lautstark mitsingen. Ich selbst habe die MELODRAMATIC FOOLS schon mehrmals live gesehen und in sehr guter Erinnerung behalten. Vor allem Simon überrascht mich aber heute erneut positiv. Nicht nur, dass er scheinbar jeden Gesangsstil draufhat und zwischen diesen auch hin- und herwechselt wie ihm gerade beliebt, er spielt auch noch so ganz nebenbei Gitarre. Er beherrscht Growls, richtig guten klaren Gesang und auch die rotzige Rockröhre, die stark an Lemmy erinnert, hat er drauf. Ach ja, Screams nicht zu vergessen. Die Marktredwitzer (oder "Rawetzer", wie man in Oberfranken sagt) schaffen es doch tatsächlich, die Stimmung in der Halle in Niederlamitz in immer neue Höhen zu katapultieren. Mit jedem Song wird das Publikum ausgelassener und der bereits zu Beginn entstandene Pit wilder. Und das, obwohl hier die musikalisch softeste Band des Abends spielt.

Sie haben zwar das Publikum von der ersten Minute an im Sack, aber liefern trotzdem ab. Simon ist auch nicht verlegen, zwischen den Songs den einen oder anderen witzigen Spruch rauszuhauen. Nach etwa einer Stunde mit eigenen Songs packen die FOOLS dann auch mal eine Coverversion aus, und zwar 'Out Of The Dark' (im Original von FALCO). Natürlich wird der Song nicht einfach so nachgespielt, sondern im typischen MELODRAMATIC FOOLS-Stil dargeboten, was den sowieso schon guten Song nochmals aufwertet. Die variable Stimme von Simon ist hier natürlich absolut Gold wert, aber er setzt noch einen drauf und schüttelt sich kurz vor Ende der Nummer noch ein fast minutenlanges Gitarrensolo locker flockig aus dem Ärmel, für das ihm wohl die Anerkennung der meisten Proggies sicher wäre. Als man denkt, besser kann es nicht mehr werden, wird noch der alte Gassenhauer 'Ace Of Spades' von MOTÖRHEAD angestimmt und die Stimmung erreicht ihren absoluten Höhepunkt. Den Song kennt natürlich jeder, es wird auch fleißig mitgesungen und gegrölt. Hier bleiben die Fools deutlich näher am Original und ich bin mir sicher Lemmy hätte mit den Jungs wahrscheinlich die eine oder andere Runde Jackie Cola vernichtet, wenn er diese Interpretation miterlebt hätte. Einfach geil.

Als die FOOLS dann die Bühne verlassen, werden die Rufe nach 'Zugabe' laut. Recht lange lassen sich die Jungs auch nicht bitten und geben der Meute, wonach sie verlangt. Zum Abschluss haben die MELODRAMATIC FOOLS noch drei eigene Songs dabei, danach ist dann endgültig Schluss. Wie auch die drei Vorgängerbands haben die Jungs einen sauberen Auftritt hingelegt. An den lauten Zuschauerreaktionen, während die Band von der Bühne geht, kann man erkennen, dass die Truppe durchaus über eine solide Fanbase in der Region verfügt, und das absolut zu Recht. Einige sind sogar nur wegen den FOOLS gekommen, wie ich in verschiedenen Gesprächen mit anderen Gästen erfahren habe. So geht ein wunderbarer Abend mit geiler Mucke, richtig guten Bands und toller Atmosphäre in Niederlamitz zu Ende. Auch die anderen Zuschauer treten entweder den Heimweg an oder genehmigen sich noch das eine oder andere Getränk an der Bar.

Zusammenfassend kann ich nur sagen, das war ein richtig geiler Abend. "Just killers, no fillers" trifft den Nagel ziemlich genau auf den Kopf. Großes Lob auch an die Veranstalter sowie die Crew, die hier absolut erstklassige Arbeit geleistet und ein einwandfreies und sauber organisiertes Event auf die Beine gestellt haben. Und das alles zum Preis von gerade mal fünf läppischen Euro. Auch Getränke und Essen wurden in der Halle zu mehr als fairen Preisen angeboten, den halben Liter Bier gab es für 2,50€ und für ein Paar Wiener wurden gerade einmal 2,-€ fällig. Es war jederzeit zu spüren, dass die Veranstalter sich mit dem Metalfest keine goldene Nase verdienen wollen (was angesichts dieser Preise auch nur schwer möglich wäre oder wohl mehrere Jahrhunderte dauern dürfte), sondern das Ganze aus Liebe zur Musik und zur Region machen. Absolut unterstützenswert, aber nicht nur deshalb wird das sicher nicht mein letztes Metalfest in Niederlamitz gewesen sein. Allen, die nicht dabei sein konnten oder wollten, kann ich nur sagen: ihr was verpasst! Aber in ein paar Monaten geht es ja hoffentlich schon weiter, dann wird in Niederlamitz die fünfte Runde des Metalfest angeläutet.

Redakteur:
Hermann Wunner

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