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Midnight Rock-Festival - Berlin

07.05.2007 | 12:06

06.05.2007, Statthaus Böcklerpark

Zufriedene Veranstalter klingen anders. Steven Büthke zumindest hört sich einigermaßen zerknirscht an, als er auf die Besucherzahl des 6. Berliner Midnight Rock-Festivals angesprochen wird: "Da verliert man fast die Lust, etwas von Fans für Fans zu organisieren und dabei möglichst die Preise immer billig halten zu wollen." Denn in der Tat haben die Mädels und Jungs des Midnight Rock für das gesamte Wochenende nur 16 Euro verlangt, für den einzelnen Tag 11 Euro. Dafür müssen sie zum Beispiel die Mietkosten für eine komplettes Bürgerhaus zahlen, in welches sie das Konzert gelegt haben: Das Statthaus Böcklerpark liegt mitten in einer Kreuzberger Parkanlage am Landwehrkanal und ist für Ortsunkundige erst einmal kaum zu finden. Ob es daran auch liegt, dass das Zuschaueraufkommen einigermaßen überschaubar wirkt, als AMOK VEDAR am Samstag gegen 21.15 Uhr auf die Bühne kommen? Spontane Zusatzfrage: Wie leer muss es erst bei den vorher spielenden ABROGATION, AMOK und HEL'S CRUSADE gewesen sein? Oder tags zuvor, als STEAM und die ehemaligen FARMER BOYS als nun noch weithin unbekannte DACIA & THE WMD den Abend anführten?

So wirkt auch der Auftritt von AMOK VEDAR seltsam paradox: Denn die rund 50 Fans haben im Konzertsaal natürlich ordentlich viel Platz, dafür herrscht auf der Bühne fast schon Gedränge. Das liegt nicht nur an den sechs Musikern der Berliner Black-Metal-Band, sondern auch an einem Fernsehteam des Sat 1. Der Privatsender lässt an dem Tag von fünf Journalisten-Gruppen fünf verschiedene Partys in der Hauptstadt aufnehmen, um sie danach für seine regelmäßige "24 Stunden"-Reportage zusammenschneiden zu lassen. So ist denn auch die Lichtanlage ordentlich hochgedreht, die Band umflossen von hellem violettem und grünem Licht, was zu reizvollen Kontrasten auf der Bühne führt. Die Musik von AMOK VEDAR passt auch: Melodischer Black Metal, wie ihn zwar auch viele andere Bands spielen, aber der zumindest an diesem Tag live äußerst gut funktioniert. Der weiß und schwarz im Gesicht bepinselte Sänger Misantroph ist der Mittelpunkt des blicklichen Interesses und wirkt durch seine langen Killer-Nägel am Arm auch durchaus böse. Allerdings hat er Probleme, wenn er einmal nicht keifen und krächzen und so die Arme sinken lassen muss: Da behindern ihn die Riesennägel doch schon ein wenig ... außerdem hängt ihm ein umgedrehtes Kreuz am Bein herum - noch ein Klischee mehr. Beim Publikum kommt der Auftritt jedoch ganz gut an, für die "Unermüdlichen" unter den Fans hat der Misantroph sogar noch eine Zugabe übrig. Wie menschenfreundlich.

In der Pause geht es zum Bier - leider etwas ungekühlt - für nur zwei Euro in der 0,5 Literflasche. Möglich wäre auch ein Trinkgemisch für nur einen Euro aus Blue Curacao und Wodka. Doch unterbleiben solche Experimente im Bewusstsein, dass mit VERDICT eine der qualitativ hochwertigsten deutschen Thrasher-Formation als nächster Programmpunkt anstehen. Angeführt von ihrem Frontmann Daniel Baptista kommen die Unterfranken sofort auf den Punkt und zocken los: Ihr deutlich von KREATOR beeinflusster Thrash Metal wirkt sofort, zahlreiche Nacken im Publikum dürften nach diesem Gig ein wenig mehr Muskelmasse besitzen. Die Songs des VERDICT-Sets hören dabei auf verheißungsvolle Namen wie 'Sick Society' oder 'New War', dementsprechend wütend klingt auch die Musik. "So langsam kommen wir ins Geschäft", lässt der Sänger nach ein paar Stücken vernehmen und meint die immer lauteren Anfeuerungsrufe. Die haben sich die Jungs mit ihrem vor Energie strotzenden Auftritt auch verdient: Besonders Bassist David, der sich und seinen verletzten rechten Unterschenkel trotz einer Überdehnung nicht schont und seine extrem langen Haare derbe schüttelt. Fein. Auch ohne Kamerateam, das sich gerade im Vorraum die Zeit vertreibt und Metal-Fans beim Trinken ablichtet. Wären sie nur reingekommen ...

Auch POSTMORTEM müssen im Anschluss ohne Kamera-"Unterstützung" auskommen. Den Jungs ist ihr Lokalmatadoren-Bonus anzumerken, im Publikum zumindest geht es ordentlich ab. Rund 200 Leute sind inzwischen da. Der Stil der POSTMORTEM'schen Musik ist dabei schwer zu beschreiben: Eine ordentliche Portion Death Metal ist dabei, auch einige Thrash-Elemente. Dazu kommen aber auch moderne Einflüsse, die besonders durch Sänger Doc Putz repräsentiert werden: Songs wie 'Der Totmacher' klingen durch den Fast-Sprech-Grunz recht modern. Da ist der Band auch der Spagat anzumerken, die Old-School-Wurzeln mit neuen Einflüssen zu verbinden, was aber nicht immer gänzlich gelingt. Doch das Publikum hat trotz solcher Defizite viel Spaß - und des Frontmanns "Brutz & Brakel"-Shirt lässt höchst erfreuliche Gedanken betreffs des nächsten Party.San-Open Airs aufkommen. Denn dort sind POSTMORTEM und weitere Verrückte aus dem Umfeld der Band für die wohl kultigste Cocktailbar Deutschlands verantwortlich: Das dortige Gesöff mixen können sie fast noch besser als Musik.

Zurück in den Gefilden des Statthauses: Inzwischen ist die Zeit auf kurz nach Mitternacht vorgeschritten. Und DISBELIEF schicken sich an, die sich nun bereits wieder lichtenden Reihen in Bewegung zu bringen. Es gelingt zumindest vor der Bühne. DISBELIEF verlassen sich bei ihrem Set auf eine recht erquickliche Mischung ihrer bisherigen Alben und dem Neuling "Navigator". So klingen mittelschnelle Hassbatzen wie 'Misery' oder 'Sick' immer noch absolut fett, hat die Stimme von Karsten "Jagger" Jäger trotz mehrjähriger Dauerbelastung diesen besonderen Schrei-Klang, der sich tief ins Mark frisst und verzweifelnde Wut fühlbar macht. Allerdings, und das lässt sich in Berlin beobachten, sind DISBELIEF anno 2007 nicht mehr so erfolgreich und ziehen längst nicht mehr so viele Fans in ihren Bann wie noch zu Zeiten ihres Albums "Shine", als sie der deutschen Extrem-Metal-Szene einen frischen neuen Stempel aufdrücken konnten. Woran dies liegt? Vielleicht fehlt - und das ließe sich über das vorangegangene "66Sick" und wohl auch den aktuellen "Navigator" anmerken - eine Art Frischzellenkur. Denn zurzeit, so scheint es, verwalten DISBELIEF bloß ihren erreichten Status, ohne wie früher zu neuen Ufern aufzubrechen. Doch dennoch: Eine grandiose Live-Band sind die Jungs allemal. Dies zeigen sie in Berlin rund eine Stunde lang. Am Ende kommt sogar noch das Fernseh-Team und filmt die lautstark nach Zugaben verlangenden Fans. Mal sehen, ob das entstandene Filmchen dann auch wirklich Werbung für das Festival und Metal allgemein wird – und ob es ausreicht, die Veranstalter des Midnight Rock noch zu einer weiteren Runde ihres Festivals zu animieren.

Redakteur:
Henri Kramer

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