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Ministry - Hamburg

12.06.2008 | 07:49

10.06.2008, Docks

Am Ende schütteln die Fans die Köpfe. Aber nicht vor Begeisterung. Denn MINISTRY hinterlassen auf ihrer finalen Tour in Hamburg vor allem Fassungslosigkeit: Unverständnis darüber, warum eine so geile Band ihr so intensives Konzert plötzlich und unerwartet ohne eine Zugabe beendet, nach etwas mehr als einer Stunde ...

Dabei beginnt der Abend im Docks-Club der Hansestadt eigentlich recht gediegen. Das liegt auch an dem Ort selber: Hübsch gelegen an der Reeperbahn ist die Halle eines der Wahrzeichen des Hamburger Nachtlebens. Und als Konzertsaal super geeignet. Das werden auch MY UNCLE THE WOLF bestätigen, die erstmals in Deutschland spielen dürfen. Sie passen zu dieser Tour, so viel wird klar. Zwar geht den Jungs aus New York die ungestüme Energie von MINISTRY ab, allerdings klingen sie mindestens genau so krank im positiven, aber eben anderen Sinne. Denn MY UNCLE THE WOLF sind zuallererst eine äußerst doomige Post-Core-Band, gesegnet mit ordentlich viel hypnotisch-psychedelischen Gefühlen, irre schweren Gitarrenwänden und einer markanten Stimme in allen Sangesslagen. Gerade haben die vier Musiker ihr selbstbetiteltes Debüt-Album veröffentlicht, wofür es viel Lob in den einschlägigen Magazinen gab. In Hamburg reagiert das Publikum allerdings noch reserviert auf den manchmal allzu experimentell wirkenden Auftritt, so dass Sänger Noddy vorsorglich fragt, wem "langweilig" ist. Zum Glück rocken seine Kollegen und er im Verlauf des Gigs immer mehr, bewegen sich sogar - und überraschen zum Schluss mit einem sehr abgefahrenen 'Roadhouse Blues' der DOORS. Coole Sache.

Sobald MY UNCLE THE WOLF die Bühne verlassen haben, fliegen die Becher. Das Phänomen wird durch zwei Umstände begünstigt: Einmal gibt es keinen Pfand auf die Plastikwurfgeschosse, zweitens laden die am Bühnenrand aufgestellten Gitter gerade zu ein, irgendetwas darüber zu werfen. Doch kein Grund, sich darüber zu wundern: Chaos gehört zu MINISTRY-Gigs dazu. Eine lange Umbaupause folgt: Und zu technotischen Klängen beginnt die Hamburger Show der als letzter Tour angekündigten MINISTRY-Reise. Und wie! Die Lautstärke sprengt das Trommelfell, der Bass wummert, als wolle er das Publikum in die Knie zwingen. Und geschätzte 800 Kehlen jubeln, Becher fliegen, aus purer Sympathie. 'No W' oder 'Waiting' heißen die Knaller in der folgenden Stunde, die Jungs aus Hell Passhole, Texas, verlassen sich vor allem auf ihre schnellen Stücke. Im Hintergrund ist dazu eine riesige Leinwand aufgehängt, auf der die Bilder hektisch hintereinander flimmern, die MINISTRY zu ihren letzten Klassealben inspiriert haben: George W. Bush darf lächelnd grüßen, Schnippsel aus der konservativen Fox-News-Redaktion flattern vorbei, der Irakkrieg zeigt seine hässlichen Gesichter ... die MINISTRY-Mannen liefern dazu hinter dem Zaun eine routinierte Show ab: Die Saitenfraktion um Tommy Victor turnt herum und heizt die Fans im Moshpit an, Frontmann Al Jourgensen beschränkt sich dagegen darauf, eine runde Sonnenbrille zu tragen und seinen übergroßen Mikroständer mit angehängtem Ochsenschädel vor und zurück zu bewegen - wie einen Motorradlenker. Manchmal zeigt er dazu an, dass er einen Circle Pit sehen will, was die Fans als Angebot gern annehmen: Es ist die Hölle von einem Moshpit, Songs wie 'Señor Peligro' krachen in all ihrer Wucht und Aggression wie Äxte ins Nackengebälk. Dafür sind die Zwischenansagen nicht eben lang, aber manchmal doch seltsam erhellend. So schimpft Jourgensen mit elektronisch verzerrter Stimme in Richtung Publikum mit Ausdrücken wie "You suck" oder "Asshole", Gitarrist Tommy Victor hat dagegen ein "I love you" für die Fans mitgebracht. Und mehr gibt es schon fast nicht zu sagen, weil ein langer Jam die letzte Tonfolge ist, die die Hamburger Fans an diesem Abend zu hören bekommen. Die Band geht wortlos von der Bühne. Jeder denkt, jetzt gibt es noch eine Zugabe. Doch niemand kommt. Erste Pfiffe. Ein Roadie läuft auf die Bühne, deutet mit seinem Handrücken eine Kehleschneiden an: Das Licht geht an. Aus. Ohne 'Psalm 69' und andere Hits. In diesem Moment kann der junge Mann von Glück sagen, dass die Gitter wesentliche Teile der Bühne schützen. Denn der Becherregen ist enorm. Die Wut auch. Ein unnötig blöder Abgang einer der coolsten Bands dieses Planeten.

Redakteur:
Henri Kramer

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