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Mittelalter rockt die Burg - Königstein

10.06.2005 | 13:50

03.06.2005, Burg Königstein

SCHANDMAUL trotzen dem sintflutartigen Regen und rocken mit ihrem eigenen kleinen Festival die Burg Königstein.

Die Narren der Spielmannsleute laden zu einem eigenen SCHANDMAUL-Festival, um die Burg zu rocken, doch der Anfang meines Konzertberichts steht unter keinem guten Stern: Ich bin spät dran, musste ich doch nach der Arbeit erst noch meine verliehene Kamera von Kollege Tolga holen, aufladen und die Karte leeren; Dann noch schnell eine Kollegin vom "Dark Spy" abholen (die sich nicht wirklich als wegweisende Beifahrerin erweist) und durch sintflutartigen Regen nach Königstein brettern; Die Burg hoch oben schon vor Augen den halben Ort nach dem richtigen Weg absuchen – denn die direkte Zufahrt ist gesperrt. Der übliche Parkplatz scheint nämlich nur für die üblichen wenigen Burgbesucher dimensioniert, nicht aber für ein "Festival". Wobei ich mich frage, warum man bei gerade mal zwei Bands gleich von einem Festival redet. Als wir uns endlich auf dem Fußmarsch Richtung Burg befinden, kommen uns schon die ersten Besucher wieder bergabwärts entgegen. Wohl doch zuviel Regen. Endlich oben angekommen, gibt's den Presse-Pass stilecht durch ein vergittertes Mauerfenster. Der Rest des Weges führt durchs Innere der Burg, wo sich die Masse an den Merch-Stand der Schandmäuler drängt. Nebenan vor dem kleinen Stand der Vorband ist weitaus weniger los, und der Rest steht – natürlich – vorm Met-Stand Schlange. Vor der Bühne ist indes angesichts der grauen Wolken recht wenig los. Schätzungsweise um die tausend haben sich eingefunden, aber für gute Stimmung soll's den Rest des Abends noch reichen.

Ob die Stimmung bei SCHATTENTANTZ auch schon gut war, kann ich nicht beurteilen. Dazu die lange Einleitung eben, denn ich habe die Vorband schlichtweg verpasst. Sollen aber laut Aussage einiger Bekannten recht gut gewesen sein. Wohl etwas rockiger als SCHANDMAUL, was ich durch ein nachträglichen Probehören auf der Homepage bestätigen kann: Teilweise recht punkig und düster, dennoch mit ansprechendem mehrstimmigen Gesang. Als letztes soll es ein Lied über 'Primae Noctis' gegeben haben: Der Brauch, dass der herrschende Fürst in einer Hochzeitsnacht die Braut noch vor dem Bräutigam besteigt. "Braveheart" lässt grüßen.

Dann bricht die Dunkelheit herein, Nebel schweift über die Bühne – und das Intro folgt sogleich. Sänger Thomas feuert das Publikum an, greift zur Akustikgitarre und stimmt 'Teufelsweib' an. Geigerin Anna und Flötenspielerin Birgit umtanzen ihn, während Thomas sich beim Solo hinkniet. "Wenn das alles war an Regen", sagt der Frontmann ins Mikro, "dann lachen wir doch. Wer nass ist, wird jetzt trocken: Wir sind alle frei wie die Vögel!" Das Publikum hüpft klatschend mit, ehe 'Drachentöter' und 'Die Goldene Kette' die Stimmung steigen lässt. "Wer hat eigentlich 'Herr der Ringe' gesehen?" fragt Thomas etwas überflüssig bei einer Einleitung über den armen Frodo im dunklen Turm. Natürlich rufen alle "hier" und schwenken beim anschließenden 'Klagelied' die Arme. Dann meldet sich erstmals Birgit zu Wort, die mit ihrem bauchfreien Outfit mal wieder die meisten Blicke auf sich gezogen haben dürfte: "Danke, dass ihr bei diesem Scheißwetter da geblieben seid." Indes hat es längst aufgehört zu regnen, und die Band versammelt sich zu einem Instrumental in der Mitte der Bühne. Anschließend wummert mal richtig die Doublebass los – oder kommt mir das nur so vor, weil ich im Fotograben zu nah an den Boxen stehe?

Thomas berichtet stolz von dem Auftritt mit einem 40-köpfigen Orchester beim Zirkus Krone und kündigt die Single 'Bin unterwegs' an, die am 20. Juni erscheint. Mir wäre ein gänzlich neues Album lieber, als dass SCHANDMAUL wie CORVUS CORAX auf den mittlerweile endlos langen Orchestral-Zug aufspringen. Der Stimmung tut's keinen Abbruch, zumal sich wieder die hübsche Birgit zu Wort meldet: "Stellt euch vor, ihr steht vor eurem Traummann und bekommt keinen Ton raus. SCHANDMAUL-Fans sind da im Vorteil: In den Booklets gibt es eine große Auswahl schöner Liebeserklärungen." Was folgt, ist die Ballade 'Dein Anblick' und ein Meer aus Wunderkerzen im Publikum, während die Burg im Hintergrund romantisch angeleuchtet wird. Die sechs Münchner fangen ihre Zuschauer regelrecht ein, beispielsweise, in dem sie zwei Publikumshälften oder Männlein und Weiblein abwechselnd den Refrain von 'Gebt Acht' singen lassen. Thomas sucht lange das Publikum ab, bevor er auf jemanden in der ersten Reihe zeigt und "vielleicht gerade hinter dir" singt. Manches wird allmählich aber zu vorhersehbar, beispielsweise Thomas' "Ihr müsst euch fürchten, buhuhu"-Spielchen. Manche Ansagen machen die Band aber doch wiederum liebenswürdig: "Wir fangen jetzt alle an zu tanzen, auch da hinten an der Würschtelbude", kündigt Thomas den 'Hexentanz' an, bei dem er mit Anna mal wieder eine griechische Tanzeinlage vollführt.

"Dankt den 'Herren der Winde', dass sie die Regenwolken weggepustet haben", ruft der Sänger, der immer mehr in Schwung kommt, mit dem Mikro von einem Ende der Bühne bis zum anderen läuft, umherspringt und das Publikum anheizt. Egal ob mit Akkordeon oder mit oder ohne Wandergitarre: Thomas macht immer eine gute Figur, auch ohne mittelalterlich angehauchte Kleidung. Ebenso der Rest der Band, die öfter gemeinsam gegen den Uhrzeigersinn über die Bühne marschiert und der man den Spaß immer wieder anmerkt. Bei 'Walpurgisnacht' greifen Anna und Birgit zu Drehleier und Dudelsack, lassen die Hüften kreisen und das Publikum den Refrain mitsingen. Indes fallen einer hüpfenden Rothaarigen in der ersten Reihe fast die Möpse aus dem Dekolleté. (Jaja, worauf ich mal wieder so achte – selbstkritische und dem Lektor vorausgreifende Anm. d. Verf.) "Wenn's am Schönsten ist, soll man aufhören", ruft Thomas und ist mit seinen Kollegen nicht mal im Bühnennebel verschwunden, da schallen schon die ersten Zugaberufe über den Burghof. Wieder zurückgekehrt, verspricht Thomas eine "ganz besondere Zugabe", lässt sich seine Gitarre reichen und stimmt unter großem Applaus den bereits lautstark geforderten 'Narrenkönig' an. Zum Abschluss gibt's noch 'Willst Du' – leider in der schnulzigen Version, was aber immerhin zum Kuscheln animiert. Thomas dankt nicht nur den Leuten hinter, sonder auch "unter" der Bühne, und die Tontechniker hatten während des Konzerts augenscheinlich rumalbernd ihren Spaß. SCHANDMAUL danken ihren jubelnden Fans mit einer La Ola und verschwinden während METALLICAs 'Enter Sandman' in dem kleinen Mittelalter-Zelt hinter der Bühne. Was bleibt? Mal wieder ein souveräner Gig der Münchner Mittelalterrocker, auch wenn hie und da etwas die Spontaneität verloren gegangen ist. Sei's drum, ihren hohen Stand haben SCHANDMAUL mit ihrem eigenen Burg-Festival weiter zementiert.

Redakteur:
Carsten Praeg

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