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Mötley Crüe/Slash - Berlin

27.06.2012 | 20:27

12.06.2012, Max-Schmeling-Halle

"From Hollywood, California,...the bad boys of Rock´n´Roll - Mötley Crüe!" Die 80er-Genreband des Glam-Hardrock waren wieder auf Europa-Tournee. Diesmal alles sehr geschäftsmäßig sowie erschreckend unspannend.

Ich liebe die Band seit 1982. Da waren sie laut, wild, authentisch und aggressiv.

Sie sind es auch heute noch, zuweilen, doch der Zahn der Zeit nagt auch an ihnen. Immerhin geht Gitarrist Mick Mars stramm auf die 70 zu und kämpft an gegen seine Knochenkrankheit (sein Orthopäde dürfte inzwischen zum engeren Freundeskreis gehören), während Tommy Lee, Vince Neil und Mastermind Nikki Sixx dezent jünger wirken. Doch man merkt ihnen schon an, wie sehr das Touren um den Globus schlaucht, wie sehr sie sich schon an das Leben off-the-road gewöhnt haben. Ab und an tingelt ihr Glam-Hardrock-Zirkus durch die Welt oder sie spielen mal eben für etwas mehr als drei Wochen fast jeden Abend in Las Vegas (letzten Winter). Diesen Sommer gehen sie auf eine größere US-Tour, zusammen mit den älteren Herren von KISS, ebenfalls Veteranen der amerikanischen Hardrock-Geschichte. MÖTLEY CRÜE sind also immer noch ganz gut im Geschäft.

Seit ihrem Debüt "Too Fast For Love" anno 1981 fahren Fans der Band Achterbahn mit "ihrer" Band, denn etliche personelle und musikalische Differenzen führten zu Trennungen - mal wurde Sänger Vince Neil von der Arbeit freigestellt, dann verließ Drummer Tommy Lee die Band. Es gab Zeiten, da lag die Band länger auf Eis und außer zahlreichen Greatest Hits-Alben sowie einigen Tourneen und Wiederveröffentlichungen des gesamten LP-Repertoires (immer wieder angereichert mit irgendwelchen Bonus-Tracks) hörte man nicht viel von MÖTLEY CRÜE in den späten 90er Jahren. Die Zeit für Hair Metal war vorbei, doch wie jede Modeströmung wiederkommt, so auch diese Band. Alle paar Jahre kommt mal ein neues Album (okay, "Saints Of Los Angeles" ist auch schon wieder vier Jahre alt) oder die Band geht überraschend auf Tour. Schließlich müssen anfallende Rechungen beglichen werden. Ich habe mir sagen lassen, dass das Leben eines Rockstars nicht preiswert gestaltet werden kann, das Gegenteil ist der Fall.

Der aktivste Kopf der Band ist ohne Zweifel Bassist sowie Hauptkomponist Nikki Sixx, ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen: Musiker in MÖTLEY CRÜE sowie der recht starken (Nachfolge-) Band SIXX A.M., talentierter Fotograf, Buchautor, Dichter und Zeitgeist. Nicht von ungefähr wird er von den Fans regelrecht vergöttert, verkörpert er geradezu den Typus Rockstar, wie man ihn aus den Schlagzeilen einschlägiger Blätter kennt: exzessiver Drogenkonsum (in den 80er Jahren), Scheidung, unschöne Kindheit, Dekadenz pur. Wer etwas hinter die Fassade dieses Mannes blickt, erfährt durchaus, daß Nikki Sixx viel durchlebt hat in seinem frühen Leben. Als Empfehlung seien hiermit die Bücher "MÖTLEY CRÜE-The Dirt", "Nikki Sixx-Heroin Diaries" sowie sein Foto-Gedichtband "THIS is GONNA HURT" ernsthaft empfohlen. Aber hatten wir nicht alle eine schwere Kindheit und suchen zuweilen Zuflucht auf der "wilde Seite" des Lebens...

Und just mit 'Wild Side' eröffnen MÖTLEY CRÜE auch ihre Show gegen 21:30 Uhr in Berlin, eine der drei Stationen auf ihrer diesjährigen Deutschlandreise. Die Hauptstadt ist seit längerer Zeit ein hartes Pflaster für Hardrockbands, so ist auch die Max-Schmeling-Halle am diesem Abend nur etwa zur Hälfte voll oder halbleer, je nachdem wie man es sehen möchte. Man hätte locker mit dem Waveboard rumcruisen können, das wäre schier unmöglich gewesen in den 80er Jahren - der Hochzeit des Hardrock und Metal. Aber Ticketpreise von 50 Euros sind auch nicht ohne, für viele vielleicht unerschwinglich; außerdem findet gerade die Fußball-EM 2012 statt.

Unverständlich, warum die Tickets nicht weggingen wie geschnitten Brot, immerhin war ex-GUNS N´ROSES-Gitarrist SLASH einer der Supportacts des Abends. Über die andere, erste Band des Abends, BLACK VEIL BRIDES, hülle ich lieber den Mantel des Schweigens. Die Truppe war völlig deplatziert, allein für ihr verhunztes BILLY IDOL-Cover 'Rebel Yell' verdienen sie verschärften Hausarrest bei Wasser und Hundefutter.

SLASH hingegen überzeugt voll und ganz, ohne wenn und aber. Bei dieser Combo steht Musikalität an oberster Stelle, immerhin fidelt hier einer der coolsten Gitarristen der Rockwelt: Slash. Natürlich spielen SLASH vier Titel seiner ex-Band, nämlich 'Nighttrain', 'Mr.Brownstone', 'Paradise City' sowie eine starke Version von 'Sweet Child O´Mine'. Sänger Myles Kennedy agiert wohltuend, singt um einiges stärker, akzentuierter und kräftiger als später Vince Neil von MÖTLEY CRÜE.

Ganze 12 Songs pfeffern SLASH ins entzückte Publikum (MÖTLEY CRÜE spendierten 16 Songs), darunter 'Slither' (VELVET REVOLVER), 'Back From Cali', 'One Last Thrill' oder 'Ghost' (von SLASH). Das hatte schon was von einem Co-Headliner-Status. Eine mehr als sympathische Band mit einem Rockstar und Virtuosen an Bord, der die Gitarrenlicks nur so aus dem Ämel schüttelt wie Asse beim Pokerspiel und einfach nur cool auf der Bühne wandelt als existiert nichts anderes für ihn.

Am Rande muss ich noch etwas los werden: es ist mir völlig und scheissegal, ob lokaler Veranstalter, Band oder Management dafür verantwortlich zeichnen. Es ist eine Katastrophe, wie an diesem Abend die Fotografen behandelt wurden. Normalerweise gehen diese Menschen für durchschnittlich drei Songs am Anfang in den Fotograben vor der Bühne, zusammengepfercht wie in einem Schweinestall, versuchen in etwa zehn Minuten bei zappelnden Rockstars und massenhaft Gegenlicht der Lichtanlage einigermaßen Bilder anzufertigen. Alles, damit die jeweilige Band GUT aussieht. Wir sind keine Feinde, im besten Fall selbst Fans! Bei MÖTLEY CRÜE (und auch BLACK VEIL BRIDES) mussten alle Fotografen vor der Show erstmal einen Fotovertrag unterschreiben und dann in einer Umkleidekabine ausharren, bis dann endlich der sogenannte Fotopass ausgehändigt wird, mit welchem man dann zu diesen Fotograben Zutritt hat. Der Hammer dann: die Fotografen wurden in die Halle eskortiert wie eine Gruppe Strafgefangener, Aussätziger oder auch Bittsteller vor Königs Gnaden. Aber der Clou kommt erst noch: wir durften nicht etwa in den Fotograben (wie bei SLASH), nein, man geleitet uns hinters Sound-/Lichtpult am hinteren Ende der Halle. Gefühlte 1000 Meter entfernt. Dort dürfen wir dann exakt für ZWEI Lieder von MÖTLEY CRÜE stehen und knipsen, während jeder Fan mit seinem Smartphone vor der Bühne soviele Bilder machen kann wie er will. Wir wissen, dass Bilder mit den neuesten Handys gar nicht so übel sind. Diese Restriktionen sind völlig haltlos und überflüssig, dann sollen die Bands doch gleich die Presse draussen lassen und auf Artikel verzichten. Vielleicht sind die Hallen dann voller... SLASH hat solche Spielchen nicht nötig. Das macht dann doch den Unterschied.

MÖTLEY CRÜE konnten da nur noch eine Schippe drauflegen. Sie taten dies nur bedingt. Nach dem etwas verzerrtem Intro starten sie, ich erwähnte es bereits, mit 'Wild Side' ganz gut in ihr Best-of-Programm "30 Years of MÖTLEY CRÜE". Natürlich fehlen der eine oder andere Überraschungskracher, aber die Songauswahl ('Live Wire', 'Too Fast For Love', 'Saints Of Los Angeles', 'Shout At The Devil', Don´t Go Away Mad (Just Go Away)', 'Same Old Situation (S.O.S.)', 'Looks That Kill', 'Piece Of The Action', 'Primal Scream', 'Smokin´In The Boys Room') geht für die ersten 2/3 in Ordnung. Auch Tommy Lees Drumsolo mit Achterbahn-Drum-Riser (und von der BILDzeitung ausgeloster weiblichen Begleitung auf dem Soziussitz) war sehenswert, obschon bekannt. Standardssongs wie 'Dr. Feelgood', 'Girls, Girls, Girls' sowie das mit überflüssigen Synthies verhunzte 'Home Sweet Home' beenden einen passablen Auftritt. 'Kickstart My Heart' gab´s als Zugabe - dann war Schluss.

Ich bin dezent enttäuscht, habe ich die CRÜE doch live gesehen in den 80er Jahren, auch in den Staaten. Das waren seinerzeit Ereignisse, das war authentisch, das war Rock'n'Roll pur (bestes Beispiel für ein 80er Jahre CRÜE-Konzert ist deren Videoclip zu 'Home Sweet Home'). Da schrien 20.000 junge Menschen die Band an, manche hatten Sex währenddessen, rauchten Hasch oder was auch immer. Auch damals standen Ordner und Security herum, versuchten Ordnung ins wohldosierte Chaos zu bringen. Meistens vergeblich. Die Fotografen durften in den Fotograben, Bilder schiessen und danach locker in der Halle verweilen. Denn nicht wenige machen Bilder und schreiben auch einen Bericht zum Konzert. Gerade in den USA gab es bei Konzerten in den 80er Jahren schon Auflagen der Managements, Bilder teilweise vor der Veröffentlichung erst zur Absegnung einzureichen (habe ich öfters erlebt). Ich kenne keinen Rockfotografen, der schlechte Fotos veröffenlichen würde. Wir wollen, daß die Bands gut aussehen und die Fans die jeweilige Stimmung eines Konzertes mittels Bilder nacherleben können. Da waren selbst sowjetischen Machthaber seinerzeit gelassener und standen gern für Fotos zur Verfügung. Heutzutage wird alles kontrolliert und reglementiert, es gibt zig Vorschriften, überall siehst du Videokameras auf öffentlichen Plätzen. Irgendein Kasper will dir immer die Welt erklären. Freiheit sieht anders aus!

Das Konzert in Gänze war eine mittlere Enttäuschung, SLASH waren top, MÖTLEY CRÜE waren okay. Zehn Tage später, am 20. Juni, bei der CRÜE-Show in Bamberg hat ein Fan (?) einen Plastikbecher mit Inhalt Vince Neil an den Kopf geworfen (es gibt ja schon lange - genau aus diesen Gründen - keine Flaschen mehr auf Konzerten). Diese Diva brach dann die Show ab und aus war die Maus. Kann man, muss man nicht machen. Anders wird ein Schuh draus, wenn´s gefährlich wäre (z.B. Feuerwerkskörper ). In England schmeissen die den Bands beispielsweise ein Haufen Zeugs auf die Bühne, manchmal als Zeichen der Zuneigung.

Ich liebe die Band seit 1982.

Da waren sie laut, wild, authentisch und aggressiv.

Jetzt sind sie ein global geführtes Unternehmen.

Redakteur:
Dirk Ballerstädt

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