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Motörhead - Dresden

16.12.2004 | 02:06

09.12.2004, Neue Messe

MOTÖRHEAD sind immer noch die lauteste Band dieser Welt! Das muss man nach einer achtzigminütigen Show wieder einmal schmerzhaft feststellen. Im Ohr macht es auch noch zwei Stunden später unerträglich: viiiiep. Das Vergnügen war wie immer viel zu kurz. Die einundzwanzig Songs aus fünfundzwanzig Jahren MOTÖRHEAD vergingen wie im Flug. Und am Ende bleibt die Erkenntnis: mit Lemmy, Mikkey Dee und Phil Campbell kann man doch immer noch eine verdammt gute Zeit verbringen, ob headbangend, bierschunkelnd oder wild herumpogend.

Das Dresdner Publikum machte auch in diesem Jahr die Band glücklich, zum ersten Mal allerdings in der größeren Messehalle. Hierher wurde das Konzert verlegt, nachdem der Alte Schlachthof wie gehabt ausverkauft war. Entsprechend gestaltete sich der Sound auch etwas anders. Leider schallt es in der großen von Blechrohren durchzogenen Halle in den Seitenbereichen sehr unangenehm, besonders wenn Metaller ihre Instrumente ausgiebig quälen. Auch scheint es Probleme mit den Gitarren zu geben. Lemmy wird ständig ein neuer Bass gebracht, Phil ist öfters mal zu leise am Start. Die Probleme klären sich aber in der zweiten Konzerthälfte. Vor der Bühne ist der Gitarrensound dann astrein und lässt die göttlichen Soli von 'Just 'Cos You Got The Power' mit der Leichtigkeit und Dynamik von Adlerfedern durch den Raum schweben. Hoch das Bier bei soviel Power! Automatisch fängt man selber an Luftgitarre zu spielen. Das Extrem am anderen Ende der Fahnenstange setzt es bei 'Sacrifice' mit Mikkeys fünfminütigem Drumsolo. Zurecht fliegen da am Ende überschwinglich die Drumsticks in die Lüfte, bevor Lemmy und Phil wieder Saft geben. Da hat Mr. Kilmister Recht, wenn er ankündigt, dass dieser Song die "fucking necks" brechen wird. MOTÖRHEAD können nicht anders, sie rocken mit jedem Saitenschlag, egal ob elektrisch getunt oder akustisch wie in der Zugabe 'Whorehouse Blues', wo sich sogar Mikkey an die Gitarre setzt und die Band zu dritt in seeliger Eintracht den letzten Song vom "Inferno"-Album wiedergibt. Dieser kleine Ausflug zurück zu den Blues-Wurzeln des Rock bekommt seinen Höhepunkt mit Lemmys Solo auf der Mundharmonika. Die Halle johlt laut auf.

Überhaupt werden die Briten wie immer laut und treu beklatscht, selbst 'I Got Mine', obwohl es vom schlechtesten MOTÖRHEAD-Album aller Zeiten kommt. "Es ist das meistgehasste MOTÖRHEAD-Album und heißt "A Perfect Day". Wir haben davon, als es rauskam, vielleicht 25 Kopien verkauft. Davon spielen wir jetzt 'I Got Mine'.", nuschelt Lemmy. Aber irgendwie scheinen die Fans diese Meinung nicht zu teilen und brüllen nur weiter "Yeah!". Da stehen gestandene Biker neben sonst in der Bürobranche tätigen, Mütter, neben Kiddies in SEPULTURA-Shirts - egal, wo man herkommt, diesem Sound muss man einfach verfallen. Schade, dass ich die Brasilianer, denen MOTÖRHEAD ihr 'Going To Brazil' widmen, heute nicht miterlebt habe. Bei ihnen sollen mindestens genauso viele Fans über die bangenden Köpfe des Publikums getragen wurden sein wie jetzt. Einer schafft es sogar bis auf die Bühne und steht dort ein wenig verloren rum, bis ihn die Security erspäht. Die wird danach gleich mal zahlenmäßig verdoppelt und hat bis zum Schluss alle Hände voll zu tun. Auf sie ist Verlass, auch am Eingang wurde jede Tasche gecheckt. Ob sie allerdings so einem Vorfall wie am vergangenen Dienstag in Columbia gewachsen gewesen wäre? Dort haben die zuständigen Sicherheitsleute offensichtlich gepennt. Ein 25jähriger Mann stürmte plötzlich auf die Bühne und erschoss völlig motivlos den 38jährigen PANTERA-Mitbegründer Dimebag Darrell Abbott. Er hatte kaum angefangen mit seiner neuen Band DAMAGEPLAN zu spielen, als der durchgeknallt Typ erst auf ihn und dann noch weiter ins Publikum feuerte. Letztlich starb er selbst durch die Kugel eines Polizisten. Metalldetektoren haben also manchmal doch Sinn und der Club in Columbia hatte keine. Wenn man sich das mal klarmacht, dann sieht so eine versoffene Fanaktion wie Bühnestürmen schon weitaus bedrohlicher aus. Lemmy nimmt's gelassen, allerdings scheint ihm der Tod von Dimebag tatsächlich nahe zu gehen. Er sendet Grüße an dessen Familie in Dallas und widmet ihm in bissiger Ironie den Song 'Killers'. Lemmy hat schon einige ihm Nahestehende sterben gesehen und dementsprechend viele Widmungen parat. Eine fehlt nie: 'R.A.M.O.N.E.S.' für Dee Dee und den am 15. September diesen Jahres verstorbenen Johnny. 2004 hat es echt viele erwischt.

Da ist man regelrecht froh zu sehen, dass Lemmy immer noch ziemlich fit und nach Tour auch um ein paar Pfunde erleichtert auf der Bühne steht und unbeirrt den Hals nach oben zum Mikro zerrt. Ein bisschen stoisch stellt er am Ende vom Konzert seine Band vor: "Darf ich vorstellen: er spielt schon seit über 20 Jahren für MOTÖRHEAD Gitarre, Phil Campbell." Lautes Klatschen. "Und hier einer von den besten drei Drummern der Welt, Mikkey Dee." Genauso lautes Klatschen. Und schließlich der Mann, der Dresden zu seiner persönlichen Droge machte: Lemmy Kilmister. Er schließt: "Ihr seid, wie jedes Jahr, ein ausgezeichnetes Publikum! Vergesst uns nicht! Wir sind MOTÖRHEAD und spielen Rock 'n Roll." Dann noch der 'Overkill' und fertig.

Setlist MOTÖRHEAD:
Doctor Rock
Stay Clean
Shoot You In The Back
Love Me Like A Reptile
Killers
Metropolis
Over The top
No Class
Damage Case
I Got Mine
In The Name Of Tragedy
Dancing On Your Grave
R.A.M.O.N.E.S.
Sacrifice (Drum-Solo)
Just 'Cos You Got The Power
Going To Brazil
Killed By Death
Iron Fist
--------------------------
Whorehouse Blues (Akustik)
Ace Of Spades
Overkill

Nachtrag: Auch am folgenden Tag fühlt sich das Ohr noch wie in Watte gepackt. Dabei steht doch schon das nächst Konzert ins Haus: X-Mas-Zeit, schönste Zeit. Aber diesmal mit Zellstoff im Gehörgang.

Redakteur:
Wiebke Rost

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