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Music As A Weapon IV - Rutherford, New Jersey

27.04.2009 | 11:46

22.04.2009, Izod Center

DISTURBED liefern eine fantastische Show, die restlichen Bands werden von dem rücksichtslosen Publikum in Grund und Boden gemosht. Ein leicht bitterer Blick auf das Konzertgeschehen von heute.

Achtung, dies ist kein Livebericht im klassischen Sinne, denn ich hatte ursprünglich gar nicht vor, ihn zu schreiben. Er beinhaltet keine detaillierten Setlisten, denn ohne entsprechende Notizen kann ich mich nur vage an die Reihenfolge der Songs erinnern. Er wird auch kaum auf die Bühnenshows der beteiligten Bands eingehen, aus Gründen, die ich noch näher erläutern werde. Dieser Bericht ist vielmehr eine Momentaufnahme, eine Meinungsäußerung, vielleicht auch ein leicht bitterer Blick auf das Konzertgeschehen von heute aus der Sicht einer nicht mehr ganz so jungen, aber immer noch leidenschaftlichen Konzertbesucherin. Oder einfach nur das typische Verhalten einer POWERMETAL.de-Mitarbeiterin, die es einfach nicht lassen kann, nach einem Liveerlebnis trotz gegenteiliger Vorsätze in die Tasten zu hauen.

Ort des Geschehens: Rutherford, New Jersey. Das Einzige, was ich jemals von diesem knapp 18.000 Einwohner zählenden Ort auf der anderen Seite des Hudson Rivers gesehen habe, ist das Giants-Stadion (von außen) und das IZOD Center, eine dieser fürchterlichen Mehrzweckhallen, welche für Konzerte genutzt wird, für die der Madison Square Garden dann vielleicht doch noch eine Nummer zu groß ist. An diesem Mittwochabend macht hier die "Music As A Weapon"-Tour halt, eine Art reisendes Hallenfestival, das 2008 von DISTURBED ins Leben gerufen wurde. Auf einigen Stationen kommen zu den vier Hauptbands des Line-ups noch diverse Nachwuchs-Acts, Tattoo-Künstler und anderer Firlefanz dazu. In New Jersey dürfen die Tätowierer wegen irgendwelcher Regelungen des örtlichen Gesundheitsamts jedoch nur Autogramme geben (angeblich, gesehen habe ich sie nicht), und auf die zusätzlichen Bands verzichtet man vermutlich deshalb, weil unter der Woche niemand schon am frühen Nachmittag vor der Bühne stehen würde.

Die vierte Ausgabe des Festivals lockt neben dem Headliner DISTURBED mit KILLSWITCH ENGAGE, die ich bisher noch nie live erlebt habe, LACUNA COIL, deren neues Album mir entgegen der allgemeinen Kritik größtenteils sehr gut gefällt, und CHIMAIRA. Letztere sind mir ehrlich gesagt total egal. Ich finde ihre Form von "Modern Metal" oder wie auch immer die dazugehörige Schublade nun heißen mag weder gut noch schlecht. Ich könnte einfach locker ohne ihn leben.

Ob's nur am Wochentag liegt oder ob die schlechte Wirtschaftslage das Konsumverhalten drückt: Wirklich voll ist es nicht - ganz im Gegenteil. Der komplette obere Rang der Halle ist abgehängt, und auf dem unteren sind noch nicht mal die Hälfte der Sitzplätze belegt. Ich habe mich für eine Stehplatzkarte entschieden. Aber weil die Amerikaner gerne mit allem noch mehr Geld machen, gibt es auch hier zwei Bereiche: Die "VIP"-Karteninhaber dürfen bis vor der Bühne, der Rest (inklusive mir) muss in der hinteren Hallenhälfte bleiben. Die Sichtverhältnisse auf dieser u. a. auch für Basketballspiele genutzten großen Stehfläche sind entsprechend bescheiden, und dann kommen eben noch zusätzliche Probleme hinzu, auf die ich gleich näher eingehen werde.

Pünktlich um 19.00 Uhr betreten CHIMAIRA die Bühne, über die ich wegen der bereits erwähnten Total- egal-Haltung bestenfalls sagen kann, dass sie eine energievolle Performance abliefern. Glaube ich zumindest. Denn dank der Kombination CHIMAIRA plus KILLSWITCH ENGAGE ist ein größerer Teil des Publikums sehr jung und eben sehr dem Metalcore (nennt es, wie ihr wollt, ich nenne es so) zugeneigt. Und benimmt sich entsprechend. In unserer hinteren Hallenhälfte entsteht schnell der erste Circle Pit, dem man nur entgehen kann, wenn man sich fast vor die Ausgangstür stellt. Macht nix, ich will die Band ja eh nicht wirklich sehen.

Zu LACUNA COIL wage ich mich ein paar Schritte weiter vor, denn zu den doch eher sanften Melodien der Italiener wird bestimmt niemand moshen. Außerdem bin ich gespannt, wie die neuen Songs live rüberkommen, denn ich finde sie sehr eingängig und teilweise geradezu prädestiniert dafür, laute Mitsingchöre zu verursachen. Der Ortswechsel stellt sich jedoch schnell als Fehler heraus, denn ich befinde mich jetzt hinter einer Gruppe, die offensichtlich nicht wegen LACUNA COIL hier ist und zu meiner großen Überraschung das in Amerika allgegenwärtige Rauchverbot völlig ignoriert. Ich bin selbst Raucherin, und ich denke noch oft wehmütig an die Zeiten zurück, als ich Musik, Bier und Kippe gleichzeitig genießen konnte. Trotzdem käme ich nie auf die Idee, mir in einer amerikanischen Konzerthalle eine Zigarette anzustecken, weil die Security da normalerweise keinen Spaß versteht. Den Sicherheitsleuten hier scheint es völlig gleichgültig zu sein, auch wenn die Rauchschwaden weithin sichtbar über den Köpfen schweben. Und gerade als ich mir überlege, ob ich mir doch besser einen anderen Platz suchen sollte (weniger wegen des Rauchs, sondern wegen der desinteressierten Unruhe der Raucher), fangen irgendwelche Vollspacken mitten in einem relativ ruhigen Song einen Circle Pit an. Mir bleibt nichts anderes übrig, als wieder zurück vor die Hallentür zu gehen. Von der zierlichen Cristina sehe ich sowieso kaum was, die meisten Köpfe vor mir überragen sie locker.

Wie die Stimmung weiter vorne aussieht, kann ich nicht beurteilen, hier hinten sehe ich nur moshende Idioten und bin so genervt, dass ich das Konzert überhaupt nicht genießen kann. Wobei die Songauswahl auch nicht gerade glücklich ist. Von der neuen Platte finden gerade mal 'Spellbound' (die erste Singleauskopplung) und das angenehm poppige 'Not Enough' Einzug in die Setliste, dazu kommen drei Vertreter von dem eher mäßigen Album "Karmacode" plus 'Swamped' von "Comalies". Die riesige Bühne sieht dank des schwarzen Hintergrunds viel zu leer aus, noch nicht mal ein Bandlogo hängt dort. Meiner Meinung nach sind LACUNA COIL sowieso in kleineren Hallen besser aufgehoben, wo die Kommunikation mit den Fans leichter fällt. Vor allem aber scheint die wie immer mit charmanten Ansagen für sich einnehmende Frau Scabbia stimmlich etwas angeschlagen zu sein, denn so oft leicht daneben liegend habe ich sie noch nie gehört. Ich weiß insgesamt nicht, was mich mehr enttäuscht, das Konzert oder das Publikum. Mal schauen, was KILLSWITCH ENGAGE so draufhaben.

Vorwegnehmend muss ich sagen, dass ich kein allzu großer Fan der Formation aus Boston, Massachusetts, bin, weil mir die eigentlich sehr schönen hymnischen Refrains von Sänger Howard Jones langfristig zu konstruiert, zu ähnlich klingen. Aber grundsätzlich mag ich es etwas melodischer, und KILLSWITCH ENGAGE sollen ein guter Live-Act sein. Beurteilen kann ich das nach den nun folgenden 45 Minuten leider nicht, denn die Circle Pits werden noch aggressiver. Woran Mr. Jones nicht ganz unschuldig ist, inszeniert er doch nach drei oder vier Titeln eine (wenn auch recht harmlos ausfallende) Wall of Death, der man nur entgehen kann, wenn man auf dem bereits bewährten Platz kurz vor der Ausgangstür bleibt. Auf reinen Metalcore-Konzerten mögen das die Mehrzahl der Beteiligten ja lustig finden, inmitten von zwei sehr viel ruhigeren Acts grenzt es jedoch an Rücksichtslosigkeit. Denn die Metalcore-Fans können sich schon bei LACUNA COIL einen guten Platz in den vorderen Reihen sichern (und diesen durch sinnloses Gemoshe weiter ausbauen), während den Nicht-Moshern nichts anderes übrig bleibt als der Rückzug. Vielen Dank auch, ich hätte eigentlich gerne ein bisschen mehr von dem Bühnengeschehen mitbekommen, auf das ihr vor lauter Mit-Anlauf-Ineinanderrennen sowieso nicht achtet. Und nicht nur durch den Aufruf zur Todesmauer sammelt Howard bei mir Minuspunkte. Ich lasse mich als Frau nämlich nicht gerne auf das Vorhandensein von Titten reduzieren.

Ach ja, die Songs. Sauber gesungen hat er, und der bei den vorherigen Bands noch recht dumpfe Sound ist inzwischen auch um einiges besser. Mein persönliches Highlight ist neben 'My Last Serenade' das 'Holy Diver'-Cover, auch weil ich nicht umhin komme, mich zu fragen, wie viele der (jungen) Anwesenden überhaupt wissen, dass es sich hier um ein Cover handelt. Auch sind KILLSWITCH ENGAGE die erste Band, die etwas fürs Auge bietet, obwohl dieses Leuchtband knapp überm Schlagzeug angesichts der Bühnenausmaße ziemlich mickrig wirkt. DISTURBED halten ihre Opener offenbar bewusst klein, damit sie hinterher umso mehr klotzen können.

Das ist aber auch schon der einzige Kritikpunkt, den ich an den Headlinern habe, denn wundersamerweise wird von jetzt an alles gut. Die Moshis haben sich ausgetobt und liegen entweder kaputt in irgendeiner Ecke oder sind gegangen. Dafür übernehmen die Frauen das Feld, überall um mich herum stehen plötzlich begeisterte, tanzende Mädels. Dass die beiden nur knapp die Ein-Meter-fünfzig-Marke streifenden Mexikanerinnen neben mir ihrer Begeisterung gar zu oft durch lautes Kreischen Ausdruck verleihen, nehme ich gerne hin, solange dafür weit und breit kein pöbelnder Mob mehr in Sicht ist. Zum ersten Mal an diesem Abend kann ich mich entspannen und auf die Musik konzentrieren, und am Ende hat es sich dann doch noch gelohnt, mitten in der Woche nach Rutherford, New Jersey, gefahren zu sein.

Denn obwohl David Draiman das männliche Äquivalent einer Diva darstellt, weiß er sich verdammt gut zu inszenieren. Beim Intro schwebt er auf einer riesigen, langsam von der Decke heruntergelassenen Scheibe auf die Bühne, in der die Symbole sämtlicher Weltreligionen miteinander verschmelzen. Später wird der seinen eigenen Glauben offenbar nicht ganz ernst nehmende Jude predigen, dass auf einer DISTURBED-Show alle Menschen willkommen sind, unabhängig von ihrer Religion oder Hautfarbe. Und auch wenn ich so etwas grundsätzlich für aufgesetztes Geschwätz halte: das (auf hiesigen Metalkonzerten sonst überwiegend weiße) Publikum ist tatsächlich verhältnismäßig "bunt".

Den Bühnenhintergrund dominieren eine Leinwand, auf der die jeweils zum aktuellen Song passenden CD-Cover eingeblendet werden, sowie ein erhöhter Laufsteg, den David gerne und ausgiebig nutzt. Viel witziger ist jedoch, wie Bassist John Moyer einmal reichlich unbeholfen darüberschlurft, während sein Kollege an der Gitarre, Dan Donegan, sein Solo doch etwas effektvoller über den Köpfen der anderen inszeniert. Permanente Höhenluft genießt Schlagzeuger Mike Wengren, befindet sich sein Drumkit doch knapp unter der Leinwand.

Aber der Star der Show ist Draiman, der sich gesanglich in absoluter Topform präsentiert, und auch die nachfolgende, von einer früheren Show übernommene Setliste (sie dürfte in etwa stimmen), lässt keine Wünsche offen. DISTURBED verstehen es, völlig ohne Circle Pit, Wall of Death und unter die Gürtellinie zielende Ansagen dafür zu sorgen, dass jeder der Anwesenden eine gute Zeit hat. "Music As A Weapon" heißt diese Tour schließlich, und die musikalische Waffe dieser Formation aus Chicago, Illinois, ist schlagkräftiger als jede Faust.

Apropos Faust: 'Ten Thousand Fists', einer der meiner Meinung nach besten "ersten Songs" einer Platte überhaupt, wird völlig zu Recht erst kurz vor der Zugabe gespielt, und auf dem Laufsteg wird es plötzlich ganz schön eng, als zahlreiche Fans dort oben ihre Fäuste gemeinsam mit dem Rest der Anwesenden in die Luft strecken dürfen. So divenhaft sind DISTURBED dann wohl doch nicht, wenn sie bereit sind, die Bühne mit uns Normalsterblichen zu teilen. Zum finalen 'Down With The Sickness' taucht David sogar auf einer Hebebühne mitten im Publikum auf, fast genau vor meiner Nase, und setzt damit einen sehr gelungenen Schlusspunkt.

Was ich aber eigentlich mit diesem Bericht sagen will: Zu Anfang meiner persönlichen Konzertkarriere (inzwischen ca. 15 Jahre her) ging man nach meiner Erinnerung rücksichtsvoller miteinander um. Gepogt wurde vor der Bühne, und etwas weiter hinten standen die, die einfach nur die Musik genießen möchten. Dass man hier und da mal die Haare seines headbangenden Vordermanns ins Gesicht bekam, störte nicht weiter, und selbst auf Death-Metal-Konzerten habe ich immer ein Fleckchen mit guter Sicht gefunden, auf dem ich mich nicht körperlich bedroht fühlen musste. Seitdem es jedoch Metalcore gibt, werde ich mir künftig wohl zwei Mal überlegen, ob ich noch mal auf ein Konzert gehe, in dessen Billing sich mindestens eine Metalcore-Band befindet. Ich weiß nicht, ob's an dem Tofu oder den Kräutertees liegt, die vermutlich in rauen Mengen von den in diesem Genre angeblich stark vertretenen Straight-Edgern konsumiert werden, dass die Worte "gegenseitige Rücksichtsnahme" dort aus dem Sprachsatz verschwunden sind.

Setlist (nicht von dieser Show, aber vermutlich identisch):
Voices
Liberate
Just Stop
Prayer
Meaning Of Life
Land Of Confusion
The Night
Remember
Stupify
Medley: Hell/Shout (TEARS FOR FEARS-Cover)/Criminal/Deify
The Game
Inside The Fire
Stricken
Ten Thousand Fists
----
Indestructible
Drum Solo
Down With The Sickness

Redakteur:
Elke Huber

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