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NIGHTWISH - Stream

31.05.2021 | 19:08

28.05.2021, The Islanders Arms

Die Finnen spielen in der virtuellen Taverne des weiten, weiten Web.

Ist ja auch ein bisschen blöd, nicht wahr? Da produziert man eine neue Scheibe, an der man Jahre gearbeitet hat, und dann kann man sie nicht live unterstützen. Und Metal ist nun einmal eine Livemusik.

Zahlreiche Bands haben mit Streams aus Proberäumen, Kneipen oder mehr oder weniger geräumigen Besenkammern versucht, eine Ersatzdroge für das Konzerterlebnis zu liefern, mal kostenfrei, mal gegen Spenden, mal musste man ein Ticket kaufen. Besonders erwähnenswert war das virtuelle Wackenfestival Wacken World Wide letztes Jahr, als man zwischen Filmen und Studioauftritten auf einer virtuellen Bühne wechselte. An dieses Prinzip erinnert auch der Auftritt von NIGHTWISH, nur setzt die finnische Band noch einen drauf.

Doch zuerst einmal ein paar Worte zu den Rahmenbedingungen. Ursprünglich hatte NIGHTWISH im Herbst 2020 auf Tour gehen wollen, aber natürlich fiel selbige komplett aus. Also reifte bereits früh die Idee, eine Show im Stream zu veranstalten, allerdings wurde diese Show dann nochmal von März auf Mai verschoben. Auch das Prinzip hat sich etwas geändert, denn ursprünglich hatte man vorgehabt, die Zuschauer als Avatare beiwohnen zu haben, was schlussendlich nicht der Fall war. Auch wollte man ein echtes Erlebnis bieten, sodass ein Ticket für eine Show 36 Euro kostete. Doch jetzt genug der Vorrede, wie war es denn nun eigentlich?

Der Auftakt zum ersten Konzert war etwas holprig. Vor dem Konzert gab es eine VIP-Show, die Teil eines VIP-Packages war, das viele Goodies beinhaltete. Die VIP-Show entpuppte sich nach einer zehnminütigen Verspätung als ein zwanzigminütiges Interview mit Bassmann Jukka Koskinen, womit auch das Rätsel gelöst war, wer für den ausgestiegenen Marko Hietala den Tieftöner übernehmen würde, nicht nur virtuell, sondern auch auf der hoffentlich 2022 stattfindenden Welttournee.

Nach einem schönen Film, der leider ohne Ton ablief, während er vor der VIP-Session noch mit einer Geräuschkulisse aus Disney-Wal und Gedudel aus der Esoterik-Ecke ausgestattet war, geht die Show pünklich los. Ein Zeichentrick-Steampunk-Luftschiff, das, wie man später sehen konnte, "Spirit Of Punk" heißt, schwebt zu einer Insel an einem riesigen Wasserfall, auf der ein Leuchtturm mit wasserkraftgetriebenem Rad steht, dem eine Taverne angeschlossen ist, das "Islanders Arms". Als die Band dann im virtuellen Konzertraum steht, während man eigentlich vor einer grünen Wand agiert, merkt man den Musikern eine gewisse Nervösität deutlich an. 'Noise' macht den Anfang und löst schon mal die Versprechung ein, dass man heute neue Lieder zu hören bekommen würde, die die Band noch nie live hatte spielen können. Blickfang ist natürlich Floor Jansen, die nicht nur ob ihrer Präsenz, die durch ihre erhebliche Körpergröße unterstützt wird, sondern auch aufgrund ihrer Steampunk-Kleidung die Blicke auf sich zieht.

Danach folgt mit Planet Hell vom Album "Once" ein älterer Song und dann wieder etwas von "Human II Nature", nämlich 'Tribal'. So weit, so vorhersehbar, auch wenn ich nicht mit 'Planet Hell' direkt gerechnet hätte. Der Sound ist natürlich klasse, die Musiker beginnen auch, etwas aufzutauen, aber zwischen den einzelnen Liedern schwenkt die virtuelle Kamera entweder durch den Innenraum der digitalen Musik-und-Lotsen-Kathedrale oder zeigt die Umgebung mit den besagten Wasserfällen und dem Luftschiff. Die Animationen sind gut, etwa auf dem Niveau moderner Videogames, ohne für sperrangelweite Münder zu sorgen. Meiner Ansicht nach ist das mehr als genug, denn eigentlich soll es ja um die Musik gehen. Wobei die immergleichen Ansichten, bei denen die Jahreszeiten wechseln und einmal sogar gelbes Wasser den Fall hinunterrausch, als ob eine Herde aus Millionen Rentieren sich simultan in den Byte-Strom erleichtert hätte, irgendwann an Reiz verlieren.

Tatsächlich ist es das, was mir am meisten fehlt, nämlich die Interaktion mit dem Publikum. NIGHTWISH hat sich entschlossen, auf Ansagen zu verzichten, was ich als misslungen ansehe. Hier hätte man thematisch eine Klammer setzen können, den Fans an den Schirmen der Welt einen, wenn auch natürlich aufgesetzten, persönlichen Einblick in Band und Schaffen geben können, auch gerne nur akustisch, anstatt sie in völliger Stille dem Grafikkarten-Wasserfall zusehen zu lassen.

Musikalisch lässt man dagegen nichts anbrennen. 'Elan', 'Storytime' und 'She Is My Sin' klappern drei weitere Alben der Band ab, indem Lieder der Alben gespielt werden, die gut zum aktuellen Sound und Thema passen. NIGHTWISH hat sich im Vorfeld Gedanken gemacht um die Dramaturgie und eine Setliste geschaffen, die fließt und miteinander harmoniert. Besonders auffällig ist, dass auch die Phase mit Anette Olzon nicht ausgeklammert wird, sondern sogar mit vier Liedern sehr prominent integriert wird, und der Auftritt damit einen schönen Querschnitt durch das Schaffen der Band abbildet. Ja, wohl dem, der eine grandiose Sängerin wie Floor Jansen in der Band hat.

Während der Lieder verändert sich natürlich auch das Innere des Auftrittsraumes, Blumen sprießen oder der große Baum hinter Keyboarder und Bandkopf Tuomas Holopainen ändert seinen Charakter, die Vorteile des virtuellen Raumes werden genutzt, ohne zu dominieren. Dass das Ganze einen erheblichen Kitschfaktor hat, versteht sich von selbst, aber das passt eben auch zu NIGHTWISH. Nein, nix "Spirit of Punk", und das ist gut so.

Nach ein paar Liedern tauen die Künstler dann auch langsam auf. Man lächelt sich an, Aushilfsbassist Jukka geht mal ein paar Schritte und Gitarrist Emppu Vuorinen verlässt auch mal seinen Platz. Schlagzeuger Kai Hahto ist ja sonst nicht so deutlich sichtbar, spielt aber mit Freude sein Instrument, nur sieht er immer so aus, als müsste er gleich gähnen. Das ist eben sein Konzentrationsausdruck, aber es irritiert mich dennoch immer wieder. Der einzige Brite in der Reihe der Nordlichter ist Troy Donockley, der mit seinen wechselnden Instrumenten genauso punktet wie mit seinem Gesang. Ab und an klingt es im Duett mit Floor nicht ganz perfekt, was der Performance eine angenehme Atmosphäre verleiht und einen leichten Live-Charakter gibt.

Auch wenn es keine Ansagen gibt, versucht sich die Band noch in einem kleinen Anflug von Humor, als Floor ankündigt, jetzt erst einmal etwas zu trinken zu benötigen und ankündigt, sich zur Bar zu begeben. Ob noch jemand etwas wolle? Klar, und so verschwinden einige ins digitale Off, während Tuomas und Emppu einen Solopart hinlegen. Weitere Highlights des Auftrittes sind eine akustische Version von 'How's the Heart'? und die beiden Kracher 'Bless the Child' und 'Nemo' direkt hintereinander, doch eine große Überraschung hat man sich für das Ende aufgehoben, denn es folgt 'The Greatest Show on Earth' vom vorletzten Album "Endless Forms Most Beautiful" in seiner beinahe ganzen Pracht. Ich muss zugeben, dass ich nicht ganz sicher bin, wo gekürzt wurde, es war aber ein paar Minuten kürzer. Ich habe nichts vermisst, also denke ich, am Ende wurde etwas weggelassen, als 'All the Works of Nature Which Adorn the World: VIII. Ad Astra' vom Band eingespielt wird und die Band auf dem Boden sitzt und sichtlich zufrieden und bestimmt auch etwas erleichtert das Ende des Auftritts zelebriert.

Nach beinahe 110 Minuten, wenn ich richtig auf die Uhr gesehen habe, endet der Livestream. Ja, das war sehenswert, auch wenn ich ein paar Verbesserungsvorschläge hätte, die es für mich persönlich noch sehenswerter gemacht hätten, allem vorann die Stille zwischen den Songs zu füllen. Aber NIGHTWISH ist es gelungen, mehr zu bieten als einfach einen Konzertstream, nämlich einen durchgestylten Auftritt mit einer toll ausgesuchten Setliste und ab der Mitte des Konzerts, nach dem Ablegen der ersten Nervosität, auch einer wirklich ansteckend gut gelaunten Band, die ihren Status als eine der ganz großen im Metal unterstreicht. Mal sehen, wie das zweite Konzert werden wird!

Setliste: Noise; Planet Hell; Tribal; Élan; Storytime; She Is My Sin; Harvest; 7 Days to the Wolves; I Want My Tears Back; Bless the Child; Nemo; How's the Heart?; Shoemaker; Last Ride of the Day; Ghost Love Score; The Greatest Show on Earth

Redakteur:
Frank Jaeger

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