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Nevermore - Frankfurt

01.10.2003 | 05:59

25.09.2003, Batschkapp

Ähnlich wie einen Tag zuvor in Hamburg waren auch die Konzertbesucher in Frankfurt die Leidtragenden der krankheitsbedingten Absage von ARCH ENEMY - doch hier hatten die Veranstalter schnell geschaltet und mit COURAGOUS aus dem Hessenlande einen, wie sich herausstellen sollte, mindestens adäquaten Ersatz präsentiert. Zwar bekam der Fünfer erst gegen 16.00 Uhr den Bescheid, dass man bereits gegen 19.00 den Sound-Check machen müsste, aber für all diese Hektik, den Stress und vor allem die Aufregung, vor ihren Idolen spielen zu können, machten die Jungs ihre Sache richtig gut. Dazu gleich mehr.
Bis zum Einlass um kurz nach acht Uhr drängte sich bereits eine ordentliche Menge vor der Batschkapp, welche später mit schätzungsweise 600 zahlenden Nasen ausverkauft gewesen sein dürfte - die genaue Anzahl ließ sich aus der ersten Reihe ein wenig schlecht abschätzen. An dieser Stelle noch kurz die Preisverleihung im Marathon-Pinkeln für den Fan, dem die lange Zeit bis zum Einlass in Verbindung mit dem Konsum von Gerstensaft offensichtlich sehr zu schaffen machte. Daraufhin verzog er sich ins Gebüsch direkt neben dem Haupteingang und entleerte für eine rekordverdächtig lange Zeit seine malträtierte Blase, sehr zur Belustigung der wartenden Menge. Reife Leistung. Der Unerwartet-Freundlich-Preis geht an die Security der Batschkapp, die normalerweise eher durch Schrulligkeit als durch Hilfsbereitschaft auffällt. An diesem Abend kümmerte man sich jedoch vorbildlich um den Rollstuhlfahrer (den es noch die Treppen hochzubefördern galt), auch der Umgangston mit den anderen Besuchern war erstaunlich locker und freundlich. Gerne mehr davon.

Nach dem Einlass war es ein Leichtes, einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern, da die meisten Besucher mittlerweile von der Absage von ARCH ENEMY erfahren hatten und dem Ersatz offensichtlich noch nicht so ganz trauten. Bis zum Beginn des COURAGOUS-Auftritts war die Halle lediglich mäßig gefüllt, was sich dann allerdings schnell ändern sollte.
Die Truppe um Fronter Chris stieg mit 'Remember' vom gleichnamigen, noch aktuellen Output gleich sehr ordentlich und vor allem heftig in das Geschehen ein. Die gesamte Band konnte einen gewissen Grad an Nervosität nicht leugnen, aber gerade Sänger Chris überspielte diese mit seinem gewohnt schrägen Stageacting und frechen Ansagen wie "Das hier soll 'ne ausverkaufte Halle sein?!", worauf viele Anwesende auch mit einem erhöhten Lärmpegel reagierten. Nicht wirklich einfacher wurde die Situation für COURAGOUS durch die Tatsache dass Basser Jürgen erkrankt war - hier hatte man mit Roadie Daniel (Spitzname "Jesus") aber einen Ersatz parat, der seine Sache natürlich nicht so frickelig-filigran wie Jürgen erledigte, dafür aber bei solch einem großen Gig sehr solide und abgeklärt - Respekt.
Weitere Highlights des wirklich energiegeladenen Gigs waren 'Sudden Death', 'Nothing' und der Überhammer 'Listen', der natürlich bei keinem COURAGOUS-Gig fehlen durfte. Absolute Bestnoten verdienten sich neben Chris noch Gitarrero Oliver und Drummer Jan, insbesondere Letzterer hatte während des gesamten Gigs deutlich Spaß und wusste das mit einem Dauergrinsen darzustellen.
Am Sound und der Songauswahl gab es nichts, aber auch gar nichts zu bemängeln, und die äußerst professionelle Darbietung der nun wirklich nicht einfachen Kompositionen sollte auch die letzten Skeptiker davon überzeugt haben, dass diese Band einen Deal nicht nur verdient hat, sondern sich diesen vor allem auch endlich erarbeitet hat. Der Schrei eines Fans zum Schluss - "Die waren ja viel besser als ARCH ENEMY!" - spricht dann deutliche Worte und setzt ein fettes Ausrufezeichen hinter einen erneut grandiosen Auftritt. Danke, Jungs!

Setlist COURAGOUS:

Remember
Sudden Death
Invisible
Scared
Nothin'
Rebirth
Listen


Nach einer noch einigermaßen kurzen Umbaupause fegten dann NEVERMORE mit 'Inside Four Walls' auf die Bühne - und solch eine fanatische, ausgelassene, überkochende und trotz allem friedliche (!) Stimmung habe ich noch nie in der Batschkapp erlebt. Das Publikum feierte Warrel & Co. nach allen Regeln der Kunst ab, Songs wurden Zeile für Zeile mitgesungen, und Warrel sah sich sogar zu einem freundlichen "Shut up!" genötigt, um überhaupt mal zu einer Ansage kommen zu können. Mit 'Never Purify' kam dann der erste Song von "Enemies Of Reality" zum Zuge - es sollten insgesamt lediglich fünf neue von insgesamt sechzehn Songs gespielt werden -, bevor es mit 'Sea Of Possibilities' sogar zurück in selige Debut-Zeiten ging. Spätestens hier konnte man sich einer wachsenden Gänsehaut nicht mehr erwehren, das hier war nicht nur Musik auf allerhöchstem Niveau, sondern vor allem auch verdammt viel Gefühl.
Die Jungs aus Seattle fühlten sich sichtlich wohl auf der Bühne, Aktivposten war neben Warrel, der nicht nur mal wieder Derwisch spielte, sondern sich auch viel um das Publikum in den ersten Reihen kümmerte und Basser Jim Sheppard, der des öfteren als Bier-Ausschenker tätig wurde, auch Tour-Mitglied Steve Smyth (TESTAMENT) an der zweiten Klampfe, der teilweise sogar vergessen ließ, dass sich da ja noch irgendwo auf der Bühne Jeff Loomis hinter seinen Locken versteckte.
Mit dem Doppelpack 'Lost' und 'In Memory' kramten NEVERMORE weitere, verloren geglaubte Perlen aus der Schatztruhe der älteren Alben, bevor mit 'Narcosynthesis' die sprichwörtliche Hölle im Publikum losgetreten wurde.
Trotz einer prall gefüllten Halle hielten sich Drängeleien in den ersten Reihen in erträglichen Grenzen, und besonders schön anzusehen war die Tatsache, dass sich ständig Stagediver auf der Bühne einfanden, welche ohne jegliches Eingreifen von Security-Menschen und ohne irgendwelche Zwischenfälle nach ein paar Sekunden wieder in der Menge verschwanden - es geht doch. Warrel freute sich dabei sichtlich über die doch recht zahlreichen weiblichen Bühnenhopserinnen, auch wenn einige sein Angebot zu einem Gesangs-Duett dankend ablehnten. Hier übrigens noch ein fetter Bonuspunkt für das kultige KRISIUN-Shirt des Herren Dane.
In punkto Sound gab es wie beim friedlichen Verhalten des Publikums absolut nichts zu meckern: In der ersten Reihe waren sämtliche Instrumente klar und druckvoll zu vernehmen, lediglich Warrels Vocals und Loomis' Soli gingen teils ein wenig unter. Im großen und ganzen aber machte die Batschkapp ihrem Ruf als Sound-Festung wieder alle Ehre.
Eine tolle Idee war es dann, Jim Sheppard auf einem Drum-Hocker zu positioneren, dieser spielte dann das Intro zu 'Dead Heart In A Dead World', welches dann plötzlich in 'The Heart Collector' umschwenken sollte - geil.
Die letzten Highlights setzen dann die 'Seven Tongues Of God', die zweite Hammerballade an diesem Abend, 'Tomorrow Turned Into Yesterday' und die abschließende Zugabe 'The Sound Of Silence'. Auch wenn die versammelte Meute NEVERMORE bestimmt noch eine Stunde hätte spielen lassen verzog man sich dann recht schnell und äußerst glücklich in Richtung Ausgang.
Ich hätte ehrlich gesagt nicht mal 'ne Zigarette darauf verwettet dass NEVERMORE an diesem Tag oder allgemein auf dieser Tour so viel altes Material spielen würden - und wurde dann mehr als positiv überrascht. Zusammen mit diesem Klasse-Publikum, der genialen Setlist und der tollen Performance jedes einzelnen Bandmitglieds bin ich mir sicher, hier eines der besten Konzerte der letzten Jahre erlebt zu haben. Dafür eine tiefe Verbeugung in Richtung Seattle.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zur Batschkapp: Auch wenn man eurem Security-Personal anscheinend das Wort "Freundlichkeit" etwas näher gebracht hat, so fragt man sich doch manchmal, was sich einige andere Leute denken. An der Theke gab's nach dem Konzert für einen schmutzigen (soll passieren auf Konzerten) Becher keinen Pfand, und was Neues zu trinken gab's mit einem brüsken "Gibt nix mehr, wir ham zu!" - wohlgemerkt direkt nach Konzertschluss - auch nicht. Da braucht man sich dann doch nicht mehr zu wundern, wieso sich die Batschkapp nicht als Metal-Location im Rhein-Main-Gebiet durchsetzen konnte. Da geh' ich auch lieber nach Langen oder Münster-Breitefeld. Da gibt's auch keine aggressiven Bühnentechniker (ich hab' dich auch gern, Junge).

Setlist NEVERMORE:

Inside Four Walls
Never Purify
Sea Of Possibilities
Lost
In Memory
Narcosynthesis
Dead Heart In A Dead World-Intro / The Heart Collector
Ambivalent
Enemies Of Reality
The River Dragon Has Come
Seven Tongues Of God
Tomorrow Turned Into Yesterday
--------------
Who Decides
Engines Of Hate
The Sound Of Silence

Redakteur:
Rouven Dorn

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