No Mercy-Festival - Berlin

10.04.2007 | 13:51

03.04.2007, Postbahnhof

Dienstag, 18.00 Uhr – viel zu früh, um einen Metalabend mit insgesamt fünf Bands in Berlin zu beginnen. Das undankbare Los des Openers trifft in diesem Falle ROOT aus der Tschechischen Republik, was der düsteren Theatralik des charismatischen Frontmanns Jiří "Big Boss" Valter jedoch keinen Abbruch tut. Mit langem Mantel und netzartig bemalter Glatze beherrscht er die okkulte Bühnenshow der Tschechen. Auch wenn dieser Tage mit "Daemon Viam Invenient" ihr nunmehr achtes Album die Dunkelheit der Welt erblickt, sorgt der midtempolastige Dark Metal mit eingestreutem Klargesang bei den wenigen Anwesendenden allenfalls für mitwippende Fußspitzen und überschaubaren Reaktionen am Ende der halbstündigen Gruselrunde.
[Thomas Fritzsch]

Szenenwechsel: Drei Propeller an den Saiten trotzen dem MOONSPELL-Banner, das bereits hinterm Schlagzeug dräut. Trotz des spärlichen und zudem stoischen Publikums spielen DEW-SCENTED ihr Set nicht einfach runter, wirken dadurch allerdings fast überengagiert. "Ist noch ein bisschen früh für euch, aber darauf können wir keine Rücksicht nehmen", warnt Sänger Leif Jensen mit heiserer Sprechstimme vor 'Cities Of The Dead'. Mit 'Vanish Away' gibt es Thrash ohne Klimbim und etwas vom quietschneuen Album zu hören, das zu diesem Zeitpunkt seit drei Tagen zu haben ist. Was nach jüngsten Konzerterlebnissen bemerkenswert ist: Sogar die Lead-Gitarre ist live gut zu hören, wofür dem Tonmann Lob gebührt. Das gleichfalls neue 'That's Why I Despise You' soll der neue DEW-SCENTED Drummer Andi "aus der Berliner Szene" sodann besonders fies hauen, erhofft Leif sich davon doch "local support". Das wird leider nichts. Bei 'Soul Poison' und 'Bitter Conflict' stellt sich eine ketzerische Frage: Ist anständiger, von Kinkerlitzchen unverdorbener Thrash Metal etwa wie Coca-Cola? Beides schmeckt überall gleich, und dem Konsumenten gefällt es oder nicht - dazwischen gibt es nichts. Ein zunächst ignorierter Stromausfall, der Gitarre und Mikro lahm legt, reißt aus der Kontemplation. Doch bei 'Acts Of Rage' stimmt der Sound wieder und das Gitarren-Solo kommt ordentlich im mittlerweile gut angewärmten Publikum an - selbst wenn DEW-SCENTED eher unzufrieden sind ...
[Gretha Breuer]

... wovon Teile des Publikums freilich nichts mitbekommen. Wohlgemerkt, es ist gerade kurz nach 19.30 Uhr, als BEHEMOTH beginnen. Irrsinn, diese Zeit ...
[Henri Kramer]

Hörner ertönen und vier weiß geschminkte Düstermänner erklimmen die Bühne, auf der zwei überdimensionale polnische Adler prangen. Nahtlos geht das Intro in 'Demigod' über und die Kampfmaschine BEHEMOTH setzt sich mit tödlicher Präzision in Bewegung. Nach drei Monaten Studioarbeit am neuen Album "The Apostasy", welches im Juli veröffentlicht werden soll, genießen die Polen augenscheinlich die Freiheiten der Bühnenshow - rotierende Köpfe zu jeder Gelegenheit. Dabei hält man sich nicht nur am vorherigen "Demigod"-Output fest, sondern streut mit 'Antichristian Phenomenon' oder 'Christians To The Lion’ auch Titel der "Thelema.6"-Phase ins Set. 'Summoning (Of The Ancient Ones)' - eigentlich eine Black-Metal-Nummer vom "...From The Pagan Vastelands"-Demo - wird in aktuelles Soundgewand gekleidet und mutiert zum bangkompatiblen Death-Thrash-Kracher. Das von der "Zos Kia Cvltvs"-CD bekannte Intro leitet dann zu wabernd roten Lichtern 'As Above So Below' ein, welches sich zäh zur hämmernden Double-Bass aus den Boxen windet. Nergal ist dabei so konzentriert am Werk, dass er sichtlich erschrocken auf den Bühnen-Enterer reagiert, welcher darauf gleich mit Security von der Bühne eskortiert wird. Wie üblich beschließt 'Chant for Eschaton 2000' die BEHEMOTH-Show, diesmal aber ohne Cyborg-Verkleidung und "Demigod"-Maske und mit dem Hinweis auf die nun folgenden NAPALM DEATH - "They kick ass - promise" ...
[Thomas Fritzsch]

... und Ärsche versohlen, das konnten NAPALM DEATH schon immer. Obwohl dieses Mal ein gar klassisches Intro das Gemetzel einleitet. Die Songs sind bekannt. 'Suffer The Children' und Neuheiten vom "The Code Is Red, Long Live The Code"-Album wechseln sich fulminant ab. Wie immer ist Frontmann Barney Greenway der Kulminationspunkt des optischen Interesses: Mit seinen abgehackten, aber sehr dynamischen Bewegung erinnert er einmal mehr an einen Mann, der gerade mit Inbrunst in eine Steckdose greift und dabei tanzt. Dazu kommt der Vorteil, den NAPALM DEATH bei ihren Shows immer haben: Die Songs sind so kurz und überschaubar, dass kaum Langeweile entstehen kann. Als ein Higlight geht das CELTIC FROST-Cover 'Procreation Of The Wicked' durch, das NAPALM DEATH in unverschämte Brutalitätshöhen heben. Auch 'Breed To Breathe' siedelt sich in dieser Liga an. Außerdem zeigt sich bei dem Song, wie freundlich die englische Kultband immer noch zu ihren Fans ist: Einer dieser positiv Verrückten darf sogar den Refrain des Songs ins Mikro von Mr. Greenway brüllen. Allerdings sind es nicht allzu viele Zuschauer, die NAPALM DEATH potentiell bedienen können. Im kleinen Club des Postbahnhofs haben sich nämlich nur maximal 200 Leute eingefunden, die Lust auf das Konzert haben. Und nur gut 50 Prozent dieser Menge hat richtig Lust aufs Bangen - und auf das schwierige Geschäft des Von-der-Bühne-Springens. NAPALM DEATH geben sich allerdings alle Mühe, zumindest diese Schar bei Laune zu halten: Schon allein der Hammersound von Halbglatzen-Bassist Shane Embury ist eine Offenbarung. Dazu huldigen NAPALM DEATH in der letzten Viertelstunde des Gigs noch ausführlich ihren ersten Alben: Songs wie 'Life' oder 'The Kill' sind einfach nur geil und geben dem Rückenaufdruck des Shirts von Schreihals Greenway einen Sinn: Dort steht "Build To Grind". Ja.

MOONSPELL können als letzte Band des Abends an die recht positive Stimmung nach NAPALM DEATH anknüpfen. Wie ihre Vorgänger wählen sie ein äußerst orchestrales Intro, das der bullige Drummer Mike mit wuchtigen Schlägen auf sein Schlagzeug untermalt. Danach steigen sie in ihre neuere Schaffensphase ein: 'Finisterra' zeigt, dass MOONSPELL ihren Abend dem härteren Teil ihrer Karriere widmen wollen. Dazu haben sie noch einige Ventilatoren an den Rand der Bühne gestellt: Den langen Haaren ihrer Gitarren- und Bass-Fraktion gefällt das sichtlich. Ebenso auffällig ist die Lebensfreude, die Sänger Fernando trotz leicht schwarz geschminkter Augen an den Tag legt: Der Typ ist ständig in Bewegung, den Mikrofon-Ständer schwenkend kündigt er nach der Hälfte des Sets einen echten Killersong an: 'Everything Invaded' knallt noch mehr als zuvor 'Opium' oder 'Awake!'. Später darf noch dem Klassiker 'Vampiria' gelauscht werden, ehe mit 'Alma Mater' der MOONSPELL-Song überhaupt intoniert wird. Gerade da fällt auf, wie perfekt es MOONSPELL auf der Bühne verstehen, sich selbst zu inszenieren - mit düsterem Licht, viel moshiger Energie und dem theatralischen Auftreten von Fernando bekommen die vielen ausrastenden Fans einiges an Stoff für spätere Träume geboten. Den berückenden Auftritt schließt 'Full Moon Madness' ab, bei dem Fernando selbst die Drum-Sticks in die Hand nimmt und derbe auf die Becken des Schlagzeugs schlägt. Wie ein Besessener ... es ist ein schönes Finale eines schicken Abends - der allerdings die Frage zulässt, ob die No Mercy-Festivals in dieser Form noch zeitgemäß sind. Schließlich muss ein potentieller Konzertgänger, der normal arbeitet, sich ganz schön sputen, um alle Bands zu sehen. Viele schaffen dieses Kunststück nicht - und zahlen trotzdem den vollen Preis von etwa 25 Euro. Weniger ist manches Mal mehr.
[Henri Kramer]

Redakteur:
Henri Kramer

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