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RIVERSIDE und LESOIR - Worpswede

23.08.2019 | 13:29

24.07.2019, Music Hall

Musik, die alte Männer wieder jung werden lässt.

Da RIVERSIDE seit dem Erscheinen von "Anno Domini High Definition" 2009 einen festen Platz in der Liste meiner Lieblingsbands hat und ich die Truppe aber bisher noch nie live zu Gesicht und Gehör bekommen habe, ist dieses Konzert nun einfach ein Pflichttermin für mich. Dafür wurde sogar eigens der Dänemark-Urlaub etwas früher als geplant beendet, um es noch rechtzeitig ins niedersächsische Worpswede zu schaffen. Das Örtchen war mir nicht nur deshalb bekannt, weil es sehr nah an meiner ursprünglichen Heimat liegt, sondern auch, weil es sich als Künstler-Dorf wenigstens deutschlandweit einen Namen gemacht hat; die Location in der sich unsere heutigen Künstler einfinden, war mir dennoch bis dato unbekannt. Zu Unrecht, ist doch die von einem Verein betriebene Music Hall ein gar nicht einmal sehr kleiner Veranstaltungsort mit einem herrlichen Charme, welcher der anstehenden Veranstaltung voll und ganz gerecht wird; dazu eine große Bar mit kurzen Ansteh-Zeiten und mehr als moderaten Bierpreisen: Hier komme ich gerne mal wieder hin.

Als erstes auf die Bühne tritt aber zunächst die niederländische Combo LESOIR. Ich muss gestehen, mich im Vorwege nicht über die Band informiert zu haben und weiß somit auch nicht, was mich wohl erwarten wird; das ausufernde Pedalboard des Lead-Gitarristen lässt jedoch bereits Ambitioniertes erhoffen. Eigentlich sollte hier ein Quintett auf der Bühne stehen, aber da Gitarristin und Backgroundsängerin Eleen Bartholomeus sich in ihren Flitterwochen befindet, wurde kurzerhand die kleine Schwester von Sängerin Maartje Meessen für die Vocals und der ehemalige Basser der Band - Ingo Jetten - für die Gitarre rekrutiert. Dass dieses Sextett aber eigentlich gar nicht regelmäßig zusammen spielt, fällt dem unbedarften Hörer und Zuschauer heute aber gar nicht weiter auf, denn von Anfang an sind alle Akteure mit Herzblut bei der Sache und können das Publikum so schon mit dem ersten Song von sich überzeugen. Insbesondere Gitarrist Ingo Dassen ist mit einer so enormen Spielfreude präsent, dass man gar nicht viel anderes kann, als diese Band toll zu finden. Insgesamt wird hier eine schöne Prog-Art-Rock-Mischung dargeboten, die ganz offensichtlich bestens dafür geeignet ist, das Publikum auf den Headliner vorzubereiten, denn nach jedem Song wird frenetisch applaudiert. Hinzu kommt, dass die Frontfrau, die zwischendurch auch ihre Hände auf die E-Piano-Tasten oder an die Querflöte legt, äußerst sympathisch in teils etwas unbeholfenem Deutsch von Lied zu Lied führt. So ist denn dieser Auftritt auch viel zu schnell vorüber, auch wenn er in Wirklichkeit beinahe eine ganze Stunde dauerte. Das Publikum ist hin und weg und findet sich am Merch-Stand ein, um sich CDs direkt bei Frau Meessen zuzulegen. Ich lege mir außerdem ein weiteres Weißbier zu und erfreue mich an der Tatsache, dass die Seitentüren des Saals zwischen den Acts geöffnet werden, um mal so richtig durchzulüften.

Setliste: Feet On The Ground; Single-Eyed; Gone and Forgotten; Luctor et Emergo; Going Home; Eden's Garden; Faith Is

Und dann tritt endlich das Trio, welches RIVERSIDE seit dem Tod von Gitarrist Piotr Grudziński 2016 offiziell und auch im Studio ist (dort wurden nämlich alle Gitarrenparts auf "Wasteland" von Mariusz Duda eingespielt), auf die Bühne. Auch hier sind sie heute aber natürlich zu viert vertreten und Live-Gitarrist Maciej Meller vervollständigt das Lineup. Auch wenn es für mich persönlich vor allem Dudas Gesang ist, der die Band für mich so unvergleichlich werden lässt, ist es hier und heute vor allem Michał Łapaj, der ab dem ersten Song meine Aufmerksamkeit auf mich zieht. Mit welchem Spaß und gleichzeitig mit welcher Präzision er an den Tasten zu Werke geht ist herrlich anzuschauen und sein durchgängiges Grinsen scheint nicht nur mich anzustecken. Nachdem der erste Teil des Konzerts unter anderem mit 'Lament' vom aktuellen Album und 'Saturate Me' vom Vorgänger etwas ruhiger gestaltet wird, wird der Abend für mich dann spätestens ab 'Out Of Myself' unvergesslich. Eine unglaubliche Stimmung wird hier von den Künstlern kreiert und ich bewege mich ausgiebig zur von einer schlichten aber tollen Lichtshow begleiteten Musik (und das tue ich in der Regel bei Konzerten eher wenig) und singe mit: absolutes Gänsehaut-Feeling. Noch zu Beginn des Konzertes witzelte Duda darüber, dass Progressive Rock ja immer im Ruf stehe, etwas für alte Männer zu sein; RIVERSIDE sei zwar auch für alte Männer, aber im Gegensatz zu anderen Bands würde man sich nach dem Konzert jünger fühlen. Und auch, wenn ich mich selbst jetzt noch nicht zu den alten Eisen zählen würde, kann ich dieses Gefühl bei den beiden dargebotenen Songs vom eingangs schon angesprochenen "Anno Domini High Definition" zumindest erahnen. Am Ende bin ich zwar etwas verwundert, dass nicht ein einziger Song von "Shrine Of New Generation Slaves" dargeboten wurde, was mich aber nicht weiter stört: Ich bin mindestens genauso zufrieden wie die Band, die diesen Eindruck zumindest den anwesenden alten Herren (und Damen) vermittelt. Duda und Łapaj sind bei den Zugaben bei bester Laune und auch Piotr Kozieradzki kommt am Schluss zwar ziemlich fertig aber mit einem Lächeln auf dem Lippen hinter seinem Drumkit hervor, um sich den absolut verdienten und reichlich gespendeten Applaus gemeinsam mit seiner Band vom Publikum abzuholen.

Ich bin einfach nur begeistert von diesem gleichzeitig spaßigen und emotionalen Abend und erweitere meine Bucket-List um den Punkt: RIVERSIDE noch einmal live erleben.

Setliste: Acid Rain; Vale of Tears; Reality Dream I; Lament; Saturate Me; Out of Myself; Second Life Syndrome; Left Out; Guardian Angel; Lost (Why Should I Be Frightened By a Hat?); Egoist Hedonist; Wasteland; Zugaben: 02 Panic Room; River Down Below


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Redakteur:
Daniel Lindhorst

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