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ROCK OF AGES 2018 - Seebronn

14.08.2018 | 20:27

27.07.2018, Festivalgelände

Sommer, Sonne, harter Rock!

Heute ist der Großkampftag, der lange Festivaltag auf dem ROCK OF AGES. Vormittags müssen wir erstmal shoppen gehen, nächste Woche ist Zeltlager für das Töchterchen, und Tübingen bietet genug Auswahl, sodass wir beim Eintreffen auf dem Gelände auch schon ein paar Kilometer in den Füßen haben und eintreffen, als die SUPERNOVA PLASMAJETS bereits auf der Bühne stehen. Von außen klingt das sehr überzeugend und kraftvoll. Auch optisch ist das ansprechend, ich glaube, die muss ich mir irgendwann nochmal ansehen.



Richtig eingestiegen wird dann aber mit LAZULI. Die französischen Progger sind ein bunter Farbtupfer im poppigen, hardrockenden Büffet des Festivals. Ich muss zugeben, dass ich die meisten der Kompositionen nicht kenne, abgesehen von 'Les Courants Ascendants', das einen hohen Wiedererkennungswert hat, aber das macht nichts. Die Franzosen bieten eine großartige Mischung aus verschiedenen Stilen, die sie auf ein Rockfundament setzen, und brillieren an verschiedenen Instrumenten, darunter auch die Leode, die eine eigene Erfindung ist. Als Höhepunkt gibt es auch heute wieder ein Stück mit der ganzen Band an der Marimba, einem großen Aufschlaginstrument, das mit Schlägeln gespielt wird. Aus Anlass des Festivallandes wird zum Abschluss '99 Luftballons' von NENA intoniert, was für Erheiterung sorgt und LAZULI noch eindringlicher in den Köpfen der Zuschauer verankert. Toller Auftritt!

 

Chris Jericho und seine Metaltruppe FOZZY waren bereits vor einigen Jahren mal auf dem BANG YOUR HEAD zu Gast gewesen. Ich erinnere mich daran nur dunkel, meine aber, es war eher unterwältigend. Nun darf der Wrestler noch einmal ran bei seiner erneuten Chance auf dem ROCK OF AGES und macht alles vergessen, was man vorher wusste. Chris ist natürlich eine beeindruckende Erscheinung, aber nicht nur kann er Muskeln spielen lassen, vor allem ist er ein starker Frontmann, ein Showman durch und durch. Er post und lacht und nimmt sofort aller Augen gefangen, während die Band mit 'Judas' und 'Drinking With Jesus' gleich mal beweist, dass das aktuelle siebte Studioalbum der Band wert ist, ins heimische Regal zu wandern. Apropos Band: Auch von denen steht keiner still. Auf der Bühne ist eine permanente Panik, immer ist irgendwo etwas los, und das wird sich auch bis zum Ende des Auftrittes nicht legen. Zum vierten Stück begibt sich Jericho dann ins Publikum, was natürlich die Stimmung weiter in die Höhe treibt und auch durch versagende Gadgets wie eine mobile Nebelmaschine nicht getrübt werden kann. Jericho ist eh Profi, lacht und sagt "Tut einfach so, als würde es funktionieren!". Fünfzig Minuten ist fast zu kurz für die Metaller, die ihren harten Sound auch gerne mit eingängigen Melodien würzen und so selbst Teile des Publikums, die mit dem Material nicht vertraut sind, zum Mitsingen animieren. In dieser Form ist FOZZY auf jeden Fall ein echter Tipp und darf gerne höher auf das Billing. Nächstes Jahr auf dem BANG YOUR HEAD bitte und etwas mehr Spielzeit. Diese Band kann jedenfalls die Bühne ausfüllen, egal, wie groß sie ist. Ich bin beeindruckt.



Im Gegensatz zu dem überraschend großartigen Auftritt von FOZZY erwarte ich von den schweizer Hard Rockern SHAKRA so einiges. Nach elf starken Alben, die immer ein sehr ordentliches Niveau hatten und die Band mit mehr als ausreichend Material für die fünfzig Minuten auf der Seebronner Bühne versorgen, hat die Band ihren doch recht typischen Stil, der das Ursprungsland der Kapelle quasi als akustisches Banner vor sich her trägt, gefunden. Sänger Mark Fox, grenzpeinliche Pseudonyme scheinen ebenfalls eine schweizer Spezialität zu sein, sieht zwar sehr unspektakulär aus, als er die Bühne betritt, aber seine Stimme klingt kraftvoll und rau, genau das, was wir von den Eidgenossen erwarten. Da sich die Lieder alle auf einem allgemein hohen Niveau einpendeln, vergeht die Auftrittszeit im Fluge, allerdings sieht man einen eklatanten Unterschied zu der vorherigen Band auf dieser Bühne: Das Aktionspotential ist deutlich geringer, obwohl auch SHAKRA mindestens überdurchschnittlich Kilometer macht. So liegt FOZZY wie ein Schatten über SHAKRA, auch wenn die Musiker nach Kräften posen und eigentlich gar nicht weniger ansprechend agieren als die Konkurrenz in ihrer Klasse, nur war eben der Gig zuvor so energiegeladen, dass jede Band, die nach FOZZY auf die Bühne muss, darunter zu leiden gehabt hätte. Das macht aber nichts, auch SHAKRA hat Fans dabei, die den Bereich vor der Bühne zu einem großen Chor und den Auftritt zu einem Erfolg machen. Die Jungs sind definitiv in der ersten schweizerischen Rockerliga.

 

Eigentlich ist THE NEW ROSES ein echter Newcomer, dessen erstes Lebenszeichen in Form eines Tonträgers aus dem Jahr 2012 stammt. Doch den Stellenwert der Wiesbadener und ihre steile Bekanntheitskurve macht der Platz im Billing nach FOZZY und SHAKRA deutlich. Erdiger Hard Rock, gerne auch mal mit Blueseinflüssen, dazu kräftige Melodien, und fertig ist der Festivalfeger. Wobei Gitarrist Norman Bites irgendwie viel schwermetallischer aussieht, als die Band auftritt. Aber immerhin, die albernen Pseudonyme sind echt hardrockig. Heute muss ich mir meine Kräfte ein wenig einteilen, sodass ich den Auftritt von weiter hinten verfolge. Das macht aber nichts, denn der Sound ist auf dem ganzen Festivalgelände gut, aber hier fällt jetzt doch auf, wie aktionsgeladen FOZZY und auch immer noch SHAKRA waren, denn diesbezüglich fällt die Kurve doch stark ab. So kann ich mich ein wenig hinsetzen und einfach die Musik genießen, denn an dieser Stelle lässt die Band nichts anbrennen. Das rockt!



Jetzt folgt einer der Höhepunkte des heutigen Abends: OPERATION MINDCRIME. Vor kurzem war Geoff Tate erst unter diesem Banner unterwegs gewesen und hat das gesamte Album mit dem Titel gespielt, nun darf er selbiges gleich nochmal vor großem Publikum wiederholen. Als das Intro ertönt, kommt die Band auf die Bühne. Moment mal, die kommen mir aber unbekannt vor. Klar, anstatt seine ganze Band aus den USA einzufliegen, hat er sich Musiker in Europa gesucht, um das Klassikeralbum in Seebronn umzusetzen. Okay, da von den ehemaligen QUEENSRYCHE-Kollegen sowieso keiner mit von der Partie ist, kann ich das verschmerzen, zumal die Musiker sicher und eindrucksvoll das fremde Material darbieten. Das Besondere war ja doch immer Geoff Tate. der zum Opener 'Revolution Calling' in schwarzer Weste auf die Bühne kommt und genau wie im Februar sofort einen starken Eindruck hinterlässt. Ja, der Sänger ist gut bei Stimme und weiß mittlerweile auch genau, wann er in der Tonart herunter gehen muss und wann er seine Stimme in den hohen Lagen strapazieren darf. Heute wird ausschließlich das namensgebende Album dargeboten, was den anwesenden Fans bewusst ist und in Anbetracht der Spielzeit von genau einer Stunde auch so geplant ist. Die Höhepunkt live sind natürlich die gleichen wir auf der Konserve, angefangen mit den beiden kraftvollen Openern über die Mitsing-Hymnen 'Speak', 'Spreading The Disease' hin zu dem ruhigeren 'The Mission', bis mit 'Suite Sister Mary' das Herzstück des Albums auch den Höhepunkt der Geschichte markiert. Am Ende jubelt das Publikum dem genialen 'Eyes Of A Stranger' zu und uns wird klar, dass die Stunde tatsächlich wie im Fluge vergangen ist. Ein kleiner Makel haftet der Show dahingehend an, dass die Sängerin, die wohl wie auch der Rest der Band aus Italien stammt, den weiblichen Part in 'Suite Sister Mary' eher mäßig intonierte und damit den einzigen qualitativen Unterschied zu dem 1988er Album ausmacht. Zum Ende hin bin ich begeistert, aber auch hin- und hergerissen zwischen der Tatsache, dass es toll ist, das Album in Gänze zu erleben, und der Tatsache, dass dies zuletzt nicht mehr so selten gewesen ist, als dass es etwas ganz Besonderes wäre. So ist es die im Vorfeld getätigte Ankündigung, dass Geoff Tate in Zukunft nicht mehr den Klassiker komplett aufführen will, die die Show spannend macht. Allerdings frage ich mich, was er denn spielen will, wenn ich seine Soloalben so anhöre, können sie mit dem QUEENSRYCHE-Material bis 1990 nicht mithalten. Aber das liegt in der Zukunft, heute hat Geoff Tate auf ganzer Linie überzeugt.

 

Nach dem kraftvollen Metal folgt mit THE QUIREBOYS wieder Hard Rock der britischen Machart. Seltsamerweise wurde ich mit den Burschen nie richtig warm, und auch das 2016er Werk "Twisted Love", das letzte, das ich kenne und mit dem ich es mal wieder versucht hatte, finde ich weiterhin nur ganz okay. Irgendwie fehlt mir in den Liedern die Frische, die ungewöhnliche Inspiration, alles rockt ganz ordentlich vor sich hin, aber wirklich mitreißen kann mich da nichts. Bei einem so langen Festivaltag ist es auch ganz gut, wenn man mal eine kleine Pause einlegen kann. Wobei sich die Band durchaus bemüht und beachtliche Rockermengen vor der Bühne mitgehen, als die Briten um Bandgründer Spike alias Jonathan Gray, der einige der Musiker bereits seit so langer Zeit um sich geschart hat, dass sie als fester Bestandteil der QUIREBOYS angesehen werden dürfen, in ihren einstündigen Gig starten. Aber wie es mir immer bei den Jungs geht beginne ich nach einiger Zeit zu ermüden und wünsche mir einen Sitzplatz. So betrachte und höre ich den Rest des Auftrittes aus etwas größerer Entfernung, wippe mit dem Fuß, nicke mal mit dem Kopf und ruhe mich ein wenig aus. So als Untermalung für nebenbei ganz ordentlich, so ein paar Chorknaben.

 

Jetzt geht es für mich wieder los, denn FISH gehört zu meinen ewigen Lieblingssängern. Im Vorfeld gab es bereits eine Autogrammstunde, in der dem Sänger allerdings die Laune ziemlich verhagelt wurde, da schon zu Beginn die hartnäckigen Fans im Eifer der eigenen Begeisterung zu sehr auf Tuchfühlung gingen und Herrn Dick ohne Eingreifen der Security für Fotos beinahe hinter dem Autogrammstand hervorgezerrt hätten. Professionell bringt FISH die Autogrammstunde rum, aber er sah schon ziemlich genervt aus. Als der großgewachsene Schotte dann mit 'Voyeur (I Like To Watch)' ins Programm einsteigt, macht er immer noch einen brummeligen Eindruck. Dieses Lied und 'Emperor's Song' sind Solostücke des ehemaligen MARILLION-Sängers, der zahlreiche Alben veröffentlicht hat, aber heute ein Hauptaugenmerk auf das letzte Album seiner ehemaligen Band legen will, auf dem er den Gesang übernommen hatte: "Clutching At Straws". Darauf warten auch Viele, obwohl durchaus einige FISH-T-Shirts in den Reihen zu sehen sind. Ein langer Teil aus vier Liedern des besagten Albums sorgt für Begeisterung, als er die gefühlvollen und zerbrechlich wirkenden Stücke darbietet. Auch wenn der Bass viel zu deutlich im Vordergrund steht, kann man dennoch die gute Gitarrenarbeit von Robin Boult genießen, der sich erfolgreich bemüht, den Klassikern gerecht zu werden. Wer jetzt aber dachte, FISH würde einfach das Album am Stück herunterleiern, sieht sich getäuscht. 'State Of Mind' vom ersten Soloalbum mit dem Titel "Vigil In A Wilderness Of Mirrors" lockert den Set auf. FISH alias Derek Dick ist mittlerweile auch wieder vollkommen in seinem Element, mosert über den Brexit und den amerikanischen Präsidenten und lässt mit 'Tux On' einen unerwarteten MARILLION-Klassiker folgen. Die alten Fans kennen das Lied, aber um mich herum sehe ich doch viele ratlose Gesichter, die vieleicht doch 'Kayleigh' vorgezogen hätten. Aber wie auch schon im Vorjahr, als MARILLION einen tollen Gig, der aber für ein Festival mit einer doch eher ungewöhnlichen Setliste versehen war, gespielt hatte, wird das Lied auch heute nicht erklingen. Stattdessen folgt noch ein zweiter Teil von "Clutching At Straws" und FISH kann mit dem Schlussdreier, der den Set mit 'Incommunicado' beendet, nichts falsch machen. So geht der Hüne nach 80 Minuten mit seiner Band von der Bühne und hinterlässt viele zufriedene Gesichter. Dieser Mann will bald seine Karriere als Sänger beenden. Würde ihm das bitte mal jemand ausreden?

Setliste: The Voyeur (I Like to Watch); Emperor's Song; Hotel Hobbies; Warm Wet Circles; That Time of the Night (The Short Straw); Just for the Record; State of Mind; Tux On; Torch Song; Slàinte Mhath; Sugar Mice; Incommunicado

 

Headliner ist heute DIRKSCHNEIDER, die U.D.O.-Inkarnation für die ACCEPT-Seite des Lebens. Sänger Udo Dirkschneider hatte angekündigt, noch einmal mit den alten Gassenhauern touren zu wollen, um sich danach auf seine U.D.O.-Sachen zu konzentrieren. Kann man einerseits verstehen, andererseits wird er mir beweisen müssen, dass er touren kann, ohne 'Princess Of The Dawn', 'Fast As A Shark' oder 'Balls To The Wall' zu spielen, ohne dass das Publikum die Halle mit langen Gesichtern verlässt. Wir werden sehen. Doch heute Abend gibt es die ACCEPT-Vollbedienung. Hatte die weiterhin unter dem Namen tourende Band auf dem BANG YOUR HEAD schon ordentlich vorgelegt, kann der kleine, große Sänger heute nachlegen und eröffnet mit einem Dreier aus eher unbekannten ACCEPT-Songs, die so gut wie nie auf die Bühne kommen. Schön, auch wenn sicher einige Fans nichts gegen eine Hitparade der größten Klassiker der Band einzuwenden hätten, ich freue mich über die unerwartete Auflockerung der Setliste. Denn abgesehen von 'Another Second To Be', das auch noch eingeschoben wird, können die Anwesenden alle weiteren Lieder zumeist mitsingen. Dass Udo auf die alten Lieder vertraut, bemerkt man, als er 'Princess Of The Dawn', mit Mitsingspielchen und ausgewalzt, bereits in der ersten Hälfte des Sets loslässt.

Im Folgenden erhalten wir aber dann doch das komplette Gassenhauer-Programm, wobei sich die Reibeisenröhre noch einen fetten Nachschlag für die Zugabe aufhebt. Mit 'Fast As A Shark' und 'Balls To The Wall' ist dann aber auch alles gesagt und DIRKSCHNEIDER verlässt die Bühne unter großem Jubel. Für mich bleibt noch die Frage zu klären, wer momentan besser ist, ACCEPT oder DIRKSCHNEIDER. Ich könnte jetzt ganz salomonisch sagen, jeder auf seine Weise, und das wäre auch nicht gelogen. ACCEPT hat mit den neuen Alben einige Pfunde, mit denen die Band wuchern kann, allerdings ist das neueste Album eher lauwarm, aber Udo hat mit seiner Band die frühen ACCEPT absolut großartig in Szene gesetzt. Ich denke, der kleine wuppertaler Stahlbarde liegt bei mir vorne. Dankeschön, Udo Dirkschneider. War prima.

 

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Redakteur:
Frank Jaeger

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