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RUSH - Berlin

15.06.2013 | 14:25

06.06.2013, O2 World

Wohl doch die beste Band der Welt.

Ein RUSH-Konzert ist immer ein Erlebnis. Das geniale Trio lässt sich in eher übersichtlichen Abständen an nur wenigen Orten in Deutschland blicken und sorgt dann mit einer gigantischen Show für Maulsperren. Das war im Mai 2011 in Frankfurt so, das war 2004 und 2007 so. Es gibt also kaum einen Grund, warum es heute in Berlin anders aussehen sollte. Klar, es ist schon durchaus gewagt mit der Kölner Lanxess Arena und der Berliner O2 World die beiden größten Hallen in Deutschland zu buchen, andererseits ist RUSH eben auch RUSH. Manch einem mag im Vergleich zur letzten Tour die Preispolitik etwas aufgestoßen sein. Die Unterteilung der Stehplätze in "front of stage" und hintere Stehplätze inklusive einem Preisunterschied von 12,- EUR ist ebenso fragwürdig wie ein Preis von mehr als 100,- EUR für die besten Sitzplätze. Vom Merchandise mag ich gar nicht reden, auch wenn die Lederjacke für schlanke 500 Flocken doch den Vogel abschießt.

Und so verwundert es auch nicht, dass die O2 World weit davon entfernt ist, ausverkauft zu sein. Die oberen Ränge sind erst gar nicht geöffnet, die Sitzplätze vielleicht zur Hälfte gefüllt und auch in der Stehplatzzone sieht es zumindest halbwegs komfortabel aus. Dass zwischen dem vorderen und dem hinteren Teil der Stehplätze eine mehrere Meter große Lücke klafft, zeugt höchstens davon, dass für "front of stage" recht großzügig kalkuliert wurde. Zumindest galt der Teil als ausverkauft.

Doch genug der Vorrede. Um Punkt 20:00 Uhr eröffnet ein wie immer witzig-skuriler Film den Set, wird das einmal mehr gigantische Bühnenbild enthüllt und die mehr als dreistündige Show mit 'Subdivisions' prima eingeleitet. Der Sound ist vielleicht eine kleine Spur zu laut, dafür aber für eine solch große Arena ungewohnt detailgetreu. Alex Lifesons Gitarre ist ebenso hervorragend zu vernehmen wie Geddys Bass und die Keyboardausflüge vom dauergrinsenden Frontmann. Wo Neal mit seiner gewohnt stoischen Ruhe das Schlagzeug weiht, ist die Ausstrahlung von Geddy und Alex wie immer frisch und positiv. Jedem Ton, jeder Bewegung merkt man an, dass das Trio auch nach nun beinahe 40(!) gemeinsamen Jahren auf der Bühne einen unglaublichen Spaß hat.


Und dann diese Setlist! Ich hätte sie für mich kaum besser zusammenstellen können. Die ersten neun Nummern kommen ausschließlich von Alben aus der Zeit zwischen 1982 und 1991, was zumindest für mich persönlich die beste Phase der Band darstellt. 'Grand Designs', 'The Body Electric', 'Territories', 'Analog Kid', 'Force Ten', 'Bravado', alles Songs, die man nicht zwingend erwarten kann und doch ausschließlich Hits. Das Instrumental 'Where's My Thing?' wird dann noch von einem ersten kurzen Neal-Peart-Solo aufgewertet, wo die Stimmung das erste Mal richtig euphorisch wird. Zumindest von den guten Sitzplätzen aus wirkt es schon so, als ob die Stimmung in den Stehreihen eher mäßig ist. Dass nicht südamerikanisch gefeiert wird, ist klar, dass aber doch mehr zugesehen als mitgesungen wird, ist ein wenig schade. Die Begeisterung ist zwischen den Songs aber immer sehr spürbar, denn der Jubel nach jeder Nummer ist beinahe ohrenbetäubend. Nach dem einzigen neuerem Song (vom aktuellen Album "Clockwork Angels" natürlich abgesehen) 'Far Cry' - das live mit gigantischem Feuerwerk unterlegt noch stärker als auf Platte ist - endet dann der erste Teil des Sets und die alten Männer - wie Geddy selbst sagt - brauchen eine rund 20-minütige Verschaufpause.

Der zweite Teil - erneut von einem bizarren Film eingeleitet, in dem Geddy, Alex und Neal als Gnome ihr Unwesen treiben - konzentriert sich dann auf das aktuelle, immer noch erstklassige Werk "Clockwork Angels". Mit an Bord sind einige Streicher, die die Songs untermalen. Ein Unterfangen, das wirklich hervorragend funktioniert. Die Saitenklänge geben Songs wie 'Clockwork Angels', 'The Wreckers', dem mit ultimativem Feuerwerk ausgestattetem 'Carnies' oder dem wunderschönen 'The Garden' noch eine zusätzliche Tiefe, dazu kommt, dass die Damen und Herren sehr agil auf der Bühne sind und gefühlt mehr rocken als der Großteil der Sitzplatzkundschaft. Zusammen mit der beeindruckenden Lichtshow - Höhepunkt: zehn TV-ähnliche, voll bewegliche, äh, Dinger, die Videoprojektionen und Lichteffekte bieten - fallen diese neuen Songs im Vergleich zum Hitfeuerwerk zu Beginn nicht auffällig ab. Ganz im Gegenteil: 'Carnies', 'The Wreckers' und das den "Clockwork Angels"-Teil abschließende 'The Garden' gehören eindeutig zu den (vielen!) Höhepunkten der Show.


Mit dem völlig grandiosen 'Manhatten Project' wird dann die Schlussphase dieses großartigen Gigs eingeläutet. Das folgende, dritte Drumsolo (ein zweites ist in 'Headlong Flight' eingebaut) von Neal Peart ist dann der Auftakt in das Grand Finale. Wie immer atemberaubend. Der vielleicht beste RUSH-Track 'Red Sector A' wird vom Großteil noch relativ verhalten aufgenommen, was aber auch am nicht gerade stimmungsförderlichen Text liegen dürfte, doch bei 'YYZ' und 'The Spirit Of Radio' steht dann endlich die komplette Halle, singt, tanzt, schwitzt. Es ist schon erstaunlich, dass die Stimmung bei einem Instrumental am ganzen Abend am Besten ist. Andererseits ist es auch das beste Instrumental in der Musikgeschichte. So ganz objektiv gesehen. Natürlich.

Mit den beiden unvermeidlichen 'Tom Sawyer' und '2112' - die Teile I, II & VII - geht dann ein Konzertabend zu Ende, für den einem die Superlative ausgehen. Zumal sich Geddy Lee stimmlich in Bestform zeigt und seine Leistung von Frankfurt relativ deutlich in den Schatten stellt. Mal sehen, ob die eisernen Jungfrauen da noch einen draufsetzen können.

Redakteur:
Peter Kubaschk
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