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R.E.M. - Jones Beach State Park

17.06.2008 | 15:15

15.06.2008, Nikon at Jones Beach Theater

Erst ein kühles Bad im Atlantik nehmen und dann zusammen mit ca. 14.000 anderen Musik-Enthusiasten R.E.M. in einem malerisch am Ozean gelegenen Stadion kucken gehen, so etwas gibt es nur im Nikon at Jones Beach Theater auf Long Island! Das Open-Air-Amphitheater habe ich bei meinem letztjährigen Besuch (DREAM THEATER gaben ein Heimspiel) sofort ins Herz geschlossen, auch wenn die Anreise aus Manhattan verdammt lang und das Wetter in diesem Juni verdammt unberechenbar ist. Somit begnüge ich mich auch mit einem kurzen Spaziergang auf der Promenade und lerne dabei eine weitere amerikanische Kuriosität kennen. Dem strandeigenen Fast-Food-Restaurant nämlich ist es behördlich verboten, ab zwei Stunden vor einem Gig in der absolut alkoholfreien benachbarten Location Bier zu verkaufen. Was einige Besucher allerdings nicht davon abhält, vor den Augen der (bewusst?) wegschauenden Strand-Wächter noch ein von zu Hause mitgebrachtes Helles zu genießen.

Während der beiden Opener - THE NATIONAL und MODEST MOUSE - zieht sich der Himmel bereits bedrohlich zu. Musikalisch haben beide Acts sicher ihre Momente, aber insgesamt geben sie mir viel zu wenig, um mehr als eine Randnotiz wert zu sein. In den letzten Maus-Minuten öffnet der Himmel schließlich seine Schleusen und einer der in letzter Zeit häufig über New York hereinbrechendenden Gewitterstürme nimmt seinen Lauf. Ich schaffe es gerade noch so unter die Überdachung im Vorraum und warte. Warte. Warte.

Zeit für einen kurzen Einschub: "R.E.M. und POWERMETAL.de?" werden sich manche von euch vielleicht fragen. Klar, die drei verbliebenen Mitglieder Michael Stipe, Mike Mills und Peter Buck sind seit "Out Of Time" absolute Megaseller. Doch ihre Wurzeln liegen im noch von der Post-Punk-Ära geprägten College-Rock der frühen 80er, und so richtig dem Mainstream angebiedert hat sich die Formation aus Athens, Georgia nie. Wenn sie überhaupt durch irgendetwas negativ auffiel, dann durch die Tatsache, dass die letzten Alben qualitativ eher dürftig waren. Fast so, als wollte man nur deswegen ein musikalisches Lebenszeichen von sich geben, um danach guten Gewissens die nächste Stadion-Tour antreten zu können, auf der man dann doch eher die alten Klassiker zockte. Auch der aktuelle Output "Accelarate" - von Kritikern als das erste ernst zu nehmende R.E.M.-Werk seit langem bezeichnet - haut mich nicht wirklich vom Hocker. Während die Veranstalter trotz des nicht weniger werdenden Regens für ca. 22 Uhr den Headliner-Gig ankündigen, nehme ich mir deshalb insgeheim vor, sofort den Heimweg anzutreten, falls die neueren Platten wider erwarten über Gebühr in die Setlist einziehen sollten. Wenn ich schon bis auf die Haut nass werde, will ich auch richtig gute Musik dabei hören. Und begebe mich eingehüllt in meine nur mäßig schützende Regenjacke skeptischen Blickes zurück an meinen Sitzplatz. Einschub Ende.

Es regnet noch? Ist mir doch scheißegal! Als R.E.M. als Intro spontan 'Have You Ever Seen The Rain' von CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL anstimmen, steht außer Frage, dass dies keine routinierte Show werden wird. Die Superstars präsentieren sich erstaunlich bodenständig, vor allem Sänger Michael Stipe, den ich als eher introvertiert in Erinnerung habe, ist heute ein Plappermäulchen vor dem Herrn. "Seid ihr alle nass?" erkundigt er sich teils amüsiert, teils besorgt, und bedankt sich danach überschwänglich bei den mehrheitlich doch zu ihren Plätzen zurückgekehrten Fans. "Irgendwie seht ihr alle wie Mülltüten aus", feixt er angesichts der zahlreichen Regenponchos, um dann mit Blick auf die ebenfalls reichlich feuchte Bühne hinterherzuschieben: "Ihr müsst mir einen Gefallen tun. Wenn ich hier oben auf die Fresse fliege - und das wird sicher passieren - ruft ihr alle ganz laut "I told you so!". Können wir das gleich mal üben?" Und dann im Chor mit dem Publikum: "I told you so!" "Okay, ihr seht alle weiter aus wie Mülltüten, und wir spielen jetzt so um die 18 Songs für euch." Und was für Songs!

Ganz tief in der Mottenkiste graben die Herrschaften aus Atlanta und zaubern gleich als erstes 'So. Central Rain (I'm Sorry)' aus dem Hut. Wie lange hab ich das nicht mehr gehört! Klar, ein bisschen was von "Accelerate" bekommt das trotz Dauerregen stoisch ausharrende Publikum ebenfalls zu hören (und auch noch ein, zwei weitere Songs der vorhergehenden Alben, die ich nicht wirklich erkenne). Doch die Kritiker haben recht, denn 'Hallow Man', 'Horse To Water', 'I'm Gonna DJ' und 'Man-Sized Wreath' sind gar live gar nicht so übel. Was überwiegend an der Performance von Michael Stipe liegen mag. Während seine Mitstreiter (verstärkt um drei weitere Live-Musiker) sich sichtlich gealtert eher im Hintergrund aufhalten, sieht der charismatische Fronter höchstens ein wenig haarloser aus als früher - und muss manchmal selbst über seine wie immer exzentrischen Tanzeinlagen lachen. Seine raue Stimme geht mir auch heute wieder durch und durch, ich habe bei ihm immer das rein subjektive Gefühl, dass er nur für mich singt. Auch in Sachen Show wird geklotzt, nicht gekleckert. Im Hintergrund befindet sich eine in mehrere Fragmente unterteilte Projektionsfläche, in der - teils künstlerisch verfremdet - Großaufnahmen der Musiker, gemischt mit leicht abstrakten graphischen Elementen eingeblendet werden. Und jeder der in der Ferne aufzuckenden, im Laufe der folgenden 90 Minuten jedoch immer seltener werdenden Blitze sorgt für zusätzliche, laut bejubelte Effekte.

Doch das Größte an dieser Show sind die Songs. Mit 'Welcome To The Occupation', 'The One I Love', 'Orange Crush', 'It's The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)' und 'Fall On Me' finden ein paar steinalte Tracks Einzug in das Repertoire, die ich zum Teil wirklich nicht erwartet hätte. Das eher untypische, weil für die damalige Zeit ziemlich bissige "Monster" wird mit 'What's The Frequency, Kenneth?' und einer Akustik-Version des für das Album nicht gerade repräsentativen Songs 'Let Me In' berücksichtigt. Auch das ruppige 'Ingnoreland' - gemeinsam mit 'Man On The Moon' die Vertreter von "Automatic For The People" - überrascht, war der Rest der Platte doch eher in Moll-Tönen gehalten. Irgendwie eine ziemliche Kuriositäten-Sammlung heute Abend - aber eine verdammt gute! Selbst die mittelalten Tracks 'Electrolite' (von "New Adventures in Hi-Fi") und das nur als Single erschienene 'Bad Day' sind definitiv keine Lückenfüller. Und dass 'Losing My Religion' den aufgrund der Wetterlage erfreulich unkapriziös eingeleiteten Zugabenteil eröffnet, ist eh logisch.

Was ich neben dem trotz der zuckenden Verrenkungen völlig undivenhaften Auftreten von Michael Stipe sympathisch finde, ist dass er den Gig nicht ohne Seitenhiebe auf die Bush-Regierung verstreichen lässt. Und wem er bei der nächsten Wahl seine Stimme geben würde, lässt er selbstverständlich nicht offen. "Ist da unten jemand so durchnässt, dass er ein frisches T-Shirt gebrauchen könnte? Nun, ich habe zufällig ein paar dabei, auf denen allerdings "Obama" steht. Möchte die trotzdem jemand haben?" Natürlich wechseln daraufhin ca. ein halbes Dutzend Laibchen den Besitzer, und eine Obama-Shirt-Trägerin wird sogar auf der Video-Leinwand eingeblendet. Wahlwerbung auf Amerikanisch. Von einer immer noch tollen Band aus Athens, Georgia, die mit mich einem Best-Of-Set, an dem sich so manche "Wir spielen grundsätzlich nur noch neues Zeugs"-Metal-Formation eine Scheibe abschneiden kann, den Regen für 90 Minuten fast vergessen lässt.

P.S.: Michael Stipe ist übrigens trotz vollem Körpereinsatz nicht gestürzt. Das wusste der fleißig die Bühne wischende Roadie zu verhindern.

Redakteur:
Elke Huber
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