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SAXON, FM, RAVEN - Stuttgart

07.10.2018 | 22:02

04.10.2018, LKA Longhorn

Donnerkeil über Stuttgart, verrückte Briten und entspannter Melodic Rock. Diese SAXON-Tour ist mal etwas anders.

Mit schöner Regelmäßigkeit stellt sich der britische Adler in unseren Breiten ein, um ein neues Album und ganz viele Klassiker zu präsentieren. In diesem Jahr, das neue Album heißt "Thunderbolt" und die Tour daher ebenfalls, dürfen gleich zwei Vorgruppen ran.

Den Anfang machen die mittlerweile nicht mehr ganz jungen Wilden RAVEN. Wer die Gallagher-Brüder schon mal live erlebt hat, weiß, was ihn erwartet: musikalische Verrücktheit der ansteckenden Sorte von den Grimassenkönigen des Metal. Mark und John ziehen ihre übliche Show aus wilden Soli, rasenden Riffs und natürlich einem Grimassen-Potpourri durch, obwohl sie schon um 19:00 Uhr auf die Bühne gehen und nur dreißig Minuten Spielzeit haben. Das ist natürlich für so eine NWiBHM-Institution viel zu wenig, es bleibt gerade einmal Zeit für sechs Lieder. Dafür ist die Setliste sehr ungewöhnlich. Mit 'Destroy All Monsters' gibt es etwas Neueres, 'Hell Patrol' geht ganz tief in die Geschichte, zweimal muss das Album "All For One" dran glauben. Doch dann folgt tatsächlich ein brandneues Lied, das auf dem kommenden Album stehen wird, das die Brüder balde einspielen wollen. 'Top of the Mountain' heißt das Stück und ist, na? Genau, schnell und wild. Ja, die Burschen können einfach nicht aus ihrer Haut. Zum Abschluss zaubert und RAVEN noch das großartige 'On And On' aus dem Hut von ihrem 1985er Album "Stay Hard", mit dem ich jetzt auch nicht unbedingt gerechnet hätte. So kann man dreißig Minuten äußerst kurzweilig füllen und auch wenn es früh ist und nicht alle im Publikum, das SAXON angemessen doch eher eine Metal-Mainstream-Crowd ist, mit den Briten richtig warm  werden, schlägt sich das Trio mehr als beachtlich. Ich habe jedenfalls viel Spaß. Ein Wort noch zum Schlagzeuger: An den Keseln sitzt wieder Mike Heller und macht eine gute Figur. Nur ist er weder witzig noch verrückt. Es fehlt ihm einfach der Schuss Crazyness. Ich frage mich, wie er es mit den beiden Verrückten aushält auf so einer Tour, denn das kann man doch nicht komplett ablegen, wenn man die Bühne verlässt. Oder?
Setliste: Destroy All Monsters; Hell Patrol; All for One; Hung, Drawn & Quartered; Top of the Mountain; On and On

Auch die zweite Vorgruppe ist eine Rockinstitution. FM wurde Mitte der Achtziger gegründet und hat elf Alben und diverse EPs auf der Habenseite, aber nie den großen Durchbruch. Bandmittelpunkt ist Sänger und manchmal auch Gitarrist Steve Overland, der mit seiner Truppe fröhlich und sympathisch und völlig unprätentiös auf die Bühne kommt, so als ob man sich mal eben auf ein Bier trifft und nicht vor einer mittlerweile doch sehr gut gefüllten Halle losrocken soll. Immer wieder lächeln die Musiker während ihres halb aktuellen, halb nostalgischen Sets, für das FM immerhin 45 Minuten Zeit hat. Was gut funktioniert ist die Mischung, mit der man mal eben von 2018 nach 1986 springt und damit die gesamte Schaffenszeit abdeckt. Aber neben Klassikern aus den Achtzigern und ein paar Liedern des aktuellen Outputs "Atomic Generation" werden auch die Alben "Wildside" von 2010, "Heroes And Villains von 2015 und "Aphrodisiac" von 1992 berücksichtigt. Fans der Band werden es ihnen gedankt haben und ich bin auch ziemlich angetan. Wie es scheint, habe ich eindeutig zu wenig Musik von FM. Das muss ich dann wohl mal ändern.
Setliste: Black Magic; I Belong to the Night; Life Is A Highway; That Girl; All or Nothing; Wildside; Bad Luck; Tough It Out; Killed by Love

Dann ist es Zeit für SAXON. Natürlich beginnt der Auftritt mit dem Titellied des aktuellen Albums, das ist bei SAXON ja häufig der Fall. 'Thunderbolt' schlägt zu und wird direkt mit 'Sacrifice' verstärkt. Diese beiden Lieder bestätigen, dass die Band aktuell voll im Saft steht. Auch die Musiker überzeugen. Natürlich ist Bassist Carter wieder mal nicht zu halten und hüpft, hampelt, bangt und pest über die Bühne, als wäre er aufgezogen. Gitarrist Quinn ist eher der ruhende Pol, aber das war er schon immer, während Doug Scarratt an der zweiten Gitarre das Posen übernimmt. Bleibt Sänger Biff, der mittlerweile eine coole Art angenommen hat und mit seinem langen Mantel, gemächlichen Bewegungen und auffordernden Gesten lässig das Publikum im Griff hat.

Als nächstes folgt 'Nosferatu' und im Laufe des Abends werden tatsächlich nicht weniger als sechs Lieder des aktuellen Albums gespielt, gut verteilt auf den ganzen Set und eingerahmt durch Klassiker. Das ist mehr als man es sonst gewohnt gewesen ist und ein Zeichen dafür, dass man große Hoffnungen in "Thunderbolt" setzt. Aber an dieser Stelle muss ich tatsächlich ein bisschen Kritik anbringen, denn die Wetten stehen gut, dass in drei Jahren nur noch der Titelsong in der Setliste auftauchen wird, genau so wie es "Sacrifice" und "Battering Ram" aktuell wiederfährt. Die "Warriors Of The Road"-Tour vor ein paar Jahren war eine willkommene Abwechslung und tatsächlich kommt immer mal wieder ein einzelner Song neu zum Zuge, so heute das Stück 'Backs To The Wall', aber dennoch bestehen zwei Drittel eines jeden SAXON-Gigs aus den immer gleichen Klassikern. Dabei sehe ich im Publikum sehr viele SAXON-Shirt von diversen Tourneen, ich bin sicher, man könnte auch mal ein wenig variieren. Muss man wirklich immer 'Wheels Of Steel' und 'Demin And Leather' bringen? Kann man nicht abwechseln und dafür 'Unleash The Beast' und 'Great White Buffalo bringen? Elf der 22 Lieder stammen heute von den ersten fünf Alben, sechs vom aktuellen Werk, die Zeit nach 1990, das mit 'Solid Ball Of Rock' Zum Zuge kommt, und 2012 wird ganz ausgelassen. Die Band hat 22 Studioalben produziert, ich finde es sehr schade, dass so viele gute Alben und großartige Songs nicht in die Konzerte eingebaut werden. Wie wäre es denn mal mit einer Tour mit jeweils einen Lied von jedem Album? Das wäre mal ein Fest für echte SAXON-Fans!

Aber heute sind wir auf "Thunderbolt"-Tour. Alt wechselt mit neu, 'Motorcycle Man' lässt das aktuelle 'Predator' folgen, 'Strong Arm of the Law' führt zu 'Battering Ram', 'Power and the Glory' geht über 'Solid Ball of Rock' hin zu 'The Secret of Flight'. das funktioniert gut, der Sound ist gut, aber auch brachial, SAXON ist härter denn je. So altmodisch der Musikstil mittlerweile eigentlich ist, was Lichtshow und Sound angeht, ist die Band voll auf der Höhe. Und in Sachen Publikumsgunst wohl auch, denn nach dem dritten Song muss ich den Fotoapparat wegbringen, weswegen ich mich durch die Menge nach hinten aufmache, um eine Garderobe zu suchen. Ich stelle fest, dass das LKA Longhorn mehr als nur ordentlich gefüllt ist. Die Fans stehen relativ dicht und bis recht weit hinten, ich denke, es fehlt nicht mehr viel zum Ausverkauf der Halle mit ihrem Fassungsvermögen von 1500 Personen. Toll, die alten Rocker ziehen heute mehr Leute als möglicherweise jemals zuvor und bedanken sich mit einer überzeugenden Vorstellung, die gegen Ende natürlich eine ganze Breitseite an alten Gassenhauern in die Menge schleudert. Bis nach ganz hinten wird mitgesungen und gefeiert, SAXON darf den Gig in Stuttgart als vollen Erfolg verbuchen und verlässt nach etwa zwei Stunden erst endgültig die Bühne. Das könnte ich öfter hören, und wenn dann noch etwas mehr Abwechslung in die Setlisten käme, gerne eben auch auf Kosten einiger Klassiker, die dann auch umso mehr gefeiert würden, wenn sie nicht immer im Programm wären, dann dürfte SAXON gerne jedes Album mehrfach betouren. Ich glaube nicht, dass dann weniger Fans kämen.
Setliste: Thunderbolt; Sacrifice; Nosferatu; Motorcycle Man; Predator; Strong Arm of the Law; Battering Ram; Power and the Glory; Solid Ball of Rock; The Secret of Flight; Dallas 1 PM; They Played Rock and Roll; And the Bands Played On; Backs To The Wall; 747 (Strangers in the Night); Sons of Odin; Crusader; Princess of the Night; Zugaben: The Eagle Has Landed; Heavy Metal Thunder; Wheels of Steel; Denim and Leather

Redakteur:
Frank Jaeger

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