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SCHANDMAUL & KRAYENZEIT - Wiesbaden

07.12.2016 | 19:33

18.11.2016, Schlachthof

Ein Treffen an der Kaimauer

Ende Oktober setzte SCHANDMAUL die Segel zur "Leuchtfeuer"-Tournee quer durch Deutschland. Mit im Gepäck: Die frischen Songs aus dem gleichnamigen Album, das erst vor kurzem Platz 1 der deutschen Charts enterte und der Band ihren bislang größten Erfolg bescherte. Am Freitag, den 18. November legen Thomas Lindner und seine Mannen am Wiesbadener Schlachthof an...

Ausverkauft ist die große Halle des Kulturzentrums in Wiesbaden an diesem Abend nicht, doch auch in der Kurstadt zeigen sich die Fans der Schandmäuler treu wie eh und je. Schon zum Soundcheck der Bands warten die ersten Unterstützer vor den noch geschlossenen Toren des Schlachthofs, satte vier Stunden vor Einlass. Bevor ihre Lieblinge jedoch ihren Auftritt haben, heizen die Krähen dem Publikum erst einmal ein: Mit KRAYENZEIT wird SCHANDMAUL von einer Band begleitet, die sich stilistisch ebenfalls im gleichen weiten Genre des Mittelalter-Rocks bewegt, jedoch um einige Spuren härter als der Headliner klingt. Ihre Spielzeit von circa 35 Minuten nutzen die sieben Musiker dabei voll und ganz aus, um ihre live-tauglichsten Werke aus den beiden Studioalben zu präsentieren. Angefangen wird mit 'Tenebra', dem Opener des gleichnamigen Neulings der Truppe, ehe Frontmann Engel das Publikum durchs 'Fegefeuer' und 'Von der Fahrt übers Meer' führt. Die Zuschauer lassen sich dabei schnell vom Charisma der Krähen begeistern und so fällt es KRAYENZEIT nicht schwer, die Gekommenen zum Mitmachen und Mitfeiern zu bewegen.

Ihren Slot beenden die Stuttgarter mit ihrer Hymne 'Krayenzeit'. Das Publikum honoriert die Spielfreude mit frenetischem Applaus - KRAYENZEIT erweist sich als Knallerstart in den Abend und legt mit der kurzen Show bereits ein ordentliches Tempo vor, das den Schlachthof in Windeseile zum Kochen bringt. Mit den harten Metal-Riffs von Joachim am Bass und der E-Gitarre von Chris und den treibenden Drum-Patterns von Martin auf der einen Seite und den verspielten Soli von Jessys Drehleier und Maikes Geige und den filigranen Picks an der Akustik-Gitarre von Alex holt KRAYENZEIT das Publikum direkt ab und macht von Anfang an richtig gute Laune. Besonders beachtlich bleibt für mich dabei die dynamische, energiegeladene Bühnenshow, welche in meinen Augen angesichts der - durch das opulente Bühnenbild des Headliners im Hintergrund, das mit schwarzen Tüchern verdeckt ist - stark eingeschränkten Bewegungsfläche für die Band eine logistische Meisterleistung ist... Damit empfehlen sich die schwarzgefiederten Krähen für einen Besuch ihrer eigenen Headliner-Tour zum neuen Album "Tenebra", die im nächsten Jahr für KRAYENZEIT ins Haus steht.

Nach einer kurzen Pause gibt sich SCHANDMAUL selbst die Ehre und eröffnet musikalisch ebenso opulent wie optisch: So kann ich mich erst einmal nicht entscheiden, ob ich angesichts des hymnischen Opener oder des malerischen Bühnenbilds staunen soll. SCHANDMAUL hat das Publikum in idyllischer Umgebung in die Hafengegend gelockt. So ist das Backdrop mit einer nächtlichen Stadt-Szene bedruckt, das Schlagzeug sowie der Gitarrist und der Bassist stehen auf der Kaimauer. Sogar Straßenlaternen im Vintage-Stil zieren das Bühnenbild - da hat sich der Vierzig-Tonner für die Tournee wirklich gelohnt! Vor dieser traumhaften Szenerie spielen die Mittelalter-Rocker schließlich zu 'Orleans' auf. Lebte das triumphierende Stück über die tapfere Jungfrau in der Studioversion vor allem vom riesigen Streichorchester, sind es nun Birgit und Anna, die dem Lied seine opulente Grundstimmung verleihen, auf die Sänger Thomas gekonnt aufsetzt.

Gut die Hälfte der Stücke an diesem Abend stammen vom neuen "Leuchtfeuer"-Album, für dessen großen Erfolg sich Thomas auch in Wiesbaden bei den Fans bedankt. Zwar mischen sich immer wieder liebgewonnene Bandklassiker wie das obligatorische 'Der Teufel/Trinklied...' oder auch 'Der Krieger' unter die Songs, doch der optische Fokus auf die maritime Grundstimmung setzt sich auch in der Musikwahl an diesem Abend dominant fort. Das zeigt sich zum Beispiel auch darin, dass Thomas den Zuschauern vor dem 'Leuchtfeuer' erst einmal ihre Rolle als wogenreiches Meer klarmacht - sehr sympathisch! Einzig und alleine mit seiner Ansage zum berühmten Räuber, dem 'Schachermüller-Hiasl', dem SCHANDMAUL auf der neuen Platte einen Song gewidmet hat, kann der Sänger mit der Samtstimme bei den Hessen leider nicht punkten. Schließlich ist man hierzulande doch sehr stolz auf seinen 'Schinderhannes', was auch Thomas schließlich zugeben muss ("Okay, eurer ist besser!"). Besonders heraus sticht bei dem Wiesbaden-Konzert der Gruppe das Lied 'Herr der Wellen'. Live mit enorm viel Gefühl von allen Beteiligten vorgetragen, jagt mir das Lied einen Schauder nach dem anderen über den Rücken. Dagegen fehlt mir bei 'Zu zweit allein' der weibliche Gegenpart des Duetts, der den zerrütteten Konflikt im Kern des Texts auch musikalisch noch emotionaler und intensiver macht, was auf der Bühne nur mit Thomas leider nur in Ansätzen zum Tragen kommt.

Passend zur anstehenden Adventszeit entlassen die Spielleute ihr Publikum schließlich ganz besinnlich in die Nacht. Zwar mutet der Aufruf von Thomas, dass nun alle Zuschauer einmal tief ein- und wieder ausatmen sollen, angesichts der stickigen Atmosphäre etwas merkwürdig an, doch die verträumten Klänge des Rausschmeißers 'Zeit' lassen mich auch ohne irgendwelche Atemübungen entspannen. SCHANDMAUL erweist sich im Wiesbadener Schlachthof damit als erfahrener Seemann auf einem stimmungsvollen Segeltörn. An den stürmischen Ritt durch die Wellen, den die Musiker zu Beginn ihrer Karriere verkörperten, erinnert die Band nur noch in Ansätzen. Das klingt zwar erst einmal ziemlich anders, doch nicht unbedingt schlechter. Im Gegenteil: Mit dem 18-jährigen Bandjubiläum, welches dem Hanseaten Thomas Lindner und seinen Schandmäulern auch noch ins Haus steht, klingen die Mittelalter-Rocker gemäßigter und in sich ruhender als je zuvor. Ob da wohl jemand erwachsen geworden ist?

Setliste KRAYENZEIT: De Profundis, Tenebra, In Vino, Noli Timere Messorem, Von der Fahrt übers Meer, Alles von mir, Narrenschiff, Fegefeuer, Krayenzeit.

Setliste SCHANDMAUL: Orleans, Kein Weg zu weit, Leuchtfeuer, Drachentöter, Freunde, Bunt und nicht Braun, Schachermüller-Hiasl, Zu Zweit Allein, Geisterschiff, Krieger, Käptn Coma, Der Pakt, Der Teufel.../Trinklied, Herr der Wellen, Vogelfrei, Walpurgisnacht, Dein Anblick, Frei, Heute bin ich König, Euch zum Geleit, Zeit.

Redakteur:
Leoni Dowidat

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