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SLAYER, ANTHRAX und KVELERTAK - Bochum

19.11.2015 | 20:49

13.11.2015, Ruhrcongress

Und genau deshalb.

Intern wurde überlegt: Veröffentlichen wir gar keinen Konzertbericht zu diesem Abend, verfahren einfach "ganz normal" oder bauen wir die Ereignisse des 13. Novembers 2015 doch auf irgendeine Art und Weise mit ein? Frank hat in seinem Leitartikel schon eine Menge Grundsätzliches geschrieben und auch ich kann und will nicht so tun, als würde sich der Auftritt rückwirkend so anfühlen wie jeder andere, möchte nicht schweigen. Denn es gibt schließlich so verdammt gute Gründe, Rock- und Metal-Konzerte aufzusuchen. Auch und gerade jetzt, nach den Ereignissen in Paris. SLAYER lieferte für mich persönlich am besagten Abend nahezu alle Argumente, die es braucht.

Kein Politikum, sondern das Mitteilungsbedürfnis eines Anliegens – eines erstarkenden Bauchgefühls.

Doch werfen wir der Reihe nach zuerst einen Blick auf das Konzert: Im Vorfeld war alles für einen großen Abend angerichtet. Zum einen war mit dem Ruhrcongress Bochum eine nicht gerade kleine Location eine Woche vor Konzertbeginn ausverkauft, zum anderen wurden mit KVELERTAK und ANTHRAX zwei hervorragend passende Bands mit auf Tour genommen. Letztere würden bald für neues Ohrenfutter sorgen und SLAYER selbst hatte das allgemein sehr positiv aufgenommene neue Studioalbum "Repentless" im Gepäck – auf ins Gefecht!

Und es geht gleich bestens los, denn so stark wie heute Abend habe ich die Norweger von KVELERTAK bisher noch nicht gesehen. Der ansonsten sehr chaotische Haufen scheint viel mehr auf das reine Musizieren konzentriert zu sein und verzichtet auf zu wilde Showeinlagen; ob das nun eine bewusste Entscheidung oder den Umständen (Support-Slot samt strikter Vorgaben) geschuldet war, sei mal dahin gestellt. Bisher hatte ich häufig das Problem, dass ich diesen TURBONEGRO-meets-Black-Metal-Sound zwar an sich sehr fein fand, meine Ohren jedoch nach einiger Zeit einfach dicht waren, was in Bochum nun bemerkenswerterweise überhaupt nicht der Fall ist. Viel Melodisches, viel Spannendes, trotzdem eine energiereiche Performance. Ich bin irgendwo zwischen freudig überrascht und sehr angetan, ohne auf die Uhr zu schauen, wann es denn endlich mal weiter im Text geht. In dieser Form würde ich KVELERTAK gerne in Zukunft häufiger sehen!

Das gleiche gilt auch für ANTHRAX, vielleicht in noch stärkerem Maße. Die Band spielt zwar seit einer Ewigkeit gefühlt den gleichen Stiefel herunter, aber das mit einer stetig zunehmenden Begeisterung. Nicht nur Bandkopf Scott Ian, sondern insbesondere Joey Belladonna scheint im höheren Alter immer agiler zu werden. Letzterer wirbelt mit mutmaßlich drei Espresso zuviel über die Bühne, singt dabei noch wie ein mitteljunger Gott, peitscht die Menge immer wieder an und hat sichtlich seine Freude an einem so großen Publikum, das Bock auf seine Band hat. Auf die Ohren gibt es die üblichen "Spreading The Disease"- und "Among The Living"-Klassiker, die niemals ihr Ziel verfehlen, sowie viele schicke Hits drumherum. Darüber hinaus nötigt einem die Dio/Dimebag Darrel-Hommage mindestens Respekt ab, der neue Song von der im Februar erscheinenden Platte kann sogar gänzlich überzeugen und macht richtig Laune. Ganze 60 Minuten darf ANTHRAX heute Abend aufs Parkett legen, was die Band jedoch auch mehr als gebührend nutzt. Der Weg zu ihren großen Kollegen hätte kaum besser geebnet werden können.

Doch irgendwann ist es Zeit. Für Kontrollverlust. Für "das Innerste nach außen kehren". Für SLAYER. Die Band der großen Inszenierungen mit kleinsten Mitteln, denn die Herren an sich stellen im Prinzip schon die größte Inszenierung dar. Vier große und bewegliche umgedrehte Kreuze von der Decke, einige Projektions- und Lichtspielereien sowie gigantische, teils fluoriszierende Backdrops zieren die weite Bühnenfläche, den Rest füllt die Truppe mit ihrer Aura selbst aus: Tom Ayara ist mittlerweile nicht weniger als der erhabene Weise des Thrashs, Kerry King immer noch der persongewordene, alles zerhackende Nacken und Paul Bostaph immerhin ein amtlicher, wenngleich wohl niemals vollwertiger Ersatz für Dave Lombardo. Und auch wenn Gary Holt nicht Jeff Hanneman selbst sein kann, ist er abseits dieses Umstandes vielleicht der großartigste Thrash-Gitarrist dieses Planeten: Leidenschaftlich, energetisch, musikalisch, punktgenau und immer mit viel Freude und Attitüde. Den Kerl kann man einfach nicht nicht mögen. Jeder Charakter performt in seinem Stil, als Ganzes überzeugt die Truppe jedoch zweifelsohne als großes metallisches Gesamtkunstwerk. Das ist zwar nicht mehr das SLAYER von vor einigen oder ganz, ganz vielen Jahren, aber es ist zweifelsohne SLAYER. Ein großartiges, fantastisches dazu. Wer etwas anderes behauptet, hat die Band in dieser Formation einfach noch nicht live gesehen.

Heute gibt es 95 Minuten lang Thrash Metal der allerbesten Sorte. Eine ungewöhnlich lange Spielzeit. Eine ausgesprochen tolle Zeit. Die Setlist gestaltet sich dabei so, wie man es erwarten konnte: Einiges vom neuen Album, ein bisschen etwas von den Scheiben nach 2000 und ansonsten Klassiker, Klassiker und nochmals Klassiker. Der Auftritt knallt bei bestem Sound durchgängig in allerbrutalster Weise, besonders gefällt mir heute Abend das altschulische Trio 'Chemical Warfare', 'Die By The Sword' und 'Black Magic', das im Mittelteil zur Bühne gegeben wird. Doch unabhängig von der Songauswahl brennt hier heute Abend einfach gar nichts an. Das ist Thrash pur, das ist SLAYER pur, das ist einfach nur extrem genial.

Soweit in Kürze zum musikalischen Geschehen auf der Bühne, welches den gesamten Abend über hinweg schlichtweg fantastisch war, insbesondere natürlich bei den Totschlägern aus Kalifornien. In Anbetracht der aktuellen Umstände scheint allerdings vor allem ein Blick vor die Bühne lohnenswert, gar essentiell zu sein. Denn was man dort erlebt, ist für einen regelmäßigen Konzertgänger nicht unbedingt außergewöhnlich – aber irgendwie doch. Bereits bei KVELERTAK ist die Stimmung für eine erste Band ausgeprochen gut, sodass die Menge viel Spaß an den Norwegern hat und daher bereits zu ANTHRAX in bester Headbang-, Mosh- und vor allem Mitsinglaune ist. Nicht wenige Fäuste fliegen in die Luft, um Joey Belladonna zu begleiten. Spätestens bei SLAYER selbst gibt es aber gar kein Halten mehr. Jede noch so oft verwendete Floskel, hier hätte sie Platz.

Ich gestehe, ein eher erlebnisorientierter Redakteur zu sein, der trotz seiner "journalistischen Pflicht" einfach mittendrin sein muss; drin im Geschehen – und meist auch drin im Pit. Dort findet man einen bunten Haufen adrenalinaufgepumpter Menschen, die durch das Gebotene auf der Bühne immense Energien entwickeln, die offensichtlich nur durch starken Körperkontakt abgebaut und ausgelebt werden kann. Es gibt auf die Mütze, jedoch auf die positivste Art und Weise, die man sich vorstellen kann. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen und schütteln ihre (nicht vorhandene) Matten miteinander, grölen ganze Lieder oder auch nur Textfragmente und Schlagworte mit, tragen sich gegenseitig nach vorne, genießen je nach Person auch still, helfen sich auf, nur um sich wenig später wieder durch die Gegend zu schubsen. Dieses Gefühl, das bei SLAYER – hier stellvertretend für jede Metal-Band, die in einem eine Menge auslöst – von jetzt auf gleich da ist, ein im-Moment-Leben zur einzigen Option werden lässt, keine Fragen zulässt, sondern Antworten bietet, einen zum Sklaven des Rausches werden lässt, einen verstehen lässt, dass es tatsächlich so etwas wie "good friendly violent fun" gibt, einen ein unwillkürliches Grinsen aufs Gesicht zaubert, den Nebenmann zum Bruder werden lässt... Diese Liste könnte ewig geführt werden.

Tom Ayara weiß um die Dynamiken, die seine Band auslösen kann und genießt es, zwischen manchen Songs lange einfach dazustehen und das Publikum von sich aus explodieren zu lassen. Während der Songs ist es ein gegenseitiges Anpeitschen: je engagierter die Band, desto wilder das Publikum – und umgekehrt. Meine persönliche Szene des Abends: Ein vollkommen ekstatischer, mir nicht bekannter Moshpit-Kollege packt sich meinen Kopf, küsst mir seitlich auf die Glatze, schlägt mit mir ein und haut mich anschließend wieder weg. Was nun, wenig später in Textform durchaus merkwürdig anmutet, ist in so einem Moment weder schräg, noch besonders, noch unangemessen. Irgendwo muss die aufsteigende Lebensfreude ja hin.

Wer sieht, wie viel positive Energie ein solcher Abend freisetzen kann, wer fühlt, welch verbindendes Element Heavy Metal seit jeher ist und wer miterlebt, dass selbst bei einer einst so "kontroversen" Band wie SLAYER die Liebe zur Musik und am Leben das dominerende Element ist, der weiß, dass solch ein Konzertabend etwas unglaublich Wertvolles ist. Jenen, die das nicht begreifen, gar ins Gegenteil verkehren und dabei soweit gehen, den Menschen, die aus dieser Art von Musik so viel schöpfen, alles nehmen wollen, gilt nicht weniger als pure Verachtung.

Ich kann es nur zu gut verstehen, wenn Leute nun mit einem mulmigen Gefühl durch die Gegend laufen und sich mehrfach überlegen, ob sie ein Konzert tatsächlich besuchen sollen. In meiner Brust schwillt allerdings ein Gefühl von "Jetzt erst recht!" heran. Zumal ich mir ein Leben ohne Konzerte gar nicht vorstellen mag; ein Leben ohne diese immerwährenden kleinen und großen Highlights im Kalender, ohne diese Quelle der positiven Energie, die einen durch den Alltag oder gar das gesamte Leben tragen kann. Und genau deshalb sind solche Konzertbesuche wie SLAYER am 13. November 2015 in Bochum trotz und zeitgleich gerade wegen der Vorfälle in Paris für mich persönlich absolut alternativlos. Als Zeichen des "Nicht mit uns!" und für die Freiheit – aber auch für dieses fast unbeschreibliche Gefühl in jedem selbst.

Redakteur:
Oliver Paßgang

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