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SUBWAY TO SALLY - Augsburg

09.04.2017 | 19:24

06.04.2017, Spectrum

Saiteninstrumente ohne Verstärker, der Gig aber trotzdem nicht ohne Strom? Das ist "Ekustik".

SUBWAY TO SALLY ist mittlerweile eine der großen deutschen Rockbands. Wenn sie auf Tour geht, sind die Hallen üblicherweise gut gefüllt und auf Festivals sind die ein gern gesehener Gast, der weit oben auf dem Billing steht. Doch diesmal kommt SUBWAY TO SALLY in das verhältnismäßig kleine Spectrum in Augsburg, das zusammen mit dem Colos-Saal in Aschaffenburg meine Lieblingskonzertlocation ist. So entspannt wie hier ist es sonst nirgendwo. Doch heute gibt es sogar noch Karten an der Abendkasse. Was ist los?

SUBWAY TO SALLY macht mal wieder etwas Neues. Obwohl die Ostdeutschen stilistisch im Laufe ihrer Karriere nurmehr Nuancen veränderten, kann man ihnen keine Monotonie vorwerfen, schon gar nicht live. Nach zwei echten Akustiktouren folgt nämlich jetzt der zweite Teil der "Neon"-Ekustiktour. Ekustik bedeutet, dass die Band ohne Strom spielt, aber ein zusätzlicher Musiker an verschiedenen Synthesizern dem Geschehen eine völlig andere Klangfarbe gibt. Das Resultat ist Elektrofolk, oder so etwas Ähnliches.

Als pünklich im gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Spectrum das Licht verlöscht, erscheint zuerst unser Elektronikfachmann mit einer Gesichtsmaske hoch oben auf dem höchsten Punkt des Bühnenbildes mit drei Ebenen, das von einem wechselnd angestrahlten Backdrop erst einmal Eindruck schindet. Sehr cool, so sieht jeder alle Protagonisten, das ist fast wie ein Musiker-Setzkasten. Dazwischen Gestelle, die gelegentlich leuchten. Da hat sich jemand etwas wirklich Originelles einfallen lassen. Chapeau.

Nach Elektro-Intro geht es los. 'Wenn Engel Hassen' stößt auf zufriedene Fanohren, die Stimmung ist verhalten, außer natürlich ganz vorne, wo die Sally-Meute jeden Ton genießt und feiert. 'Die Rose Im Wasser' folgt. Die Band spielt routiniert und gut, Eric Fish ist natürlich der Mittelpunkt und mittlerweile wahrlich nicht nur ein brillanter Sänger, sondern auch ein guter Entertainer. Aber ich bin nicht mitgerissen. Spätestens bei 'Mitgift' ertappe ich mich dabei, wie ich den Auftritt nett finde, aber ab und an ein wenig in der Gegend herumschaue. Der große Mitsinger 'Eisblumen' ist ein Höhepunkt, das tolle 'Kleid Aus Rosen', einer meine Lieblingssongs von SUBWAY TO SALLY, natürlich auch, aber dennoch fehlt mir etwas. Es dauert etwas, bis ich erkenne, was mir fehlt. 'Sieben' bringt es an den Tag, und 'Veitstanz' macht es dann klar: Ekustik funktioniert für mich nicht.

Stellen wir doch mal nebeneinander, welche Welten SUBWAY TO SALLY hier zusammenbringen. Auf der einen Seite ist da ein grundlegender Akustik-Set, die intimste Art, wie eine Rockband ihre Lieder zum Besten geben kann. Das macht SUBWAY TO SALLY eigentlich großartig. Normalerweise. Aber da möchte ich dann die Texte hören und möchte, dass die Künstler diesem lyrischen Teil ein besonderes Augenmerk widmen, die Stücke müssen gefühlvoll und zerbrechlich sein, sensibel auf ihren Kern reduziert. Schnelle Stücke dürfen gebremst werden, langsame Stücke verändert werden, kleine Unterschiede sollten hörbar sein und akzentuiert und bedacht eingesetzt werden. Dagegen steht die elektronische Musik. Das muss wummern, das ist zum Tanzen und Zappeln, das darf kühl sein und ekstatisch. Laut und krachend, ich möchte Einsätze wie in 'Kleid Aus Rosen', das einen harten, distanzierten Touch bekommt, ich möchte nicht auf die Musiker schauen, sondern die Augen schließen und mich vergessen im Schein und Klang.

Diese beiden Gegensätze versucht SUBWAY TO SALLY heute zu vereinen, und so hehr das Begehr, so sehr scheitert die Band daran. Die Akustikband vermag die musikalischen Trümpfe nicht auszuspielen, da der Elektroanteil die Feinheiten zum Zerbersten bringt, und der Schwung der Konserventöne verpufft im Setting der Musiker, die statisch auf ihren Stühlen sitzen. Ja, das Bild vom Setzkasten passt, und es konterkariert das zweite musikalische Element, sodass auch dieses nicht mehr funktioniert.

Das klingt jetzt sehr negativ, mehr als ich es darstellen möchte. Denn ich muss auch festhalten, dass die Band einwandfrei spielt, eine starke Setliste aus Klassikern, aber eben nicht nur den tausend Mal gehörten Bandoldies zusammengestellt hat, und dass die Stimmung im Spectrum sehr gut ist. Ja, ich würde mir den Gig auch wieder ansehen. Meine Kritik richtet sich ausschließlich auf das künstlerische Experiment der Ekustik-Umsetzung. Ich finde es mutig, originell und einfallsreich, aber ich empfinde es nur bedingt als gelungen. Deswegen ziehe ich unter dem Strich folgendes Fazit: SUBWAY TO SALLY-Fans sollten sich diese Tour unbedingt anschauen. Einige Stücke wird man vielleicht niemals wieder so sehen, hören, erleben. Wer aber kein Fan der Band ist, dem würde ich lieber einen normalen Gig der Band ans Herz legen. Dabei vermag SUBWAY TO SALLY noch vielmehr zu glänzen. Im Sommer sind die Herren und die Dame auf einigen Festivals zu sehen, zum Beispiel auf dem Rock Of Ages und in Wacken, und wenn sie da wieder ihre normale Show auf die Bretter bringen und der letztjährige Gig, den ich gesehen habe, ein Indiz ist, werden sie sich höchstwahrscheinlich als einzigen Kritikpunkt anhören müssen, dass sie das eine oder andere Lied nicht gespielt haben werden. Aber damit werden sie leben können.

Trackliste: Wenn Engel hassen; Die Rose im Wasser; Verloren; Böses Erwachen; Mitgift; Schwarze Seide; Ins Dunkel; Eisblumen; Henkersbraut; Traum vom Tod II; Krähenfrass; Maria;  Kleid aus Rosen; Unsterblich; Falscher Heiland; Das Rätsel II; Sieben; Tanz auf dem Vulkan; Veitstanz; Encore:  Grausame Schwester; Sag dem Teufel; Ohne Liebe; Encore 2: Minne; Julia und die Räuber

Redakteur:
Frank Jaeger

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