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SÓLSTAFIR, SAHG und OBSIDIAN KINGDOM - München

18.11.2014 | 11:05

06.11.2014, Strom

Musikalische Weite bei engem Gedrängel: SÓLSTAFIR klettert unaufhaltsam nach oben!

In meinem Review zur SÓLSTAFIRs "Ótta" sprach ich von einem großen gefühlten Popularitäts-Sprung, den die Band seit "Svartir Sandar" gemacht hat. Dieser manifestiert sich nun auf der Headliner-Tour zu "Ótta" in harten Fakten: Der Strom-Club ist gerammelt voll. Ich bekomme eine SMS von einem schon anwesenden Kumpel, ich solle mich beeilen, die Schlange vorm Einlass ging bis vor zur Staße, es werde voll. Und selten habe ich mich so ölsardinig gequetscht gefühlt wie in den folgenden Stunden voller Gerangel und Geschiebe, bei dem man gute Nerven braucht. Also erstmal ganz vor die Bühne, dort ist es in der Regel angenehmer.

Es spielt OBSIDIAN KINGDOM, eine spanische Band, die ganz ansprechende Klänge von der Bühne lässt: Eine Mischung aus Dark Metal und Black Metal, aus harten, modernen Riffs, düsteren Keyboards und keifigem Gesang. Körpersprache und Stageacting suggerieren eine sehr motivierte Band, die ihre Gelegenheit nutzen möchte, sich einer ordentlichen Menge Menschen zu zeigen. Das gelingt sehr gut, die Neugier wird geweckt und auch in der Nachbereitung (Musik gibt bei Bandcamp gratis zu hören) macht die Band Freude! Allerdings sind viele beim Gig - meinereiner eingeschlossen - damit beschäftigt, irgendwie mit den ungünstigen Platz- und Temperatur-Verhältnissen klarzukommen. Gott sei Dank lichten sich in der Pause die Reihen ein wenig.

Freude kommt auf, als ich mitbekomme, wer als nächstes spielt. SAHG hat mir mit "Delusion Of Grandeur" (zum Review) im Soundcheck 10/2013 schon ziemlich gut gefallen. Live kommt mir der spacige Aspekt in der Musik dieser Norweger allerdings fast etwas zu kurz. Die etwas nebulöse Luftigkeit weicht erdigem Heavy-Riffing und die Musik klingt somit eher nach kraftvollem, skandinavien-typischem Retro-Rock mit Metal-Schlagseite. Was in der Live-Situation jedoch einigen Spaß macht. Durch das sympathische Auftreten insbesondere von Sänger Olav Iversen fühle ich mich mit Songs wie 'Hollow Mountain' oder 'Pyromancer' bestens unterhalten. Auch wenn mir die wabernde Fluffigkeit der letzten Platte ein wenig abgeht.

Dummerweise muss ich danach auf Klo und will ein noch Bier. Tja. Doch das war es dann wohl: Ab jetzt sehe ich nichts mehr von der Bühne, denn nach vorne kommen ist unmöglich, wenn man nicht die Brechstange verwenden will. Ein abgerundeter Konzertgenuss ist durch die ständige Unruhe in der Menge nur schwierig möglich. Weshalb muss man in dieser Situation dann auch noch während des Konzertes immer wieder quer durch Menge drücken, um Getränkenachschub zu holen? So lang geht das jetzt auch nicht.

Irgendwie passen die äusseren Umstände also so gar nicht zu dem, was SÓLSTAFIRs Musik für mich verkörpert: Weite, Freiheit, Einsamkeit. Und dennoch: SÓLSTAFIR schafft dass, was man schon am hellichten Nachmittag auf dem Rock Hard-Festival geschafft hat: das Publikum mit der Musik an sich zu binden. Diese Variante des Post-Rock ist absolut einzigartig und bietet einen wahren Genuss-Stimulus für Herz und Hirn. Allein schon die isländischen Vocals von Aðalbjörn Tryggvason sind absolut außergewöhnlich und wirken immer selbstbewusster. Und die Musiker müssen eigentlich nicht mehr tun als einfach zu spielen, denn sie sind alle absolute Hingucker, charismatische Charakterköpfe, die neben ihrer Musik gar keine weitere Show brauchen. Ich würde sie eh nicht sehen. Ein Vorteil des vollen Clubs ist indes der sehr gute Sound. Also kann ich immer wieder auch die Augen schliessen und so gut es geht, geniessen.

Was mir allerdings niemals nie in den Kopf gehen wird, ist, weshalb man  - wie bei den Leuten neben und vor mir geschehen - alle paar Minuten zu seinem Smartphone greifen muss. Was gibt es da Besseres zu erleben als die Band, die da vorne steht und für die man ja auch Eintritt bezahlt hat? Was tun diese Menschen da immer? Ich denke wohl kaum, dass sich einer die Setlist notiert, um hinterher ein Review zu schreiben. Nein, da werden Leute geaddet, Herzchen verteilt, Selfies bearbeitet, Fotos verschickt, Facebook-Seiten geliked... Ja, das bekommt man eben mit, wenn man so dicht an dicht steht. I really don't fucking get it!
Das ist aber alles nichtig gegen die Größe und Erhabenheit von Songs wie 'Lágnætti', 'Náttmál', 'Svartir Sandar' oder das göttliche 'Fjara'. Diese Band kommt nach oben. Unaufhaltsam. Das nächste Mal bitte einen größeren Club buchen!

Setlist: Köld, Lágnætti, Rismál, Ótta, Þín Orð, Dagmál, Náttmál, Svartir Sandar, Fjara, Goddess of the Ages

Redakteur:
Thomas Becker
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