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Sweden Rock Festival 2006 - Sölvesborg, Schweden

18.07.2006 | 10:45

08.06.2006, SRF-Gelände

Der zweite Tag wird als Hitzetag von den Medien angekündigt. In unserem Fall trifft das natürlich nicht nur auf das Wetter zu. Der WM-Beginn stellt heute sicherlich so manchen vor die schwere Frage: "Fußballspiel oder Headbangen?"
Die Jungs vom offiziellen Merchandise-Stand sind so nett und hängen die Ergebnisse in den folgenden Tagen postwendend am Stand auf. Gespannt bin ich natürlich, wie viele andere auch, auf den heutigen Headliner DEF LEPPARD. Auf LP nicht unbedingt meine Favoritenband, aber als Liveband haben sie bei mir bisher immer einen positiven Eindruck hinterlassen. Aber bis sie tatsächlich auf der Bühne stehen, gibt es für mich zunächst ein strenges Programm von acht anderen Bands zu erleben, und das so ziemlich nacheinander mit maximal 15 Minuten Pause. Also eine große Flasche Wasser und ein bisschen was zu Futtern in meinen Rucksack gepackt, und auf geht's als erstes zur Rock Stage.

ARCH ENEMY (Rock Stage)
ARCH ENEMY wollen heute den vermissten Auftritt aus dem letzten Jahr wieder gut machen, den sie leider aus Mangel an Zweit-Gitarristen absagen mussten. Dafür gab es übrigens einen grandiosen Gastspiel von MUSTASCH, die mit ihrem sehr agilen Frontmann Ralf Gyllenhammar mal eben für eins der Highlights 2005 sorgten.
Nach kurzem Intro ballert die schwedisch-deutsche Freundschaft auch gleich mit 'Taking Back My Soul' vom aktuellen Album "Doomsday Machine" eine ordentliche Portion Todesblei in den sonnigen Mittag. Die Band spielt perfekt zusammen und Bandkopf Michael Amott beweist zwischendurch immer wieder sein Händchen für wirkungsvolle Leadgitarren-Breaks mit phantastischen Melodien. Frontfrau Angela Gossow beleert jeden Headbanger eines Besseren und growlt sich so richtig schön das Zäpfchen aus dem Hals. Das fordert wohl unweigerlich auch Angelas Live-Problem heraus. Zwischendurch ein Schlückchen weißes Etwas kann auch nicht über jeden stimmlichen Aussetzer hinwegtäuschen. Egal, die heutigen 70 Minuten stört das nicht besonders, denn die anwesenden weiblichen Fans bölken ebenfalls beim ihnen gewidmeten 'Burning Angel' mit. Ein Hammerauftritt, der in jedem Fall einen frustloses Gefühl beschert hat.

GOTTHARD (Festival Stage)
Nach kurzer Verschnaufpause kommt das krasse Gegenteil: Die Melodic Rocker GOTTHARD stehen im prallen Sonnenlicht auf der Hauptbühne. An Stelle von Aggression rückt nun gute Laune und Rockstardasein. Sehr professionell mit sauber gespieltem, handgemachtem Hardrock werden die begeisterten Schweden hier konfrontiert. Die Rechnung geht auf, diverse, aber nicht zu lange Mitsingparts machen lauthals die Runde. Der superbe Sänger Steve Lee sorgt nach Hemd gegen T-Shirt-Tausch bei den zahlreichen weiblichen Fans für Er- und Aufregung. Die männliche Welt holt begeistert die Luftgitarre heraus, während Leo Leoni (g.) bei 'Mountain Mama' die Voice Box bearbeitet. Mir gefallen am besten die Coverversionen 'Hush' (DEEP PURPLE), 'Mighty Quinn' (MANFRED MANN) und allen voran natürlich LED ZEPPELINs 'Immigrant Song'. 75 Minuten können schnell vergehen, aber nun wird es Zeit schnell zur Sweden Stage zu gehen.

METAL CHURCH (Sweden Stage)
Die Achtziger-Legende METAL CHURCH ruft zur Power-Metal-Lehrstunde und startet auch gleich rasant mit dem Titeltrack des neuen Albums "A Light In The Dark". Daumen hoch für den neuen Sänger Ronny Munroe, der stimmlich mit allen Vorgängern sehr gut mithalten kann und zumindest live dicht neben David Wayne (R.I.P.) und Jon Olivia von SAVATAGE liegt. Da macht das Hitprogramm der ersten beiden Alben natürlich doppelt Spaß. 'Ton Of Bricks', 'Start The Fire', 'The Dark' oder 'Gods Of Wrath', was will man mehr? Ok, es kommen ja auch noch 'Metal Church' und 'Beyond The Black'. Saitenschrubber und Bandgründer Kurdt Vanderhoof grinst von links nach rechts und freut sich über die ausflippende Meute. Der Nackenmuskulatur wird hier keine Ruhe gegönnt, und so kommt das neue, schweißtreibende 'Mirror Of Lies' der Erlösung gleich, welches nach dem David Wayne gewidmeten 'Watch The Children Pray' erklingt. Die Explosion erfolgt allerdings mit einer absoluten Killerversion von DEEP PURPLEs 'Highway Star'. Schade, da hätte ich doch gerne einmal die Meinung von Roger Glover eingeholt. Was soll nach diesem Auftritt heute noch kommen?

NEIL TURBIN'S DEATHRIDERS (Zeppelin Stage)
Wer erinnert sich noch an den Namen NEIL TURBIN? Richtig, das sagenumwobene ANTHRAX-Debut "Fistful Of Metal" aus dem Jahre 1983 steht nicht nur wegen des beschissenen Covers in meinem heimischen LP-Regal, sondern auch weil sich da einige Alltime-Thrash-Hits befinden. Und wer singt da? Genau, NEIL TURBIN! Ohne neues Album oder Plattenfirma im Rücken kommt der Freak mit seiner neuen Truppe DEATHRIDERS nach Schweden. Auf der kleinen Zeppelin Stage gibt er 40 Minuten alles. Optisch ist er ausgestattet mit langen glatten schwarzen Haaren, Polizistenbart, Lederhose, gepflegter Wampe unter der Lederweste, schwarze Achtziger-Sonnenbrille und immer noch mit einer hohen Stimme. Kult! Nachdem ANTHRAX mit Joey Belladonna am Mikro 2005 hier in Schweden schon die Massen mächtig überzeugten, hätte ich doch ein wenig mehr Publikum als die knappe Hundertschaft erwartet. Egal, ein unbekanntes 'Angry World' eröffnet sehr thrashig das Set. Zwei Gitarristen sind am Start, von denen der eine sicherlich noch nicht geboren war, als die folgenden 'Metal Thrashing Mad' und 'Deathrider' geschrieben wurden. Der zweite Gitarrist ist mehr der Showtyp und schmeißt sein Werkzeug durch die Lüfte, um im gleichen Atemzug wie MALMSTEEN persönlich ca. 3000 Noten auf einmal in die Menge zu jagen. Cool, plötzlich sehe ich mich wieder als Sechzehnjährigen. Leider gibt es noch keine CD der DEATHRIDERS. 'The Truth Is The Best Lie' gefällt mir aber schon mal spontan als Songtitel und lässt schon auf ein eventuell kommendes Album der alten Schule schließen. Mit 'Panic' und als letztes Stück 'Soldiers Of Metal' von oben genannter ANTHRAX-Scheibe gibt es noch einmal bekannte Nackenbrecher in leicht brachialerer Form, aber genauso wollen es die Achtziger-Thrasher hier und jetzt haben. Die professionell wirkende Band hat beim Sweden Rock sicherlich nicht ihren allerersten Auftritt gegeben, soviel ist klar. Auch wenn Herr TURBIN nach dem Konzert sehr optimistisch ist, so glaube ich nicht, dass man ihn so schnell in Europa wiedersieht. Für vergleichsweise fanfreundliche 15 € muss man einfach eines der seltenen Shirts mit dem schlichten Slogan "Deathriders Los Angeles" abgreifen.

QUEENSRYCHE (Festival Stage)
Leider habe ich so auch die erste halbe Stunde von QUEENSRYCHE verpasst und falle mitten in das "Operation Mindcrime Part 1 & 2"-Medley hinein. Geoff Tate hat nach wie vor immer noch eine göttliche Stimme und der Sound kommt klar rüber, so dass sich auch die neueren "Mindcrime"-Songs prima einfügen. Im Gegensatz zu uns Deutschen haben die Schweden wohl weniger ein Problem mit dem neuen Album und feiern dementsprechend auch die gesanglichen Einsätze der mitgebrachten Pamela Moore ab. [Für alle Verächter des neuen Albums sei gesagt: Checkt doch wenigstens mal Titel Nr. 11 'Murder' in Ruhe an! Tipp vom Verf. dieser Zeilen]
Meine Prognose kann nach dieser Fanreaktion nur lauten: QUEENSRYCHE werden eines Tages an dieser Stelle den Headliner machen, daran führt kein Weg vorbei. Zum Schluss gibt es noch mal die Rausschmeißer 'Jet City Woman' und 'Empire' vom gleichnamigen sechzehn Jahre alten Platinalbum, was für Kenner schon ungewöhnlich ist. Aber vielleicht haben sie ja auch mit 'Take Hold Of The Flame' angefangen? Dieser Tag bietet mal wieder keine Zeit, um sich das Gelände in Ruhe anzusehen, geschweige denn endlich dem Sammeltrieb freien Lauf zu lassen und das Portemonnaie bei einem der vielen CD/LP/DVD oder T-Shirt/Klamotten Schlaraffenland-Händler zu belasten. Aber morgen, da muss Zeit sein!

CACTUS (Sweden Stage)
1973 veröffentlichten die Amerikaner CACTUS ihr letztes Album und heute nach 33 Jahren schießen sie ihr fünftes Album an. Grund genug sie auf dem Sweden Rock auftreten zu lassen. Vor der Sweden Stage hat sich schon ein ganzer Haufen Siebziger-Recken versammelt und wartet gespannt auf das Quartett. Der bereits verstorbene Sänger Rusty Day wird hier durch den quirligen Jimmy Kunes bestens ersetzt. Drum-Legende Carmine Appice (Ex-VANILLA FUDGE, Ex-ROD STEWART, Ex-OZZY, Ex-BLUE MURDER etc.) groovt seine Kumpels ordentlich nach vorne und es ist Boogietime: 'Brother Bill' vom Erstlingswerk oder das neue 'Muscle And Soul' lassen die ergrauten, Mitvierziger-Fans aus den Socken kommen. Einige Luftgitarren werden hier gnadenlos gequält, was auch für ein Wunder, denn Gitarrist Jim McCatry zeigt jedem "Neuhelden" was wirkliches Feeling bedeutet. Basswunder und 50-plus-Mann Tim Bogert quietscht ein dermaßen verzerrtes Solo aus seinem Instrument, für das Siebziger-Fan Cliff Burton (METALLICA, R.I.P.) sicherlich auf die Knie gegangen wäre. Zwischendurch gesellt sich ein schwedischer Musiker mit einer gekonnten Harp-Einlage auf die Bühne. Die Jungs haben sichtlich Spaß und präsentieren mit 'Part Of The Blame' einen weiteren neuen Song, der aber weiß Gott nicht neu klingt. Ohne seinen berühmten Mitsingteil "Yeahi Yeaha ... Now You" während seines Drumsolos verlässt ein Carmine Appice auch diesmal nicht die Bühne. Wieder so ein Geheimtipp des Festivals, denn wer sonst würde diese Herren nach Europa einladen?

VENOM (Festival Stage)
Mit 42 (!) Marshall-Verstärkern auf der Festival Stage klotzen VENOM mal wieder mächtig. Warum nun eine halbe Stunde Verspätung eingebaut wird, bleibt mir allerdings unklar, da die Schweden in Sachen Organisation und Pünktlichkeit eigentlich sonst nicht zu schlagen sind. So liegt die Vermutung nahe, dass VENOM vielleicht nur ein 60-Minuten-Set einstudiert haben. Auch wenn nur noch Cronos als einzig verbliebenes Originalmitglied dabei ist, kommt die Show recht authentisch rüber. Mit böser Mimik wird mit großen Schritten über die Bühne gestampft, der Bass mit der Faust bearbeitet. Ein wenig zaghaft knallen allerdings die Pyrofunken von der Bühnendecke, und der Sound ist schlecht bei den eröffnenden drei Hits 'Witching Hour', 'Die Hard' und 'Welcome To Hell'. Die ersten Neugierigen wandern ab und verpassen somit die Steigerung. Viele Teufelshände begrüßen hier die Antichristen und technische Probleme lassen aber auch mal einen personifizierten Mayhembruder wie Cronos grinsen. Reine, geknüppelte Wut springt den Fans wüst mit 'Metal Black' vom gleichnamigem neuen Album entgegen. Die Drums pochen jetzt harte Schläge in die Magengrube, hat es doch vor 20 Jahren schon Spaß gebracht, von irgendeiner Party kommend, mitten in der Nacht lauthals 'Countess Bathory' in fremde Hausflure zu brüllen und so muss ich zugeben, dass mir diese Stunde glatt den Hals wund kratzt. Die lange Matte meines Vordermannes habe ich ständig im Gesicht, und es erklingen 'In League With Satan' und natürlich 'Black Metal'. Das sind Textzeilen, die man niemals vergisst! Super, aber schon vorbei.

W.A.S.P. (Rock Stage)
Böse und ekelig war auch mal Blackie Lawless mit seinen W.A.S.P.s. Heute gibt es leider keine Fleisch-/Blut-/Nonnentötungs-/Pornoshow, sondern einfach nur alten Heavy Metal zum Abrocken. Wenn man die Menge der Zuschauer vor der Rock Stage und die vielen W.A.S.P.-Shirts am Tage zählt, zeigt das den Stellenwert von Blackie und Co. in Schweden, und man kommt schnell zu dem Schluss, dass der Gesetzlose auf die Hauptbühne gehört! Ein irres Gedränge entsteht und textsichere Burschen singen das Eröffnungsmedley 'On Your Knees / I Don't Need No Doctor / Hellion / Chainsaw Charlie' fanatisch mit. Blackie, inzwischen etwas mopsig geworden, springt und zappelt wie eh und je vor seinem Mikro, freut sich wieder einmal in Schweden zu sein und spielt mit 'Love Machine', 'Wild Child' und 'The Real Me' fast ausschließlich altes Material. Als Überraschung wird noch das ruhigere 'Widowmaker' vom genialen Zweitwerk "The Last Command" für den willigen Schweden-Chor vorgetragen. Mit 'Blind In Texas' punktet Mr. Lawless sich zum Abschluss erneut in die Herzen der Begeisterten und man fragt sich: Wer will hier eigentlich noch DEF LEPPARD sehen?

DEF LEPPARD (Festival Stage)
Wieder kein Tropfen Regen heute und die Nacht lässt ebenfalls eine leichte Jacke zu. Prima, es ist 23.30 Uhr und DEF LEPPARD stürmen mit 'Let It Go' wild die Bühne. Die Jungs sind schwer bemüht, zeigen sehr agiles Stageacting, eine bestens aufeinander eingespielte Gitarrenarbeit von "smiling" Vivian Campbell und Phil Collen sowie einen Frontmann, der mit den Leuten spricht und sich bedankt. Trotzdem will der Funke irgendwie nicht überspringen und die Stimmung ist doch recht verhalten, von den ersten Reihen mal abgesehen. Vielleicht sind die Fans auch einfach nur platt von der Hitze des Tages, schließlich kann man sich nicht über Abwesenheit beschweren. Leider wird nichts vom "Slang"-Album gespielt, dafür gibt es natürlich den bunten Mix aus "Hysteria" und "Adrenalize". Zwei Coverversionen von der just erschienenen "Yeah!"-CD, nämlich '20th Century Boy' und 'Rock On' mogeln sich zwischen 'Hysteria' und 'Rocket'. Der Härtegrad, der auf den letzten CD-Veröffentlichungen fehlte, wird auf der Bühne zumindest locker eingeholt, da stören auch die Elektrodrums des einarmigen Rick Allen nicht. Die Musiker machen einen Eindruck der Befreiung, sind routiniert und haben aber doch Spaß dabei. Bei 'Photograph' passiert dann des Sängers Albtraum: die Stimme versagt und wird plötzlich dünn, die Töne passen nur noch bedingt. Längst nicht so eine Katastrophe wie sie uns Herr Coverdale (WHITESNAKE) am Folgetag von Anfang an darbietet, aber schon etwas störend. Ein Mitsingteil bei 'Pour Some Sugar On Me' und ein optimales Gitarrensolo bei 'Love Bites' helfen wunderbar über die Situation hinweg. Joe Elliott greift noch einmal tief in die Kiste der Vergangenheit, quasi "Back To The Beginning" - 'Wasted' bringt altes NWoBHM-Feeling und schon ist ein weiterer phantastischer Tag vorbei.

Gastautor Nico Krogmann

Redakteur:
Martin Stark

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