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The Big 4 - Gelsenkirchen

12.08.2011 | 16:31

02.07.2011, Veltins Arena

Die "Big 4" kommen endlich nach Deutschland!

Am 2. Juli machen wir uns auf ins liebliche Gelsenkirchen, jene Ruhrgebietsstadt, die sich mit der VELTINS-Arena ein fettes Fußballstadion mit Volumen für 60.000 Nasen gönnt.

"Auf Schalke", sagt man auch, wenn man sich in die VELTINS-Arena begibt, denn dieser Bundesliga-Club ist hier zu Hause. Auf der Fahrt mit der überfüllten Straßenbahn ist das auch nicht zu übersehen. Aus den Fenstern im Stadtteil hängt an jedem zweiten Wohnhaus eine "Schalke"-Flagge.

Heute geht es aber um etwas anderes als Fußball. In der Arena finden sich die vier großen amerikanischen Thrash-Metal- Bands ein: ANTHRAX, MEGADETH, SLAYER und dann – METALLICA.

Wir haben einen Sitzplatz in Block T ergattert. Später soll sich herausstellen, dass wir offenbar in Block R gelandet sind. Nicht so einfach, die Platzordnung. Ausgerechnet als die SLAYER-Show läuft, kommen die Metaller, auf deren Plätzen wir irrtümlich gelandet sind, und stören mich bei 'Dead Skin Mask'. Bis zum METALLICA-Gig ist es dann egal, wer wo sitzt, da sich sowieso alle Fans erhoben haben oder betrunken durch den Block torkeln. Das ist tatsächlich auch ein Merkmal dieses Abends: Eine Menge schwer angeschossener Fans, die sich offensichtlich derart darüber freuen, als alte Säcke endlich mal wieder ein Metalkonzert zu besuchen, dass sie sich komplett wegballern. Musikalisch ist das sicher für einige ein lohnender Abend…

[Erika Becker]

Das Spektakel eröffnet die New Yorker Mosh-Institution ANTHRAX und sorgt zugleich für die erste Überraschung des Abends: Das bis dato einzige verbliebene Gründungsmitglied Gitarrist Scott Ian ist nicht mit von der Partie, da er am 20. Juni Papa geworden ist und es vorzog, bei seiner Frau Pearl Aday und dem gemeinsamen Spross Revel Young zu bleiben, da dieser drei Wochen vor dem geplanten Geburtstermin das Licht der Welt erblickte. Als Ersatz konnten ANTHRAX keinen geringeren als SEPULTURA-Klampfer Andreas Kisser für sich gewinnen, der alle europäischen BIG-4-Termine absolvieren wird.

Vom ersten bis zum letzten Takt haben Joey Belladonna und seine Mannen die Crowd in der Veltins Arena im Griff und der Innenraum gleicht einem Tollhaus, was sicherlich auch an der superben Songauswahl liegt. Das Quintett nutzt die Gunst der Stunde, sich in alter Frische mal wieder einem größeren Publikum zu präsentieren, und landet gleich zu Beginn mit 'Caught In A Mosh' und 'Madhouse' zwei ordentliche Wirkungstreffer. Nachdem in den vergangenen Jahren das Sänger- und Besetzungskarrussel so manch eine Extrarunde drehen musste, führt heuer On-Off-Sänger Joey Belladonna die Band durch den Abend, mit dem man seinerzeit die größten Erfolge feiern konnte.

Belladonna zeigt sich im Vergleich zu der halbgaren Reunion im Jahr 2006 wesentlich agiler und gesanglich stabiler. Gekonnt zieht er die Massen auf seine Seite. ANTHRAX haben die Songauswahl für den kurzen Openerslot bis auf eine Ausnahme ('Fight 'Em Till You Can't') auf ihre größten Hits beschränkt und so manchem Fan der ersten Stunde steht vor Freude "Pippi in den Augen". Eigentlich fehlt nur der obligatorische Indianerkopfschmuck beim Gassenhauer 'Indians'. Ansonsten gibt es die absolute Vollbedienung und selbst das neue Stück 'Fight 'Em Till You Can't' reiht sich nahtlos ein und lässt die Vorfreude auf das neue Album wachsen.

Das Finale läuten 'Medusa' und 'I Am The Law' ein, wobei man vor der Judge Dredd-Nummer noch SEPULTURAs 'Refuse/Resist' kurz anspielt, um sich bei Andreas Kisser zu bedanken, der einen mehr als ordentlichen Job machte und stolz wie Oskar ist, mit seinen Idolen die Bühne teilen zu dürfen.

Joey Belladonna hatte sich im Vorfeld strikt geweigert, Songs aus der Bush-Ära zu präsentieren, was ich teilweise verstehen kann, weil beide doch sehr unterschiedliche Gesangsstile haben. Dennoch sollte sich Belladonna doch mal mit dem Gedanken anfreunden, dass John Bush ANTHRAX über ein Jahrzehnt lang geprägt hat und nicht so einfach kommentarlos unter den Tisch gekehrt werden sollte.

Ein gelungener Einstieg, der Lust auf mehr macht. Jetzt geht es erst einmal ab zum Bierstand um verloren gegangene Elektrolyte nachzuladen.


Setlist:

Caught In A Mosh
Madhouse
Antisocial
Indians
Fight ‘Em Till You Can’t
Metal Trashing Mad
Medusa
I Am The Law

[Frank Hameister]

Nachdem der gute Dave Mustaine in den vergangenen Jahren genug Asche auf sein Haupt gestreut hat und über seine METALLICA-Eskapaden nunmehr das altersmilde Mäntelchen der Vergebung gelegt werden konnte, steht der - finanziell attraktiven -  Bühnenwiedervereinigung im Rahmen der "The Big 4"-Tour nichts mehr im Wege. Der im kommerziellen Windschatten zum METALLICA-Flagschiff segelnde MEGADETH-Kutter sollte auf jeden Fall genügend zündende Böller an Bord haben, um im weiten Schalke-Rund über den lästig zu ertragenen METALLICA-Support-Status hinauszukommen.

Im Großen und Ganzen wird das geliefert, was die Meute erwartet: 'In My Darkest Hour', 'Hangar 18', 'Wake Up Dead', 'Symphony Of Destruction', 'Peace Sells' und 'Holy Wars' ernten dann auch die stärksten Publikumsreaktionen. Der MEGADETH zugewandte Hörer schätzt die Band sicherlich nicht wegen Daves außergewöhnlicher Gesangsstimme, sondern toleriert diese wegen der den MEDADETH-Stil prägenden Gitarrenriffs. Und da ist es für mich schon großes Kino, insbesondere bei 'Hangar 18' und 'Wake Up Dead' breitbeinig die Luftgitarre zu schwingen. Es fehlt mir nur noch Daves tolle Lockenhaarpracht, ein Engagement in einer noch zu gründenden Coverband wäre mir sicher.

Dann würde ich es auch so machen wie das Original und beim Refrain von 'Peace Sells' meine einzigartige Stimme schonen und diesen Part dem Publikum überlassen. Dieser Moment ist sicherlich der Stresstest, um herauszufinden, wie viele im weiten Rund denn (auch) wegen MEGADETH angereist sind. Und siehe da: Grob geschätzt die Hälfte des Publikums schwingt die Fäuste und grölt deutlich vernehmbar "I'll be the first in line!" Der Zustimmung versichert kann auch schon das den Gig beendende 'Holy Wars' angesteuert werden. Mit starkem Applaus darf dann der MEGADETH-Kutter vor Anker gehen.


Setlist:

Trust
In My Darkest Hour
Hangar 18
Wake Up Dead
Head Crusher
Rattlehead
Symphony Of Destruction
Peace Sells
Holy Wars... The Punishment Due

[Stefan Karst]

ANTHRAX und MEGADETH sind bekanntlich nicht meine besten Freunde. Nachdem ich mich also in den ersten beiden Runden ein wenig gelangweilt habe, beginnt für mich mit SLAYER der interessante Teil des Abends. Inzwischen hat sich die Arena im Gegensatz zu den ersten beiden Gigs wieder etwas mehr gefüllt, wenngleich die Halle noch lange nicht ausgeschöpft ist. Deutlich spürbar also, dass  der Großteil der Besucher wegen METALLICA angereist ist.

SLAYER bieten bekanntlich keine sehr aufregende Bühnenperformance. Nach wie vor mit Gastgitarrist Gary Holt von EXODUS an Bord, schaffen es die beinharten Thrash-Helden auf eine Gesamtspielzeit von einer knappen Stunde. Obwohl ein ausgeglichener Rundumschlag aus verschiedenen Alben geboten wird, kommt zumindest für mich nur wenig mitreißende Stimmung auf. Das hat sicher damit zu tun, dass sich die kleinen Figuren unten auf der Bühne weit entfernt von Block T im ersten Rang  in der überdimensionierten Arena ziemlich verlieren. Erst als später bei der Headliner-Show mit METALLICA wirklich ALLE in der Halle mitmachen, entsteht diese prickelnde Atmosphäre, die Metalkonzerte im Gedächtnis bleiben lässt.

Bei SLAYER  gelingt das noch nicht. Dennoch ist es wie immer ein Genuss, sich die alten Granaten á la 'Postmortem', 'War Ensemble' und natürlich mein geliebtes 'Dead Skin Mask' um die Ohren peitschen zu lassen.

Ich vermisse natürlich das arayasche Headbanger-Kugelgelenk, aber diese Zeiten sind bei dem inzwischen 50-jährigen Sänger eben endgültig vorbei. Nicht vorbei sind 'South Of Heaven' und 'Reign In Blood', die den Fans nach einer kurzen Atempause im zweiten Teil des Gigs ebenso angeboten werden wie das traditionelle Finale mit 'Angel Of Death', bei dem Dave Lombardo mit seinem Drumsolo die Arena noch einmal zum Aufheulen bringt, bevor der imaginäre Vorhang fällt.

Fazit: Schön, SLAYER mal wieder gesehen und die favorisierten Gassenhauer wieder einmal live gehört zu haben. In die Annalen wird diese Show aber allenfalls wegen des gemeinsamen Programmes mit den übrigen Ur-Thrashern eingehen. SLAYER-Konzerte habe ich schon intensiver und deutlich atmosphärischer erlebt.


Setlist:

World Painted Blood
Hate Worldwide
War Ensemble
Postmortem
Stain Of Mind
Disciple
Dead Skin Mask
Snuff
________________________

South Of Heaven
Raining Blood
Black Magic
Angel Of Death

[Erika Becker]


Über die Livequalitäten von James Hetfield und Co. braucht man nicht mehr viele Worte zu verlieren, ein richtig schlechtes Konzert habe ich in den verganenen 20 Jahren nicht erlebt. Den geneigten Fan interessiert es nicht, dass Drummer Lars Ulrich sicherlich nicht zu den Ausnahmeschlagwerkern auf diesem Planeten gehört und immer wieder ein paar kleinere Aussetzer hat. Letztendlich kommt es darauf an, für Gänsehautfeeling zu sorgen, und das ist METALLICA bislang immer gelungen. Schon vor dem Auftritt der glorreichen Vier kreist die La-Ola-Welle durch das königsblaue Himmelreich. Bereits beim Opener 'Hit The Lights' wird deutlich, wer der Herr im Hause ist: METALLICA!

Die 57.000 fressen dem Bay-Area-Quartett ab der ersten Sekunde aus der Hand. Die Songauswahl für den heutigen Abend basiert auf den ersten fünf Alben, mal von 'The Memory Remains' und 'All Nightmare Long' abgesehen. Gewohnt puristisch ist die Bühne gehalten, die jedoch reichlich Platz für ausgiebige Spaziergänge über Rampen und Ausleger bietet. Videoleinwände sorgen dafür, dass selbst in den hintersten Reihen das Geschehen auf der Bühne noch gut verfolgt werden kann. Endlich gelingt es auch den Tontechnikern, einen amtlichen Sound zu zaubern und die Veltins Arena in ihrem Mark zu erschüttern, was leider an diesem Abend gerade bei MEGADETH nicht gelungen ist.

Schon nach den ersten Songs wird klar, dass es sich bei den "Big 4" eigentlich mehr um eine METALLICA-Tour mit drei Vorbands handelt, denn keinem der vorangegangen Akteuren ist es gelungen, die Fans dermaßen aus der Reserve zu locken, wie METALLICA. Schon nach der ersten halben Stunde bleiben keine Wünsche mehr offen. Es gibt wenige Bands, die im Rahmen einer laufenden Tour so variabel in ihrer Songauswahl sind wie METALLICA. So serviert man den früheren Rausschmeißer 'Seek And Destroy' schon als vierte Nummer. Wem 'Nothing Else Matters' mittlerweile aus den Ohren hängt, darf sich an 'Fade To Black' und 'Welcome Home (Sanitarium)' erfreuen und bekommt mit 'The Call Of Ktulu' eine weitere Delikatesse serviert, ehe 'One' alles in Schutt und Asche legt. Hoffentlich hält das Dach der Veltins Arena.

METALLICA strahlen einfach nur Spielfreude aus und nehmen keinerlei Rücksicht auf Verluste. 'Enter Sandman' beendet vorerst den Abend, ehe die Bühne für den obligatorischen "Big 4"-Jam vorbereitet wird, an dem am heutigen Abend alle bis auf SLAYER teilnehmen, die zu diesem Zeitpunkt bereits im Flieger zur nächsten Station sitzen. Schade. Gemeinsam wird eine eindrucksvolle Version von 'Helpless' dargeboten, ehe 'Battery' und 'Creeping Death' den Fans die allerletzten Kraftreserven entziehen. Danach ist Feierabend und die Band wird mit stehenden Ovationen verabschiedet. Big, Bigger, METALLICA!

Setlist:

Hit The Lights
Master Of Puppets
The Shortest Straw
Seek & Destroy
Welcome Home (Sanitarium)
The Memory Remains
All Nightmare Long
Sad But True
Wherever I May Roam
The Call Of Ktulu
One
For Whom The Bell Tolls
Blackened
Fade To Black
Enter Sandman
__________________

Helpless (Jamsession)
Battery
Creeping Death

[Frank Hameister]

Das "Big 4" trägt seinen Namen zu Recht und sucht seines Gleichen (mal von der Neunzigerer "Clash Of Titans"-Tour abgesehen). Schade nur, dass die Tontechniker der ersten drei Bands weitestgehend einen gebrauchten Tag erwischt hatten. Gerade bei MEGADETH war der Gesang von Dave Mustaine stellenweise nicht wahrzunehmen und auch die feinen Soloparts wurden nur selten entsprechend in den Vordergrund gemischt. Der Sound bei SLAYER war leider auch nicht so druckvoll, wie eigentlich bei Hallenkonzerten gewohnt. Ein weiterer Wehrmutstropfen war die Versorgung im Innenraum, denn gerade die Getränkestände wurden förmlich überrannt und Wartezeiten von einer halben Stunde auf ein Bier waren leider keine Seltenheit. Da sollten sich die Betreiber der VELTINS-Arena mal Gedanken machen. Erfreulich waren hingegen die ausreichend vorhandenen Toiletten und Dixies. Ein ganz besonderer Dank geht abschliessend an das tolle Publikum, das dem Festival einen würdigen Rahmen verpasste.

Redakteur:
Frank Hameister
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