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The Blue Season Listening Session - Aichtal

05.11.2002 | 12:14

06.10.2002, Audio Arts Studios

Die Veröffentlichung ihres Debut-Albums “Secede” liegt bereits ein Jahr zurück – höchste Zeit also für die Gothic-Retro-Rocker von THE BLUE SEASON, an einem Nachfolger der Platte herumzufeilen. Und die Göppinger waren nicht müßig in den letzten Monaten: Zehn neue Songs wurden in Roman Schönsees (THE BLOODLINE, THE DREAMSIDE, 18 SUMMERS) Audio Arts Studios zu Aichtal aufgenommen, bereit, am 06.10. kurz vor dem Mastering einer kleinen Gruppe an Auserwählten vorgeführt zu werden. Dass besagte Gruppe dann im Endeffekt nur aus der Band selbst, Licht- und Tontechniker Markus Staub, Roman und Lebensgefährtin Kemi Vita (ebenfalls THE DREAMSIDE und THE BLOODLINE) und meiner Wenigkeit bestand, machte das Ganze eher zu einem gemütlichen, abendlichen Beisammensein bei Snacks und Getränken, bei der die Vorstellung der neuen Platte sozusagen noch das Tüpfelchen auf dem i darstellte. Die Kollegen von der Konkurrenzpresse hatten wohl Besseres zu tun – tja, Pech für sie ;-).

Vorneweg genommen sei gesagt, dass das neue, noch namenlose Scheibchen von THE BLUE SEASON verglichen mit „Secede“ einiges an rockigem Elan und vor allem Druck zugelegt hat: Wo das Debut streckenweise noch einen Tick zu zaghaft und soft klang, tritt der neue Output deutlich mehr aufs Gas – da gehen die Gitarren besonders beim Riffing wesentlich energischer und dynamischer zu Werke, ohne dabei jedoch im Melodiebereich einen gewissen 80er-Jahre-Flair zu verlieren (Parallelen zu U2 und THE CURE können berechtigterweise gezogen werden), und der Gesang präsentiert sich ausgewogener, da die Vocals von Oliver Zillich neben denen von Natalie Pereira wesentlich häufiger zum Zuge kommen als noch zuvor. Ansonsten bleiben die Göppinger ihrem Stil aber weiterhin treu, weben fleißig diverse Percussion-Instrumente wie Bongo- und Conga-Trommeln in die Werke mit ein und lassen die melodischen Keyboards alles andere als zu kurz kommen.

Doch lange genug um den heißen Brei herumgeredet, kommen wir nun lieber zu den einzelnen Songs, welche sich an jenem Abend ihren Weg an mein neugieriges Ohr bahnten:

“Forever Torn“
Mit den Klängen einer Hammond-Orgel läuten THE BLUE SEASON den Opener ein – eine gut mitziehende Rocknummer im Mid-Tempo-Bereich. Die Gitarren rocken sprühend, Oliver und Natalie teilen sich die Gesangsparts in gleichberechtigten Dosen, und durch das stetige, hintergründige Beibehalten der Orgelmelodien transferiert man einen leichten 70er-Jahre-Spirit in das Stück. Guter Einstieg.

“Cold“
Samtige Keyboardteppiche säumen diese Ballade, die primär von Oliver intoniert wird – die weiblichen Vocals nehmen hier eher Unterstützungsfunktionen beim Refrain ein. Da sich das Werk im beschwingten 6/8tel-Takt präsentiert und zudem mit verspielten Gitarrenmelodien aufwartet, kommt anstatt Herz-Schmerz-Feeling unterm Strich eine angenehm entspannende Nummer zutage, die das Thema Liebe umkreist.

“Hours And Hours“
Und wieder die Hammond-Orgel – diesmal jedoch von wesentlich solideren und kraftvollen Gitarrenwänden begleitet als noch bei “Forever Torn”. Es wird gerockt, aber nicht komplett durch die Bank: Langsame, mit mystischem oder auch exotisch-orientalischem Flair versehene Passagen und der dezente Percussioneinsatz lockern immer wieder überraschend das Szenario auf und geben dem Stück so einen spannenden und interessanten Charakter.

”Autumn”
Romantisch-melancholische Klaviermelodien und sehnsuchtsvolle Harmonien; mit “Autumn” ist ein reines Instrumental von Gitarrist Jochen Laser – der neben der Schulung am Sechssaiter ebenfalls eine klassische Klavierausbildung genossen hat – an der Reihe. Wunderschön und einfach zum Träumen, mehr braucht nicht gesagt zu werden.

”When I Fall Asleep” (Arbeitstitel)
In den ersten Minuten zeichnet sich dieses Stück durch seinen schwerelosen Charakter aus: Neben schwebenden Keyboards und Percussions dominiert allein der Gesang das Gesamtbild in beinahe ethnohafter Weise. Mit dem Einsatz der Gitarren gesellt sich aber auch wieder ein rockiger Aspekt hinzu, jedoch immer wieder durchsetzt von sanften Breaks wie auch schon bei „Hours And Hours“ und filigranem Solo-Spiel von Saitenmann Jochen. Abwechslungsreiches Hörvergnügen.

”Forsaken”
Kommen wir nun zu meinem Favoriten der Platte: „Forsaken“, eine powervolle Herz-Schmerz-Ballade, die kräftig die Emotionen anrührt. Kerniges Riffing an den richtigen Stellen lässt das Stück alles andere als schwachbrüstig dastehen, und besonders der im Duett eingesungene, wehmütige Refrain schürt das Gänsehautfeeling. Beide Daumen hoch!

”Release”
Nach dem Abstecher in balladeske Gefilde kommt nun wieder etwas härteres Futter angefahren. Die spielfreudigen Gitarren, der durch die Keyboards erneut vermittelte, unterschwellige 70er-Spirit und diverse Rhythmuswechsel stehen „Release“ gut zu Gesicht, und das kleine, zum Ende aufgefahrene regelrechte Bongo- und Congasolo von Oliver Waibel lässt erahnen, welchen Spaß dieser hinter seinen Instrumenten hat.

”Life” (Arbeitstitel)
„Life“ kann wohl als der „Happy-Song“ der Platte bezeichnet werden. Wo „Forsaken“ kräftig auf die Tränendrüse drückte, regt dieses Stück durch seinen unbeschwerten Charakter, die locker-flockigen Gitarren und verspielten Melodien zum Freuen und Fröhlichsein an.

”Today”
Ein prägnanter Basslauf leitet das vorletzte Werk des Albums ein, ein Song mit viel Groove und leichten Spuren von Aggressivität, da sich die Gitarren hier auch mal etwas verzerrt vernehmen lassen dürfen. Ansonsten aber die gewohnt spitzigen Melodieparts der Saitenfraktion im 80er-Stil und ausgewogener Gesang im männlichen wie auch weiblichen Lager.

”Body In The Pool” (Outro)
Nachdem Jochen mit "Autum" beweisen konnte, was er auch hinter den Tasten so alles draufhat, zeigt er abschließend auf ein Neues sein spielerisches Können, diesmal an seinem Hauptinstrument: In sich selbst versunkenes Gitarrenspiel und dazu passende percussionistische Untermalung machen „Body In The Pool“ zu einer finalen, psychedelischen Erfahrung des neuen BLUE SEASON-Streichs.

Was mir im Vorfeld schon zugetragen wurde, hat sich mit dem Hören des neuen TBS-Silberlings also doch bewahrheitet: Verglichen mit dem neuen Output der Göppinger klingt Vorgänger „Secede“ fast wie Schlafmusik – ohne dabei negativ sein zu wollen. Bis sich das breite Publikum selbst davon überzeugen kann, werden allerdings noch ein paar Monate ins Land gehen, denn die Veröffentlichung des guten Stücks ist erst für März 2003 eingeplant. Aber lasst euch sagen: Das Warten lohnt sich.

Redakteur:
Kathy Schütte

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