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Unleashed - Münster-Breitefeld

30.11.2004 | 10:06

28.11.2004, Live Arena

Wir schreiben den 28.11.2004, einen Abend, der zu meinem persönlichen 2004-Best-of-Livebands-Programm gehören wird. Ich packe meinen Kumpel Uli ein und eiere locker flockig nach Münster, um einem meiner absoluten Faves im Musikbereich zu huldigen. UNLEASHED gastieren und haben eine illustre Schar wild gewordener Musiker mitgebracht, die im Vorprogramm der Wikinger ordentlich Futter bei die Fische geben sollen. Die Hinfahrt gleicht schon einmal einer kleinen Katastrophe, da halb Deutschland gedenkt, in einem Arschvoll grauer Pisse abzusaufen. Also bahnen wir uns mit gedrückten Daumen und jeder Menge Angstschweiß in der Kimme den Weg gen Süden. Als wir an der Halle ankommen, fallen wir zu Boden, küssen den schwarzen Matsch und danken dem Gehörnten für all die Dämonen, die er uns zum Schutze gesandt hatte. Allem Überlebenswillen zum Trotz geht es natürlich zunächst an die Biertheke. Schließlich ist es heute arschkalt und angesoffene Wärme ist die beste, da sie von innen kommt. Pünktlich zum Schoppen sprühen die ersten musikalischen Funken und die ersten Noten quetschen sich in brachialer Lautstärke durch die PA. Und die nächste Scheiße steht ins Haus! Die Digitalkamera streicht wahrscheinlich unter Einwirkung der Druckwelle ihre Segel und so bin ich lediglich noch mit einem Zettel und einem Stift bewaffnet.

Den Anfang machen in der Live Arena die Schwaben IMMORTAL RITES, die in diesem Jahr mit ihrem Longplayer einiges an Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnten. Dementsprechend gespannt waren wir, ob die Jungs das sehr starke, melodische Todesmaterial auch auf die Bretter zaubern können. Sie können! Ihr starker Albumeinstand "Art Of Devolution" überzeugt auch live absolut und so brechen Fellgerber wie 'Fatal Exploited', 'Dressed In Amazing Red' und vor allem das megabrutale 'Digital God' ausnahmslos die Knöchelchen. Das Stageacting wirkt noch etwas hüftsteif. Ich denke aber, dass IMMORTAL RITES an diesem Abend sehr darauf bedacht waren, einen musikalisch einwandfreien Gig zu liefern. Und das ist ihnen durchaus gelungen. Sound gut, Mucke auch, was will man mehr?

Die Polen YATTERING stürmen die Bühne und richten von der ersten Sekunde an ein unvergleichliches, hochtechnisches musikalisches Massaker an. Meine Fresse! Man kann nur höllisch dazu sagen, was die Jungens an Wut, Zorn und Hass auf das Publikum abfeuern. Tightness steht an oberster Stelle und so münden die manischen Tötungsversuche direkt in unserer Nackenmuskulatur. Unglaublich, was die Jungs auf ihren Instrumenten abziehen. Die Griffel segeln in Lichtgeschwindigkeit über die Griffbretter und der Drummer, der übrigens kurioserweise mit dem Rücken zum Publikum sitzt, legt eine himmlische Beckenarbeit an den Tag. Da das kosmische Gleichgewicht gewahrt werden muss, bediene ich die Unterseite meines inneren Organraums mit ein paar Bierchen und ergötze mich an der opulenten Bühnenpräsenz des Vierers, der wirklich abgeht wie Schmidts Katz. Man merkt dennoch deutlich, dass das Publikum noch nicht ganz so warm ist. Es geht zwar gut mit, wirkt aber noch etwas verhalten. Kein Wunder, es sollten ja noch einige Leberhaken folgen und ich meine jetzt nicht nur die flüssigen. Trotzdem können YATTERING ihr Münster-Gastspiel als Erfolg verbuchen.

IN BATTLE werden zur Zeit zu einem großen Ding, stehen bei Metal Blade unter Vertrag und rollen den harten Musikzirkus von hinten auf. So auch an diesem Abend. Livehaftig sind die Schweden noch um einiges energiegeladener als auf Konserve. Ab dem ersten Todesbeat ist in der Live Arena Schluss mit lustig. Ein Moshpitt wie ein Sumpfgebiet dreht alles Atmende, ob es nun wollte oder nicht, durch die Knochenmühle. Drei Lieder, ein biergetränktes T-Shirt und drei stark schmerzende Finger später beruhigt sich die eruptive Stimmung ein wenig und ich komme zum ersten Mal dazu, konzentriert der Musik IN BATTLEs zu lauschen. 'Soul Metamorphosis', 'The Rage Of The Northmen' oder auch 'Stone Faced Mountains': Präzise wie ein Uhrwerk, tight wie ein Zug auf Watte, close wie die Umarmung eines Toten in seiner Leichenstarre trümmern IN BATTLE alles nieder. Die Riffwalzen sind fast unerträglich und kommen noch deutlich schneller als auf Konserve aus der Hüfte, was an sich schon ein fast grotesker Gedanke ist. Drummer Nils droht in diesem Highspeedchaos mehr als einmal aus der Bahn zu fliegen, meistert aber alle Tracks mit scheinbar leichtfüßiger Gelassenheit. Was dieser Maniac für eine Doublebass spielt, ist schier unglaublich. Bisher war mein Fave immer der große Dave Lombardo gewesen. Mann, der ist ja gegen den IN BATTLE-Freak ein lächerlicher Pupsschlagwerker. Eine knappe Dreiviertelstunde später ist das soundtechnisch akzeptabel gestaltete Spektakel vorüber und IN BATTLE werden herzlich aus dem Schoße der Weichgeprügelten entlassen. Zum ersten Mal tun mir heute verdächtig die Ohren weh und alles scheppert und klingelt übel in selbigen. Also geht´s mal wieder zu der kleinen Hübschen an der Theke, um die Lauschlappen wieder auf eine angenehme Betriebstemperatur zu bringen.

Wenn es eine Band gibt, die meine Klöten aus dem Stand im Höllengroove zum Glühen bringen kann, dann ist es UNLEASHED. Sie brachten mich Ende der Achtziger mit dem Schweden-Death in Verbindung. Sie sind seit Jahr und Tag meine Helden und trotzdem habe ich sie noch nie live gesehen. Dementsprechend stehe ich wie ein dummer, kleiner, nervöser Schuljunge vor der Stage und harre der Dinge, die da kommen werden. Und es kommt, wie es kommen muss. Das Licht geht aus, ein düsteres Intro, ein deftiger Schlag und danach ist nichts mehr, wie es war. An diesem 28.11.2004 habe ich mein persönliches Konzerthighlight des Jahres erlebt.

Johnny Hedlund und seine Gang zerlegen vom ersten Takt an die Live Arena zu Münster in ihre atomaren Bestandteile, glänzen im gleichen Maße mit Stageacting und spielerischer Präzision und zeigen sehr dominant, wer im hohen Norden die tödlichen Mörtelhosen anhat. In dem unbarmherzigen Groove des Vierers, der auch den Jungs von SIX FEET UNDER das Fell über die Ohren zieht, fliegen mir tonnenweise Haare, Hautfetzen und Knochensplitter (sorry Alter, war keine Absicht) entgegen und auch der eine oder andere Blutstropfen entweicht meinem Zahnfleisch mit zielgerichteter Wegsamkeit. Stillstehen ist nur in der letzten Reihe möglich. Der Rest vom Schützenfest bildet einen Pit, der einem schwarzen Loch gleicht und alles nicht Festgenagelte in sich verschlingt.

Scheißegal, was die Schweden anstimmen, die Setlist ist ein einziger Siegeszug. Ob nun alte und unverzichtbare Hymnen wie 'Berzerk', 'Shadows In The Deep' oder das extrem fett groovende 'Don´t Want To Be Born', oder die neuen, an Coolness kaum zu überbietenden Monster 'Winterland', 'Destruction (Of The Race Of Men)' und vor allem der Bonebreaker 'The Longships Are Coming'. Jede Note entzieht dem Publikum Lebenskraft. Es stinkt nach Schweiß ohne Ende und ich bin durchtränkt mit selbigem. Ich fliege von links nach rechts, Richtung Decke und aufs Maul (zu jenem Zeitpunkt war ich nicht mehr so arg fit). Mir ist alles scheißegal und ich gebe mich den Prügeln hin, seien sie nun auditiv oder handgemacht. Das Publikum (auch wenn nicht gerade stark besetzt) gibt an diesem Abend alles. Johnny befielt und alle folgen. Die Live Arena wackelt und bebt und droht einige Male zu zerbröseln. Das zuckende Licht zaubert unter die Show der Wikinger einige visuelle Glanzlichter und so sitz ich nun hier, schreib diesen Text, reflektiere und genieße noch mal die Schauer auf meinem Pelz. Es bleibt lediglich zu erwähnen, dass die Live Arena bei weitem nicht voll gefüllt war, was ich bei diesem Package schon reichlich komisch finde. Naja, Montag ist arbeiten angesagt. Vielleicht lags daran? Ärsche hoch Leute, die Live Arena ist soooo geil!!!

Johnny Hedlund ist in der Live Arena grandios bei Stimme, hat das Publikum mit seiner massigen Präsenz jederzeit im Griff und sorgt mit seinen kurzen und knappen Ansagen für ständige Gemütserhitzung. Drummer Anders groovt sich fast um den Verstand und Lead-Gitarrist Fredrik spielt wie immer die gefühlvollsten Death-Metal-Soli dieses Planeten, nachdem ihm peinlicherweise seine Klampfe gerade beim Opener 'Winterland' den Dienst quittierte. Scheiß Technik! Als nach gut siebzig Minuten (hätten ruhig ein paar mehr sein können) Klassiker der Marke 'Into Glory Ride', 'Before The Creation Of Time', 'Executes' und 'To Asgard We Fly' vorüber waren, mein komplettes Gerippe wie eine Masse Knete anmutete, ließen die Fans noch einmal völlig ausgepumpt Johnny und die Jungs hochleben und rundeten diese Hammershow mit einer drei Meter dicken Gänsehaut auf meinen Gräten ab. Grinsend wie zwei frisch gebürstete Eichhörnchen traten wir den Nachhauseweg an, der uns wieder volle Konzentration abverlangte. Hells unleashed in grey, der Regen und seine Tücken.

Redakteur:
Alex Straka

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