Wacken Open Air 2007 - Wacken

08.09.2007 | 15:54

02.08.2007, Wacken

SUIDAKRA (Black Stage)

Zu recht früher Stunde bitten die folkloristischen Black-Metaller mit Faible für Irland auf die Bühne, um auch gleichzeitig eine kleine Änderung zum letztjährigen Auftritt vorzuführen. Denn wenn man schon mal eine große Bühne hat, so ist ein großer Dudelsack doch nicht verkehrt, oder? Und so geben SUIDAKRA eine gute Figur auf der Bühne ab, auch um elf Uhr in der Früh. Auch wenn sich der Dudelsack klanglich zu Anfang ganz weit nach hinten verzieht: Sobald er sich zeigt, ist Begeisterung ob der fehlenden Konserve angesagt. Dazu hat auch die Playlist was zu sagen, die sich bis zum finalen 'Wartunes' als ein gelungener Mix aus Alt und Neu zeigt, der zum Großteil auch aus vielen Kehlen stimmliche Unterstüztung erhält. Auch hier überrascht das Wackener Volk mit spontanen Begeisterungsstürmen sowie unaufgefordertem rhytmischem Klatschen, dessen Taktverlust schnell durch die Mannen auf der Bühne wieder eingeholt wird. Dass dann auch stimmlich, klanglich und stimmungstechnisch ein gelungener Auftritt beschert wird, zeigt, dass auch früh um elf aufstehen nicht unbedingt eine Strafe sein muss.
[Lars Strutz]

NAPALM DEATH (Black Stage)

Als auf der True Metal Stage AMORPHIS auftreten wollen, steigen Rauchschwaden gefolgt von Flammen empor – nein, nicht auf der Bühne, sondern davor. Das trockene Stroh, wegen des vortägigen Matsches tonnenweise über dem Festivalgelände verteilt, hat Feuer gefangen. Dank permanenter Ansagen von der Bühne weicht das Publikum nach und nach zurück, um der Feuerwehr Platz zu machen. Die braucht eine Weile zur Brandbekämpfung, und so müssen NAPALM DEATH auf der Black Stage schon eine halbe Stunde früher ans Werk. Nach einem doomigen Intro legen die Briten auch mächtig los, mit 'Narcoleptic', wenn ich mich nicht irre. Ist ja immer so eine Sache mit der Songerkennung bei den Altmeistern des Grindcores, die seit dem Tod ihres Gitarristen Jesse leider nur noch zu viert durch die Lande ziehen. Der recht früh in der Setlist platzierte All-time-Kracher 'Suffer The Children' zeigt aber, dass es auch als Quartett geht. "Religion is a fucking miss", kündigt Sänger Barney einen Song von dem aktuellen "Smear Campaign" an. Der wuselige Frontmann legt mal wieder Kilometer auf der Bühne zurück und hat inzwischen noch ein paar Brocken mehr Deutsch gelernt: "Alles klar, Freunde?", erkundigt er sich mit Birminghamer Akzent, ehe es mit 'Breed To Breathe' weitergeht. Das 26 Jahre alte 'Scum' darf natürlich auch nicht fehlen, während im Publikum chilenische, rumänische und mexikanische Flaggen geschwungen werden. Bei diesem internationalen Publikum punkten NAPALM DEATH natürlich auch mit ihrem traditionell letzten Song 'Nazi Punks Fuck Off', den Barney der NPD widmet. Ein letzter Moshpit, ein letzter Barney-Rotzer auf die Bühne, und schon ist's wieder vorbei mit der Knüppel-Herrlichkeit.
[Carsten Praeg]

Brandbekämpfung hin oder her - NAPALM DEATH hätte ich schon sehen wollen. Und auch wenn ein solcher Brandherd wegen des schnell brennenden Strohs zügig gelöscht werden muss, muss man die vielen Zuschauer am Einlass zwanzig Minuten verharren lassen, wenn der Brandherd geschätzte hundert Meter von Einlass oder Bühne entfernt ist? So konnte ich mir nur noch 'Nazi Punks Fuck Off' - aus immerhin fünfzig Metern Entfernung, man könnte sagen: direkt vor meiner Nase - reinziehen. Im Übrigen verwundert der Umstand, dass sich um kurz nach zwölf mittags bereits geschätzte 10.000 Banger (!) vor der Black Stage versammelt haben, um NAPALM DEATH zu sehen, doch sehr. Das ist alles andere als normal. Das W:O:A 2007 ist eindeutig zu voll! Ich persönlich hoffe inständig, dass die Wacken-Veranstalter, so wie sie es auf der Website beteuern, dafür sorgen werden, dass für das W:O:A 2008 nicht noch mehr Karten verkauft werden als für 2007. Zitat auf der Wacken-Website vom 07.08.2007: "Das Wacken Open Air wird nicht größer ... Wir sind am Limit!" Ob diese Erkenntnis etwas nützt?
[Martin Loga]

AMORPHIS (True Metal Stage)

Während sich die finnische Kalevala-Ikone hinter der Bühne auf ihren Auftritt vorbereitet, bricht in den Publikumsrängen nahe der Party Stage plötzlich Feuer aus. Mit gut 80 Minuten Verspätung lässt man sie dann endlich auf die trotzdem bestens gelaunte Meute los. Songs wie 'My Kantele' und 'Alone' werden in einem sauberen Sound überzeugend präsentiert, und Sänger Tomi Joutsen setzt seine heißen arschlangen Rastas wieder genial in Szene. Für diese Band sind Fans und Wacken-Weide gleichermaßen Feuer und Flamme!
[Silvana Conrad]

THERION (True Metal Stage)

THERION können am frühen Nachmittag ebenfalls viele Zuschauer anziehen. Der Auftritt auf dem W:O:A markiert das letzte Konzert mit Sänger Mats Levén, der THERION verlassen wird. Neben Snowy Shaw ist auch noch der neue THERION-Sessionsänger Thomas Vikström (ex-CANDLEMASS) zu hören. Die weiblichen Goldkehlchen, namentlich Karin Fjellander, Katarina Lilja und die charismatische Lori Lewis (= Toursängerin) legen gemeinsam mit ihren männlichen Pendants mitreißende Performances hin. Perlen der Referenzscheibe "Vovin" wie 'Rise Of Sodom And Gomorrah' und das göttliche 'Wine Of Aluqah' werden ebenso mitreißend dargeboten wie der "Theli"-Klassiker 'To Mega Therion' oder auch Songs der neuen Scheibe "Gothic Kaballah" wie der Opener 'Der Mitternachtlöwe'. Die Schweden liefern eine mitreißende Show ab, wobei gerade die Sänger und Sängerinnen der Band mit ihren emotionsreichen, kraftvollen Darbietungen für Gänsehaut bei vielen Zuschauern sorgen dürften. Ich habe jedenfalls eine. Ein Fest für die Sinne! Mit fettem Applaus werden die Schweden verabschiedet. Ganz groß!
[Martin Loga]

POSSESSED (Black Stage)

Kaum zu glauben, aber wahr: Die seit langer Zeit in den ewigen Jagdgründen befindliche Death-Metal-Band POSSESSED spielt einen "Reunion"-Gig in Wacken. Doch halt, Reunion? Trifft dieses Wörtchen bei SACRED REICH noch voll und ganz zu (Originalbesetzung in Wacken), so ist bei POSSESSED gerade einmal ein (!) Originalmitglied mit von der Partie, nämlich Jeff Becerra (ehemals Gesang/Bass). Die restlichen vier Mitstreiter sind Musiker der Band SADISTIC INTENT. Als die Fünf auf die Bühne kommen, werden sie von den Fans frenetisch begrüßt. Und das bei strahlendem Sonnenschein. Schnell erblickt man, dass Frontmann Jeff Becerra im Rollstuhl sitzt, was mir als Fan, der die Band erst wenige Jahre kennt, noch nicht bekannt war. Jeff wurde 1989 überfallen und von einer Kugel getroffen. Seitdem ist er von der Hüfte abwärts gelähmt.

Nach wenigen Sekunden erschallen die Klänge des Intros von 'The Exorcist'. Die Stimmung ist riesig, und Jeffs Mitmusiker holzen mächtig los. Dank zweier Gitarren (zu Zeiten von "Seven Churches" hatte die Band nur einen Gitarristen) gibt es die volle Breitseite. Die Klampfenfraktion macht auch optisch was her. Schwer bepackt mit Nieten und Leder zockt man POSSESSED-Klassiker mit hoher Intensität. Bei Tracks wie 'Burn In Hell' oder 'Evil Warriors' gibt es kein Halten. Das Publikum geht ordentlich mit, und Jeff Becerra keift und brüllt ähnlich gut wie vor zwanzig Jahren. Bei einer Ansage gibt er ein etwas verdrossenes, aber dennoch stolzes: "Bullets can't bring me down!" von sich und spielt damit auf den Überfall an, dessen Opfer er wurde. Seitdem ist er an den Rollstuhl gefesselt. Und er erhält Applaus. Zu Recht! Respekt, dass Jeff den weiten Weg nach Wacken unternommen hat. Auch im Rollstuhl bangt Jeff ordentlich mit und dreht die eine oder andere Runde über die Bühne, während die Klampfenfraktion angewurzelt an ihrem Platz verharrt. Ein wenig mehr Bewegung hätte nicht geschadet, meine Herren!

Man spielt ein ausgewogene Mischung von Tracks des POSSESSED-Debüts "Seven Churches" und des Zweitwerks "Beyond The Gates" beziehungsweise der EP "The Eyes Of Horror". Nach dem brutalen 'Holy Hell' saust dann der Vorschlaghammer herab, der Namensgeber eines ganzen Metal-Subgenres ist: 'Death Metal'. Und die fünf geben noch einmal Vollgas. POSSESSED erhalten gute Publikumsreaktionen. Gerüchten zufolge soll Jeff Becerra übrigens an einem Album mit SADISTIC INTENT arbeiten. POSSESSED waren auf alle Fälle sehenswert. Brutaler Death Metal der alten Schule eben.
[Martin Loga]

Setlist:
The Exorcist
The Pentagram
Tribulation
Burn In Hell
Evil Warriors
Confessions
My Belief
Beyond The Gates
The Heretic
Holy Hell
Death Metal

GRAVE DIGGER (True Metal Stage)

Chris Boltendahl und seine Grabschaufler sind mittlerweile auch regelmäßige Gäste auf den metallischen Weiden Wackens. Allerdings hat sich im Laufe der Jahre der Status der Band ganz klar geändert. Durfte man ansonsten im Frühabendprogramm die Bühne stürmen, befindet man sich nunmehr schon nachmittags auf der True Stage. Der Spielfreude hat dieser Fakt jedoch keinen Abbruch getan. GRAVE DIGGER spielen sich durch ein solides Best-of-Set ohne wirkliche Überraschungen, landen indes mit den üblichen Live-Standards Punkt für Punkt beim begeisterten Publikum. Der gut aufgelegte Frontmann hat derweil die Menge sehr gut im Griff und lässt sich grinsend auch gerne zu Mitsingspielchen bei Klassikern wie 'Rebellion', 'United' und dem starken 'Morgane LeFey' mitreißen. Mit dem Titelsong des aktuellen Albums "Liberty Or Death" erhält Boltendahl darüber hinaus einen sehr guten Eindruck von der Textfestigkeit der Massen, die selbst die neueren Stücke bis in die hinteren Reihen mitträllern. Als nach einer unterhaltsamen Stunde der bewährte Gassenhauer 'Heavy Metal Breakdown' geschmettert wird, sieht man allerorts zufriedene Gesichter. GRAVE DIGGER haben ein weiteres Mal mächtig abgeräumt und dabei bewiesen, dass man jahrelang mit einem verhältnismäßig unflexiblen Set Begeisterung auslösen kann. Zehntausende traditionell gesinnte Headbanger können jedenfalls nicht vom Gegenteil überzeugen.
[Björn Backes]

TURBONEGRO (Black Stage)

Are you ready for some darkness? Diese Frage beschäftigte mitunter auch einen nicht unwesentlichen Teil des Wacken-Publikums, der mit großer Vorfreude dem Gig der norwegischen Skandalrocker von TURBONEGRO entgegenblickte, die man in diesem Jahr erstmals für das Großevent verpflichten konnte. Geschmacklos wie immer erklimmen die Majestäten der Turbojugend heuer die Bühne, legen aber dennoch furios los. Erschreckend ist jedoch auf den ersten Blick die Verfassung so manches Mitglieds. Während die tuntigen Gitarristen sowieso von Konzert zu Konzert kaputter dreinblicken, ist auch Bassmann Happy Tom offensichtlich schwer gezeichnet, sei es nun von einer durchzechten Nacht oder anderen nebulösen Substanzen, mit denen die Band einst ja regelmäßig verkehrte.

In Sachen Performance sind TURBONEGRO indes eine Bank. Zielsicher werden Hymnen neueren und älteren Datums in die Menge geschossen, darunter sowohl Gassenhauer wie 'Back To Dungaree High' und 'Fuck The World' als auch neue Hits der Marke 'Do You Dig Destruction', welches bereits aus zahlreichen Kehlen begleitet wird. Unterdessen treibt Hank seine üblichen Späßchen mit den Fans: Bereits zu Beginn stürmt er provokant mit einer US-Flagge auf die Bühne, die er im weiteren Verlauf durch verschiedene Körperöffnungen ziehen wird. Aber auch als Geschichtenerzähler taugt der gewichtige Sänger und berichtet unter anderem von jungen Mädels, die nach dem Wacken Open Air ihrem zornigen Vater ins Antlitz blicken und ihm gestehen müssen, dass am vergangenen Wochenende der Nachwuchs gezeugt wurde. Unterhaltung auf höchstem Programm also wieder, bis dann schließlich das ständige Rufen der Fans erhört und die Oberhymne 'I Got Erection' zum Mitsingen freigegeben wird. Ergo: tolles Wacken-Debüt und bestes Rock-'n'-Roll-Entertainment made in Norwegen.
[Björn Backes]

J.B.O. (True Metal Stage)

Zu den ganz seltenen Gästen in Wacken zählen auch J.B.O. nicht, denn in schöner Regelmäßigkeit lassen sich die fränkischen Spaßvögel im hohen Norden blicken. Und bislang haben sie dabei immer für gute Unterhaltung gesorgt - so auch dieses Mal. Nach einem J.B.O.-typischen Intro geht es mit dem Titelsong der letztjährigen EP "Rock Muzik" los, und im Publikum herrscht sogleich eine gute Stimmung. Dementsprechend ist dann auch die Frage von Hannes, ob wohl auch J.B.O.-Fans da wären, rein rhetorischer Natur, und die anschließende MANOWAR-Parodie 'Verteidiger des Blödsinns' wird lautstark abgefeiert. Die Band ist damit zwar noch nicht ganz zufrieden ("Ihr seid schon süß, Wacken!"), aber der Gig ist ja noch im Anfangsstadium. Mit 'Faulheit siegt' folgt dann ein eher schwächerer Song, so dass sich dadurch die Stimmung erst mal nicht steigern lässt. Aber das anschließende 'Medtl-Gschdanzl' - inklusive der "doofen Hüte", die zu einem bayrischen Lied gehören - stellt dann einen weiteren Höhepunkt dar. Die vier Franken haben sich nämlich mal wieder ein paar neue Strophen ausgedacht, und so werden nun beispielsweise Sido und Edmund Stoiber durch den Kakao gezogen.

Dass J.B.O. in Bezug auf Bier eine sehr patriotische Band sind, ist ja allgemein bekannt, und so gibt es nun 'Fränkisches Bier' zu hören. Dieses Stück - im Original von Udo Jürgens - ist musikalisch natürlich nicht gerade Wacken-kompatibel, und das gleiche gilt natürlich auch für das Rühmann'sche Schlaflied 'La Le Lu'. Zum Glück beschränken sich J.B.O. aber auf diesen ersten Teil von 'La Ichobein' und lassen dann zunächst das altbekannte Medley 'Kuschelmetal' folgen, bevor es dann eine ausführlichere Version ihres Instrumentalstücks 'Melodien für Melonen' zu hören gibt, die sämtliche Metallerherzen höherschlagen lässt. Danach ist weniger Headbangen, aber dafür mehr Grölen angesagt, denn 'Ein guter Tag zum Sterben' darf natürlich auch heute nicht fehlen. Hannes und Vito stellen dann erst mal klar, dass J.B.O. ja eine ganz brave Band sind und dass sie nie andere Musiker verarschen würden, und als Beweis spielen sie ein paar Nummern an, die es von ihnen nie geben wird, wie beispielsweise 'Wenn mein Glied deine Lippen verlässt' oder 'Guantanamo'. Ähnlich politisch inkorrekt geht es dann auch weiter, denn es folgt die J.B.O.-Version von 'Danke'.

Hannes stellt dann fest, dass er von der Bühne sehr viele junge Leute sieht, und er fragt sich, ob es wohl auch alte J.B.O.-Fans gibt. Denn sie würden genau für diese Zielgruppe nun ein paar Songs spielen. Darüber freue nicht nur ich mich, und so wird die Stimmung nun wieder deutlich besser, als es ein längeres Medley bestehend aus 'Mei Alde is' im Playboy drin', 'Bolle', 'Ejaculatio Praecox' und 'Schlaf Kindlein, schlaf' zu hören gibt. Die zugehörigen Texte sind selbstverständlich allgemein bekannt, und so wird hier nun wieder lautstark mitgegrölt, so dass schließlich auch Hannes zufrieden ist. Das Publikum ist nun bestens gelaunt und in absoluter Party-Stimmung, und so gibt es zum Abschluss noch die beiden passenden Feten-Hits 'Wir ham 'ne Party' und 'Ein Fest'. Auch hier singen die Fans kräftig mit und haben sichtlich Spaß.

Unter dem Strich mal wieder ein ziemlich unterhaltsamer Gig von J.B.O., auch wenn sich die Gags natürlich wiederholen und auch wenn ich ein paar alte Klassiker wie beispielsweise 'Ällabätsch' oder auch 'J.B.O.' vermisst habe.
[Martin Schaich]

Setlist:
Rock Muzik
Verteidiger des Blödsinns
Faulheit siegt
Medtl-Gschdanzl
Fränkisches Bier
La Ichobein
Kuschelmetal
Melodien für Melonen
Ein guter Tag zum Sterben
Danke
Mei Alde is' im Playboy drin
Bolle
Ejaculatio Praecox
Schlaf Kindlein, schlaf
Wir ham 'ne Party
Ein Fest

LACUNA COIL (Black Stage)

LACUNA COIL haben es geschafft. Der Durchbruch in den Staaten hat sie endgültig zu Superstars gemacht. Doch auch musikalisch schweben die Italiener mittlerweile in Sphären, in denen sich nur die elegantesten Vertreter der Zunft tummeln. So wundert es nicht, dass Cristina Scabbia und ihre Mannen auch in der untergehenden Sonne Wackens eine gerade grazile Bühnenpräsenz haben. Als die Band schließlich pünktlich auf die Bühne stürmt, bricht bis in die hinteren Reihen das Geschrei aus, denn jeder will sie sehen, die kleine Frontdame mit der majestätischen Stimme. Entsprechend furios beginnt die Show mit einem "Karmacode"-Block bestehend aus 'Fragments Of Fate', 'Fragile' und 'Higher', bevor dann mit 'Heaven's A Lie' die Hit-Trickkiste geöffnet wird.

Galten LACUNA COIL bislang lediglich als Truppe, deren Performances man genießt, zeigt sich das Publikum heute enorm textsicher und begleitet die Refrains mit einer überraschenden Wucht. Als man schließlich auch noch 'Senzafine' anstimmt und hinten auch noch das DEPECHE MODE-Cover 'Enjoy The Silence' anstellt, brechen zumindest an vorderster Front alle Dämme. Klatschen, bangen, anfeuern – ich bin mir sicher, das hat die Band in diesem Umfang noch nie zuvor erlebt. Angesichts der genialen, letztendlich sogar viel zu kurzen Darbietung aber auch kein Wunder, denn wenn LACUNA COIL heute eines beweisen, dann dass sie in ihrem Metier unantastbar geworden sind. Würde sich Frontbrüller Andrea künftig noch von den peinlichen Amerikanismen seiner Performance distanzieren und die Nu-Metal-Kluft dem eleganten Erscheinungsbild seiner Mitstreiter anpassen, wäre auch der einzige Kritikpunkt dieses tollen Auftritts bedeutungslos. Aber selbst das etwas künstliche Gehampel raubt dem Konzert nichts von seiner Kraft. Ein denkwürdiger Abend für diese Band, ganz sicher!
[Björn Backes]

BLIND GUARDIAN (True Metal Stage)

Hach ja, endlich mal ein Headliner bei dem man geteilter Meinung sein darf. Und zwar nicht wegen der Musik, denn die bombastische Power-Metal-Mische mit dem hohen Mitsingfaktor war schon immer das Erfolgsrezept von BLIND GUARDIAN, das natürlich auch diesmal hervorragend funktioniert. Nein, Debattierbedarf bietet einzig und allein der Auftritt an sich. Denn auch wenn der Auftritt der Band mit den vielen Spitznamen (Blinde Gardinen zum Beispiel) vor fünf langen Jahren zum letzten Mal auf dem heiligen norddeutschen Boden stattfand, so reicht der Auftritt doch so lange vor, dass die diesjährige Darbietung doch tatsächlich langweilig ist. Ja, richtig gelesen, BLIND GUARDIAN sind dieses Jahr langweilig. Gut, wer sich mit dem blinden Beschützer noch nicht ins Getümmel gestürzt hat, wird auch diesmal nicht von der Eröffnung von 'Into The Storm' gelangweilt, weiß noch nicht, dass er zum großartigsten Publikum aller Zeiten gehört, und ihm ist auch nicht bewusst, dass er bei den Gesangslinien von 'Valhalla' und 'The Bard's Song' die Stimmbänder trillern lassen darf. Aber selbst dem unbedarften Fan, der jede Textzeile inbrünstig mitgrölt, dürfte aufgefallen sein, dass diesmal irgendwie der Wurm drin ist. Die Sprüche sind karg, und sogar die Stimmungsmache zum Song des Barden geht irgendwie in die Hose, so dass sogar hier enthusiastische Jubelstürme ausbleiben.

Was alles noch retten könnte, wäre eine Setlist, die gnadenlos auch mit Überraschungen killt. Doch nein, 'Time Stands Still At The Iron Hill' oder 'Punishment Divine' - alles schon mal reingezogen. Gut, 'Lord Of The Rings' ist fein, aber nicht überraschend. Das neue Album wird mit der Single 'Fly', der Otherlandhymne 'Otherland' und mehr gewürdigt, aber trotzdem nichts, was die Socken zum Beben bringt. Spätestens wenn man Besitzer der "Tokyo Tales" ist, fällt auf, das die Performance von 'Majesty' auf den Punkt genau wie auf dieser Scheibe klingt, inklusive Ansage, Spielchen und Song.

Aus jeder Ecke kann man dafür einen Sound genießen, der gut von den vormittäglichen Soundproben zeugt, und auch die Fans, sofern sie sich dazu berufen fühlen, machen beim Auftritt ordentlich mit. Was aber denjenigen nicht hilft, die weder Hardcore-Fan noch Erstmals-GUARDIAN-Gucker sind, denn die kennen den Auftritt schon und bestellen sich noch ein Bier und hören sich das zu Hause auf Konserve viel besser noch mal an.

Vielleicht spricht aus mir auch nur der Fan, der es lieber gesehen hätte, wenn die "A Night At The Opera"-Linie weitergeführt worden wäre, und jetzt auf das neue Album sauer ist. Oder ich habe einfach schon zu viele Live-Alben gehört. Was auch immer es ist, für einen so großen Headliner mit einem derart gewaltigen Namen ist der Auftritt wirklich mies.
[Lars Strutz]

DIMMU BORGIR (Black Stage)

Ein wenig Poser-Gemoser muss doch mal raus: Ein VIP-Ausweis ist in Wacken auch nicht mehr das, was er mal war – auch wenn inzwischen großspurig "Backstage" draufsteht. Konnte man in den vorigen Jahren noch bequem durch den Notausgang parallel zum Festivalgelände spazieren, dabei von einem Hügel einen Blick auf die Party Stage werfen und links neben der Hauptbühne wieder rauskommen, hält einen nun immer wieder die Security von dem Schleichweg ab, als müsse man sich als Indiana Jones durch Burg Wolfenstein schummeln. Ein riesiger Umweg ums halbe Areal führt dazu, dass DIMMU ihren erst Song 'Progenies Of The Great Apocalypse' bereits hinter sich gebracht haben, als meine Wenigkeit vor der Black Stage eintrudelt. Die Bühne ist komplett in Nebel gehüllt, durch den Sänger Shagraths obligatorische Forderung schallt: "Let me fucking hear you make some noise!" Herr Thoresen verzichtet heute mal auf riesige Killernietenarmbänder oder tuntiges Gebämsel und kündigt mit 'Cataclysm Children' gleich den nächsten Song des "Death Cult Armageddon"-Albums an. Die Menge geht mit, und Shagrath feuert sie zu 'Kings Of The Carnival Creat' weiter an. Material von "Spiritual Black Dimensions" bleibt heute ganz außen vor, dafür dröhnt mit 'Sorgens Kammer' ein Song des Black-Metal-Klassikers "Stormblast" aus den Boxen. Vom neuen Album wird noch 'The Serpentine Offering' vorgestellt, ehe standesgemäß die Bandhymne 'Mourning Palace' die Setlist schließt. DIMMU, wie man sie kennt: professionell mit einer gewissen Arroganz, aber fehlerfrei.
[Carsten Praeg]

ICED EARTH (True Metal Stage)

ICED EARTH standen auf meiner Muss-ich-mir-unbedingt-angucken-Liste ganz weit oben, und so mobilisiere ich mitten in der Nacht noch einmal meine letzten Kräfte, um mir diesen Auftritt nicht entgehen zu lassen. Da bin ich aber nicht der Einzige, denn die True Metal Stage ist zwar nicht mehr so belagert wie zuvor noch bei BLIND GUARDIAN, aber von "sehr gut besucht" kann man durchaus sprechen. Pünktlich um viertel vor eins erklingt dann auch das bombastische Intro, und es kann losgehen. Tim Owens, Jon Schaffer und Co. kommen auf die Bühne, und sie starten mit 'Burning Times', das ja schon des Öfteren als Opener herhalten durfte. Diese kraftvolle Nummer funktioniert auch dieses Mal wieder hervorragend als Einsteig, denn die Fans vor der Bühne gehen gleich begeistert mit, und auch 'Declaration Day' vom letzten Album "The Glorious Burden" wird gut aufgenommen. Ohne Umschweife geht es direkt weiter mit dem aggressiven 'Violate', und mit 'Vengeance Is Mine' folgt sogar noch ein weiterer "The Dark Saga"-Song, ehe sich ICED EARTH eine erste kurze Verschnaufpause gönnen. Nun, das war erst mal ein Einstand nach Maß!

Tim Owens wendet sich jetzt erst mal ans Publikum, wobei seine Phrasen bei jedem Konzert die gleichen sind - egal, ob früher bei JUDAS PRIEST, kürzlich bei BEYOND FEAR oder eben heute bei ICED EARTH. Als Sänger ist er über jeden Zweifel erhaben - ja, ich weiß, dass das nicht alle so sehen, aber ich mag seine Stimme -, doch als Frontmann muss er noch viel lernen. Wie auch immer, es soll ja in der Hauptsache um die Musik gehen, und so machen ICED EARTH auch gleich weiter mit einem neuen Song, nämlich 'Ten Thousand Strong'. Dieses Stück ist auf der erst neulich veröffentlichten "Overture Of The Wicked"-EP zu finden, und diese Scheibe soll einen kleinen Vorgeschmack auf die beiden "Something Wicked"-Scheiben geben, die im September bzw. im nächsten Frühjahr erscheinen sollen. Allzu viele Fans scheinen die EP noch nicht gehört zu haben, denn die Reaktionen bei dieser wirklich guten Nummer sind deutlich verhaltener als zuvor, doch als anschließend 'The Hunter' gespielt wird, gehen alle wieder kräftig mit. Die Begeisterung steigert sich sogar noch, als Tim Owens den Platz am Mikrofon für Jon Schaffer räumt, denn es ist klar: Nun kann nur 'Stormrider' folgen, und so ist es auch. Doch nach diesem Ausflug in die frühe ICED EARTH-Historie geht es gleich wieder in die Neuzeit, denn die Band hat noch einen ganz neuen Song im Gepäck, den laut Tim Owens noch niemand vorher gehört hat, nämlich 'A Charge To Keep'.

Die Frage von Tim Owens, ob das Publikum denn noch etwas hören möchte, wird selbstverständlich sehr eindeutig beantwortet, und folglich gibt es zunächst 'My Own Savior' vom "Something Wicked This Way Comes"-Album und anschließend sogar noch die gesamte 'Something Wicked'-Trilogie ('Prophecy', 'Birth Of The Wicked', 'The Coming Curse'). Dass diese nicht fehlen darf, ist ja eigentlich klar, denn immerhin wurde sie für die "Overture Of The Wicked"-EP neu eingespielt.

Danach ist erst mal Schluss, denn die Band verlässt ziemlich geschlossen die Bühne; lediglich Tim Owens verschläft seinen Abgang ein wenig. Das Publikum hat aber natürlich noch nicht genug und fordert vehement nach einer Zugabe, und diese soll es auch bekommen. ICED EARTH haben dafür aber nicht irgendeinen Song ausgesucht, sondern das Titelstück ihres Debütalbums, 'Iced Earth'. Und hier wird sehr deutlich, dass Tim Owens auch die ganz alten Stücke hervorragend singen kann - schade, dass heutzutage nicht mehr Stücke aus der Frühphase gespielt werden, wie beispielsweise 'When The Night Falls', 'Pure Evil' oder 'Travel In Stygian'.

Nichtsdestotrotz hat dieser Auftritt sehr viel Spaß gemacht, und auch wenn Tim Owens ein paar Abzüge in der B-Note hinnehmen muss, ist mit ICED EARTH auf jeden Fall wieder zu rechnen. Ich persönlich freue mich jedenfalls schon sehr auf die beiden anstehenden Alben.
[Martin Schaich]

Setlist:
Burning Times
Declaration Day
Violate
Vengeance Is Mine
Ten Thousand Strong
The Hunter
Stormrider
A Charge To Keep
My Own Savior
Prophecy
Birth Of The Wicked
The Coming Curse
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Iced Earth

DIE APOKALYPTISCHEN REITER (Black Stage)

Es ist Zeit für akrobatische Einlagen und Feuerspuckereien, Zeit für grandiose Schlauchbootrennen quer über die Köpfe der Metalheadz, in Käfige gesperrte Seemannsfrauen und überdimensionale Gummibälle. "Es ist Zeit für eine Revolution!" Und es ist verdammt noch mal Zeit, eine der spaßigsten Saufmetal-Bands mit einem astreinen Sound auf eine der Hauptbühnen zu schicken, um Wacken in Grund und Boden zu rocken. Mit Songs wie 'Vier Reiter stehen bereit', 'Reitermania', 'Seemann' und 'Revolution' präsentieren unsere 'Riders Of The Storm' einen abwechslungsreichen Querschnitt ihrer bisherigen Alben. Da scheint uns doch allen mal gewaltig die Sonne aus dem Arsch, denn dieser "Metal will never die"!
[Silvana Conrad]

Redakteur:
Sebastian Schneider

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