Yellowstock Festival - Geel, Belgien

03.09.2009 | 13:12

07.08.2009, JC de Bogaard

Ein kleines und gemütliches Festival in einer belgischen Kleinstadt mit vielen tollen (und davon etlichen weitgehend unbekannten) Psychedelic- und Stoner-Rock-Bands. Ein interessanter und angenehmer Trip nach Geel zum Yellowstock Festival.

Es ist mitten im August und es ist heiß in Belgien, sehr heiß sogar: Bepackt mit unseren mächtigen Rucksäcken erreichen wir per Bahn endlich die kleine Stadt Geel, beschaulich ist es, ruhig und besonnen erscheinen die Einheimischen. Noch völlig abgekämpft und verpeilt vom Geschleppe werden wir persönlich und echt herzlich auf dem kleinen Gelände des diesjährigen Yellowstock-Festivals begrüßt und zum vorbereiteten Zeltplatz geleitet. Dieser ist am Kinderspielplatz des Stadtparks gelegen und erzeugt schon beim ersten Anblick so etwas wie idyllische Behaglichkeit. Dafür sorgt auch das angrenzende Kleintiergehege mit Ziegen, Schafen und allerlei Federvieh, zu dem allerdings auch ein Hahn gehört, der des Nächstens (zugegebenermaßen auch provoziert durch einige lauthals lärmende Festivalbesucher) sein gellendes Gekreisch ertönen lässt. Einem müden Zeltnachbarn reißt daraufhin irgendwann der Geduldsfaden und er brüllt ein von Herzen kommendes "Shut up!" aus seiner Behausung in die kühle Nacht hinaus. Womit allerdings noch nicht geklärt ist, warum ein belgischer Hahn ausgerechnet Englisch verstehen soll...
Das Gelände ist liebevoll hergerichtet und u.a. stilecht hippiesk mit Sonnenblumen geschmückt, die am zweiten Tag dem heißen Dauerbrutzel der Sonne allerdings Tribut zollen müssen und die Köpfe hängen lassen.

Aufmerksam geworden auf diese kleine Perle, die übrigens erst zum dritten Mal stattfindet, sind wir über den Tourplan von SIENA ROOT bzw. die Ankündigungen auf dem diesjährigen Stoned From The Underground in Erfurt. Auf dem Yellowstock trifft sich Alt und Jung von 15 bis 50 (und darüber hinaus). Am ersten Tag mit vier Bands ist sogar der Eintritt frei. Generell geht alles sehr entspannt vonstatten, nicht einmal normalerweise unumgängliche Probleme mit den Anwohnern ob des Lärms inmitten bewohnten Gebietes scheint es zu geben. Auch die Bierpreise sind an jenem ersten Tag sehr human (1,20 €/0,3 l), werden am zweiten Tag dann aber erhöht (man kann nun nur 4er-Getränkegutscheine für 7 € erwerben).

Der Auftakt in die dritte Auflage des Yellowstock obliegt den aus Groß Britannien angereisten VOODOO VEGAS, eine kraftvolle Vorstellung mit schnörkellosem Rock, der ein paar coole Passagen hat, aber auch viel Gewöhnliches und kaum Überraschendes, was wirklich aufhorchen lässt. Der Eierkneif-Gesang ist mir eine Stufe zu kreischig (Verwandtschaftsverhältnisse mit oben genanntem Gockel sind ungeklärt), der Rock "down-to-earth", hin und wieder kommt eine Mundharmonika zum Einsatz - und das gerade, war das nicht das 'Highway To Hell'-Riff? Nix Spektakuläres also, aber ein ordentlicher Einstand, der zudem in eine unerwartete Konkurrenzsituation mündet. Mal zwei Schritte aus dem "Jeugdhuis de Bogaard" gemacht - was klingt da für eine bekannte Tonfolge ans Ohr? Das ist doch ... genau, der 'Roadhouse Blues' von den DOORS. Wie zu erfahren ist, gibt es im sommerlichen Geel an jedem Freitag ein kostenloses Open Air ("Geel zomert"), welches sich örtlich genau zwischen Zeltplatz und Yellowstock-Bühne befindet. An jenem Freitag ist mit THE VIPERS eine Band geladen, die musikalisch durchaus einige Kompatibilität zum Programm des Yellowstock aufweist. Als reine Coverband, die sich durch DOORS, LED ZEPPELIN und DEEP PURPLE spielt, lädt man damit einige Yellowstock-Besucher zu einem kurzen Abstecher ein. Um ehrlich zu sein, die erste Runde geht an die VIPERS, wenn man so will. Runde zwei (die Vipern spielen sich zu diesem Zeitpunkt immer noch die Finger wund) gewinnt aber dann ganz klar die Yellowstock-Band.

Angekündigt ist eine skandinavische Truppe: DEVILLE, eine Heavy-Stoner-Band aus Malmö, die gleich richtig tief in die Saiten haut und losrockt. Das ist eingängig und energiegeladen - schöner, krachiger Desert-Sound, der zum Toben einlädt, was im verqualmten Jugendclub bei diesen Temperaturen eine nicht grad angenehme olfaktorische Reizung bewirkt, eigentlich aber auch sehr zum schweißtreibenden Dampfkessel auf der Bühne passt. DEVILLEs energetischer Stoner mit coolem Gesang und verzerrtem Gitarrenspiel wird mit soviel Drive und Intensität serviert, da ist still stehen komplett unmöglich. Im Vergleich mit den anderen Bands des Festivals eine sehr heftige Darbietung, aber das passt bei dieser Band wie Arsch auf Eimer. Besonders zum Ende hin werden einige richtig mächtige Songs mit unwiderstehlichem Groove abgefeuert. Tolle Vorstellung!

Anschließend ist Kraut-Rock-Time mit zwei deutschen Bands, die ihr Handwerk gut beherrschen und deren Mitglieder allesamt definitiv schon etliche Jährchen in der Szene herummusizieren. Den Anfang machen die arg psychedelischen VIBRAVOID, deren vom Band kommende Space-Sounds (deshalb wird das Ganze wohl im Acid Rock verortet) ein bisschen zu stark in den Vordergrund gerückt sind, auch mussten zig Effektgeräte noch korrekt eingestellt werden, bevor die Show starten konnte. Hinzu kommt ein sehr prägnanter Bass, gespielt von einer nicht minder prägnanten Erscheinung - der Bassist sieht aus wie ein gealterter Punk ohne Iro (ohne das im mindesten negativ zu meinen) mit einem Skelett-Oberteil als zusätzlichem Blickfang. Es ist ein hypnotisches Wabern, bei dem der Rock quasi nur als Fundament untergelegt ist, und bei dem das spacige Fiepen und Pfeifen nach Genuss von gewissen Tabakerzeugnissen bestimmt interessante Halluzinationen auslösen kann, die durch die sehr zur Musik passenden Bilder mit nackten Frauen und wilden Farbspielen, die auf die Leinwand hinter den Protagonisten projiziert werden, noch verstärkt werden dürften. Sehr psychedelische Band und irgendwie ein echt cooler Trip.

ELECTRIC ORANGE aus Aachen, oder: Psychedelic Kraut Rock, die Zwote. Das hier sind echte Alt-Hippies (immerhin seit 17 Jahren am Start), die ihre Sache sehr authentisch durchziehen. Hier wirkt das spacige Element sehr natürlich und nicht teilweise aufgesetzt wie zuvor. Lavaartige Sounds steigern sich bis zur Ekstase, das ist erstklassig - trotz oder wegen des fehlenden Gesangs, je nach Sichtweise. In punkto Dynamik und "sich-Hineinsteigern" können da von allen auf dem Yellowstock 2009 auftretenden Bands nur MY SLEEPING KARMA auf ähnlich faszinierendes musikalisches Können verweisen. Das Ganze wirkt eher wie eine große Jam-Session als wie ein fest durchgeplantes Konzert - hier wird man geistig wieder in die 70er Jahre zurückgeworfen und kann sich wunderbar treiben lassen zu diesem psychedelischen Festschmaus. Leider ist es bereits sehr spät (deutlich nach 2 Uhr und damit mit zwei Stunden Verspätung betreten ELECTRIC ORANGE das Feld), sodass nur noch Wenige bis zu dieser Show ausgeharrt haben. Aber für die lohnt es sich richtig, bekommen sie doch musikalisch Großartiges serviert. Außerdem friert man sich draußen mittlerweile den Arsch ab...
[Marietta Harz & Stephan Voigtländer]

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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