DOMKRAFT: Interview mit Martin Wegeland

20.06.2021 | 13:51

Was die schwedische Intensivbeschallung mit Tierskeletten und einem Wagenheber zu tun hat, erfahrt ihr im Interview mit Fronter Martin Wegeland.

 

Das Trio aus Stockholm hat jüngst mit "Seeds" seinen dritten Longplayer veröffentlicht. DOMKRAFT steht dabei für eine brachiale Mischung aus Doom und Sludge Metal mit einigen psychedelischen Bestandteilen. Die Selbstbeschreibung fällt mit "harte und auf bestimmte Weise minimalistische Musik" ein bisschen allgemeiner aus, dennoch hat Sänger und Bassist Martin Wegeland natürlich noch ein paar mehr Details zu den Songs auf "Seeds" parat: "Wir wollten, dass das Album ein Live-Feeling hat. Alle Stücke sollten in einem eigenen Rhythmus und Groove gehalten sein. Und anstatt mehr Dinge hinzuzufügen, haben wir unsere Ideen ein bisschen beschnitten, damit es wirklich ursprünglich und auf den Punkt klingt. Der Hörer soll das Album fühlen können, nicht nur mit dem Kopf, es soll durch Mark und Bein gehen."

Ich denke, dieses Unterfangen kann man als gelungen ansehen, angesichts der Vehemenz und Brachialität der Songs. Wir thematisieren den für mich heftigsten Song des Albums 'Dawn Of Man', der eine mitreißende Headbang-kompatible Riffattacke beinhaltet und auch als erste Single mit dazugehörigem Videoclip zu Gehör gebracht wurde. Dass die Wahl dafür auf diesen Song fiel, sei die Entscheidung des Labels Magnetic Eye Records gewesen - und obwohl die Band bei der Wahl des ersten Appetithappens eines neuen Albums bislang stets sehr pingelig gewesen war, sei das diesmal nicht so gewesen, da man mit allen Tracks sehr zufrieden sei, was in der Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen wäre. Martin beschreibt die Entwicklung über die Jahre bis zum aktuellen Album so: "Der Sound ist schwerer und reichhaltiger als früher. Die Riffs sind schon noch in der Art gehalten, wie wir es immer gemacht haben, aber wir hatten mehr Zeit für Feinanpassungen der Arrangements und konnten Details hinzufügen, insbesondere im Gitarrenbereich und bei den Vocals. Es gibt ein paar mehr Nuancen, ohne die Heftigkeit zu verlieren."

Sehr interessant und ein echter Eye-Catcher ist das Coverartwork. Schon beim ersten Blick auf das Frontcover fühlte ich mich sofort an den tschechischen Surrealisten Jan Švankmajer erinnert. Martin kann das gut nachvollziehen: "Ja, er ist ein großer Held für unseren Grafiker Björn Atldax, ich bin mir also ziemlich sicher, dass Jan Švankmajer seine Arbeit an diesem Cover beeinflusst hat. Besonders die Skulpturen der Untiere, die Björn aus verschiedenen Tier-Teilen zusammengesetzt hat - in klassischer Bestiarium-Tradition." Während ich das Frontcover mit dem bunten, psychedelischen Farbspiel für eine Fotomontage hielt, korrigiert mich Martin: "Es ist keine Fotomontage, er hat ein Diorama mit psychedelischem Muster im Hintergrund gebaut, befüllte es mit den Tierskelett-Teilen, Pflanzen und anderem verrückten Zeug und fotografierte es mit einer 3D-Kamera. Es ist also keinerlei Photoshop-Magie enthalten, es ist alles analog und real. Ein neues Level, wir lieben es. Der Mann ist ein Genie!"

Der Bandname DOMKRAFT ist ja kein englischer Begriff, auch wenn ich dabei schon an so etwas wie "Doomcraft" denken muss. Aber so stellt sich die Frage, ob es sich dabei eigentlich um ein schwedisches Wort oder um eine eigene Wortschöpfung handelt. Die Antwort ist etwas überraschend: "Es ist ein reales Wort und bedeutet Wagenheber. Ein etwas alberner Name im Schwedischen, aber er klingt viel besser, wenn er von Nicht-Schweden ausgesprochen wird. Es gibt viele coole Interpretationen des Wortes im Englischen und wir freuen uns darüber, dass der Name so viele Ebenen und Interpretationsspielraum hat."

Der aktuelle Rundling "Seeds" ist zwar kein Konzeptalbum, aber ein übergreifendes textliches Thema gibt es gewissermaßen schon. "Wir wollten nicht erneut ein Album über all diese post-apokalyptischen Themen machen, wie auf den beiden vorangegangenen. Es gibt momentan so viel Aufruhr in der Welt, da fühlte es sich total unnötig an, über fiktive Katastrophen und Spannungen zu schreiben. Stattdessen hatten wir die Idee, etwas zu machen, das ein bisschen stärkend ist und einen kleinen Hoffnungsschimmer offenbart. Also eine Aussicht, dass etwas Neues und Besseres kommen wird, nachdem alle Leute nur auf sich selbst geschaut haben, und dann ein größeres Bild und Langzeitwirkungen offenbar werden." Bemerkenswerte Aussage, zumal die Musik ja durchaus Endzeitstimmung aufkommen lassen kann.

Abschließend kommen wir auch noch auf den Live-Entzug zu sprechen, zumal DOMKRAFT kürzlich erst bei dem Streaming-Event "Day Of Doom" die neue Scheibe präsentieren konnte. "Es war das erste Mal, dass wir die neuen Songs vor irgendjemandem gespielt haben und es hat sich gut angefühlt, eine Idee davon zu präsentieren, wie sich die Nummern in einem Live-Setting anhören." Aber natürlich sei es absolut nicht vergleichbar zu dem Energieaustausch zwischen Band und Publikum in einer echten Liveshow - diese ist eben durch nichts ersetzbar. Martin glaubt auch nicht an eine richtige Tour vor 2022, auch wenn die Band für ein paar Shows Ende des Jahres in Skandinavien gebucht ist. Aber auch hier stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt, und Martin verspricht für den Fall, wenn es wieder so weit ist, schon mal eine "wahnsinnige Freisetzung an ungezügelter Energie".

 

Fotos von Tobias Ohls.

Redakteur:
Stephan Voigtländer
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