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Damals war's! Vor zwanzig Jahren begab sich SOUNDGARDEN "Into The Superunknown"

11.04.2014 | 07:04

Mit "Superunknown" machte die Band aus Seattle gehörig von sich reden und erschuf einen zeitlosen Genre-Klassiker. Darf man hier das Wort "Rockgeschichte" verwenden? Klar, warum nicht, berechtigt ist es allemal.

Drei Redakteure von POWERMETAL.de lassen ihre Eindrücke von "Superunknown" Revue passieren, dabei kommen auch der Blick auf die damalige Seattle-Szene insgesamt und die Beleuchtung des übrigen Schaffens von SOUNDGARDEN nicht zu kurz. Schauen wir nun also über den großen Teich und zwanzig Jahre zurück.

1994 wurde die Grunge-Szene mit Homebase in Seattle zwei Mal gehörig durchgerüttelt. Am 8. März erschien "Superunknown" von SOUNDGARDEN, der bis dahin hinter NIRVANA, PEARL JAM und ALICE IN CHAINS etwas im Schatten stehenden Band von Chris Cornell. Die Band fuhr mit dieser Scheibe einen riesigen Erfolg ein, am Ende stand sie in den USA 75 Wochen in den Charts, zudem gab es 5-faches Platin und eine Grammy-Nominierung. Genau einen Monat später erschoss sich Kurt Cobain. Es gibt nicht wenige Menschen, die in "Superunknown" mit dieser speziellen, düster-beklemmenden, teils disharmonischen Stimmung quasi die Begleitmusik zu Cobains Tod sehen, auch wenn es das konkrete Ereignis trotz textlicher Auseinandersetzung mit Selbstmord, Drogensucht und ähnlichen Themen natürlich nicht vorweg genommen hat.

[Stephan Voigtländer]

Wenn die Rede auf SOUNDGARDEN kommt, fällt den meisten wohl der Name Chris Cornell ein, was verständlich ist, da der charismatische Frontmann mit seiner unverwechselbaren Stimme den Sound der Band stark mitgeprägt hat, sein fotogenes Auftreten ihn seinerzeit neben Kurt Cobain mit dessen komplexer Ausstrahlung zum strahlenden Posterboy des Grungehypes machte, und nicht zuletzt, da er in der Supergroup AUDIOSLAVE und mit diversen Sologeschichten auch während der Ruhephase von SOUNDGARDEN von sich reden machte. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass aller kommerziellen Verschlagwortung seitens der Musikindustrie zum Trotz die Musikerszene Seattles damals ein loses Netzwerk war, das neben dem üblichen Bandhickhack stark von kollektivem Schaffen geprägt war. Schaut man sich etwa die Geschichte des grandiosen One-Album-Wonders TEMPLE OF THE DOG an, so finden sich da allerlei illustre Namen, die auch in anderen Bandzusammenhängen auftauchen, mit denen sie es teils zu weitaus größerer Popularität gebracht haben, und es kommt sicher nicht von ungefähr, dass Matt Cameron heute bei PEARL JAM trommelt oder dass Kurt Cobain sich bei der Arbeit am NIRVANA-Debutalbum "Bleach" von SOUNDGARDEN inspiriert fühlte. Die Seattlemusiker und ihre vielseitigen Einflüsse befruchteten sich gegenseitig. Man sollte also nicht den Fehler machen, in Cornell voreilig den klassischen Leader einer Band zu sehen, denn SOUNDGARDEN lebte und lebt bis heute ganz stark von den Gegensätzen zwischen den musikalischen Charakteren ihrer Mitglieder.  

[Eike Schmitz]

"Superunknown" pauschal als typisches Grunge-Album und zudem kommerziell erfolgreiches, ergo angepasstes Werk abzutun, wird ihm allerdings keinesfalls gerecht. Es ist rockig, psychedelisch, experimentell, mal wild, mal melancholisch und über weite Strecken auch mit sehr origineller, individueller Note. Trotz der griffigen, teilweise beinahe hübsch zu nennenden Melodien erscheint das Album in seiner Gesamtheit düster, schwer und (manchmal) schleppend - Attribute, die man gemeinhin eher mit Doom als mit einem Rockalbum in Verbindung bringt. Diese bedrückende Atmosphäre kann den Hörer komplett vereinnahmen.

Was die Stimmung des Albums betrifft, so passt das Coverartwork dazu wie die Faust auf's Auge. Das verzerrte Bandfoto lässt die Assoziation zu Monstern aus einem Horrorfilm aufkommen und hat etwas Gruseliges, Beklemmendes an sich. Darunter ist ein auf dem Kopf und in Flammen stehender Wald in schwarz/weiß zu sehen. Trotz der sehr präsenten Düsterkeit, die sich durch das gesamte Album zieht, fällt es insgesamt jedoch sehr vielseitig aus und im Vergleich mit dem teils recht Metal-lastigen Vorgänger "Badmotorfinger" deutlich melodischer und wenig krachig. Man kann sicherlich sagen, dass sich die Band mit diesem Album auch dem Mainstream öffnete, und die Verkaufszahlen bestätigen dies ja auch deutlich, dennoch blieb man dem eigenen Stil und insbesondere auch der teilweise punkigen Attitüde treu und zelebrierte die oftmals abseitige, ungewöhnliche musikalische Umsetzung mit so mancher bizarren überraschenden Wendung regelrecht. Im Hinblick auf die Gitarrenarbeit wurden teilweise unübliche Takte und Tonfolgen verwendet und die Saitenstimmungen bis ins atonale Spektrum variiert, was wiederum einen klaren Gegenpol zum Mainstream setzt, für dessen Werke häufig Standardschemata charakteristisch sind und denen Eingängigkeit und Einfachheit in der Songstruktur eher zu eigen ist. Produzent Michael Beinhorn, der Terry Date nach den beiden Scheiben "Louder Than Love" (1989) und "Badmotorfinger" (1991) ablöste, dürfte daran einen nicht unwesentlichen Anteil gehabt und mit seiner perfektionistischen Arbeitsweise die Band wohl auch mehr als einmal bis an ihre Grenzen gebracht haben.

[Stephan Voigtländer]

Dieser doomigen Atmosphäre ist es mit zu verdanken, dass mich SOUNDGARDEN dank "Superunknown" als langjährigen Anhänger für sich einnehmen konnte. Daneben steht die grandiose und bisweilen bizarre Dynamik ihres songwriterischen Schaffens, untrennbar gepaart mit der lodernden Leidenschaft des Gesangs, dessen Gefühlsspektrum von lethargisch bis verzweifelt in zahlreichen, tief empfundenen Nuancen zu schillern vermag. 'Fell On Black Days' ist für mich das Paradebeispiel für alles bis hier hin Gesagte. Aber kommen wir noch einmal auf das doomige Element zurück: Dessen grungige, abgeranzte, mit dreckigen Fingernägeln dargebotene, leidend und punkschroffelnd bratende Variante bekommt der Hörer in eingängigster Reinform geboten, wenn er sich auf das qualvolle 'Mailman' einlässt, eine bittere Untergangssphantasie, deren einziger Trost und Trotz darin besteht, das Gegenüber in einen unausweichlich erscheinenden Strudel der Selbstvernichtung mitzuziehen. Im vermeintlich leise tretenden 'Limo Wreck', das sich erst über die Jahre als trojanisch ohrwurmiger Geheimtipp in mein Bewusstsein schlich, kommt der Doom eher hintergründig in Form eines zeitlupig in unscharfen Fokus genommenen, pulsierend an- und abschwellenden, letztlich aber eben doch den ganzen Song bestimmenden Basslaufs zum Tragen. Darüber liegt eine für Cornells Songwriting typische, verschleppt traumtänzerische Düstermelodie, welche die finstere Medizin mit einer dünnen, doch eingängigen Zuckerlasur überzieht. Auch 'The Day I Tried To Live' und 'Fresh Tendrils' weist Doomparallelen auf. Und hört man die Endzeitballade '4th Of July', so findet man Doom nicht nur textlich in den apokalyptischen Himmel geschrieben. Selbst der krachige Albumeinstieg 'Let Me Drown' lässt sich mit etwas Phantasie als "Highspeed-Doom meets Punk" wahrnehmen, wobei das freilich schon fast als Stoner-Rock-Definition durchgeht; bei SOUNDGARDEN jedoch alles andere als generisch klingt. Die schreiende Gitarre, der dynamisch-wuchtige Schlagzeugeinsatz, der leidenschaftlich lodernde Gesang - all das könnte der gängigen Stoner-Lethargie kaum ferne stehen. Doch ich schweife ab.

Wobei: Eigentlich macht gerade diese bandtypisch eigenbrödlerische Kompromisslosigkeit im Songwriting, die hier in einer zuvor im Schaffen der Band noch auf keinem Album vernommenen Dichte mit einer schier unglaublichen Stilsicherheit und Konsequenz durchgezogen wird,  das Wesen von "Superunknown" aus, welches es über das Frühwerk erhebt und wohl auch den Durchbruch gerade über dieses Album mitbegründet. Hier wird, bei größtmöglicher Eigenheit der einzelnen Songs, zu einer stilistischen Einheit verschmolzen, was SOUNDGARDENs ureigenen Stil definieren und endgültig aus der Erklärbarkeit über irgendwelche Einflüsse emanzipieren sollte.

Kompromisslos agierte die Band allerdings auch schon in ihrer stilistischen Findungsphase. Allerdings standen da die verschiedenen Elemente ihres Quer-durch-den-Garten-Sounds mitunter noch eher unverbunden im Klangraum. Höre ich jedoch 'Beyond The Wheel' vom ersten Longplayer "Ultramega OK", so frage ich mich verwundert, wie man angesichts dieses Monstersongs mit seinem unerbittlich doomigen Mördergroove, dem bisweilen schneidend schrillen Gesang, den alles zermalmenden und zerschnetzelnden Gitarrenläufen und seinem hart metallischen, spartanisch minimalistischen Magerarrangement, noch ernsthaft eine Dichotomie Metal vs. Grunge herbeireden oder sich gar in Phantastereien vom Untergang des einen durch das andere ergehen konnte. Aber vermutlich haben die Kritiker des vermeintlichen Kulturschwunds den Song schlichtweg nie mit eigenen Ohren vernommen, sondern sich von irgendwelchem Propagandagelärme in den Marketinggräben der Teenagerbewusstseinsindustrie vereinnahmen lassen.

Aber werfen wir doch mal einen genaueren Blick auf das Frühwerk der Band. Eigenwilligkeit findet sich bereits auf "Ultramega OK" zur Genüge, doch waren die Glanzlichter für meinen Geschmack dort noch rar gesät. Neben dem bereits erwähnten 'Beyond The Wheel' zähle ich dazu das tighte 'Head Injury', das langsam bratende 'Incessant Mace', sowie die grungig-psychedelische Coverversion des HOWLING WOLF-Bluesklassikers 'Smokestack Lightning'. Hier finden sich Anklänge an LED ZEPPELIN, klassischen Heavy Metal und die untergründige "no bullshit"-Mentalität der frühen Seattleszene. Auch der verstolperte Groove des sperrigen, kompromisslosen, äußerst mager auf's Wesentliche reduzierten 'He Didn't' hat seine Faszination, klingt fast wie frühe THERAPY? mit angezogener Handbremse. Ansonsten finden sich die Anzeichen späterer Großtaten wie etwa Thayils markiges Gitarrenstrudeln in 'All Your Lies' und die leicht psychedelisch wolkenverhangenen Klanglandschaften in der Bridge von 'Mood Of Trouble' versprengt zwischen eher schrägen Klangexperimenten wie dem an PEARL JAMs experimentellere Noisewerke erinnernden '665', während vor allem der trockene, zerrissene Sound von 'Nazi Driver' die Produktion des NIRVANA-Albums "Bleach" maßgeblich mit beeinflusst haben dürfte.

Den ersten Schritt hin zu mehr Eingängigkeit nahm die Band indes lange vor "Superunknown". Bereits auf "Louder Than Love" klingen die Songs straffer und auch konsistenter im Albumkontext verwurzelt. Mit dem sechsminütigen Obergroover 'Hands All Over' findet sich dort auch gleich ein früher Hit, der ein für allemal klarstellte, welches gewaltige Potential diese Band in sich birgt. Auch das vom damaligen Bassisten Hiro Yamamoto geschriebene 'Power Trip' bündelt die gesamte Energie der Band in einem weitgehend doomig inspirierten Stück, das gerade dadurch so kraftvoll wirkt, dass hier kein Schnörkel zuviel angebracht wurde. Überhaupt macht "Louder Than Love" tierisch auf dicke Hose. Muskulöser Hard Rock / Heavy Metal mit teils ungewöhnlicher Taktstruktur (jetzt allerdings genial integriert: Man höre unbedingt 'Get On The Snake'!) und einer gewissen Punk-Radikalität - besonders deutlich in 'Full On Kevin's Mom'. Doch wie auf dem gesamten Album schlägt sich auch hier das Hard'n'Heavy-Erbe stark im Sound der Band nieder. Der absolute Höhepunkt in dieser Hinsicht ist allerdings mit dem grandiosen 'I Awake' erreicht. Auch das dunkel dynamisch drückende 'No Wrong No Right' mit seiner enormen psychedelischen Wucht kann sich hören lassen. Rockismus? Zur Hölle, ja! Für die Eingabe zäh und düster verschleppter, gefährlich träger Ruppigkeiten wie 'Uncovered' würde ein Dave Wyndorf (MONSTER MAGNET) heute wohl die letzten Überbleibsel seiner drogenzerfressenen Seele verkaufen, und das ist im Albumkontext ein eher durchschnittlicher Song. Das ehe banale, aber schwer groovige 'Big Dumb Sex' kennen die Massen spätestens, seit es von GUNS N' ROSES auf "The Spaghetti Incident?" gecovert wurde.

"Badmotörfinger" würde ich schon als Hitalbum bezeichnen. Alles klingt noch durchtrainierter, drahtiger, magerer; ein karger, kraftvoller Groove durchzieht das Album von Anfang bis Ende. Die Stücke sind effektiv auf den Punkt gespielt, ausufernd einzig durch ihre fast schon zermürbende emotionale Intensität und mitunter auch Länge, doch ist daran keine Note, kein Gramm zu viel. "Badmotörfinger" ist für mich ein hartes, bisweilen anstrengendes Album, das keine Kompromisse eingeht, sich dabei aber auch keinerlei Blöße gibt, konsequent bis zum Anschlag. 'Slaves And Bulldozers' ist dafür für mich ein Paradebeispiel. Auch das ("Superunknown"s noch ausgefeilteres 'Limo Wreck' im Grundton schon andeutende) 'New Damage' schlägt in eine solche Kerbe. Ansonsten zog die Band das Tempo etwas an. Mit 'Outshined', 'Jesus Christ Pose', 'Face Pollution', 'Searching With My Good Eye Closed', 'Room A Thousand Years Wide', 'Mind Riot' und 'Drawing Flies' sind hier zahlreiche SOUNDGARDEN-Hits vertreten. 'Room A Thousand Years Wide' und das etwas üppiger ausgefallene 'Drawing Flies' warten zudem mit integrierten Bläserarrangements auf, wie man sie von einer Band wie SOUNDGARDEN bis dato kaum erwartet hätte.

[Eike Schmitz]

So unterschiedlich kann die Wahrnehmung sein. Während Eike von einem "harten, bisweilen anstrengenden" Album spricht, fällt "Badmotorfinger" nach meinem Empfinden als direkter "Superunknown"-Vorgänger zwar rotziger, aber auch gleichförmiger aus. Es gibt weniger Songs, die wie das hektisch-energetische 'Jesus Christ Pose' wirklich nachhaltig im Gedächtnis blieben. Der ureigene SOUNDGARDEN-Stil entfaltet auch hier schon eine gewisse faszinierende Wirkung, aber mir persönlich passiert auf dieser Platte immer genau dann ein bisschen zu wenig, wenn wie z.B. bei 'Slaves And Bulldozers' über fast sieben Minuten zu langatmig im Midtempo-Bereich herumgelärmt wird (auch wenn der Gesang hier fantastisch ist). Gleiches gilt für 'Mind Riot' und 'Outshined'. Letztendlich den Bock umstoßen können zwar Klasse-Songs wie das erwähnte 'Jesus Christ Pose' (das Video ist ein visuelles Festmahl, ganz toll!) oder auch 'Face Pollution', 'Drawing Flies' und das abgedrehte 'Room A Thousand Years Wide'. Für mich ist der Sprung zu "Superunknown" dennoch ein gewaltiger, nämlich von "cooler Sound" hin zu "Suchtpotenzial deluxe".

"Superunknown" als Ganzes nehme ich als düsteres, aber nicht unnahbares Album wahr. Es ist meines Erachtens eine große songschreiberische Leistung, trotz der Abkehr vom Standardschema in punkto Takt, Gitarrenstimmung etc. solch größtenteils eingängige, prägnante Songs zu fabrizieren. Da ist nichts Seichtes oder Glattpoliertes, und das Album wirkt gleichermaßen beklemmend wie einladend. Die düstere Grundstimmung geht nicht mit einer kantigen oder groben Intonierung einher, sondern ist auf eigentümliche, subtile Weise einschmeichelnd und fesselnd. Ich habe festgestellt, dass ich diese Scheibe problemlos drei,  vier Mal hintereinander hören kann ohne den Drang nach Abwechslung, nach etwas stilistisch völlig Anderem zu verspüren. Das kann ich mithin nicht von vielen Alben behaupten. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass "Superunknown" zum ständigen Begleiter mit prägendem Einfluss auf die Entwicklung des persönlichen Musikgeschmacks taugt.

[Stephan Voigtländer]

Als Kollege Voigtländer mich letztens fragte, ob ich zu diesem Klassiker auch ein paar Worte schreiben will, prüfte ich gleich mal, was von "Superunknown" hängengeblieben ist. Und da waren sie sofort, die vier, fünf, sechs Harmonien und Melodiebögen, Refrains und innerlich abgespeicherte Riff-Folgen. Ich pfeife und summe: 'Fresh Tendrils', '4th Of July', 'My Wave', 'Fell On Black Days' oder 'Mailman'. Auch hier und jetzt habe ich das Album weder vor mir liegen noch läuft es als akustische Erinnerungsstütze - Zeichen für die Wichtigkeit dieser Musik als Sozialisationsinstanz. Mächtiges Wort - einfache Erklärung: Das Album von SOUNDGARDEN hat mir bei der Suche nach meinen Vorlieben, bei der Suche nach einem eigenen Ausdruck sehr geholfen. Die Musik der Band ist in mir drin und mit meiner Jugend ganz fest verbunden. Heute merke ich, auch über diese Lebensphase hinaus.

1993. Erste selbst gekaufte CDs: ALICE IN CHAINS "Dirt", HELMET "Meantime" und SOUNDGARDEN "Badmotorfinger". Unglaubliches Video zu 'Jesus Christ Pose'. Boahrgh, so muss das mit den Drogen sein! Ein Lebens-Film, der abläuft, krasse Bilder, die zur Raserei werden. Vorher hatten sich die Kassettensammlungen von METALLICA, SEPULTURA, TANKARD, SODOM und KREATOR nach und nach vervollständigt. Nun, seit PEARL JAMs "Ten" und NIRVANAs "Nevermind" - eine neue Welt tut sich auf. Diskussionen, was ist der wahre Metal, wie klingt richtiger Rock? Erste für mich unverständliche Grabenkämpfe tun sich auf.

1994: Tschechisches Kaff. Klassenfahrt. Tagsüber Karlsbader Becher, Skilanglauf, Raubkopie von SEPULTURA auf dem Markt gefunden. Abends mit anderen Abgrenzern unter'm Dach in der Bar der Jugendherberge. Unten läuft Eurotechno, Pärchenbildung, hihi. Hier läuft "Headbangers Ball". 'Killing In The Name' von RAGE AGAINST THE MACHINE stilbildend, gefolgt von BIOHAZARDs Geprolle auf der Brooklyn Bridge. Ja, das ist fett. Wir kennen das, wir sind besonders. Auch der Hardcore hatte bereits bei mir mal angeklopft. Dann wird das Video von 'Spoonman' angekündigt. Fernbedienung, lauter machen. Am Karlsbader Becher nippen. Wow! Cornell krächzt wunderbar und strotzend-trotzend, die Gitarre riffelt monoton und kräftig wie auf Vaters Seventies-Tonbändern, das Schlagzeug sehr präsent, sehr prägnant, sehr Metal. Mit dem Überriesenhit 'Black Hole Sun' wird die ganze Schizophrenie und Heuchelei in der US-Kultur für uns kritische Europäer mehr als überdeutlich auch durch das Video bebildert. Und überstrapaziert. Einen Song, den MTVIVA regelrecht totgespielt haben - den kann ich auch heute nicht mehr hören. Ab jetzt gilt für SOUNDGARDEN aber auch: Großer Druck, neue Alternative-Stars. Eine Zuschreibung, an der Bands schon sehr schnell sehr hässlich zerbrochen sind.

Heute betrachtet ist die Videoästhetik der Neunziger eine leicht durchschaubare, entsetzlich symbolische, leicht zu verstehende. Hier Schwarz, dort Weiß. Dort die Spießer, hier die rebellische Jugend, das andere alternative Loser-Amerika. BECK hat's ja gleich mal direkt benannt "I'm a loser, baby, why don't you kill me?" Motive, die allen Ernstes auch heute noch angeboten werden, teilweise noch unverstellter, plakativer hinzubemüht und konstruiert werden.

2013. Irgendeine Ferienwohnung in Boddennähe, des sommernachts um 2 Uhr steht im sortierten Öffentlich-Rechtlichen ein kompletter Auftritt der Band bei einem dieser Riesenfestivals auf dem Programm. Große Vorspannung. Offener Mund des Entsetzens. Kopfschütteln und kein Karlsbader Becher mehr. Die aufgewärmten Nudeln bleiben stehen, werden plötzlich nicht mehr angerührt, kein Appetit mehr. Das ist jetzt aber auch kein willkürliches Gleichnis: SOUNDGARDEN in Originalbesetzung vor einem Publikum, welches sich mehrheitlich aus jungen Leuten zusammensetzt, die im Erscheinungsjahr 1994 mit grundlegenden Herausforderungen wie gelingender Hand-Auge-Koordination oder dem aufkeimenden Werksinn zu tun hatten. Nett jubeln sie, artig winken sie und machen "Whoohoo!", wenn eine Hochleistungskamera über ihre Köpfen hinwegrast. Wer da vorne grade lärmt? Scheint egal. Und die Band? "Blutleer, blutleer, um Gottes Willen...!" weht es mir durch den Sommerkopf. Ein Bild des Jammers, diese Opaband mit den so starken Songs, mit all den unglaublichen Harmonien und Energien. Sie stehen herum. Sie glotzen. Sie wirken müde. Desinteressiert. Thayil scheint festgenagelt und eine Uhr zu suchen, die das Ende des monströsen Konzerts ankündigt. Cornell, jungbrunnenhaft wie eh und je läuft von links nach rechts und von vorn nach hinten. Den Bassisten erkenne ich nicht wieder. Er muss es sein, aber wer ist das? Hätte ich das bloß nicht eingeschaltet.

SOUNDGARDEN, zumindest bis zum Jahre 2013, strahlen Erhabenheit aus. Haben ihre Ruhe, fordern ihre Ruhe. Ausschließlich Auftritte als Kollektiv. Auf den allermeisten Fotos grinsen da vier Freunde. Sie hören 1996 nach "Down On The Upside" erst mal auf. Wenn es am schönsten ist...

Die vier speziellen Charakter schafften es, sich zusammenzuraufen. Und wirft man einen Blick in die Hintergründe, wer bei der Band welche Songs geschrieben und entworfen hat, bemerkt man eine Art Karussell: Hier kann jeder mit jedem. Und neidlos wird zusammengespielt, fließen die Stärken der Musiker in allen Songs zusammen. Thayils Kompositionen sind chaotischer, gereizter, Cornell deutet seine Folklastigkeit und Harmoniebedürftigkeit an, wenn Shepherd und Cameron mitentwerfen, wird vor allem Groove erzeugt. Und das Album "Superunknown" entsteht genau in diesem Zenit.

Sie brechen auf "Superunknown" viele Regeln, überschreiten die Genregrenzen und geben dem sich um sich selbst drehenden Indierock die entscheidende Prise Wild-Gitarre hinzu. Sie preschen in Richtung einer eigenen Stilbildung vor und beweisen eine bis dahin unerreichte Variabilität im Ausdruck. Die ersten beiden Alben aus dreckiggrauer Vorzeit klingen auch so, sie scheinen mit der Suche nach einem besonderen Stil beschäftigt. Und nun, nach dem Verkaufshit "Superunknown" wird das Quartett aus Seattle sogar salonfähig. Andere Zeitgenossen wie die MELVINS oder MUDHONEY entscheiden sich für die unaufgeräumte Garage und tun auch mal weh. Weil SOUNDGARDEN aber von vier künstlerisch gleichwertigen Positionen ausgeht, erarbeiten sie und bewahren sie sich viele Alleinstellungsmerkmale. Ruhige Mitteltemponummern werden von Thayils Dröhnen untermalt, Shepherds Bass wird geradezu sprichwörtlich, Camerons Spiel drückt die Songs nach vorn. Und über allem thront die Stimme Chris Cornells, der jedem Beitrag diese kraftvolle Dynamik verleiht. Kein SOUNDGARDEN-Song ist wie der andere. Das Album behauptet sich allein gegen die Flut neuer Trends, die jeweils von einer Front von Bands getragen wird: KORN mit "Blind" oder LIFE OF AGONY mit "Ugly" mischen die Metalszene auf; die ganze Republik springt mit SUCH A SUGRE oder THUMB über ihre Schatten; KYUSS, FU MANCHU und MONSTER MAGNET verlagern die Wüste in unsere Autoradios; THE OFFSPRING, SOCIAL DISTORTION oder NOFX installieren Punk Rock dauerhaft auf den dicksten und größten Festivalbühnen. SOUNDGARDEN jedoch steht für royale Rauheit mit den ruhigen Momenten.

[Mathias Freiesleben]

Dass auch nach "Superunknown" noch genügend Kreativität und Ideenreichtum zur künstlerischen Weiterentwicklung vorhanden waren, hat Eike bereits ausführlich im Review zum nachfolgenden Album "Down On The Upside" beschrieben und gelangt dabei zu dem Fazit, "dass SOUNDGARDEN sich anno 1996 von nichts und niemandem außerhalb der Band beschränken ließ, sondern nur eine künstlerische Direktive kannte: Weiter aufwärts!" Tatsächlich hätte ein Abklatsch des Erfolgsalbums bei dieser Band natürlich niemals zur Debatte gestanden. Während mich ein Song wie 'Blow Up The Outside World' mit seinem melancholischen, aber gleichzeitig auf gewisse Art auch schwelgerischem Charme sehr für sich einnehmen kann, stellt sich "Down On The Upside" insgesamt nach meinem persönlichen Empfinden jedoch nicht ganz so spannend dar. Vielleicht habe ich es aber auch nur (noch) nicht ausreichend durchdrungen, denn es ist sicher eine Scheibe, in die man noch mehr Konzentration und Aufmerksamkeit investieren muss, um dahinter zu steigen, was die Band dem Hörer damit sagen will. "Superunknown" hingegen fasste mich sofort mit eisernem Griff und ließ mich nicht mehr aus seinen Fängen.

In meiner persönlichen Rezeption zum Erscheinungszeitpunkt war "Superunknown" zunächst jedoch gar nicht als "komplettes Album" präsent. Es ist ein interessantes Phänomen, dass sich die Alben oder auch Songs, die den Erstkontakt mit einer Band oder eben einem Album darstellen, am Nachhaltigsten einprägen und nicht selten auch nach vollständiger Kenntnis des Gesamtwerks weiterhin zu den persönlichen Favoriten zählen. Für mich trifft das auf 'Black Hole Sun' und noch viel mehr auf den Song 'Spoonman' zu. Da kommt nix ran. Der Bekanntschaft mit 'Black Hole Sun' konnte man anno 1994 gar nicht entgehen, das Video lief auf MTViva rauf und runter. 'Spoonman' hingegen sprang mir auf der damals noch großartigen Compilation "Crossing All Over Vol. 3" (die in späteren Ausgaben leider zu sehr in Richtung Pop-Mainstream abdriftete und beispielsweise auch SILBERMOND oder WIR SIND HELDEN in die Titel-Auswahl hievte) förmlich ins Gesicht. Auch später, in Kenntnis der kompletten Scheibe blieben diese beiden Grammy-prämierten Nummern stets die uneingeschränkten persönlichen Highlights.  

Obwohl meinem Empfinden nach gegen Ende der Scheibe nicht mehr alle Songs hundertprozentig zünden, ist "Superunknown" für mich persönlich ein eindeutiges 10er-Album, und ich muss zugeben, eher trotz des kommerziellen Erfolgs und nicht wegen diesem. Die spezielle Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann, etliche von der ersten bis zur letzten Sekunde packende Songs und zudem das hohe Maß an Originalität, insbesondere bei der Wahl ungewöhnlicher Mittel in musikalischer Hinsicht machen das Album einzigartig und stellen ausreichend Gründe dar, es mit der Höchstnote zu versehen. Wer "Superunknown" nicht kennt, verpasst eben nicht "nur" ein Grunge-Album, sondern handelt sich eine echte Bildungslücke ein.

[Stephan Voigtländer]

Welchen Einfluß die Band damals hatte und immer noch hat, zeigt das Beispiel, dass im Brandenburger Radio Fritz noch immer eine Sendungsreihe wie sie benannt ist, die zum Inhalt vor allem neue Musiken hat und verstärkt innovative Künstler vorstellt. Der Name hat Programm: ein Garten voller Klang, bunt, wild, zerfurcht und mit Wegen, ständiges Wachsen, immer wieder Dinge, die neu entdeckt werden.

Was bleibt? Eine großartige Konserve, ein Stück Rockmusikgeschichte. Seit etwa 20 Minuten läuft es denn nun doch. Bis jetzt gerade ging es noch ohne. Jetzt muss 'Let Me Drown' sein! Ich habe die Original-CD vorerst nicht gefunden in meinen Anschaffungen der Neunziger. Da, gerade, da waren sie in ihren Regalen: Staubig, wartend, voller Erinnerungen. Keine Zeit. So ist ein Download ist schnell gekauft. Und es packt mich wieder.

Und auch heute werde ich "Superunknown" wieder durchhören. Schon allein, um die Reduzierung in 'Limo Wreck' mit zu durchleiden. 'The Day I Tried To Live' hinterher. Und dann kommt eine Erinnerung hoch, die ich seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr hatte, die mich aber nun fleischlich und ganz real wieder anfällt: Im abschließenden tröpfelnden 'Like Suicide' kommt es ab Minute 3:30 zu einer Erweckung, die sich heute mindestens zum fünfzigsten Male wiederholt haben muss. Ich gehe die jetzt heraussuchen. Mein Sohn muss das hören.

[Mathias Freiesleben]

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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