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GREEN CARNATION: Interview mit Tchort

20.01.2006 | 23:21

GREEN CARNATION sind unberechenbar und das genaue Gegenteil von Stillstand. Ihre neue Scheibe "Acoustic Verses" ist, wie der Name schon vermuten lässt, ein reines Akustikalbum, bei dem die Norweger nichts geringeres als eine Meisterleistung abgeliefert haben. Gitarrist und Songschreiber Tchort stand mir Rede und Antwort...

Stephan:
Wie ist die Idee entstanden ein Akustikalbum zu machen und was bedeutet euch diese Scheibe im Gegensatz zu euren anderen Alben?

Tchort:
Der Unterschied zu unseren früheren Alben ist offensichtlich, da es unser erstes Akustikalbum ist. Der Grund für "Acoustic Verses" war, dass wir 2005 unseren 15. Geburtstag unter dem Namen GREEN CARNATION feierten. Wir hatten ja am Anfang von 2005 bereits ein Full-length-Album rausgebracht ("The Quiet Offspring" - d. Verf.) und wollten dann zum Geburtstag etwas Besonderes machen. Etwas, das neu für uns und speziell für die Fans war. Die Entscheidung ein Akustikalbum zu machen, lag auch in dem guten Feedback begründet, welches wir auf die wenigen Akustiksongs bekommen haben, die wir bereits in der Vergangenheit als Bonusmaterial für die DVD und die Vinyl-Box gemacht hatten. Dadurch ist diese Idee entstanden.

Stephan:
Fällt es euch das Schreiben von akustischen Stücken eher leichter oder ist es schwerer als das Schreiben von den "elektrisch verstärkten" Songs?

Tchort:
Für mich war es schwieriger, denn die elektrische Gitarre spiele ich ständig, aber die Akustikgitarre hatte ich seit der neunten Klasse in der Schule nicht mehr in der Hand. Ich besaß nicht mal eine Akustikgitarre, also musste ich mir eine von einem Freund borgen. Ich musste mich da völlig neu reinfinden, um dann das Material schreiben zu können. Das Songwriting auf der Akustikgitarre ist anders, als wenn man es auf der E-Gitarre schreiben und dann in einen akustischen Song transformieren würde. Es war eine Herausforderung für mich, denn ich musste eine neue Herangehensweise an das Komponieren erlernen.

Stephan:
Warst du der Einzige, der an den akustischen Songs geschrieben hat?

Tchort:
Nein, und die anderen haben auch mehr Erfahrung mit dem Spielen der Akustikgitarre. Stein Roger, unser Bassist, spielt und singt Akustik-Songs in hiesigen Kneipen seit vielen Jahren, und auch zwei weitere Leute aus der Band besuchten Musikschulen und beherrschen dadurch das Spielen von verschiedenen Instrumenten. Für sie war es sicherlich keine große Sache, aber für mich als einer der Songschreiber und Gitarristen war es schon eine Herausforderung.

Stephan:
War das ein einmaliger Ausflug oder ist von euch zukünftig mehr in dieser Richtung zu erwarten?

Tchort:
Es hat jedenfalls nichts damit zu tun, was wir auf dem nächsten Album machen werden, das ist jetzt schon klar, aber das bedeutet nicht, dass wir nie wieder akustisches Material schreiben werden. Aber es steht fest, dass die nächste Scheibe ein, sagen wir mal so, reguläres Album von uns werden wird.

Stephan:
Da du das nächste Album ansprichst: Stimmt es, dass es der zweite Teil von "Light Of Day, Day Of Darkness" sein wird?

Tchort:
Es ist korrekt, dass das nächste Album der zweite Teil unserer Doom-Trilogie sein wird, von der "Light Of Day, Day Of Darkness" den ersten Teil darstellte. Es wird also nicht direkt "L.O.D.D.O.D." Pt.2 sein, aber der zweite der Trilogie. Und dieses Album ist auch schon komplett geschrieben.

Stephan:
Gibt es ein bestimmtes Konzept hinter dieser Doom-Trilogie?

Tchort:
Nein, jedes Album hat schon sein eigenes, separates Konzept. Es gibt kein übergreifendes Konzept, das in drei Teile zerlegt wurde.

Stephan:
Was war der Grund dafür, dass ihr die EP "The Burden Is Mine...Alone" dazwischen geschoben habt und warum war sie in Europa so schwer erhältlich?

Tchort:
Der Grund, dass es so schwer erhältlich war, lag darin, dass es eine limitierte Veröffentlichung war. Es war lizensiert an eine kleine US-Firma, Profound Records, und das neu gegründete Sublife Productions. Der Grund für den Release war, dass "Acoustic Verses" erst Anfang 2006 erscheinen würde, aber 2005 das Jahr unseres Jubiläums war und wir die Veröffentlichung des Albums nicht in 2005 hinbekommen hätten. Deshalb haben wir die EP als Geburtstags-Edition rausgebracht. Es wurde nur eine Auflage von 1000 Scheiben aufgelegt, die in den USA sehr schnell ausverkauft waren, obwohl man sie nur per Mail bestellen konnte. Außerdem verkauften wir sie auf unseren Shows in Finnland, der Schweiz und Italien. Es war hauptsächlich für die Fans gedacht, die zu unseren Liveshows kamen, und wurde nicht über unsere Website vertrieben oder verkauft. Das brauchten wir auch nicht, da es ja nur 1000 Kopien gab.

Stephan:
Wenn du auf die 15 Jahre GREEN CARNATION zurückblickst - wie fühlt sich das für dich an?

Tchort:
Es erscheint wie eine lange Reise, bei der das Tempo im letzten Teil der Reise stark anstieg. Ich meine damit, auch wenn der Name seit 15 Jahren existiert, liegt das nur daran, dass es 1991 mal ein Demo gab und danach kam nichts, da wir uns zwischen 1992 und 1998 aufgelöst hatten. Von unserem ersten Album im Jahre 1999 ("Journey To The End Of The Night" - d. Verf.) bis jetzt sind nur sechs Jahre vergangen, aber in dieser Zeit haben wir fünf Alben, eine DVD und eine EP rausgebracht. Deshalb war der letzte Teil der Reise ziemlich hektisch.

Stephan:
Nochmal zurück zu eurem aktuellen Album. Was kannst du mir zu den Texten auf "Acoustic Verses" erzählen? Unterscheiden sie sich grundlegend von denen auf euren bisherigen Alben?

Tchort:
Nein, ich glaube nicht, denn was für mich und die anderen, die an den Texten schreiben, wichtig ist, sind die Dinge, die uns tagtäglich passieren. Es gibt keine fiktionalen Geschichten, die auf einem Film, Buch, Traum oder dergleichen basieren. Die Lyrics basieren auf persönlichen Erlebnissen und den damit verbundenen Gefühlen und Emotionen. Das gilt für jeden von uns, der Lyrics schreibt, und das macht GREEN CARNATION für uns so besonders, denn es ist sehr persönlich.

Stephan:
Kannst du etwas näher auf den dreigeteilten Song '9-29-045' und seinen Titel eingehen?

Tchort:
Das ist ein Datum, und der Song wurde von Stein Roger geschrieben. Er erzählte mir, dass er auf einer Dokumentation über den Abwurf der Atombomben auf Japan während des zweiten Weltkrieges basiert, die er gesehen hat. Es ging darum, was den Menschen passierte und es gab auch ein Interview mit dem Flugzeugkapitän, der die Bomben abwarf, über seine Ansichten und Gefühle. Im Song geht es, glaube ich, um seine (Stein Rogers - d. Verf.) Vorstellung, wie es für die Menschen gewesen sein muss. Er hat versucht, sich in die Leute hineinzuversetzen.

Stephan:
Werdet ihr die Akustiksongs auch live zum Besten geben, gibt es evtl. sogar eine Tour zu diesem Album?

Tchort:
Es wird eine Tour geben, aber der erste Teil davon wird in den USA stattfinden, dafür werden wir am 22. Februar zu einer sechswöchigen Headliner-Tour aufbrechen. Dann wollen wir ein paar Sommerfestivals in Europa spielen und danach hoffentlich noch eine Europatour machen, denn die letzte ist schon ein paar Jahre her. Bei GREEN CARNATION gibt es keine Limits - wir können eine "normale" Tour machen oder eine akustische Tour. Wir können unsere Shows auch unterteilen und beides machen, das liegt ganz an uns, wir haben da alle Möglichkeiten. Aber es ist ziemlich sicher, dass wir in Zukunft Material von "Acoustic Verses" live zum Besten geben werden.

Stephan:
Werden wir GREEN CARNATION dieses Jahr auf den Sommerfestivals zu sehen bekommen?

Tchort:
Ich hoffe es. Es gibt bereits ein paar Gespräche über Festivalauftritte, aber ich habe auch noch zwei andere Bands, deshalb gibt es da eine Menge Interesse von seiten der Festivalveranstalter. Und dann muss ich ja auch ab und zu ein paar Aufnahmen machen, deshalb hoffe ich, dass sich das alles unter einen Hut bringen lässt, und alle drei Bands ihre Festivalauftritte in diesem Jahr haben werden.

Stephan:
Haben GREEN CARNATION für dich und die anderen Bandmitglieder oberste Priorität?

Tchort:
Für mich hatten GREEN CARNATION immer oberste Priorität, aber das gilt in gleichem Maße auch für die beiden anderen Bands, bei denen ich spiele. Das klappt auch ganz gut, da sie an unterschiedlichen Zeiten im Jahr aktiv sind. GREEN CARNATION waren seit 2003 nicht mehr auf Tour und das war die erste Tour gewesen, die wir gemacht haben. Mit BLOOD RED THRONE waren wir im November auf Tour, und die Tour davor war auch fast drei Jahre her. Die einzige Band, die für Liveshows viel Zeit in Anspruch nimmt, ist CARPATHIAN FOREST, mit den anderen Bands haben wir eher Wochenend-Shows und Festivals gespielt. Der Rest war Studioarbeit, besonders bei GREEN CARNATION, da wir ja beinahe jedes Jahr ein Album aufgenommen haben. Ich kann mich also auf alle drei Bands voll konzentrieren, denn in der Vergangenheit gab es da keinerlei Überschneidungen.

Stephan:
Und was steht bei CARPATHIAN FOREST und BLOOD RED THRONE in nächster Zeit so an?

Tchort:
CARPATHIAN FOREST sind gerade beim Mixen des neuen Albums, welches Ende April oder Anfang Mai erscheinen wird. Außerdem wird es im April eine lange Europatour geben. Mit BLOOD RED THRONE haben wir jetzt begonnen, Material für ein neues Album zu schreiben.

Stephan:
Was war für dich der bewegendste Moment in der Geschichte von GREEN CARNATION?

Tchort:
Es gab viele besondere Momente mit GREEN CARNATION, denn wir haben wirklich fantastische Fans. Sehr bewegend ist es immer wieder, wenn ich Leute treffe und sie mir erzählen, wie viel ihnen GREEN CARNATION bedeutet. Manche erzählen sehr berührende Geschichten und es ist immer sehr beeindruckend, wenn ich höre, welch große Bedeutung GREEN CARNATION für manche Fans hat und mit welchen besonderen Ereignissen in ihrem Leben sie die Band verbinden. So etwas scheint mir immer häufiger zu passieren, auch weil ich mit verschiedenen Bands auf Tour bin und viele Fans überall auf der Welt treffe. Das ist hinterlässt jedesmal einen massiven Eindruck auf mich.

Stephan:
Glaubst du, dass GREEN CARNATION generell, also nicht nur mit dem akustischen Album, besonders gut geeignet sind, um "Anfängern" den Einstieg in das Metalgenre zu ebnen?

Tchort:
Ich weiß es nicht. Es gibt viele verschiedene Leute, die versuchen die Band kennenzulernen, und ein paar Probleme damit haben, weil wir uns so stark verändern. Sie wissen nie, was sie von uns erwarten können. Manche Leute schätzen es, wenn sich eine Band verändert und weiter entwickelt, solange sie weiterhin Qualität abliefern, auch wenn das nicht zwangsläufig im selben Stil geschehen muss, wie es z.B. AC/DC ist. GREEN CARNATION ist weit von dem entfernt, was AC/DC machen, die eigentlich auf jedem Album gleich klingen. Das kann für neue Fans ein Problem sein, um mit der Band vertraut werden zu können. Aber wir bekommen sowohl von Neulingen als auch von langjährigen Metalfans viel Feedback und sie schätzen GREEN CARNATION deshalb, weil wir Qualität abliefern und uns weiter entwickeln. Sie mögen es, weil es sie herausfordert. Viele Leute sagen mir, dass sie die heutige Musik zu anspruchslos finden. GREEN CARNATION muss man im Gegensatz dazu seine ganze Aufmerksamkeit schenken, um ein neues Album richtig kennenlernen zu können.

Stephan:
Wie hast du eigentlich Weihnachten verbracht?

Tchort:
Ich habe sowohl gearbeitet, als auch mich bei meiner Familie erholt. Dieses Album ist der erste Release auf Sublife Productions, und das machte eine Menge Arbeit. Vor allem deshalb, weil es für mich das erste Mal war, dass ich an dieser Seite des Tisches saß. Normalerweise sitze ich auf der anderen Seite als aufnehmender Künstler und um alles andere kümmerte sich die Plattenfirma. Aber nun saß ich auf beiden Seiten und musste lernen, wie man ein Album promotet oder wie man einen Barcode für eine CD bekommt. Da gibt es viel zu lernen und damit habe ich meine freien Tage verbracht - also eine Kombination aus Erholung und Arbeit.

Stephan:
Tchort, vielen Dank für das Interview.

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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