Gruppentherapie: ANVIL - "Juggernaut Of Justice"

22.07.2011 | 16:47

Eine erfolgreiche Doku und schon steigt der Grad der Beliebtheit einer in den vergangenen 20 Jahren eher milde belächelten Band wieder in ungeahnte Höhen? Oder hat "Juggernaut Of Justice", das 14. Studioalbum von ANVIL, einfach Qualität? Die Redaktion antwortet unterschiedlich darauf, kürt die "Juggernaut Of Justice" aber dennoch zum "Album des Monats"

Meine Erwartungshaltung an die ehemaligen Trendsetter aus Kanada ist im Jahr 2011 verhältnismäßig gering. Sicherlich ist das Trio seit Veröffentlichung der gelungenen Filmdokumentation "Anvil – The Movie" populärer als jemals zuvor – ein Effekt, den ich kaum einer anderen Band mehr gönne – aber bedeutet dies auch gleichzeitig, dass die aktuelle Scheibe toller ist als ihre Vorgänger? Nicht wirklich. Als beinharter Fan der frühen Werke – und ich rede nicht nur vom alles zerstörenden "Forged In Fire"-Knüller – wollen die letzten Werke der einstmaligen Trendsetter bei mir nicht richtig zünden. Daher habe ich den Vorgänger "This Is Thirteen" bis heuet nur mal kurz im Netz getestet, aber nie in seiner Gänze angehört. Vielleicht ein Fehler? Nach etlichen Durchläufen von "Juggernaut Of Justice" komme ich zu der Einsicht, dass ich diese Lücke schließen muss. Aus allen Rohren feuern das Drei im Jahr 2011 traditionellen, sehr harten Heavy Metal ab, klingen dabei feurig wie vor 25 Jahren und beweisen der Musikwelt, wie man den Hörer liebevoll aber saftig den Arsch versohlt. Der Sound ist kraftvoll, transparent und fett, Robb Reiner bollert in seiner unnachahmlichen Art alles in Grund und Boden, während Lips offenbar beidhändig Gitarre zu spielen scheint. Das riesengroße Plus dieser Scheibe sind allerdings die Hooks. Egal, ob man nun den knüppelharten Titelsong, das sumpfige Groovemonster 'New Orleans Voodoo' (Killer!) oder das Melodienfeuerwerk 'The Ride' (Tasten?!) anhört, in allen Songs gibt es Widerhaken der Güteklasse Eins, die dafür sorgen, dass die Nummern nicht aus dem Ohr gehen. Sogar die extrem flotten Brecher wie 'Turn It Up' sind unwahrscheinlich eingängig, ohne dabei Durchschlagskraft einzubüßen. Vom instrumentalen 'Swing Thing' will ich gar nicht erst Schwärmen.

Note: 9,0/10
[Holger Andrae]


Eine meiner früheren Lieblingsbands ist ANVIL, nur leider ging es meiner Meinung nach nach dem Meisterwerk "Forged In Fire" rapide bergab. Möglicherweise lag es aber auch an einer veränderten Musikwahrnehmung meinerseits, denn auch wenn der Faktor Genialität abnahm, wirklich schlechte Alben haben Lips und Co eigentlich nicht abgeliefert. Dann kam "This Is Thirteen", das neben starken Songs eine tolle Produktion sein eigen nennen durfte, und der allseits (hoffentlich) bekannte Film. So ist nun natürlich die Erwartungshaltung hoch. Leider kann der neue "Juggernaut Of Justice" das Niveau des Vorgängers nicht halten, gelegentlich empfinde ich das Album sogar als ermüdend und uninspiriert. Die eben gefeierten Hooks nutzen sich bei mir schnell ab, nur die schnellen Brecher sind wie immer Spaß pur: 'All Hell Breaks Loose' knallt gehörig nach vorne, 'On Fire' hat Drive und eine starke Melodie, und mit 'Turn It Up' kann man den Rasen mähen und 'Running' geht in die Beine. Dabei sind auch die Melodic-Metal-Anleihen meist gut integriert, aber dem gegenüber stehen Langweiler wie 'New Orleans Voodoo', 'Paranormal' oder 'Fuken Eh!'. Insgesamt ist das Album daher nur solide und kann gerade noch eine Kaufempfehlung einheimsen, aber Euphorie wie beim Dreizehnten will sich nicht einstellen. Schade.

Note: 7,5/10
[Frank Jaeger]

Als eine der ersten Speed-Metal-Bands auf meinem persönlichen Radar, haben ANVIL seit jeher einen enormen Stein im Brett. Sicherlich kamen im Laufe der Jahre Truppen wie ANNIHILATOR und EXCITER etwas mehr meiner Aufmerksamkeit zu, als 2009 jedoch dieser, wie ich finde, einzigartige und bodenständige Dokumentarfilm erschien, schafften es Lips, Robb und Glenn zurück auf meine musikalische Landkarte. Vergessen scheint all der Ärger und jeglicher Frust vergangener Tage, wenn man sich einmal Album Nummer 14 anhört. "Juggernaut Of Justice" ist ein bärenstarkes Statement aus dem Hause ANVIL und besitzt vollkommen zu Recht die Goldmedaille unseres Juli-Soundchecks. Selten agierte das Trio derart facettenreich, ohne die typische ANVIL-Plakette auch nur einmal abzunehmen. Hierbei ragen vor allem das tonnenschwere 'New Orleans Voo Doo', der mit Abstand größte Ohrwurm diesen Jahres 'Fuken Eh!', sowie das mehr als unterhaltsame, jazzig angehauchte 'Swing Thing' heraus. Die Herren schauen also auch noch über den Tellerrand hinaus. Mit einem der gelungensten Alben im doch vorzeigbaren und ellenlangen Backkatalog, können ANVIL mit Stolz geschwellter Brust behaupten, dass sie sich durch Nichts und wieder Nichts unterkriegen lassen. "Juggernaut Of Justice" ist summa summarum ein bärenstarker Output einer Band, von der ich auch nichts anderes erwartet hätte. And justice for all, meine Herren!

Note: 8,0/10

[Marcel Rapp]


Wenn Kollege Rüdiger in seiner Rezension ausführlich beschreibt, was die Haudegen von ANVIL eigentlich schon seit Jahrzehnten so alles falsch machen, um sich anschließend doch zu den Kanadiern zu bekennen, ist das ANVIL-Dilemma im Grunde bereits allzu treffend auf den Punkt gebracht. Entweder man liebt diesen eigentlich eher ideen- und spannungsarmen, aber grundehrlichen, bodenständig-ungeschliffenen Sound aus NWoBHM, ursprünglichem US-Metal und MOTÖRHEAD, oder man tut es eben nicht. "Juggernaut Of Justice" reiht sich in diesem Punkt wunderbar in die ANVIL-Diskographie ein. Unbekümmerte Uptempo-Nummern mit minimalistischem Riffing, einprägsamen Hooks und erhöhtem Pommesgabel-Faktor ('When All Hell Breaks Loose', 'On Fire') machen auf jeden Fall auch anno 2011 noch Spaß. Aber wenn ich Lust auf krachenden Simpel-Metal habe, greife ich mir lieber das legendäre MANITOBA'S WILD KINGDOM-Album; da sind wenigstens ausschließlich Hits drauf. Die Ambosse hingegen liefern hier, wie schon auf früheren Alben üblich, wieder die eine oder andere schrecklich belanglose und schlaffe Null-Nummer, wie 'Not Afraid', Fuken Eh!' oder 'Conspiracy', ab, die man eher von einer mittelmäßigen Garagen-Combo erwarten würde. All das wird ergänzt durch einige echte Volltreffer wie den schleppend-fetten Groover 'New Orleans Voo Doo', das stampfend-hymnische 'This Ride' oder das doomig-stimmungsvolle 'Paranormal' mit seiner augenzwinkernden Verbeugung in Richtung MERCYFUL FATE und BLACK SABBATH. Köstlich ist auch das fulminante Instrumental 'Swing Thing', das zu Beginn Erinnerungen an das famose 'Merciless Onslaught' vom METAL CHURCH-Debüt aufkommen lässt, um dann sich überschlagende Bläser-Attacken auszupacken, wie sie mich schon auf RIOTs "The Privilege Of Power" in den Wahnsinn trieben. Zurück bleibt ein insgesamt recht zwiespältiger Eindruck von "Juggernaut Of Justice". ANVIL sind sich jedenfalls treu geblieben - im Guten wie im Schlechten.

Note: 6,5/10
[Martin van der Laan]

Ich glaube, ich war noch nie wirklich enttäuscht darüber, wen unser Soundcheck-Team zum Sieger gekürt hat. Aber irgendwann ist bekanntlich immer das erste Mal und bei "Juggernaut Of Justice" ist es jetzt so weit. Klar, ANVIL stehen seit mittlerweile guten 30 Jahren für immer den gleichen, stumpfen, banalen Metal und das mittlerweile 14. Album der Band rückt davon keinen Millimeter ab. Das war zu Zeiten von "Forged In Fire" und "Metal On Metal" noch originell und um ein Vielfaches spritziger und frischer vorgetragen, ist heute aber einfach nur noch langweilig. Lips' Stimme ist über die Jahre keinen Deut besser geworden und die Kompositionen sind austausch- und vorhersehbar. Das Schlimmste aller Übel hört dabei auf den Namen 'Turn It Up'. 'Turn It Off' wäre treffender gewesen. Grauenvoller Chorus. Einen halben Bonuspunkt gibt es für das nette, passend betitelte Instrumental 'Swing Thing', das schafft, was "Juggernaut of Justice" bei mir zuvor keine Sekunde erreichen kann: Es geht in die Beine & bleibt im Ohr hängen.

Note: 5,5/10

[Peter Kubaschk]


ANVIL stehen für Durchhaltevermögen, Sturheit und weitgehende qualitative Kontinuität, wenn man mich fragte, was ich mit dem Namen dieser kanadischen Metal-Institution assoziere. Wenn Kollege Peter den Ahornblatt-Veteranen musikalische Langeweile in den letzten 20 Jahren attestiert, so verursacht dies bei mir nur Kopfschütteln. Aber ich lasse jedem seine Meinung. Meine Version liest sich so: ANVIL schaffen es mit "Juggernaut Of Justice", den starken Vorgänger "This Is Thirteen" qualitativ abzuhängen. Seit dem Erscheinen des mächtigen "Forged In Fire" (1983) klang quasi keine ANVIL-Scheibe insgesamt betrachtet derart überzeugend, wie das nunmehr vierzehnte Werk der Kanadier. Mit den hart und auf den Punkt gespielten Stücken 'When Hell Breaks Loose' (arrrghh!), der Hymne 'The Ride’ und der herrlich einfach gehaltenen Rock’n’Roll/Riff-Granate 'Running' haben ANVIL mal eben die coolsten Stücke seit langem auf Silberling gehämmert. Dazu Leckerlis wie das mega-eingängige 'Fuken Eh!' und stärkerere Midtempo-Stampfer als auf dem Vorgänger in Form von 'New Orleans Voodoo' machen den brandneuen ANVIL-Silberling zu einer mehr als empfehlenswerten, ja zweifelsohne ausgesprochen geilen Veranstaltung. Bassist Glenn Five übernimmt übrigens erstmals auf 'The Ride’ den Lead-Gesang und diese Aufgabe meistert er wirklich überzeugend. Ein mächtiges Ausrufezeichen lassen Lips und Co. am Ende mit dem von sehr starkem Drumming und einem abgefahrenen Trompeten-Solo überaus flott heruntergehobelten Instrumental namens 'Swing Thing’ aufscheinen - superbe Nummer! Klanglich ansprechend und vor allem auch frischer als "TiT" wurde "Juggernaut Of Justice" von Produzent Bob Marlette (unter anderem BLACK SABBATH, AIRBOURNE, ALICE COOPER) sehr gekonnt inszeniert. Old-School-Fans werden ihre helle Freude an dieser Scheibe haben. Zusammengefasst: großes Ohrenkino mit hohem Spaßfaktor!

Note: 9,0/10

[Martin Loga]

Redakteur:
Peter Kubaschk

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