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Gruppentherapie: CHAOSBAY - "2222"

04.09.2022 | 15:15

Unser Gruppentherapie-Zug kommt wieder ins Rollen. Diesmal haben wir für euch Progressive Metal mit einer deftigen Prise Core-Genuss. Man könnte meinen, dass es speziell auf den Jakob'schen Leib geschneidert wurde, doch überraschenderweise gibt es andere Redakteure, die sich von der Klasse der CHAOSBAY-Anti-Apokalypse noch etwas deutlicher anstecken ließen. Vor allem Kollege Peter ist hin und weg, wie man hier lesen kann. "2222" ist so oder so ein tolles Album geworden. Doch warum, wieso und vor allem weshalb auch andere das so sehen, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.

Wer unseren Soundcheck verfolgt, der hat bereits gelesen, dass ich "2222" von den deutschen Alternative-Prog-Metallern CHAOSBAY mit 7,5 Punkten versehen habe. Um bei unserer Notenskala zu bleiben, haben wir es also mit einem Album zu tun, das zwar wirklich gut ist, das ich aber dennoch wohl nicht dauerhaft werde auflegen wollen. Davon gab es einige Scheiben im letzten Soundcheck, doch bei keiner habe ich so lange mit der Wertung gerungen, denn nüchtern betrachtet hat CHAOSBAY eigentlich alles beisammen, um im modernen Metal zu punkten. Die Gitarren sind herrlich djentig, Fronter Jan hat ein unheimlich vielseitiges Organ und vor allem in Sachen Hooklines beweist das Quartett ein unheimlich gutes Händchen. Dass zusätzlich die handwerkliche Qualität der Scheibe über jeden Zweifel erhaben ist und die Songs auch klanglich hervorragend in Szene gesetzt werden, muss ich nicht extra erwähnen. Warum packt mich das Material denn dann bloß nicht? Nun, im Gegensatz zu unserem Chefredakteur Peter reicht es mir einfach nicht, dass hier die bekannten Zutaten von Bands wie TESSERACT oder THE INTERSPHERE gemischt und mit einigen Ohrwürmern garniert werden. Gerade in einem so hart umkämpften und dicht besetzten Genre wie dem modernen Prog-Metal muss man mir einfach etwas mehr bieten, um auch dauerhaft einen Platz auf meinem persönlichen Merkzettel zu bekommen. In der aktuellen Form reichen das dargebotene Material und vor allem der recht vorhersehbare Stilmix auf "2222" dazu einfach noch nicht aus, auch wenn ich ausdrücklich vor der Musikalität des Quartetts meinen Hut ziehe und ebenfalls ein Auge darauf behalten werde, wohin die Reise für CHAOSBAY noch gehen wird.

Note: 7,5/10
[Tobias Dahs]

CHAOSBAY war für mich bisher die deutsche Antwort auf PAIN OF SALVATION und HAKEN, geboten wurde moderner Progressive Metal, der seine traditionellen Wurzeln aber nicht verheimlicht. Als ich "2222" das erste Mal hörte, musste ich erst nochmal sicher gehen, ob das immer noch die gleiche Band ist, die ich vor zweieinhalb Jahren zufällig auf einem Konzert gesehen habe. Denn die Berliner klingen anno 2022 so brachial und Dank der Produktion und des omnipräsenten Djent-Sounds so heavy, dass ich sie kaum wiedererkannt hätte.Trotzdem tönt das Album sehr eingängig, es reiht sich Ohrwurm an Ohrwurm, die sich durch den fetten Sound immer wieder den Weg ebnen. 'New Age', '2 Billion', 'What Is War' oder mein Favorit 'Eternal Eyes' sind großes Ohrenkino. Als Freund des Djent freue ich mich natürlich sehr über den Einsatz tiefer Saiten und Stakkato-Rhythmik. Dennoch schafft es das Quartett nie zu komplex zu werden, es gibt immer einen roten Faden und 4/4-Takt, sodass man stets mitnicken kann. Mit 'Catch 22', der Titel verrät's bereits, zollt CHAOSBAY schließlich Tribut an die Meister der tiefen Töne und vertrackter Rhythmik - richtig, MESHUGGAH. Der bis zum reinen Geräusch verzerrte Bass ist mir aber etwas zu viel des Guten auf Albumlänge, denn er klingt nicht heavy, sondern eher wie ein Furz. Auch fällt auf, dass das Album insgesamt sehr ähnlich funktioniert, nach der ersten Albumhälfte geht etwas die Luft aus. Aber dennoch bin ich unterm Strich sehr angetan von "2222" und kann es Hörern von TESSERACT sehr empfehlen.

Note: 7,5/10
[Jakob Ehmke]

Man muss Progressive- und Metalcore-erprobte Ohren haben, um CHAOSBAY so zu würdigen, wie die Jungs es auch verdienen. Die Musik ist komplex, verschachtelt und für mich viel zu verkopft. Dennoch ist "2222" ein gutes Album mit einer ungemein positiven Energie. Das zeigt sich vor allem im Konzept der Anti-Apokalypse, geht - wenn es nach CHAOSBAY geht - am Ende doch noch alles gut. Man muss nur sein Handy oder die Nachrichten anmachen und eine neue Lawine der schlechten Nachrichten und von Zukunftsängsten überrollt den Körper, obwohl dieser sich kaum von der vorangegangenen erholt hat. Und dann sprüht ein Albums wie "2222" doch so viel Energie aus allen Poren, um zumindest für einen kurzen Zeitraum in Gedanken alles Böse von sich weg halten zu können. Die Gedanken hinter "2222" verdienen also fraglos eine hohe Punktzahl. Und getreu der Jakob'schen Faustformel, dass eine 6 keine schlechte Note sei, ist auch musikalisch das CHAOSBAY-Bollwerk kein schlechtes Album, im Gegenteil. Es ist für meine Ohren schlichtweg zu verschachtelt und kompliziert, mit zu vielen Melodiewechseln und Breaks in Hülle und Fülle bepackt und nicht meine Baustelle. Doch 'Home', 'All This Beauty Can't Be Real', 'Avalon' und dieses wunderbare Konzept sorgen letztendlich dafür, dass "2222" mir in mehreren Hinsichten in Erinnerung bleibt: musikalisch too much, stilistisch too confused, konzeptionell too beautiful.

Note: 6,0/10
[Marcel Rapp]

Ihr habt es ja gelesen: Meine Kollegen loben die Ohrwurmhaftigkeit mit griffigen Hooklines ohne Ende, die instrumentale Klasse der Protagonisten und auch Klang und Heaviness auf "2222". Doch höhere Weihen bekommt CHAOSBAY von Tobi ("Vorhersehbarkeit"), Jakob ("Album funktioniert zu ähnlich") und Marcel ("zu verkopft") nicht, obwohl zumindest die beiden Erstgenannten an sich stilistisch auf genau diesem Terrain unterwegs sind. Da kann ich nur sagen: Bei soviel vorab geäußertem, berechtigtem Lob empfinde ich das Charakteristikum der gleichbleibenden und im stilistischen Kontext bewährten Formel eher als Pluspunkt, denn dass vortreffliche, ultra-eingängige Songs wie 'New Age' oder 'What Is War' nicht die Ausnahme, sondern die Regel auf dieser Scheibe sind, macht diese dann doch zu einem der eindeutig besseren Genrevertreter, die man dieses Jahr hören durfte. Und dann ist da in musikalischer Hinsicht eben doch eine nicht gerade geringe Bandbreite zwischen den djentig-brachialen Riffattacken und einschmeichelnden, sich im Kopf für längere Zeit festkrallenden Melodien, die jeden Anflug von Eintönigkeit im Keim ersticken. Ja, Überraschungen gibt es in dem Sinne keine bei CHAOSBAY, auch orientalische Ausflüge gehören inzwischen ja zum Repertoire vieler Bands, aber in punkto Vorzüglichkeit der Melodien, sprühender Gitarrenhärte und gesanglicher Klasse eben auch so gut wie gar nichts auszusetzen.

Note: 8,5/10
[Stephan Voigtländer]

Ich weiß nicht, warum manche meiner Kollegen die kollagenhafte Komplexität und Djentcore-Brutalität von "2222" so in den Vordergrund ihrer Betrachtungen stellen. Ach, und was ist bitte ein "vorhersehbarer Stilmix", lieber Tobias? Für mich steht vor allem die unwiderstehliche und sofort ansteckende Frische und Lebendigkeit dieser Platte im Vordergrund zusammen mit der übersprudelnden Experimentierfreudigkeit, die mit kundiger Hand in Ohren schmeichelnd poppige Gesangsmelodien verpackt ist. Mir war CHAOSBAY schon vor einigen Jahren mal positiv aufgefallen; "2222" stellt eine kompromisslose und selbstbewusste Weiterentwicklung der früheren Eindrücke dar. Für mich klingt das wie der perfekte Prog-AlternaCore-Soundtrack zum pulsierenden Großstadt-Leben. Mir erschließt sich nicht, wie man ausgerechnet dieses musikalische Feuerwerk als verkopft empfinden kann. Wer es schafft, völlig überdrehte Bass-Donnersalven mit so zuckersüßen Schleiern einzuwickeln, beschwingte Klänge aus dem anatolischen Cafe an der Ecke mit Geräuschen von Schlagbohrmaschinen und erdrückenden Breakdowns zu einer klanglichen Einheit zu verschmelzen und sich ganz nebenbei noch in verschiedenen Musik-Genres mit frechen Zitaten zu bedienen - ja, wer das schafft, ist für mich zunächst mal ein großartiger Musiker und ein begnadeter Soundtüftler. Ich gehe immer wieder gerne mit auf die Reise in diese chaotische Bucht und lasse mich einfach treiben, und manchmal sicher auch ein bisschen hin- und herschubsen. Ich habe die Musik auf "2222" intern mal als angepissten großen Bruder der wunderbaren VOYAGER bezeichnet. Mit diesem zugegeben etwas um die Ecke gedachten Vergleich möchte ich auch hier schließen. Einziger Wermutstropfen ist, dass (wie Jakob schon festgestellt hat) die erste Hälfte des Albums etwas spannender und kreativer ist als die zweite. Aber lasst Euch bitte auf dieses Abenteuer offen und vorbehaltlos ein, es lohnt sich!

Note: 8,0/10
[Martin van der Laan]

Danke Stephan, danke Martin. Ich hatte schon Angst, dass sich die Gruppentherapie genauso erschreckend darstellt, wie der unbarmherzige Soundcheck, welcher die Jungs mit einem Punktedurchschnitt von 6,81 und Platz 18 deutlich unter Wert verkaufte. Zwei Jahre nach dem absoluten Killeralbum "Asylum" steht nun der Nachfolger "2222" bereit und auch Langdreher Nummer drei ist ein fantastisches Konzeptalbum geworden. Während auf dem Vorgänger noch ein sehr ernüchternder Blick auf den Status Quo unserer Welt und das aktuelle Zeitgeschehen geworfen wurde, wird die Uhr nun 200 Jahre (2112 ist ja schon belegt) weitergedreht und geschaut wie der Laden dann läuft. Und zu aller Überraschung fällt das Fazit deutlich lebensbejahender und positiver aus, als man erwarten würde und dieses hört man tatsächlich auch an allen Ecken und Enden der Scheibe an. Das ist aber neben ein paar Gastbeiträgen auch der einzige Unterschied zu "Asylum", ansonsten bleibt vieles beim Alten bzw. Bewährten. Moderner Metal, leicht angeproggt in der Rhythmik und leicht catchy im Chorus. Der thematische Ansatz des Konzeptalbums wird durch viele wiederkehrende Elemente und auch entsprechende Hooks wunderbar umgesetzt. Da fällt dann auch ein Übersong wie 'Lonely People' durch das Raster, da er nicht zum Konzept passt. Chapeau für diese Eier! Und wunderbar eingängige Hymnen à la 'Passenger', '2 Billion' und 'Eternal Eyes' gibt es ja trotzdem genug. Mein Highlight hört auf den Namen 'All This Beauty Can't Be Real', welches das Album mit seinem strahlenden Refrain perfekt repräsentiert. Auch wenn "Asylum" (immer noch fette 9,5) einen noch magischeren Flow und die stärkeren Einzeltracks aufgefahren hatte, so ist CHAOSBAY ein erneut bockstarkes Konzeptalbum gelungen - für alle die nicht ständig erinnert werden müssen, dass sie gerade ein Konzeptalbum hören und sich in der Regel kein Progalbum ins Regal stellen würden. Sorry Marcel, das ist wirklich easy Listening und teilweise schon brutal eingängig.

Note: 8,5/10
[Stefan Rosenthal]

Redakteur:
Marcel Rapp
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