Gruppentherapie: EXODUS - "Goliath"

07.04.2026 | 21:45

Zu maximaler Langeweile abgespielt oder besser als "Bonded By Blood"?

Die alten Thrash-Granden aus den 80ern schlagen dieses Jahr zu. Erst KREATOR und MEGADETH im Januar (zu den Gruppentherapien von "Krushers Of The World" und "Megadeth"), jetzt EXODUS. Im Gegensatz zu den Erstgenannten ist der Sängerposten bei EXODUS wackelig und jetzt hat diesen mit Rob Dukes wieder eine Streitfigur inne. EXODUS-Ewigfanboy Holger hat mit Dukes aber seinen Frieden gemacht und findet "Goliath" spitze (zu seinem Hauptreview). Ein Blick auf den März-Soundcheck sagt uns aber, dass nicht viele Holgers Meinung teilen. Für einen Thrash-Veteranen ist ein zehnter Platz mit 'nem tiefen Siebener-Schnitt schon fast eine Abstrafung. Ob das wirklich nur am Gesang liegt?



Liebe EXODUS,

ach, was könnten wir ein tolles Traumpaar sein. Du besitzt so vieles, was mich anzieht: Thrash Metal, geile Riffs und eine legendäre Vergangenheit. Doch irgendetwas stimmt nicht mit unseren bisherigen Dates. Immer wieder haben wir uns getroffen. Davon zeugt die ein oder andere CD in meiner Sammlung. Doch mit einem wohligen Gefühl ums Herz bin ich nie nie nach Hause gegangen. Nun haben wir uns nach langer Zeit mit "Goliath" wiedergesehen. Leider war es wie immer. Mein Verstand sagt schon bei der Eröffnung mit '3111', ich sollte dich lieben. Doch mein Herz spielt nicht mit.

Besonders auffällig ist, dass du deine neue, alte Stimme wiederhast. Das ist schon okay, aber etwas mehr Ausdruck würde ihr gut tun. Da hilft es auch nicht, dass Freunde wie Peter Tägtren eingeladen sind. Sein Einfluss ist ein kleiner Aha-Moment, doch dann geht es rapide in den altbekannten Trott. Das heißt natürlich nicht, dass es schlecht ist. Irgendwie sind das schon starke Riffs, aber sie erreichen mich nicht - auch wenn ein Achtminüter wie 'Summon Of The God Unknown' immer fein ist.

EXODUS, so langsam glaube ich, das wird mit uns einfach nichts mehr. Auch wenn mir in der Metal-Disco unseres Vertrauens unser gemeinsamer 'Toxic Waltz' als schöner Moment ewig in Erinnerung bleiben wird.

In tiefer Hochachtung,

Dein Dominik

Note: 6,5/10
[Dominik Feldmann]

 

Man kennt die Stereotypen. Beispielsweise "Nein, es liegt nicht an dir, es liegt an mir" beim Breakup. Aber in diesem Fall passt es tatsächlich, denn EXODUS hat einige starke Riffgewitter am Start, typisch für Gary Holt und nun auch für das Doppelaxt-Team Holt und Altus, und ein paar Thrashgranaten, die beim Aufschlag wahrlich zünden. Dass einige der Lieder mal wieder einfach zu lang ausgewalzt werden - geschenkt. Ja, sogar die Blicke über den Tellerrand wie das Titelstück, das tief in Doom und Sludge watet, finde ich gelungen.

Nur, warum dann nur eine mittelmäßige Note? Daran ist natürlich der Besetzungswechsel am Mikrophon schuld. Ich bewundere unseren Holg dafür, dass er unvoreingenommen an die neue, alte Besetzung herangehen kann. Zugegeben, Dukes singt tatsächlich besser als er es bei seinem ersten Gastspiel getan hat, variabler und weniger schreihalsig, aber es bleibt Dukes. Ich habe ihn erlebt, wie er live den Inbegriff des Rednecks gibt, die EXODUS-Stücke einfach überbrüllt und in seiner kurzen Stars-And-Stripes-Hose prollig über die Bühne stapft, und dieses Kopfkino kann ich nicht ausstellen.

Nein, mit Steve Souza würde ich "Goliath" wahrscheinlich toll finden, dass Dukes es aber einfach nicht kann, hat er eindringlich mit "Let There Be Blood" bewiesen. Alben mit Dukes lösen bei mir keinen Kaufdrang aus, deswegen muss die Bewertung unterhalb meiner Kaufschwelle liegen. Ich warte, bis EXODUS sich erneut mit Zetro wiedervereinigt. Bis dahin macht das Ganze einfach ohne mich.

Note: 6,5/10
[Frank Jaeger]


Ein Geständnis direkt vorweg: Ich fand Rob Dukes nie so schlimm und albenzersetzend, wie ich es oft in den wenig sozialen Medien von den Dächern pfeifen höre. Seine Halsschlagader ist bis zum Bersten gefüllt, er steht stets mit beiden Füßen auf dem Gaspedal, fährt den Wagen nach dem Motto "jede Linkskurve ist Kommunismus" und verleiht EXODUS für mich somit nochmal einen extra Energieschub. Da breche ich auch Tag und Nacht eine Lanze für so ein Massaker wie 'Deathamphetamine' und die gnadenlose 'Funeral Hymn' vom vielgescholtenen "Exhibit A"-Album.

Auch wenn ich seinen Ersatz Zetro ebenfalls mag, wenn auch weniger aus den Gründen, warum ich Dukes mag, bei einer Sache gibt es keinen Unterschied: Bei EXODUS will ich Riffs über Riffs serviert bekommen, gerne auch mit Vollgas und ohne Gnade. Nur ist jetzt von "Persona Non Grata" nicht viel hängengeblieben. Das war mir einfach zu gesichtslos. Jetzt ist Rob Dukes wieder da, die star-spangled Shorts werden wieder die Bühnen unsicher machen, das Publikum wird auch bei strahlendem Sonnenschein einen Regenschirm mitnehmen müssen und mit "Goliath" steht das erste EXODUS-Album mit Dukes seit "Exhibit B" vor 16 Jahren an. Und nach den ersten Singles hatte ich nicht so wirklich Lust auf das Album. Was haben die sich denn dabei gedacht? Ich wollte Raserei, Riffgeschiebe und Prügel für 55 Minuten.

Letztlich hat dann Kommissar Albumkontext hier absolut alles geändert. Daher sehe ich das ähnlich wie Kollege Holg. Gary Holt und seine Männer haben hier nichts anderes als eines der mutigsten Alben überhaupt veröffentlicht. Es gibt weiterhin die Riffmassaker wie bei 'Beyond The Event Horizon', aber eben auch so melodisch interessante Songs wie 'The Changing Me', was unheimlich gut funktioniert. Dass da Peter Tägtgren dabei ist, wäre mir nicht mal aufgefallen. '2 Minutes Hate' ist der legitime Nachfolger von 'Blacklist' und der walzende, finstere und schon fast kranke Titelsong ist ein Koloss, den ich EXODUS so nicht mehr zugetraut habe.

Dieses Album scheint genüsslich mit den Erwartungen zu spielen, kaut diese gründlich durch und spuckt ein faszinierendes Gebilde heraus, das man nicht sofort abkanzeln sollte. Ich wollte das, aber konnte es dann doch nicht. Ich bin ein wenig überrascht, wie stark "Goliath" polarisiert. Es ist mutig, gewollt anders und dennoch kein Stück weniger typisch für EXODUS. So muss das damals gewesen sein, als "Force Of Habit" erschienen ist. Nur dass "Goliath" tiefer in den sumpfigen Untiefen des Thrash steht, als es "Force Of Habit" jemals tat. So ist "Goliath" für mich das wichtigste EXODUS-Album seit... wann eigentlich?

Auf jeden Fall seit "Blood In, Blood Out", vielleicht sogar seit "Tempo Of The Damned". Eben weil es ein Risiko eingeht.

Note: 9,0/10
[Kevin Hunger]

 

Ich muss zugeben: Ich habe große Freude an "Goliath". Dabei hatte ich EXODUS eigentlich seit Jahren kaum noch auf dem Schirm, eigentlich lief fast alles seit der "Shovel Headed Kill Machine" mehr oder weniger an mir vorbei, einzig an "Blood In, Blood Out" habe ich noch seichte Erinnerungen. "Goliath" ist, wie von anderen zum Teil schon festgestellt, nicht das übel-brutale Thrash-Brett geworden, sondern phasenweise etwas melodischer, etwas cleaner. Aber das steht den Jungs erstaunlich gut zu Gesicht.

Auch der Gesang ist nicht so eindimensional, wie teils befürchtet (oder Rob Dukes manchmal vorgeworfen wird). Stilistisch erinnert mich das Scheibchen ein wenig an die aktuelle KREATOR-Scheibe, aber "Goliath" hat mehr Biss und spannendere Melodien zu bieten. An die aktuelle MEGADETH kommt man nicht ran, die noch besser produziert ist und weniger modern klingt. Trotzdem ist "Goliath" die zweite größere Positiv-Überraschung im Thrash-Kosmos 2026.

Note: 8,5/10
[Jonathan Walzer]


Warum nicht? Diese Gruppentherapiezusage bringt mich dazu, mich mit Klassikern der Metalwelt zu beschäftigen. LAMB OF GOD und EXODUS. "Gestandene Musiker", wie man es so schön abgedroschen ausdrückt. Apropos, Steilvorlage, Dreschen. Thrash. EXODUS. In den eigenen Zehnern von Bands wie SODOM, KREATOR, TANKARD und diesem Genre mitsozialisiert, ließ ich dieses nach und nach immer mehr eher an der Seite des Geschmacks liegen. Aber nicht ohne ab und zu hineinzuhören. Die Entwicklungen der letzten Jahre im deutschen Thrash lassen wundervolle Nostalgie aufkommen. Auch dieses Wüten, der zur Schau gestellte Dilettantismus und der Style der Schnurries und langschräggewachsenen Jungmännerminiplis ist zurück. Bedeutet: Thrash ist eine Einstellung.

EXODUS als quasi Mitauslöser und Erfinder dieser Lebensweise ist mir immer aus dem Radar geraten. Mein Blick heute auf diese Band ist, was deren Geschichte betrifft, ein naiver, uninformierter. Aber, wenn ich die Musik des Albums nun zwei, drei Male auf mich wirken lasse, so stellt sich schnell Langeweile ein. Ja, anders kann ich meine Stimmung nach dem ersten Drittel des Albums nicht festzurren. Einzig die Gitarre versucht sich in Variationen, die zwar bereits oftmals gespielt, aber eben auch abgespielt wirken. Wie ich bemerke, sind die Expertinnen und Experten mit dem neueren Sangesmann nicht sehr zufrieden, ich auch nicht.

Leider steige ich auch 2026 nicht mit ein in den langen Zug, den EXODUS geschaffen hat. Ehrlich gesagt, war ich sogar wegen dieser Eintönigkeit recht erschrocken.

Note: 4,0/10
[Mathias Freiesleben]

Ich muss ja zugeben, dass ich nie der ganz große EXODUS-Hörer war, obwohl ich Thrash zu meinen Lieblingsgenres zähle. Meine größte EXODUS-Zeit war zur "Tempo Of The Damned", weshalb für mich Steve Souza die Stimme von EXODUS ist. Für mich ist "Goliath" daher mein Erstkontakt mit Dukes auf einer Platte, ich habe ihn lediglich einmal mit der Band in Wacken gesehen und fand sein Auftreten und seinen Gesang damals unerträglich. Daher war ich auch nicht gerade positiv gestimmt, als ich gehört habe, dass er erneut Souza ersetzt.

Aber ich muss sagen, dass er mir auf "Goliath" deutlich besser gefällt, als damals in Wacken. Vielleicht deshalb, weil ich ihn beim Hören nicht sehen muss. Was aber auch nicht heißt, dass ich jetzt zum Dukes-Fan werde. Nein, bestimmt nicht. Dazu klingt er zu austauschbar und wie viele andere Sänger auch. Aber er fällt zumindest nicht negativ auf, was bei meinen niedrigen Erwartungen schon ein Kompliment ist.

Aber weg von Dukes, hin zu EXODUS. Die Platte ist für mich ziemlich abwechslungsreich geworden. Dementsprechend kann ich nicht nachvollziehen, wie Kollege Mattes darauf kommt, die Platte sei eintönig. Dabei fehlen mir allerdings so richtige Highlights. Klar, 'Promise You This' oder 'Beyond The Event Horizon' sind schon coole Nummern, aber so richtige Euphorie will nicht aufkommen. Am besten gefällt mir noch 'The Changing Me', was aber eher an dem Gastauftritt von Peter Tägtgren und dem damit zu begründenden HYPOCRISY-Vibe in dem Song liegt.

Alles in allem ist "Goliath" besser als erwartet, aber gleichzeitig kein Album, das mich wirklich mitreißen kann.

Note: 7,0/10
[Mario Dahl]

Auch meine Stimme ist nicht die eines EXODUS-Fans. Ich finde ja selbst den von vielen in den Thrash-Himmel gelobten Superklassiker nur so mittel. Das liegt auch am Gesang. Keine der drei Stimmen konnte mich hier bislang überzeugen. Von daher stehe ich der Rückkehr von Rob Dukes neutral gegenüber.

Deshalb bin ich in diesem Punkt bei Kevin: So schlimm ist der ja gar nicht. Auch das Album an sich kommt teilweise sehr melodisch und ungewohnt abwechslungsreich rüber. Hier verstehe ich Mattes dann auch nicht. Was denkt er dann über andere EXODUS-Alben, wenn das schon langweilig ist?

Aber auch andere Kollegen schreiben hier Erstaunliches. An die neue KREATOR-Scheibe erinnert mich hier kaum etwas, und ob "Goliath" mehr Biss hat oder gar spannendere Melodien, das sollte unbedingt überprüft werden. Für mich gilt das absolut nicht.

Und trotzdem haben ein paar Songs einen Charme, den ich so bislang eher selten bei EXODUS ausgemacht habe. 'The Changing Me' mit seinen ultramelodischen Leads in der Mitte, das beinahe leichtfüßige 'Promise You This' oder aber der von einigen Kollegen schon erwähnte Longtrack seien hierfür Beispiele. Auch der schleppende Titeltrack hat seine Momente. Ich könnte mir vorstellen, das Album in Zukunft öfter zu hören und finde es jetzt schon besser als "Das beste Thrash-Album ever!?".

Note: 7,5/10
[Thomas Becker]

Auch wenn ich mangels entsprechender Feldstudien leider keine Parallelen einer Albumverkostung zu einem Date zu ziehen im Stande bin, und an mir auch selten ob eines Bühnenauftritts und eines Muckers Unterhosen Kopfkino hängenbleibt, kann ich doch vieles von dem nachvollziehen, was die Herren Kollegen hier in musikalischer Hinsicht assoziieren. Das Album ist mutig, weil es sich nicht schematisch an den größten Klassikern der Band orientiert, auch nicht die letzten Alben konsequent fortsetzt, und schon gar nicht nahtlos an der letzten Dukes-Phasen-Exhibition anschließt.

Hier gibt es von den schweren, massigen Riffs der initialen SLAYERiade, über hackend-wild-speediges Gemetzel beim zweiten Stück bis hin zum melodischen HYPOCRISY-Death-Wink bei 'The Changing Me' eine richtig fette Bandbreite an Ideen und Hooks, die zünden, die hängenbleiben. Dazu gehören auch der punkige Vorschlaghammer 'Promise You This', den auch OVERKILL nicht zwingender hätte eintüten können, oder das doomig-schleppende, dräuende Titelstück an zentraler Stelle. Die Langeweile, die Mattes auszumachen glaubt, stellt sich bei mir also keinesfalls ein, jedenfalls nicht im Sinne von Abwechslungsarmut. Auch die Vergleiche zu KREATOR kommen mir nicht in den Sinn, auch wenn es sein mag, dass die Altenessener in den letzten zehn Jahren ähnliche Einflüsse verarbeiten, wie EXODUS sie beim erwähnten 'The Changing Me' verbraten hat. Doch das ist halt gerade mal eine Zehntel des Scheibchens, das in meinen Ohren ansonsten weit weniger glatt und dafür deutlich erdiger klingt als der Weltenkrusher.

Die toll herausgearbeiteten Bass-Licks bei '2 Minutes Hate' illustrieren das ebenso hübsch wie die eben nicht übercleanen und dennoch sehr melodischen Leadgitarren. Für Anwandlungen der Marke 'besser als "Bonded By Blood"' mögen meine Ohren nicht blau genug sein, und die alte Rabenseele zu konservativ an die Achtziger getackert, aber ja, "Goliath" ist eine richtig gute, abwechslungsreiche und hitlastige Thrash-Scheibe, mit der EXODUS und Rob Dukes zeigen, dass die Band auch ohne den von mir sehr geschätzten Zetro funktioniert.

Note: 8,5/10
[Rüdiger Stehle]


Fotocredits
: Barbara Sopart (POWERMETAL.de), vom Konzert in der Hamburger Markthalle im Sommer 2025.

Redakteur:
Thomas Becker

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