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Gruppentherapie: SOEN - "Tellurian"

26.11.2014 | 00:32

Die Gruppentherpie zum "Edelstoff", der Platz zwei im November-Soundcheck erreicht.

Zweiter im November-Soundcheck, dabei nur hauchdünn hinter PRIMORDIAL, dazu beinahe die Höchstnote vom Chef (zum Review). "Edelstoff" sagt er dazu. Bitte was, bayrisches Bier im Soundcheck? Hier herrscht ganz klar Therapie-Bedarf. Deswegen gleich ohne Umscheife in medias res. Viel Spaß!


Vor zwei Jahren wurde ich unter anderem durch Peters wohlwollendes Review auf SOENs "Cognitive", Debütalbum und Vorgänger von "Tellurian", aufmerksam. Doch obwohl ich für diese Art von Musik durchaus empfänglich bin, konnte mich das Album nicht mitreißen - es kam, und kommt mir immer noch, vor wie TOOL light, ohne diese Klasse auch nur ansatzweise zu erreichen. Doch was muss ich nun auf dem aktuellen Rundling hören? Plötzlich klingt die Band eigenständig, spannend und so viel besser als auf "Cognitive". Einen kräftigen Schluck aus der Kreativitätssuppe scheinen die Mitglieder der gern hochtrabend als Prog-Metal-Supergroup bezeichneten Band genommen zu haben. Die insgesamt ziemlich harmonische, mit lieblichen Melodien garnierte Musik wird durch vertracktere Strukturen mit gern auch mal etwas verquerer Rhythmik (das macht dann den Prog-Anteil aus) aufgelockert, die immer noch an TOOL erinnern, aber dieses Mal viel wirkungsvoller eingesetzt werden. Und dann sind da noch solch wunderbare, eindrucksvolle Nummern wie 'The Words' (welch ein toller, berührender Gesang!), 'Pluton' oder 'Koniskas', die für Gänsehautmomente sorgen. Flirrende Prog-Metal-Passagen wie in 'Kuraman' oder 'Void' zeigen gegenüber den balladesken Momenten das andere Gesicht der Band, die beide Komponenten zwar selten miteinander verschmilzt, aber trotzdem ein stimmiges und stimmungsvolles Zweitwerk vorlegt. Es ist schon eine Scheibe, bei der die ruhigen Töne im Vordergrund stehen, aber dank des deutlich verbesserten Songwritings hat unsere Redaktion SOEN nicht ganz überraschend auf das Monatstreppchen gehievt. Denn wo die Kompositionen auf "Cognitive" oftmals mit seichtem Gedudel langweilten und einfach irgendwie "versandeten", können die "Tellurian"-Songs nahezu durchgehend fesseln. Da hat die Truppe um ex-OPETH-Drummer Martin Lopez ja doch noch die Kurve gekriegt.

Note: 9,0/10

[Stephan Voigtländer]




SOENs "Tellurian" ist nicht nur irgendeine weitere Überraschung, sondern vermutlich DIE Prog-Überraschung des Jahres. Meine Kollegen hören einen deutlichen TOOL-Einfluss, ich möchte ebenfalls noch OPETH in den Raum werfen. Doch konkretere Vergleiche greifen nicht, denn Album Numero zwei tönt vor allem sehr selbstständig.
Bereits das abgefahrene Cover-Artwork ist mehr als nur ein Blick wert. Das würde ich mir glatt in groß an die Wand hängen. Im Mittelpunkt der Musik steht der tolle Gesang Joel Ekelöfs, der den Hörer mit seiner melodiösen und sympathischen Stimme durch die doch ziemlich komplexen Songgebilde trägt. An den Saiten und Kesseln wird gerne rhythmisch vorgegangen, aber nur um schwebenden, lockeren Spielereien den Weg zu ebnen. Höhepunkte sind, wie es Chef Kubaschk in seinem Review beschreibt, schwierig auszumachen, da tatsächlich alles sehr gut ist. Das balladesk-dramatische 'The Words' ist aber definitiv großes (Gefühls-)Kino. Ich würde sogar so weit gehen und meine ursprünglicher Benotung von 8.5 mindestens auf 9.0 hoch zu setzen. Ein ganz tolles Album!

Note: 8.5 (9)/10

[Jakob Ehmke]





Zwei Lehren, die ich aus gut 20 Jahren als (Hobby-)Gitarrist gezogen habe sind: 1) Setze Harmonien sparsam ein und 2) Du bist Musiker und kein Schönheitschirurg. Letzter Punkt mag etwas verwirren, deswegen der Versuch einer Erklärung: Eine Melodie allein sollte schon wunderschön oder diabolisch düster sein, fesselnd oder verstörend. Ist sie das nicht, kann man ihr künstlich Schönheit einhauchen, in dem man einfach eine zweite oder dritte Stimme hinzufügt. Das ändert aber nichts daran, dass der Basis essenzielles fehlt. Setze ich mich hin und versuche, Leads und Soli auszuarbeiten, ist mir stets wichtig, dass sie für sich allein stehen können. Ob dann im Studio noch 'ne Harmonisierung aufgenommen wird, ist dann eher zweitrangig.

Auf "Tellurian" lässt die Gitarrenarbeit keine Wünsche offen, genauso wenig wie die Leistungen des Bassers Stefan Stenberg oder die des Drummers Martin Lopez. Der Gesang ist es, der schon auf dem Debüt von SOEN den gut- bis erstklassigen Songs das i-Tüpfelchen in die Flucht geschlagen hat. Joel Ekelöfs Stimme klingt allein so dünn und kraftlos. Die meist langgezogenen Silben laden mich zum fröhlichen Ratespiel ein, was als nächstes kommt. Und die Trefferquote kann sich sehen lassen.

In der Summe kann ich die Vergleiche mit TOOL nachvollziehen, auch wenn man musikalisch (logischerweise) Abstriche machen muss. Auch der Vergleich mit OPETH ist nicht von der Hand zu weisen. Hinzu kommt noch etwas A PERFECT CIRCLE und KATATONIA zu progressiveren Zeiten ("Great Cold Distance").
Die Produktion ist leider zu sehr auf den Gesang zugeschnitten, weswegen vor allem die wunderschönen Gitarrenarrangements mit großen Harmonien teils in den Hintergrund geraten. Da ist definitiv noch Luft nach oben.

Note: 7,0/10

[Haris Durakovic]





Schon nach dem halbminütigen Intro ist mir klar, dass das hier Edelstoff ist. Zumindest dem eigenen Anspruch nach. Wie SOEN dann mit 'Tabula Rasa' einsteigt, ist impulsiv, intensiv und schlichtweg beeindruckend. Und ich warte und warte auf neues Zeug von TOOL, DREDG oder A PERFECT CIRCLE. Dabei weitet SOEN mit seinem Auftritt die Kandidatenliste für guten, zurückhaltend erzählten Rock mit Tiefe und Abwechslung ein klein wenig aus. So viele konsequent gute und ideenreiche Bands mit hohem Wiedererkennungswert gibt es auf diesem Sektor des Royal Rocks ja nicht. Viele erleiden das Schicksal der Wiederholungen und Eingeschränktheit ihrer Ausdrucksmittel, so dass die Stücke Gefahr laufen, sich immer ähnlicher anzuhören. Hat SOEN die Furcht vor solch einem Schicksal getrieben, dass sie beinah jedes ihrer Fragmente anders und ja, besonders klingen lassen? Liest man sich dann die Liste der Bandmitglieder durch: geballte Kompetenz. Es ist ja so, dass die Band einen hohen Anspruch fast automatisch bei mir erzeugt hat, seit den ersten Tönen. Ja, Haris, der Gesang ist ziemlich weit nach vorn gepusht. Da muss ich mich erst noch positionieren, wie ich das auf Dauer finde. Später. Zeit braucht die Platte, ist ja hier auch klar.
Was mich da aber sofort ansprang, ist die Frage gewesen, ob SOEN mir ein paar intensive Mithörmomente abringen kann, also solche, in denen sich die rissige Stimme oder ein melancholisches Riff, ein heruntertrimmender Wechsel, eine Überraschung ereignen, die mich in den Sog ziehen, die fordern, sich das Ganze noch einmal anzuhören. Tja, kurzum: das Album "Tellurian" ist voll , übervoll davon. Noch mal etwas besonders Gelungenes zum Jahresende dieses 2014.

Note: 8,5/10
[Mathias Freiesleben]




Ich bin hier voll bei der Mehrheit. Die Scheibe ist geil. Sie ist stimmungsvoll und einschmeichelnd, dabei aber auch modern und progressiv. Besonders interessant indes ist das, was Kollege Haris hier beiträgt. Auch ich habe immer Probleme, wenn eine Produktion zu sehr auf den Gesang gemünzt ist. Ausser natürlich ich finde den Sänger stimmlich und technisch genial, aber davon gibt es wenige.
Sänger Joel Ekelöf hat eine sehr angenehme Stimme, die mich mal an Maynard J. Keenan (aber eher bei A PERFECT CIRCLE als bei TOOL), mal an Dave Pen von ARCHIVE erinnert, und er zaubert ein paar wunderbare Melodien aus dem Hut (z.B. 'Kuraman'). Nein, dünn ist diese Stimme nicht, Haris. Nur eben völlig unmetallisch. Ja, und dieses Langgezogene mag ich auch, viel zu wenige Sänger lassen mal die Töne auch stehen, doch dieser hier kann das. Aber das ist ja alles Geschmacksache.
Der andere Punkt von Haris betrifft Leads und Soli. Tja, und da sitze ich armer Tropf und versuche mich zu erinnern, an welcher Stelle denn mal ein wahrlich großer Moment durch ein gepfeffertes Gitarrenlead entstanden ist. 'Tabula Rasa', nix, 'Kuraman', nix, 'The Words', nix. Hör ich schlecht, oder kann es sein, dass SOEN so gut wie gar keine Soli verwendet?
Danke, Haris, denn ich habe immer gerätselt, was mir bei der Scheibe für die ganz große Musikbefriedigung fehlt. Ein kleiner aber entscheidender Schuss Gegniedel nämlich.
Trotzdem hat Peter (und Mathias und Stephan und Jakob) natürlich recht. Jede moderne Prog/Rock-Nase sollte hier mal sein Ohrläppchen reinhängen, bevor es auf dem Teller des Nashorns auf dem Cover landet.


Note:8,5/10
[Thomas Becker]

Mehr zu diesem Album:

Soundcheck 11/2014

Review von Peter Kubaschk

Redakteur:
Thomas Becker

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