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Gruppentherapie: THE SMASHING PUMPKINS - "Monuments to an Elegy"

11.12.2014 | 22:08

Billy Corgan macht immer noch Kürbis-Musik, nun sogar zusammen mit Tommy Lee von MÖTLEY CRÜE. Das kann ja was werden, dachten wir uns, und hörten mal etwas genauer hin.

Beim Namen THE SMASHING PUMPKINS denkt man automatisch an den streitbaren Bandkopf Billy Corgan. Und anschließend fragt man sich vielleicht, ob die Band es 19 Jahre nach dem Erfolgsalbum "Mellon Collie and the Infinite Sadness" (Platz 1 in den US-Albumcharts) immer noch drauf hat - zumal Billy Corgan eben erst dem Rolling Stone verriet, er sei "einfach durch mit Rock'n'Roll". Unsere Therapeuten versuchen Antworten zu finden.


Von den originalen SMASHING PUMPKINS ist nur der extrovertierte Bandkopf Billy Corgan übrig geblieben und auch die Musik hat sich über die Jahre einer deutlichen Wandlung unterzogen. Mit dem neunten Studioalbum "Monuments to an Elegy" ist man bei poppigem bis melancholischem Synthie-Rock angekommen, der Alternative Rock frühere Tage ist inzwischen nur noch eine Randerscheinung. Dass Mr. Corgan durchaus streitbar ist und schon so manches Mal einen Mangel an Bodenhaftung offenbarte, das ist alles vergessen, wenn sich gleich zu Beginn des Albums diese Ohrwurm-Songs 'Tiberius' und 'Being Beige' Bahn brechen. Sein spezieller Gesang dürfte nach wie vor für Viele etwas gewöhnungsbedürftig sein (böse Zungen nennen es dann dann weinerlich, nölig, leidend), aber es ist halt auch ein unverwechselbares Trademark der zermatschten Kürbisse. Immerhin näselt er nicht so schlimm wie JAN DELAY, mit dem Vergleich im Hinterkopf kann man das schon ganz gut aushalten. Zurück zur Musik: 'One and All' wuchert - sehr wohltuend - mit einem etwas knackigeren Gitarrenpfund; wenn das mal keine Reminiszenz an die alten Tage ist. Demgegenüber gibt es aber schon ein paar sehr seichte Liedchen ('Drum and Fife', 'Dorian') und das finale 'Anti-Hero' erinnert mich sogar an die BLOODHOUND GANG, was jetzt nicht als Kompliment gemeint ist. 'Run to Me' dürfte die polarisierendste Nummer auf "Monuments to an Elegy" sein, denn das ist nun wirklich Synthie-/Disco-Pop in Reinform (was teilweise auch auf 'Monuments' zutrifft). Was aber wiederum auch die Vielseitigkeit der Band unterstreicht, die ihre Hochphase trotz allem zweifellos in den Neunzigern hatte und nun - 20 Jahre später - auch nicht mehr wiederbeleben kann. Kurzum, mich reißt hier beileibe nicht alles vom Hocker, aber mindestens drei ('Tiberius', 'Being Beige', 'One and All') großartige Nummern sind Billy Corgan (und Co. ?) dennoch aus der Feder geflossen.

Note: 8,0/10
[Stephan Voigtländer]

Die einschlägigen Kürbisse sind zurück. Mit ihrer altbekannt breit gepinselten Gefühligkeit und einmal mehr neu anverwandelten Leichtigkeit. Tiefsinnig war gestern, heute wird geschwelgt, getanzt, geträumt! 'Tiberius' lässt zum Einstand gleich das alte THE SMASHING PUMPKINS-Gefühl aus den Neunzigern wieder aufglimmen, auch ohne dass ich davon auch nur noch einen Takt sicher im geistigen Ohr hätte. Dies hier war eine der Bands, die ich damals nahezu ausschließlich durch ihre Videoclips erlebte. Ich fühle mich aber auch ohne Bilderflut gleich zuhause in dem Song. Ein wenig erinnert das neben der klassischen, stilprägenden, amerikanischen Alternativrockschiene auch an den seinerzeit populären britischen Rock, an frühes MUSE-Schaffen, ja sogar etwas an die psychedelisch-folkig eingefärbte Herangehensweise von AMORPHIS in deren ruhigeren Momenten. 'Being Beige' ist dann der eingängige aber nicht seichte Hit des Albums, kein Massen- sondern ein persönlicher Hit also, den man sich als mittelschwerer Alternativrockfan der frühen PUMPKINS-Ära von einer solchen Scheibe wünscht: Träumerisch, sehnsüchtig und dabei im Grunde positiv und hoffnungsvoll gestimmt, romantisch-hymnisch eben - und für Amis wieder einmal erstaunlich britisch. Dann folgt mit 'Anaise' die erste unerwartete Wendung des Albums, die sich klar in amerikanische Traditionen stellt: Soulig-funkig in der Unterströmung, leicht elektronisch angehaucht auch (man könnte sich hier - ganz leicht nur, und äußerst dezent - an JAMIROQUAI erinnert fühlen), dabei aber dennoch tief im (sich noch rudimentär aus dem Blues speisenden) Rock verwurzelt, quasi über sämtliche stilverwandten Äste des Rockstammbaums seine eigene Brücke schlagend; so etwas hätte man eher aus Schweden (von MANDO DIAO nämlich!) erwartet. 'One and All' ist dann der quasi "offizielle" Hit mit Radio- und Chartstauglichkeit, nicht besonders, aber gut gemacht. In eine ähnlich locker-flockig eingängige Kerbe schlägt auch 'Run to Me', den so ziemlich jeder Businesstyp mit bloß einem Hauch Musikgefühl als erste Single auskoppeln würde: Eingängigkeitspoprock mit discotauglichem Beat, Achtziger-Elektronik, neunzigertypischem Corgan-Gesang, Frühzweitausendercocooningstimmung und zeitgemäßer Produktion, und damit ganz klar der 3-Generationen-Einigungs-Song des Album, der folglich die breitesten Käuferschichten ansprechen dürfte. Als zweite Überraschung wartet "Monuments to an Elegy" mit dem verhältnismäßig bodenständigen, leicht folkloristisch eingefärbten 'Drum and Fife' auf, welches auch der heutigen Indie-Gemeinde gut einlaufen dürfte, denn dieses Lied ist eingängig, luftig, verspielt, zeitgemäß und dabei doch fern irgendwelcher kurzlebiger Moden produziert. Ein wenig einförmig zwar, aber gerade darum so mitnehmend. Das titelgebende 'Monuments' schielt aus den Augenwinkeln wieder kurz nach Britannien (MUSE für den Breitwandsound, SUEDE für die Gefühligkeit, DAVID BOWIE für die Patenschaft), lässt den Rock etwas satter braten, ist dabei stadiontauglich, aber keineswegs uncharmant, trifft vielmehr das Grundgefühl eines Films wie "The Perks of Being a Wallflower" perfekt (dass man solche Kinoerzählungen dieserzeit noch erleben darf!), und an dieser Insel bleibt der musikalische Streifblick dann auch kleben. 'Dorian' ist die Art Song, die man von PLACEBO erwarten würde, hätte sich diese Band inzwischen nicht allzusehr in ihrer stilistischen Nische eingeigelt. THE SMASHING PUMPKINS klangen immer schon etwas europäischer als man es von einer Band aus Chicago erwarten würde. Doch da diese Stadt zu den großen Wiegen des Blues(rock) zählt, der in den Staaten erst über den Umweg UK als Re-import groß wurde und von da aus als kulturimperialistisches Großphänomen auch in Kontinentaleuropa seinen Siegeszug antrat, ist es nur konsequent, dass von dort aus auch der amerikanisch anverwandelte Brit-Pop in einer zweiten Blüte wieder unser Gehör findet. Doch weg von musikzeitgenössischen Popkosmosbetrachtungen, zurück zum Mikrokosmus PUMPKINS-Album: 'Anti-Hero' fügt der bereits vorgestellten Mischung nichts Neues mehr hinzu, rummst sich aber rhythmisch in die Ohrmuscheln und flirtet auf diese Weise mit allen Rock-Club-DJs dieser Welt. Ja, das neue Werk der Kürbisse bietet einen extrem pop-affinen Rockklang, der nicht wirklich tief geht, sich dabei aber alles andere als hüftsteif oder zwangspubertär zeigt, also weit über das in dieser Branche sonst so Gebotene hinausgeht. Einen ähnlich eingängigen und dabei erfrischend unnervigen Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne traue ich ansonsten allenfalls noch GARBAGE zu. Dieser nahezu zeitlose Sound ist nicht nur handwerklich perfekt, er klingt nach Überzeugungstätern mit Herz. Ein guter Vertrieb und eine möglichst lange Halbwertszeit seien ihnen daher aus voller Brust gegönnt!

Note: 8,0/10
[Eike Schmitz]

Da werfen die geschätzten Herren Kollegen Schmitz und Voigtländer mit Vergleichsgrößen im groben Dutzend um sich, von denen sich mit AMORPHIS exakt eine einzige jemals in meine heimische Anlage verirrt hat. Das sagt bereits einiges darüber aus, welchen Stellenwert diese Band von Gemüsequälern mitsamt ihrem ganzen Genre bisher für mich hatte. Diese Band, deren Sänger mit seinem androgynen Auftreten und dem ewig nölenden, nasalen Gesang mich in den frühen Neunzigern regelmäßig zum Ausschalten meines geliebten "Headbangers Ball" trieb. Ja, schon allein den Bandnamen verstanden wir (als passionierte HELLOWEEN-Kürbis-Fans) in jenen Tagen als Affront. Altersmilde geworden, kommt es jedoch bisweilen vor, dass ich heutzutage auch hin und wieder mal den Selbstversuch wage und mich an solch einst verachteten Alternativgrößen versuche, und meist stelle ich dabei fest, dass meine Aversionen gegen diesen Stil heute fast gänzlich verschwunden sind. Sicherlich wird es kaum passieren, dass ich mir jemals eine Scheibe von Billy Corgans Truppe freiwillig ins Haus holen werde, doch wenn der Kram so läuft, dann muss ich sagen, dass sich die Lieder doch recht gefällig ins Ohr schmeicheln, und dass anzuerkennen ist, dass sich des Frontmanns nasal und emotional vor sich hin schmachtende Stimme auf jeden Fall nach wie vor als echtes Original präsentiert. Mittlerweile gefällt mir der Gesang also ganz gut, und die Songs an sich sind auf "Monuments to an Elegy" zwar recht leichte Kost, dabei aber durchaus prägnant und mit vielen feinen Melodiebögen und kleinen hübschen Gimmicks ausgestattet, die es keineswegs zur Zeitverschwendung werden lassen, sich das eine oder andere Mal öfters durch das Album treiben zu lassen, das bei all dem trippig-trancigen Schweben durch entrückte Drum-Loops auch hier und da mal mit einem zünftig rockenden Riff zünden kann. So bleibt für mich ein hübsches, sanft vor sich hin rockendes Album, das mir zwar keinen Euphorieschub versetzt, das mir aber auf jeden Fall ein kleines Schmunzeln über alte und lange gepflegte, im Nachhinein ziemlich sinnlose Aversionen abringt.

Note: 6,5/10
[Rüdiger Stehle]

Spätherbst 1995: Wir sitzen in einer Skat-Runde, es liefen die erschütternden Meldungen aus Bosnien und wir hören die ganze, ja, die ganze Nacht das Meisterwerk der SMASHING PUMPKINS: "Mellon Collie and the Infinite Sadness". 'Bullet With Butterfly Wings', 'Tonight, Tonight', 'Thru the Eyes of Ruby' - um nur die bekanntesten zu nennen - laufen Dauerschleife, die anderen, unbekannter gebliebenen wütenden Noisebretter lösen sich mit elegischen und sanft tröpfelnden Balladen ab - da denke ich nur an den formvollendeten abwechslungsreichen Zehnminüter 'Porcelina of the Vast Oceans' oder auch an den Ohrhüter '1979'. Vorher, nein, nachher ist mir mit dem Vorgänger zu diesem Doppelalbum - eines der besten Gitarrenwerke der Neunziger - 'Siamese Dream' ein weiteres Kleinod, nein Großod, in die Hände gefallen, was dafür sehr geeignet ist, Menschen mit unbedingter Vorliebe für Wutgitarren aus der Metal-Ecke zu holen. Wenn ich mir das auch heute anhöre - da ist Vielfalt, Druck, experimenteller Großmut und Mut sowieso: Dem Grunge-Sound verfallen, hat das Quartett viele psychedelische Momente, ein Übermaß an Ideen, die umzusetzen jede Ausdrucksform heranzieht. James Iha, der zweite Gitarrist, wird später Alben machen, die den Dreamrock der Mittzweitausender bereits andeuten. Der Mann verläßt die Band im Jahre 2000, Drummer Jimmy Chamberlin wird bereits 1996 nach dem Drogentod des Tour-Keyboarders aus der Band gekickt, Basserin D'arcy Elizabeth Wretzky hat ebenfalls wegen Drogenproblemen keine Chance neben Billy Corgan. Und da sind wir beim Kern des fallenden Kürbisses: Billy Corgan. Er ist der Kopf, das Herz, die Stimme und der Chef. Die charakteristisch nölige Stimme des Mannes aus Chicago wurde auch dem gemeinsamen Projekt mit dem wieder in Gnaden stehenden Drummer Chamberlin - ZWAN - geliehen. Aber die schafften es nur auf ein Album. Und genau so erging es mir mit all den Nachfolgern zu "Mellon Collie...". Das interessierte mich nicht. Die kurzen Hineinhörversuche blieben und bleiben kurz. Und nun "Monuments to an Elegy": Doppelt großspuriger Name, hoher Anspruch. Wie bei Corgan zu erwarten war. Ähnlich wie 1995 sollte das Album sofort wirken, so mein Anspruch - auch sehr hoch, gebe ich zu. Und ja, es gibt größere Aufmerksamkeit für 'One and All', 'Being Beige' und 'Anti-Hero', auch das Gitarrenspiel im Eröffner 'Tiberius' geht in Ordnung. Aber sobald da dieses elektronisch verstärkte, untermalte Weichzeichnergeklimper und Gezische hinzutritt, ist es bei mir aus. Diese Watte läßt mich nicht nur bei dieser Band die Stücke abbrechen. Das Zugekleistere ertrage ich nicht. Und davon schmiert Corgan so einiges in die an sich sehr melodiös gelungenen Stücke. Dieser Eindruck stülpt sich in der Gesamtschau leider nun auch auf dieses SMASHING PUMPKINS-Album.

Note: 5,0/10
[Mathias Freiesleben]

Redakteur:
Simon Volz
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