Im Rückspiegel: DIE APOKALYPTISCHEN REITER - Teil zwei: Von "Licht" bis "Freie Republik Reitermania"
30.01.2026 | 17:33Und ich reich dir die Hand um ein Stück Weg mit dir zu gehen. Weiter geht es mit dem zweiten Teil der Reise durch 30 Jahre DIE APOKALYPTISCHEN REITER.
Nachdem wir im ersten Teil des Rückspiegels uns aus der urwüchsigen Frühphase von "Soft & Stronger" über die kreative Explosion mit "Have A Nice Trip" hin zum bisherigen Evergreen-Album "Riders On The Storm" gearbeitet haben, geht es jetzt mit großen Schritten in die Gegenwart, bis wir letztlich im Jahr 2025 vorerst enden werden. Doch bis dahin gibt es noch viel zu entdecken. Los geht's!
Licht (2008)
Volk-Man: "Licht und Schatten. Pitrone ging, die Lady kam (kurz) – ein 10-monatiges Intermezzo. Irgendwie eine Phase, wo es nicht richtig rund lief. Die alten Wege schienen ausgetreten, der Blick nach vorn war aber auch nicht ganz eindeutig. Man war aber in der Routine – Plattenschreiben, aufnehmen, Touren und von vorn so drin, dass man einfach immer weitermachte. Der Metal Hammer wollte ein Poster von uns nicht drucken, weil ihnen das Bild zu hell und freundlich war. Zur Rache musste Hammer-Chefredakteur Zacke auf die nächste Russland-Tour als Roadie mitkommen (hat er wirklich gemacht)."
Mein Erstkontakt mit der Musik der Band. Es muss irgendwann mal Ende 2009 gewesen sein, als mir ein Freund das Video zu 'Es wird schlimmer' über Skype zugeschickt hat. Dem schloss sich der Hinweis an, dass diese Kapelle aus Thüringen im August 2010 doch quasi bei uns im Dorf beim örtlichen Festival in der Provinz am Rande der Großstadt gastieren werde. Als die Reiter spielten, schüttete es fast das ganze Set lang wie aus Eimern, Fuchs wollte das Publikum mittels einer Kanone mit einem kostenlosen Shirt versorgen, doch vermutlich sorgte mangelhafte Kalkulation dafür, dass sich dieses Shirt in den nächsten Breitengrad verabschiedete und ein weiterer Versuch unternommen wurde. "Herr General, bitte nachladen", ist ein Satz, der sich seitdem in meine Hirnwindungen unumkehrbar eingebrannt hat.
"Licht" war dann für über zwei Jahre ein ständiger, fast täglicher Begleiter und wohl auch darum das Album, was mir persönlich am wichtigsten ist. Dabei ist es die Platte mit dem geringsten Wahnsinn und dem dafür homogensten Soundbild. Damit einhergehend ist auch eine sehr hohe Eingängigkeit, braucht im Prinzip kein Song lange, um sich in den Hirnwindungen einzunisten. Das eingangs erwähnte 'Es wird schlimmer' ist mit seinem herrlich bissigen Text und der hohen Livetauglichkeit neben der Ballade 'Nach der Ebbe' leider der einzige Song, der sich auch heuer noch regelmäßig in der Setlist tummelt. Wobei gerade 'Nach der Ebbe' gleichzeitig so viel wohlige Zuversicht wie auch Melancholie verbindet, die mich nie wirklich kalt lassen wird. Gerade bei Zeilen wie: "Nach der Ebbe kommt die Flut und bringt das Leben mit. Egal wie weit es floh, es kommt, es muss zurück." Das sich aufbauende 'Der Weg' war leicht umarrangiert auch bei den letztjährigen Festivalshows zu hören.
Während die anderen Werke nun nicht gerade durchgängig frohlockend über das Leben jauchzen, beherbergt "Licht" vermehrt betont positive Songs wie 'Heut ist der Tag' oder das optimistische und schmerzlich aktuelle 'Wir hoffen', die der Platte nahezu jeden Schatten entziehen. Oder der angriffslustige Fast-Titelsong 'Wir sind das Licht', was die Band in erster Linie quasi zu Lichtgestalten stilisiert. Es sei ihnen gegönnt. Nur vereinzelt gibt es nachdenkliche Momente, von denen ich gerade 'Der Elende' hervorheben möchte, erzählt der Song doch eine traurige Geschichte eines Obdachlosen, dem Fuchs in Thailand begegnet ist. Doch selbst in diesem getragenen Song wohnt ein Funken Hoffnung inne. Man kann es drehen und wenden, wie man will: "Licht" zeigt die Reiter von ihrer massenkompatibelsten Seite und ist damit der ideale Einstieg, will man sich mit dem Schaffen der Truppe beschäftigen. Aber letztlich gibt es dann doch noch einen Hauch Wahnsinn, den es auf jeder Reiter-Platte geben muss: Neben dem flotten und mitsingbaren 'Adrenalin' und dem in ständigem Zwiespalt pendelnden 'Ein Lichtlein' lauert am Ende mit 'Auferstehen soll in Herrlichkeit' noch eine wahrlich apokalyptische Hymne, bei der dann doch noch herrlich kathartisch geblastet wird. Ein furioser Abschluss. Mancher würde sagen, das rettet "Licht" vor der Belanglosigkeit. Aber das würde dem restlichen Album in seiner stilistischen Geschlossenheit nicht gerecht werden. Hier haben die Reiter ausgelotet, wie eingängig sie klingen können und das ist ihnen ganz wunderbar gelungen. Dabei verkommt es fast zu einer Randnotiz, dass nach dem Weggang von Pitrone die Reiter durch Lady Catman einmalig eine Reiterin in der Band und an der Gitarre hatten.
Fuchs: "Ich trieb mich in Südostasien herum und hatte wohl jede Menge "Licht" in mir. Der Reitersound wurde noch einmal durch den Fleischwolf gedreht und der Gesang wurde mehrstimmig."
Moral & Wahnsinn (2011)
Fuchs: "Der kreative Super-GAU – keine Klischees, keine Grenzen, keine Schranken. Wir schwammen völlig frei, kreativ und ungebremst."
Alleine das Teaservideo zum Album wirkt völlig irrwitzig. Da werden so viele Ideen angeteasert, die niemals in elf Songs passen. Und ob! "Moral & Wahnsinn" hat mit dem strahlenden Vorgänger so gut wie gar nichts gemein. Der Opener 'Die Boten' schießt dann, neben regelrechten Kanonaden auf dem Schlagzeug, locker flockig einen Flamenco-Part ein, sodass man kurz vergisst, wie der Song wenige Sekunden zuvor noch geklungen hat. Das Album platzt in seinen knappen 37 Minuten völlig aus allen kreativen Nähten. 'Gib dich hin' langt neben dem (erstaunlich) gut funktionierenden Pfeifen ordentlich zu und lässt erneut orientalische Einflüsse erkennen. 'Hammer oder Amboss' tariert die lauten Parts gekonnt mit den – ungewohnt bluesigen – Strophen aus, dennoch habe ich damals bei der Erstlauschung gehofft, dass der Song dauerhaft auf dem Gas steht. War wohl der jugendliche Leichtsinn. 'Dir gehört nichts' kommt im Anschluss mit Blechbläsern daher und entfaltet sich als Hymne an das Leben, was mir immer wieder gute Laune verschafft. Vielen dürfte gerade das Intro nachhaltig in Erinnerung geblieben sein, hat es die Band für Jahre hinweg ständig in Videos verwendet.
Mit 'Dr. Pest' wurde dann auch dem ehemaligen Tastenmann ein Denkmal gesetzt in einem Song, der mit einem Swing-ähnlichen Intro beginnt, sich heroisch aufschwingt und am Ende dann doch irgendwie unheilschwanger und dramatisch ausklingt. Allgemein ist es erstaunlich, wie kompakt dieses Album daherkommt, kein Song überschreitet die vier Minuten und dennoch passiert ungemein viel. Das nächste Beispiel ist der verrückte Titelsong, der erneut ordentlich Druck macht, aber in den Strophen zum Funk mutiert und im Refrain erneut hochdramatisch zu Werke geht. Textlich trifft die Band hier einen Nerv und ist dabei erschreckend aktuell. Zum Ende raus fährt "Moral & Wahnsinn" letzteres ein wenig zurück und präsentiert dabei mit 'Heimkehr' das wohl schönste Instrumental, was DIE APOKALYPTISCHEN REITER jemals geschaffen hat. Nur leider mindestens drei Minuten zu kurz. Da herrscht nicht nur Gänsehaut, es ist eine Gänsehautentzündung! Der Übergang zum herrlichen 'Wir reiten' ist anschließend fast fließend und auch hier zeigen sich die Reiter von ihrer leisen und packenden Seite. 'Erwache' und das drückende 'Hört auf' gehen dann als nicht ganz so durchgedreht durch, wobei ersteres durch seinen eingängigen Refrain mitreißt, während letzteres mit düsterem Synthie-Einsatz und dem einmaligen Einsatz von Growls im Gedächtnis bleibt, bevor ein 'Gone'-ähnlicher Ambientpart den Song kurz fast völlig verstummen lässt. Das abschließende 'Ein liebes Lied' besticht dann noch mal durch ganz viel Gefühl und lässt dieses wortwörtlich wahnsinnige Album ausklingen.
Letztlich ist es beeindruckend, wie auch "Moral & Wahnsinn" so gut ineinander greift und man von diesem Ideen-Wahnwitz nicht erschlagen wird. Irgendwie ähnlich wie der Vorgänger "Licht", aber dafür mit einer Fülle an Ideen regelrecht überladen, die man von dieser Band kennt und auch fast erwartet. Wenn es dann nur nicht so kurz wäre... Als Einstiegswerk in das neuere Schaffen der APOKALYPTISCHEN REITER ist "Moral & Wahnsinn" für mein Ermessen absolut perfekt. Auch wenn gerade hier diese wilden Einflüsse so manche Augenbraue erheben lassen werden. Auch im Jahr 2011 sind DIE APOKALYPTISCHEN REITER wahrlich nichts für Puristen.
Volk-Man: "Der Name war auch Programm. Unser alter Gitarrenroadie Ady hatte die Lady ersetzt, nun fühlte sich alles wieder nach Band und Killerkommando an. Die Fotosession war absolut irre. Obwohl wir nie wollten, hatten wir nun doch ein Management (aus dem Allgäu) an der Backe. Die konnten gut erzählen (und Rechnungen schreiben). Dann hatten wir ein anderes Management aus England. Und dann noch eins aus der Schweiz. Alles binnen zwei Jahren. Mittlerweile machen wir wieder alles selbst und es fühlt sich auch besser so an. Billiger ist es allemal."
Tief.Tiefer (2014)
Fuchs: "Ein Doppelalbum. Wir wollten weiter forschen, experimentieren und Dinge tun, die wir noch nie getan hatten. Also mieteten wir ein Hausboot, schrieben aus der Situation heraus ein Akustikalbum und gingen damit auf Tour. Elektronik und neue Themen hielten Einzug in das klassische Reitergewand."
"Tief.Tiefer" ist einfach so ein derartig unkonventionelles Album, womit es sich die Band auch bei ihren hartgesottensten Fans richtig schwer gemacht hat. Die Verzerrung bei der Gitarre ist fast zur Gänze herausgenommen, was den Songs nahezu komplett den Punch nimmt. Erneut ist wieder alles anders als zuvor und es ist tatsächlich auch das Reiter-Werk, was ich am seltensten höre. Auch, weil es keinen offensichtlichen Hit gibt, den man immer wieder auflegt. Vielmehr hat das Album auch eine ganz eigene Stimmung. Unterschwellig brodelnd, nachdenklich und auch verkopft nach vorn rockend. Während 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit' und 'Wir' eher eine Industrial-Schlagseite haben und von Kontrasten leben (der Refrain von ersterem ist gigantisch, während 'Wir' im Mittelpart mal die Bremse löst), schlägt 'Wo es dich gibt' eine wohlig warme, nachdenkliche Stimmung an, dessen Klaviereinsprengsel mich an Robert Miles denken lassen und der Song sogar mal kurz in Shoegaze-Bereichen abdriftet. Die größten Probleme verursacht der gewählte Sound bei den eher flotteren Nummern wie 'Was bleibt bin ich' und 'Die Welt ist tief'. Beide Songs haben Potenzial, die Matte/Platte bzw. das Haupthaar kreisen zu lassen. 'Was bleibt bin ich' hat einen deutlichen Funk-Einschlag, wo aber der letzte Funken fehlt; 'Die Welt ist tief' liefert ein bretthartes Riff, während der Song irgendwo zwischen orientalischen Einsprengseln und technoiden Sounds schwankt. Da ist das Soundkorsett hier ein deutlicher Bremsklotz. Besser funktioniert das bei den eher stimmungsvollen Songs wie dem sehnsüchtigen 'Ein leichtes Mädchen' oder bei 'Es wird Nacht'. Hier spielt "Tief" seine Stärken komplett aus: Diese Melancholie, diese Wärme, die immer wieder durchscheint, ist der größte Trumpf. Vor allem aber beim letzten Song 'So fern' kommt diese Sehnsucht nahezu ungefiltert zur Geltung und ist ein heller, tanzender Stern auf diesem Doppelalbum. Selbst das fetzige 'Die Wahrheit' ist stimmig. Nur 'Ein Vöglein' ist maximal unglücklich platziert, killt es doch das aufgebaute Momentum komplett und lässt mich ein wenig ratlos zurück.
Aber es geht noch "Tiefer". Im zweiten Teil wurden alte Songs in ein akustisches Soundgewand gekleidet, wobei es nicht zu 100% akustisch ist. Und auch ein paar neue Songs wurden geschrieben. Einmal das tolle 'Die Zeit' und das mit Streichern versetzte dramatische 'Die Leidenschaft', welches leider ein wenig zu langsam geraten ist. Der Rest sind Songs aus nahezu allen Schaffensperioden, was durchaus für interessante Ergebnisse gesorgt hat. Hält sich 'Der Weg' noch sehr nah am Original, wurde 'Der Wahnsinn' von "Samurai" in eine albtraumhafte Jazz-Version verwandelt, was schlicht grandios ist. 'Terra Nola' wurde quasi ein völlig neuer Song und zeigt Facetten, die das Original so nicht geboten hat. Aus 'Friede sei mit dir' wurde ein unbeschwerter Rocker mit Ska-Einflüssen, was ebenfalls erstaunlich gut funktioniert. Eine Schwäche hatte ich schon immer für 'Flieg mein Herz', welches 'Roll My Heart' von "Samurai" mit einem deutschen Text ist, wobei es hier ziemlich süßlich zugeht, was bei vielen alten Reiterfans für Kariesbildung sorgen dürfte.
Ein abschließendes Urteil für "Tief" und "Tiefer" ist schwer zu fällen. Es ist oft nicht Fisch oder Fleisch, wirkt an manchen Stellen gehemmt und nicht komplett zu Ende gedacht. Auf der einen Seite finden sich da dennoch ein paar Perlen, die es lohnt zu entdecken. Auf der anderen Seite kann man das alles als ganz furchtbar empfinden und sagen, dass das nichts mehr mit den Reitern zu tun hat, die man mal so geliebt hat. Aber das ist nicht erst seit "Tief.Tiefer" so, wenn man mal ganz ehrlich ist. Ich habe damals den Mut geschätzt, den die Band aufgebracht hat, etwas zu wagen und die Komfortzone noch weiter zu verlassen. Nur bleibt am Ende nicht viel haften und es wird wohl unbestreitbar das Schlusslicht im Schaffen der Reiter bleiben. "Tiefer" mit seinen akustischen Neuinterpretationen ist dabei sicherlich genauso Geschmackssache und ein netter Bonus, dessen Mehrwert sich allerdings in Grenzen hält. Das ganze Doppelalbum war ein Risiko, wo letztlich weder Band noch Fans etwas davon hatte.
Volk-Man: "Wir schrieben über drei Jahre an dem Album. Es veränderte sich permanent wie ein Chamäleon. Wir machten die schönsten Trips mit der ganzen Band, ins Riesengebirge, Songwriting auf einem Hausboot in Brandenburg, auch in die USA ging es (70000 Tons of Metal – danach noch Urlaub in Florida). Überall wurde gelebt und die Muse geküsst, aber ein richtig rundes Album wurde es doch nicht. Bei der finalen Songwriting-Session in der Uckermark war sogar der Produzent eine Woche mit uns beim Songschreiben dabei. Wir arrangierten auch gleich noch ein Akustikalbum unserer größten Hits und wollten so innerhalb von einem Jahr zwei Alben veröffentlichen. Nuclear Blast sagte, das ist schlecht für die Charts, lass lieber mal ein Doppelalbum machen. So war das eigentlich nicht gedacht."
Der Rote Reiter (2017)
Volk-Man: "Nach der letzten Show (das letzte Abendmahl 25.12.2015 in Jena) wollten wir uns auflösen. Oder zumindest eine lange Pause machen. Doktor Pest hatte bereits seinen Ausstieg aus der Band einige Monate vorher verkündet, spielte die letzte Show aber noch mit. Nach der Show kam er zu uns und sagte, er hätte es sich überlegt, falls die Band weitermacht, will er doch dabei bleiben. Und es ging tatsächlich weiter. 2016 nach gut sieben Monaten Pause und Urlaub trafen wir uns "zum Quatschen" – es wurde eine sehr lange, intensive Probe und als Fuchs 'Wir sind zurück' auspackte – da spürten alle: ES GEHT WEITER. Es war die radikalste und kürzeste Songwriting-Phase – der totale Gegenentwurf zu "Tief.Tiefer". Das Album entstand binnen weniger Wochen und so roh wurde es auch eingespielt."
Da hatte sich wohl eine ganze Menge angestaut. Nachdem das vorherige Doppelalbum "Tief.Tiefer" unter den Fans der Band noch stärker polarisiert hatte als alle Alben davor, verordneten sich die Reiter quasi eine Stallpause und verabschiedeten sich Ende 2015 vorläufig von der Bühne. Was dann im August 2017 auf die Fanschaft in Form von "Der rote Reiter" losgelassen wurde, haben wohl nicht viele erwartet. Der Sound war wieder deutlich druckvoller und aggressiver, 'Wir sind zurück' meldet DIE APOKALYPTISCHEN REITER direkt mit maximaler Angriffslust an und stellte die Harmonie unter den Fans wieder her. Der Song hat dabei so viel geboten, was mich von Anfang an begeistert hat: die leidenschaftlichen Melodien, der Hauch Wahnsinn und eine ordentliche Portion Härte. Ich erinnere mich noch lebhaft dran, wie mich der Blastbeat-Part nach der Hälfte komplett hinaus auf die benachbarte Aue befördert hat und ich mit völlig detonierter Frisur wie ein Irrer die Pommesgabel geschwungen habe und dachte: "Sie sind sowas von zurück!" Auch wenn ich mit derartig gewichteter Lyrik wie bei dem Song weiterhin fremdel.
Doch damit nicht genug. Der folgende Titelsong war nichts weiter als eine Demonstration wiedergewonnener Heftigkeit. Nahezu durchgängig growlt Fuchs hier diabolisch und zeichnet ein düsteres und endzeitliches Bild. Der Part nach dem ersten Chorus ist für mich einer der mächtigsten und erhabensten Momente, den die Reiter jemals kreiert haben. Ein epischer, blutroter Klumpen mit absolut keinem Funken Gnade, irre.
Im Folgenden wechseln sich leichtere und lebensbejahende Momente mit den düsteren und endzeitlichen Momenten ab, was eine sehr angenehme Dynamik erzeugt. Da hat man Hymnen an das Leben bei 'Auf und nieder', das vor Leidenschaft fast berstende 'Herz in Flammen', was ein absoluter Livekracher ist. Oder den abstrusen Reisebericht von 'Franz Weiss', den es tatsächlich gibt. Bei 'Brüder auf Leben und Tod' wird erneut der Zusammenhalt beschworen und man spürt das Meersalz an den Lippen. Auf der anderen Seite der Gemütslagen gibt es Brecher wie 'Folgt uns' und das völlige Massaker 'The Great Experience Of Ecstasy', was mit seinem Blastbeatgewitter und einem Text in Gurmukhi (das kann Fuchs bestimmt wesentlich besser erklären, was dahinter steckt) der unbarmherzigste Song seit der Frühzeit sein dürfte. Neben dem Titeltrack grollen apokalyptisch-finstere Songs wie das anklagende 'Hört mich an' und die beklemmende Soundcollage 'Ich nehm dir deine Welt', die "Der rote Reiter" ständig zwischen Lebenslust und einem Balanceakt am Abgrund pendeln lässt. Zwischendurch findet sich mit 'Die Freiheit ist eine Pflicht' eine der cleversten Texte, die Fuchs bis dato geschrieben hat. Dass "Der rote Reiter" mit der sanften Ballade 'Ich werd bleiben' endet, ist dann nur konsequent und einfach schön. "Der rote Reiter" ist ein einziges Brett und lässt das vorherige Experiment "Tief.Tiefer" komplett vergessen. Hier bündeln die Reiter ihre verloren geglaubten Stärken in einem stilistisch breitgefächerten Album, was sich aber nie in übermäßigen Stilbrüchen äußert, sondern in einem deutlich angezogenen Härtegrad, der neben frühzeitlichen Raserei auch neue Elemente in Einklang bringt. "Der rote Reiter" ist schlicht das stärkste Album seit einer langen Zeit und lässt einfach keine Wünsche offen. Grandios.
Fuchs: "Für mich das dunkelste aller Reiter-Alben. Aufgenommen von Alexander Dietz (HEAVEN SHALL BURN) – lange, laute und düstere Nächte voll Wind und Regen."
The Divine Horsemen (2021)
Fuchs: "Ein Projekt, das mir schon zehn Jahre im Kopf herumgeisterte. Kein Denken, keine Struktur, nichts Wiederholbares – pure Essenz! Wir verdunkelten die Fenster und nach ein paar Stunden intensiven Improvisierens war man einfach raus – aus der Welt, aus der Zeit, aus vielem."
In den Wirren der Pandemie bot sich die Gelegenheit, wirklich den größten Exoten im Schaffen der Reiter aus der Taufe zu heben. Und ich sehe das ähnlich wie Volk, "The Divine Horsemen" ist kein Album im traditionellen Sinne, da es selbst für DIE APOKALYPTISCHEN REITER komplett aus dem Rahmen fällt und sich auch nicht entsprechend bewerten lässt. Da es aber eine weitere Facette der Band zeigt, sei es hier dennoch erwähnt.
Tja, was kann "The Divine Horsemen" nun? Es gibt wenige Szenarien, wo dieses Album funktioniert und wirkt. Auf der Autobahn oder allgemein unterwegs? Keine Chance. Hier gibt es irgendwie alles und nichts. Tribal-artige Sounds bei 'Tiki', was mich immer wieder an "Roots" von SEPULTURA denken lässt. Weitere Ausbrüche aus der Reiter-Urzeit mit 'Nachtblume', orientalische Sounds bei 'Haka'. Vielleicht so etwas wie einen Impro-Hit mit 'Wa He Gu Ru'. Keine Struktur, kein Ziel. Trotzdem passiert so einiges. Wobei aber gerade die überlangen "Songs" da mitunter sehr stark mit der Geduld und auch den Nerven spielen. Beim zwölfminütigen 'Duir' passiert quälend lange nichts, bis es dann ausbricht. In Schüben und nicht vollständig. 'Uelewa' wartet sogar mit einem ziemlich schlüssigen Text auf, unter den ganzen mitunter beklemmenden und absurden Soundcollagen, die man da um die Ohren gehauen bekommt. "The Divine Horsemen" ist nichts, um primär unterhalten werden zu wollen. Man kann für 75 Minuten tief in die Köpfe der Bandmitglieder blicken, fast wie eine Feldstudie, wo sich niemand beobachtet fühlt. Zu gerne würde ich da Videoaufnahmen sehen, als dieses Werk entstanden ist. Um zu verstehen. Das dürfte das größte Fragezeichen sein: Warum? Eine Antwort bekommt man darauf nicht. Man kann beim Hören nur davondriften und versuchen, dem Fluss der Kreativität zu folgen und eigene Antworten zu finden. Wie raffiniert ist die Musik, die wir tagtäglich hören? Wie lang war der Weg dahin, bis es so klingt, wie wir es kennen, mögen oder lieben? "The Divine Horsemen" steht ganz am Anfang dieses Prozesses und ergibt darum so viel Sinn. Die Fans waren erneut sehr gespalten und auch hier gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Die einen mögen den ungefilterten Ansatz mit Ausbrüchen in selten gewordenen Härtegraden, die anderen halten das für zusammenhanglosen Quatsch und nicht der Reiter würdig. Ich stehe da irgendwo dazwischen. Es ist unheimlich interessant und faszinierend. Aber nichts, was man dauerhaft konsumieren kann, da es doch zu formlos ist.
Volk-Man: "Für mich ist das kein "richtiges" Album, weil es vollständig improvisiert ist und binnen 48 Stunden aufgenommen und "erdacht" wurde. Alles kam, wie es kam und wir nahmen es auf. Ali von HSB kam nach Weimar in den Proberaum, alles wurde verkabelt, wir konsumierten alles, was irgendwie greifbar war und eine 500 Minuten Jam-Session kam dabei heraus. Die Idee der "2 Tages Platte" existierte schon über zehn Jahre. Fucking Corona machte nun die Welt zu einem Irrenhaus, wir hatten über Nacht quasi nichts mehr, was uns als Band am Leben hielt – keine Shows, keine Touren, nix, nada. "The Divine Horsemen" wurde zwar noch zu fünft eingespielt, aber Dr. Pest war da schon nur noch Session-Mitglied. Er kam nicht mehr zu den Proben, sondern wollte nur noch Live-Musiker sein."
Wilde Kinder (2022)
Fuchs: "Was für ein Wahnsinn, dieses Album aufzunehmen! Wir durften nicht gemeinsam ins Studio – immer nur eine Person. Irgendwie pendelten wir zwischen Hamburg, Weimar und Frankreich, und das Album entstand schließlich an vielen Orten. Auch in der Wildnis – von wilden, trotzigen Kindern eben."
In den Zeiten der Pandemie ging mit Doktor Pest ein Urgestein von Bord und verringerte die Band wieder auf die ursprünglichen vier APOKALYPTISCHEN REITER. Dabei ist für mich "Wilde Kinder" die logische Konsequenz nach "Der rote Reiter". Alles ist komprimierter und stringenter, ohne auch nur im Ansatz zur Selbstkopie zu verkommen. 'Von Freiheit will ich singen' eröffnet das aktuellste Studiowerk recht ungewohnt symphonisch und verarbeitet dabei im Mittelteil ein Gedicht von Erich Mühsam, der früh im dritten Reich im KZ Oranienburg zu Tode kam, was erneut eine erschreckende Warnung in die Gegenwart sendet, dass der Drang nach Freiheit die Menschheit seit jeher antreibt. 'Volle Kraft' macht seinem Namen alle Ehre und schiebt mit recht deutlichen NDH-Sounds gnadenlos nach vorne und versprüht in einem Chorus maritime Vibes, man kann hier wortwörtlich das Meer schmecken. Das ist alles schon ziemlich ungestüm und verleitet direkt, ordentlich die Mähne kreisen zu lassen, in der Hoffnung, selbige übersteht ein paar Intensivkurse. Die stilistische Kohärenz, die die Reiter beim roten Reiter zur Schau gestellt haben, wird hier größtenteils beibehalten, es gibt wieder den Balanceakt zwischen den lebenslustigen und ermutigenden Songs wie dem ambivalenten 'Alles ist gut' und dem nach vorne preschenden 'Nur frohen Mutes'.
"Wilde Kinder" versprüht in jeder Sekunde eine Lust auf das Leben in all seinen Facetten. Der namensgebende Song ist exemplarisch für die moderne Note, die das Album prägt und gerade dieser Song macht gewaltig Spaß. Gerade, nachdem ich anfangs von dem Sound ein wenig irritiert war, braucht "Wilde Kinder" doch ein paar Durchläufe und kann auch ein wenig Reiter-untypisch herüberkommen. Mit 'Blau' hat sich auch wieder mal eine völlig entspannte Nummer à la 'Lazy Day' und 'Baila Conmigo' eingeschlichen, die gemeinsam mit 'Leinen los' durchaus der Ruhepunkt der wilden Kinder ist. Dass die Diskrepanz zwischen Lebensfreude und apokalyptischer Endzeit funktioniert, wird dann eindrucksvoll mit dem überwältigenden und finsteren Epos 'Euer Gott ist der Tod' gezeigt, was ein völlig gnadenloser Amoklauf zwischen Black Metal und Gothic-Anleihen ist, der von Sabine Scherer (DEADLOCK) angemessen verziert wird. Dieser Song ist der absolute Fixpunkt von "Wilde Kinder", hier wird der Höhepunkt erreicht, wenn es "Mors et nox in concordia invicta" gleichzeitig episch wie auch klagend aus den Boxen schallt. Dennoch gibt es im Anschluss keinen nennenswerten Qualitätsabfall, wartet noch mit der Wuchtbrumme 'Der Eisenhans' eine Vertonung eines eher unbekannten Grimm-Märchens, die erst regelrecht aus den Boxen springt und dann doch noch einen Großformat-Refrain in petto hat. Auch das angriffslustige 'Ich bin ein Mensch' am Ende bietet wieder coole Sounds und einen Gedankenansatz, bei dem die Freiheit des Individuums beim Heranwachsen Stück für Stück in Ketten gelegt wird.
Das bislang letzte Reiter-Album ist zum einen Ende der seit Jahren eingespielten Besetzung, dabei aber wesentlich konventioneller gehalten als ein Großteil der Diskografie. Es ist vielmehr die Konsolidierung des Reiter-Stils mit behutsamen Änderungen, die vielen vermutlich nicht so stark auf den Magen schlagen dürften, die eher Schwierigkeiten mit dem Sound der Reiter haben. Ich siedele dieses Album ein bisschen hinter dem "Roten Reiter" an, aber weiterhin typisch DIE APOKALYPTISCHEN REITER mit der wiedergewonnenen Härte. Denn wilde Kinder fangen jeden Tag ein neues Leben an.
Volk-Man: "Immer noch Corona. Wir konnten nicht mal zusammen ins Studio. Jeder nahm einzeln auf. Und jeder war auf seine Art einsam. Das Album wurde mehrfach von Nuclear Blast verschoben und als es dann rauskam und man dachte, es sei vorbei, war immer noch alles Scheiße und die Tour wurde verplant, verschoben und letztlich komplett abgesagt. Der höchste Chart-Einstieg in der Bandgeschichte war da nur eine Randnotiz – jeder musste da irgendwie durch, aber nicht jeder kam durch. Am Ende waren nur noch Fuchs und ich übrig und viele Fragezeichen, wie und ob es weitergehen wird."
Freie Republik Reitermania (2025)
30 Jahre sind mehr als nur ein Wimpernschlag und gerade für eine Band eine verdammt lange Zeit. Auch diese Zeit ging nicht spurlos an den Freunden der Apokalypse aus Weimar vorbei. Gab es zum 20-jährigen Jubiläum noch ein dreitägiges Festival in Jena – die Aufzeichnung des Hauptkonzertes war eine Bonus-DVD zu "Der rote Reiter" – beschenkt die Band zum 30-Jährigen sich selbst und die treuen Fans mit einer pickepackevollen Box, die das Kunststück versucht, von allem etwas zu bieten. Ein Brettspiel, Schätze aus dem Archiv, gänzlich neues Material, es ist alles da. Für langjährige Fans sicherlich am interessantesten sind die neuen Songs. Ein dickes Ausrufezeichen ist die Hymne eben jener "Freien Republik Reitermania": 'Der Freiheit Vaterland'. Ein fast elfminütiges Ungetüm, das DIE APOKALYPTISCHEN REITER runderneuert zeigt und Potenzial hat, als eines der großartigsten Werke der Band über die Ziellinie zu galoppieren. Hier passiert so viel in einer Größe und Fülle, wie man es von der Band selten gehört hat. Die anderen vier neuen Stücke, zusammengefasst als separate EP "Rache an der Wirklichkeit", fallen dabei auch nicht groß ab. Der namensgebende Song führt ein wenig die Linie von "Wilde Kinder" fort und drückt gut aufs Gas. Die Ballade 'Weiße Pferde' mag eine leichte Schlagerschlagseite (sic!) haben, aber dennoch ist sie einfach nur schön. 'Ich bin dein Freund' ist eine leichte Liebeserklärung an den oder die Menschen, die uns nahestehen, während 'Wir sind, weil ihr seid' eine ehrenvolle und hymnische Verbeugung vor den eigenen Fans ist und mit tollen Gesangslinien überzeugen kann.
Bei den Raritäten wird es nicht weniger interessant. Das Überbleibsel aus "Tief.Tiefer"-Zeiten 'Danke' kommt mit seinem funkig-fröhlichen Ansatz absolut aus dem Nichts und wirkt völlig eigenständig, nicht mal auf dem "Tief"-Album hätte dieser Song gepasst. Nach kurzer Eingewöhnungszeit ist auch dieser einfach nur schön. Danach wird es dann durchaus wild und stilistisch komplett ansatzlos. Die Techno-Version von 'Die Sonne scheint' bekommt das Prädikat... interessant. Da mir derartige Musik völlig fremd ist, kann ich da nur staunen. Und entsprechend nachschütten. Aber es wird besser. Sogar drei Akustiksongs fanden sich im Archiv. 'Das kleine Spießerlein' kann man eventuell kennen, ist es ein kleiner frecher Song, den die Reiter damals bereits einmal veröffentlicht haben. Dass allerdings so wunderbare Versionen von 'Erhelle meine Seele' und 'Komm' aus der "Tiefer"-Session so lange zurückgehalten wurde, entsetzt mich und stimmt mich direkt im Umkehrschluss positiv. Gerade 'Komm' ist in dieser Version die pure Essenz des Originals und schlicht umwerfend. Beschlossen wird diese Reise in die Vergangenheit von einem tollen Akustikkonzert mit allerhand alten Geschossen. Sicherlich noch der verzichtbarste Teil des Jubiläums, aber das hier ist ausschließlich für die Fans und daher hat alles seine Richtigkeit.
Volk-Man: "Zwei Brüder aus Dresden, Titus und Rohgarr, brachten die Freude und die Reitermania zurück. Wieder Flugzeuge im Bauch und ein Gefühl, dass sich unterwegs sein und spielen wieder so leicht und frei anfühlen kann. Die neue Achse Weimar – Dresden, zwei Proberäume – endlose Jamsessions, Gespräche, Lachen, Zuversicht. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt, im Gegenteil. Wir feiern das Leben, wir feiern unsere verrückte, einzigartige Geschichte. Auch wenn nie alles nach Plan lief und laufen wird. Aber wir sind da und haben Bock, weiter zu schreiben, unvernünftig zu sein, gegen den Strom zu schwimmen. Und das fühlt sich gut an. Und macht uns stolz."
Mit diesen Worten endet dann auch dieser Rückspiegel (zu Teil 1). Nun heißt es, wieder nach vorne zu blicken. 2027 wird es dann erstmals ein komplettes Album in der neuen Besetzung mit Titus (Gitarre) und Rohgarr (Schlagzeug) geben, auf das ich sehr gespannt bin. Und so gar nicht weiß, was mich erwarten wird. Aber diese Ungewissheit ist auch ein Teil des Zaubers, den DIE APOKALYPTISCHEN REITER stets in sich getragen haben. In dem Sinne: Ride on!
- Redakteur:
- Kevin Hunger





