KATAKLYSM: Interview mit Jean-Francois Degenais

01.01.1970 | 01:00

"Epic (The Poetry Of War)" ist nicht nur ein beeindruckendes Lehrstück in Sachen extremer Metal geworden, sondern nebenbei auch noch das mit Abstand stärkste Album der kanadischen Holzfäller von KATAKLYSM, mit dem ihnen der endgültige Schritt aus dem Underground als ewiger Geheimtipp zum "Big Business" glücken sollte. Dass dafür kaum Arbeit nötig war, erklärt Gitarrist, Gründungsmitglied und Songwriter Jean-Francois Dagenais:

Rouven:
Jean, ihr habt gerade die Europatour mit DYING FETUS, VADER und CRYPTOPSY beendet. Wie ist die denn verlaufen? War das ein grosser Erfolg für euch?

Jean:
Die Tour war super! Wir haben das letzte Konzert gestern in Paris vor ca. 1000 Leuten gespielt, das finde ich für ein doch ziemlich extremes Billing wirklich herausragend. Aber auch sonst war die Tour wirklich gut besucht, in jedem Club mindestens 500 Metalheads, das hat mich wirklich sehr gefreut. Von daher denke ich auf jeden Fall, dass die Tour auch ein Erfolg für KATAKLYSM war. Den Leuten hat es gefallen und uns hat es eine Menge Spass gemacht.

Rouven:
Habt ihr bisher schon Feedback über das neue Album bekommen?

Jean:
Ja, jede Menge, und durch die Bank weg waren die Reaktionen sehr positiv. Was mich zwar auf der einen Seite sehr freut, aber auf der anderen Seite habe ich nichts anderes erwartet, da "Epic" unsere stärkste Scheibe geworden ist. Am tollsten fand ich aber die Reaktionen der Fans auf der Tour: Obwohl die Platte erst zur Mitte der gesamten Tour erschienen ist, gröhlten eine Menge die Texte von neuen Songs wie "Manipulator Of Souls" mit!

Rouven:
Gibt es eigentlich eine Art Albumkonzept? Es beziehen sich nur zwei Songs ausdrücklich auf das alte Rom, aber anhand des Covers könnte man vermuten, dass auch der Rest irgendwie mit dieser Thematik zusammenhängt.

Jean:
Nein, ein durchgängiges Konzept gibt es nicht. Nur "Era Of The Merciless" und "As The Glorious Weep" behandeln die Thematik des alten römischen Imperiums, und zwar dessen Aufstieg bzw. Herrschaft und das Ende, den Sturz. Das Ganze war die Idee von Maurizio (Iacono, Vocals - Anm. d. Verf.), der Texte über die Geschichte seines Volkes geschrieben hatte.
Ansonsten behandelt "Epic", wie im Untertitel "The Poetry Of War" schon angedeutet, das Thema Krieg. Wir verleihen dort unseren Gedanken und Gefühlen darüber Ausdruck, vor allem herrscht Unverständnis, Verzweiflung, Wut und Trauer über dieses allgegenwärtige Thema. Der Krieg ist wohl leider Gottes die einzige Konstante der Menschheit.

Rouven:
"Epic" ist das technisch anspruchsvollste, aber gleichzeitig auch das eingängigste Album von KATAKLYSM geworden und grenzt nahe an der Perfektion. Das muss ein hartes Stück Arbeit gewesen sein, oder? Und ist das nun die Richtung, die ihr musikalisch in Zukunft beschreiten wollt?

Jean:
(lacht) Hey, du wirst es nicht glauben, aber "Epic" war das Album, das wir mit am schnellsten fertig hatten! Es ging alles wie von selbst, da muss irgendeine Art Magie dahinter stecken. Nuclear Blast waren total skeptisch, als wir ihnen so schnell unsere Songs vorlegten und trauten der Sache nicht so recht über den Weg. Als sie sich die Stücke dann angehört hatten waren alle restlos begeistert, haha!
Wohin wir in Zukunft gehen werden, ist schwer zu sagen, da wir diesmal einfach drauf los gespielt haben. Irgendwie hat sich das dann eben in die Richtung entwickelt, die auf "Epic" zu hören ist. Dass wir mittlerweile technisch besser sind, will ich doch stark hoffen!
Wir haben auf jeden Fall eine Menge gelernt - als wir den ersten Plattenvertrag unterschrieben haben waren wir gerade mal Anfang zwanzig und waren gerade in Sachen Songwriting total unerfahren. Ich habe damals seit zwei Jahren Gitarre gespielt, unser Drummer erst seit einem Jahr. Mit diesem Mangel an Erfahrung ist klar, dass du kein besonders tolles Album schreibst, aber immerhin waren wir aggressiv (lacht).
Aber durch die Erfahrung die wir in den letzten Jahren gesammelt haben kann ich dir zumindest sagen, dass das nächste Album ein ähnlich hohes technisches Niveau haben wird.

Rouven:
Na immerhin. Nebenbei bemerkt, die Produktion von "Epic" ist absolute Spitzenklasse! Wer hat denn dieses Mal die Regler bedient (den Vorgänger "The Prophecy (Stigmata Of The Immaculate)" produzierte Jean selbst - Anm. d. Verf.) ?

Jean:
Das war wieder ich, vielen Dank für das Lob!
Wir haben beschlossen, alle Alben selbst zu produzieren. Du sparst dadurch nicht nur ne Menge Geld, da du zum Einen keinen Producer anheuern musst und zum Anderen auch entscheiden kannst, wie lange du im Studio bleibst und für dieses nichts bezahlen brauchst, sondern kannst vor allem die Platte genau nach deinen Wünschen zurechtschneidern. So gibt es niemanden, der dir erzählen will, wie es besser klingt, du bist dein eigener Herr.

Rouven:
Wenn man Bands aus Kanada etwas näher betrachtet, so fällt auf, dass fast alle über ein enorm grosses technisches Repertoire sowie über Einfallsreichtum verfügen, sprich, sie gehen zum grössten Teil recht unkonventionell und originell zu Werke. TOWNSEND, CRYPOPSY, QUO VADIS und natürlich KATAKLYSM fallen mir da mal so spontan ein. Gibt es denn in Kanada auch eine entsprechend grosse Metalszene?

Jean:
Im Osten Kanadas, also in der Region um Quebec, aus der wir kommen, gibt es eine relativ grosse Szene, ja. Dort spielen wir auf einer Tour bis zu zehn Konzerte und können uns bei fast jedem über um die 1000 Zuschauer freuen, das finde ich wirklich klasse. Im restlichen Teil Kanadas schaut es leider nicht so rosig aus, dort ist die Situation am ehesten mit der in den USA zu vergleichen. Du kannst also froh sein, wenn es in den grösseren Städten zumindest ein paar Leute gibt, die deine Band kennen, haha!

Rouven:
Wenn ich mir "Epic" so anhöre, dann stellt sich doch die Frage, ob ihr es schaffen werdet, dieses Klassealbum zu toppen. Was meinst du?

Jean:
Na, wir werden daran arbeiten! Und wenn ich ehrlich bin, dann denke ich, schaffen wir das auch. Wir haben jetzt endlich einen musikalischen Weg gefunden, den es sich weiterhin zu begehen lohnt, zumindest in den Grundzügen. Wir wollen uns ja auch weiterentwickeln. Aber jetzt haben wir endlich eine einheitliche Linie gefunden, mit der sich jeder einzelne in der Band identifizieren kann. "Victims Of This Fallen World" war das erste Album, das wir mit der aktuellen Besetzung eingespielt haben, und es klang im Nachhinein betrachtet doch ziemlich wirr und kopflos, ohne feste Linie eben. "The Prophecy" war so eine Art "Comeback" für KATAKLYSM, genau betrachtet aber unser stärkstes Album, weil wir uns als erfahrenere Musiker gefunden hatten und das erste Album schrieben, das wie aus einem Guss war. "Epic" ist noch ein weiterer Schritt nach vorne, und ich kann mir durchaus vorstellen, dass das nächste Album das noch übertreffen könnte.

Rouven:
Wie wichtig ist für dich und die Band das Medium Internet?

Jean:
Sehr wichtig, gerade im Bezug auf die absolvierte Tour: Ich denke mal, dass viele unserer Fans die Songs bereits aus dem Internet kannten, sonst wüsste ich nicht, wieso die alle die verdammten Texte konnten, haha!
Das ist schon ne gute Sache - man hat als Band ganz einfach eine viel grössere Chance, Songs unter das Volk zu bringen und so bekannt zu werden. Und gerade für die Metal-Szene, die doch in der ganzen Welt im Vergleich zum Mainstream nicht sonderlich gross ist, ist das eine tolle Gelegenheit, ständig neue Bands zu finden.

Rouven:
Mit welchen Bands würdest du denn gerne mal auf Tour gehen?

Jean:
Der grösste Wunsch in dieser Hinsicht hat sich gerade erfüllt: Mit CRYPTOPSY!
Wir kennen uns schon so lange, haben in benachbarten Räumen geprobt und wollten schon immer mal zusammen auf Tour gehen, was bisher leider nie geklappt hat. Jetzt war es endlich so weit, und ich bin überglücklich darüber, dass es auch noch so gut bei den Fans ankam.
Ansonsten würde ich gerne noch mit DIMMU BORGIR touren, deren Musik gefällt mir sehr!

Rouven:
Ist eigentlich das Gerücht wahr, dass CRYPTOPSY früher Thrash spielten, als ihr bereits Grindcore geknüppelt habt?

Jean:
(lacht) Ja, das stimmt. Damals hiessen sie aber wohl noch anders. Dann müssen sie das gehört haben, was wir gespielt haben, und fanden es wohl so genial, dass sie von dem Punkt an auch Grindcore spielten, haha!
Wir sind zwar die erste kanadische Holzfäller-Band, aber das ist uns eigentlich egal. Da gibt es keine Rivalität mit CRYPTOPSY, wir sind alle gute Freunde.

Rouven:
Zum Abschluss, welche fünf CDs sind denn momentan Dauergäste in deinem Player?

Jean:
Lass mich mal kurz nachdenken...also, da wären:
1. DEFTONES - White Pony
2. CARCASS - Heartwork
3. DIMMU BORGIR - Puritanical Euphoric Misanthropia
4. SUFFOCATION - Effigy Of The Forgotten
5. IRON MAIDEN - Seventh Son Of A Seventh Son

Redakteur:
Rouven Dorn

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