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KATATONIA: Wir blicken auf "Melancholium"

13.09.2022 | 12:33

Kürzlich durfte ich die "To Hell And Back"-Box von VENOM aus dem Hause Darkness Shall Rise Productions vorstellen. Denny Wolfram, der Kopf hinter DSR, fördert mit seinen Veröffentlichungen das Tape-Revival. Und mit welcher Liebe zum Detail, in welcher hohen Qualität und mit welchen Adleraugen für das Besondere, für Raritäten selbst für Die-Hard-Fans er das macht, ist schlichtweg bewundernswert. Als Fan solcher Bands wie VENOM, CELTIC FROST, EMPEROR und eben KATATONIA lässt er mit Box-Sets wie vorliegend "Melancholium" Fan-Herzen höherschlagen. Öffnet mit Denny und mir die Zeitkapseln, um zu den Anfängen KATATONIAs zu reisen und eine voll mit Authentizität und Nostalgie bespickte Box zu öffnen.

Wenn Jonas "Lord Seth" Renkse und Anders "Blakkheim" Nyström heutzutage ein Album veröffentlichen, darf man sich auf ein progressives, düsteres und melancholisches Meisterwerk gefasst machen. Nicht- umsonst benannten die beiden ihre Band zunächst MELANCHOLIUM, um sie nach einer Neugründung anschließend KATATONIA zu taufen. In den darauffolgenden Jahren sollten die beiden das Genre des Dark Metals entscheidend prägen, die Aggressivität der Anfangszeit wich der süßlichen Melancholie und Alben wie "Night Is The New Day", "Dead End Kings" und das noch immer aktuelle "City Burials" genießen noch heute ein sehr hohes Ansehen bei Fans und Kritikern. Richtig, neben PARADISE LOST und ANATHEMA hat sich KATATONIA Schritt für Schritt an die Spitze des Gothic Metals befördert. Doch wie jede andere Band, fingen auch Lord Seth und Blakkheim einmal klein an und waren zu Beginn ihres Weges noch im Death Doom Metal unterwegs. Speziell die ersten fünf, sechs Jahre waren bestimmt von etwas raueren Tönen, einem höheren Maß an Wut und Verzweiflung. Wir sprechen über die Zeit bis zur 1997er EP-Veröffentlichung "Sounds Of Decay", der sich Darkness Shall Rise Productions angenommen und in einer mehr als schmucken Tape-Box wiederveröffentlicht hat. Um den Bogen zum Beginn zu spannen, kann das 6-Tape-Boxset mit allerlei Goodies auch nicht anders heißen als "Melancholium".

Anders als bei der VENOM-Veröffentlichung gehe ich zunächst auf die Goodies in dieser prachtvollen und qualitativ hochwertigen Box ein, ehe ich mich der Musik widme.

Wer tiefer in die Materie KATATONIAs eintauchen und die Hintergründe ob der Frühphase ergründen möchte, kommt am massiven Hardcover-Buch mit üppigen 170 Seiten nicht vorbei. Unzählige, bis dato unveröffentlichte Fotos, ein massiver Haufen an neuen Liner-Notes und Interviews, alte Konzertplakate, Zeitungsausschnitte und abgedruckte Reliquien aus der damaligen Zeit dürfen in diesem Buch ebenso nicht fehlen wie die Beweise der Corpsepaint-Zeit der beiden Protagonisten. Zudem kommen Szene-Helden wie Dan Swanö, Mikael Åkerfeldt, Fredrik Norrman, Roberto Mammarella, Tomas Nyqvist, Paul Groundwell und noch viele weitere zu Wort, berichten von ihren ersten Begegnungen mit Lord Seth und Blakkheim, in welchem Verhältnis sie zu KATATONIA stehen, ergründen die Wichtigkeit dieser Band für die gesamte Szene und und und. Eine abendfüllende Reise durch die ersten KATATONIA-Jahre und allmählich bekommt man einen sehr guten Eindruck ob der Entwicklung der Band. Es ist schlichtweg toll, sich an der Liebe zum Detail zu erfreuen, mit der dieses Buch, aber auch die "Melancholium"-Box in Gänze erstellt wurde. Zusammen mit den einzelnen Tapes ist diese visuelle Zeitreise höchst authentisch und unterhaltsam.

Mit einem tollen Metallpin, einer großen "Melancholium"-Flagge, stimmungsvoll in schwarz und lila gehalten, sowie dem Shaped-Backpatch geht es nahtlos weiter. Von höchster Qualität ist auch ein weiterer Aufnäher, dessen Motiv – die nachdenkliche Frau auf dem Halbmond sitzend – uns schon auf dem Cover des gebundenen Hardcover-Buchs begegnete. Dazu kommt ein nummeriertes Echtheitszertifikat, das von Blakkheim und Lord Seth unterschrieben wurde und dem Ganzen einen sehr würdevollen Rahmen verleiht.

Auch die fünf Poster können die Authentizität dieser Zeitreise aufrecht erhalten. Ein paar Poster zieren neben Jonas Renkse und Anders Nyström mit Guillaume René Le Huche aka Israphel Wing von TEARS OF LUNA auch eine dritte Person. Eben jene, die zwischen 1992 und 1995 den Bass bei KATATONIA bediente. Mir persönlich gefallen jene Wandverschönerungen am besten, auf denen die Illustratoren mit den Lichtverhältnissen spielen und damit eine ungemein stimmungsvolle, mystische und düstere Atmosphäre schaffen. Doch auch die farblich abgewandelten Artworks zu "Brave Murder Day" und "Sounds Of Decay" sind absolute Hingucker. Für den visuellen Effekt wird also gesorgt, widmen wir uns nun endlich den insgesamt sechs Kassetten.

Den Anfang macht das schwarze "A Sunset Choir For The Daylight Harvest"-Tape, eine absolute Besonderheit und Rarität, da es sich um die Re-Recordings des "Rehearsal '92"-Demos handelt, die Blakkheim und Lord Seth exklusiv für diese Deluxe-Veröffentlichung finalisiert haben. Die beiden Songs dieser Kassette, 'Daylight Harvest' und 'Sunset Choir', klingen noch stark vom Black Metal solcher Bands wie BATHORY inspiriert, haben allerdings schon diese gewisse DEPECHE MODE-Aura, die sich auch in den Folgejahren durchziehen sollte. Die Bezeichnung Dark Metal passt auf diese ersten Gehversuche der Herrschaften jedenfalls hervorragend.

Im gleichen Jahr – wir schreiben 1992 – machten Lord Seth und Blakkheim Bekanntschaft und gemeinsame Sache mit Tausendsassa Dan Swanö, der sich kurzerhand den Aufnahmen zum "Jhva Elohim Meth"-Demo in seinem Gorysound Studio annahm und sich dieses in Windeseile verkaufte. Die Folge war die Rekrutierung eines Bassisten, um die Stücke auch live zum Besten geben zu können. Le Huche sollte auch auf dem ersten full-length-Album in Erscheinung treten. Für das Tape zu "Gott ist tot", so zumindest wird der Albumtitel aus dem Hebräischen übersetzt, hat sich Denny Wolfram, der Kopf hinter Darkness Shall Rise Productions, für eine blaue Farbe entschieden, die dem Demo eine gewisse Frische verpasst. Musikalisch sind die fünf Songs, sofern man 'Midwinter Gates' als Prolog und 'Crimson Tears' als Epilog dazuzählt, wie schon das andere Demo sehr geheimnisvoll und düster, allerdings verleiht Dan Swanö ihnen eine zusätzliche Klangebene. Ein tolles Tape also irgendwo in der Schnittmenge aus Death-, Doom- und Black Metal. Der Song 'Without God' begegnet uns auch auf dem folgenden Klangerlebnis.

Hier haben wir es nämlich mit dem Full-Length-Debüt "Dance Of December Souls" zu tun, das als blutrotes Tape in dieser Box ein amtlicher Hingucker ist. 1992 hat sich No Fashion Records die Dienste KATATONIAs geschnappt und unter der abermaligen Regie von Dan Swanö setzen die Schweden zum ersten Melancholie-Albumschlag an. Die Aggressivität weicht allmählich einer gewissen Traurigkeit und Nachdenklichkeit in den Songs, obgleich sowohl die düsteren, depressiven Texte als auch der unheilvolle und raue Gesang mit gewissem Hall noch immer für jene Ecken und Kanten sorgt, weshalb No Fashion Records erst auf KATATONIA aufmerksam geworden ist. Insgesamt 53 Minuten zockt sich das Trio durch seinen atmosphärischen Death Doom, hält schwere, langsame Melodien von so wunderbarer Trauer wie Schönheit parat, nur um ab und an auch den Fokus auf das Keyboard und die gefühlvolle Seite eines ansonsten recht dunklen Genres zu legen. 'In Silence Enshrined' oder auch die beiden Mammut-Nummern 'Velvet Thorns (Of Drynwhyl)' und 'Tomb Of Insomnia' lassen schon früh erkennen, auf welchen Pfaden sich KATATONIA auch in den Folgejahren bewegen sollte. Rundum ist "Dance Of December Souls" ein eindringliches, wegweisendes Debüt, das den einstigen Nerv der Zeit mit höchster Präzision und eben jenem Hang zur Melancholie traf.

Weiter im Tape-Text geht es mit der EP "For Funerals To Come…", die im Original 1995 erschien. Angereichert wird das ursprüngliche Songquartett durch 'Black Erotica' und 'Love Of The Swan', die vom "W.A.R. Compilation – Volume One"-Album stammen und im Juni 1994 aufgenommen wurden. Stilistisch hätten die beiden Tracks auch auf dem "Dance"-Debüt stehen können, machen den vorliegenden, hier als weißes Tape veröffentlichten Braten aber zunehmend fett. Die Kirsche auf dem Eisbecher ist allerdings der Track 'Scarlet Heavens', der selbst auf dem 2011er Re-Release nicht zu finden war und seinen Ursprung auf der 1996er Split-EP mit PRIMORDIAL genoss. Durch diese Besonderheiten werden die Geschichtsstunden lebendig gehalten und das ist exakt diese Liebe zum Detail, die ich vorhin ansprach und generell an Veröffentlichungen aus dem Hause Darkness Shall Rise Productions schätze.

Das vorletzte Tape ist der offizielle "Dance Of December Souls"-Albumnachfolger "Brave Murder Day", der 1996 erschien und in der "Melancholium"-Box eine unverschämt geile, blau-durchsichtige Optik hat. Respekt. Das KATATONIA-Besetzungskarussell hat sich fleißig gedreht, hat Nyström doch kurzerhand den Bass eingespielt, da Israphel seine Koffer gepackt hat. Als zweiten Gitarristen konnten die Schweden Fredrik Norrman gewinnen, der vorher bei FULMINATION und UNCANNY ein paar Demos einspielen durfte und den Jungs bis einschließlich zum Album "Night Of The New Day", also knapp 13 Jahre, die Treue halten sollte. Als umsortiertes Trio treibt KATATONIA den emotionalen und intensiven Weg des Debüts noch weiter. Ein Hauch von der Aggressivität der Anfangstage ist noch vorhanden, die depressive Grundstimmung droht ein ums andere Mal das Heft in die Hand zu nehmen, doch stets behält die Melancholie die Oberhand; durch die komplette Spielzeit von 41 Minuten zelebrieren die drei Herrschaften mit Hilfe von Mikael Akerfeldt (OPETH, BLOODBATH) am Gesang die Schönheit der kurz einsetzenden Traurigkeit, den Moment der Nachdenklichkeit, die Poesie der Vergänglichkeit. Hier Paradestücke wie 'Brave' oder '12' herauszupicken ist ebenso obsolet wie die Tatsache zu benennen, dass sich KATATONIA mit diesem in höchstem Maße homogenen und in sich stimmigen Zweitwerk ein kleines Denkmal gesetzt hat. Und gerade in Kassettenform ist es schlichtweg ein Genuss, diesem Album zuzuhören.

Die 18-minütige "Sounds Of Decay"-EP bildet den Abschluss dieser Box. Im Original erschien das gute Stück im Dezember 1997, also die perfekte Jahreszeit für die akustische Schwermütigkeit und den Anflug von Melancholie. 25 Jahre später glänzt die EP in gelblicher Schönheit, das Artwork weiß ob des heruntergekommenen Gottes aus dem Film "Begotten" zu faszinieren. Abermals tritt das OPETH-Oberhaupt als Gastsänger auf, der Sinn für melancholische Melodien und das schleppende Tempo der drei Stücke steht in bester Tradition zum "Brave Murder Day" aus dem Vorjahr. Damit hätten wir auch den Tape-Abschluss dieser Veröffentlichung erreicht, an der man die Entwicklung KATATONIAs – langsam weg von aggressivem und rohem Black, mehr hin zum bedächtigen, nachdenklichen Doom mit einem ausgesprochen glücklichen Händchen für schöne und traurige Melodien – sehr schön nachverfolgen kann. Ohne die beiden Alben sowie dem einen oder anderen EP-Versuch würden die Schweden schlichtweg heutzutage nicht so klingen wie sie klingen.

Wir halten fest: Es ist nicht einfach eine Ansammlung bloßer Re-Releases, keine schlichten Wiederveröffentlichungen mit 08/15-Goodies. Diese "Melancholium"-Box ist bespickt mit besonderen, lichterloh brennenden Highlights, bis ins kleinste Detail liebevoll herausgearbeitet, zu Papier oder in Tonform gebracht, hübsch und äußerst hochwertig illustriert, sodass man sich an den Tapes nicht nur satthören, sondern auch an der Aufmachung und dem authentischen Allerlei in dieser Box nicht sattsehen kann. Vor allem ist "Melancholium" eine Zeitreise par excellence an den Beginn einer heute großen Band, die schon damals mit ihrem Schwermut, mit dem süßlichen Hauch von Melancholie Berge versetzen konnte. Die Vergleiche zu PARADISE LOST, ANATHEMA oder Konsorten sind nicht zufällig gewählt und selbst für KATATONIA-Die-Hard-Fans bietet "Melancholium" noch viele Besonderheiten, die nur diese Box bereithält. Hier kommt ihr direkt zu Darkness Shall Rise Productions.

Redakteur:
Marcel Rapp

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