Neuer Heißer Scheiß: Rückblick 3/2025
11.01.2026 | 18:57Wir starten das neue Jahr mit dem längst überfälligen Rückblick auf den Untergrund. Trüffelschweine und solche, die es noch werden wollen, können hier gerne ihre Fühler ausfahren. Matsch Fan!
Länger als geplant hat es gedauert, aber wir sind erneut am Start mit unserer kleinen Rückschau zum Underground. Dieses Mal leider nur als literarisches Quartett am Start, da die Kollegen Lenze und Ledl ihre Ohren anderswo im Einsatz hatten. So haben sich die Herren Andrae, Lühring, Walzer und Wilkens etwas intensiver mit fünf Scheiben beschäftigt. Das Ergebnis dieser Analysen könnt ihr im nachfolgenden Artikel lesen. Viel Spaß!
Den Reigen eröffnet eine griechische Band, die in bestimmten Kreisen eine beinahe kultische Verehrung erfährt. Ob der Verfasser dieses Artikels und hauptamtliche Nörgler dies versteht, erklärt er mit den folgenden Sätzen: "Den Namen habe ich wohl schon tausend Mal gelesen und trotzdem nie ein Ohr riskiert. Vielleicht war es die innere Hype-Barriere, vielleicht auch das Herkunftsland oder sogar die offensichtliche Vergleichsband, die mich davon abgehalten haben, mich mit der Band zu beschäftigen. Nun stellt sich also die Frage, ob diese subjektive Aversion nach der recht intensiven Begutachtung unterm Kopfhörer Bestätigung gefunden hat. Bedingt, muss ich wohl schreiben, denn die Euphorie, die mein hochgeschätzter Kollege Jens in seinem Hauptreview empfindet, kommt bei mir auch nach mehrfachem Genuss nicht auf. Klar, wer hier keine WARLORD-Parallele hört, ist auf beiden Ohren sinnesverwirrt, aber für mich ist das näher an LORDIAN GUARD und die finde ich ja schon eher schwierig. Gut, BLACK SWORD THUNDER ATTACK ist deutlich flotter unterwegs als die Wächter, aber die emotional unwiderstehlichen Hooklines, die frühe WARLORD-Großtaten auszeichnen, kann ich bei den Griechen leider nicht hören. Das ist alles feingliedriger US-Metal mit dem beinahe unvergleichbaren Tsamis-Sound, aber ich suche vergeblich Widerhaken, Wohlfühl-Passagen, die im Hirn haften bleiben oder andere Elemente, die ich herausragend finden könnte. So ist es eine sehr gute Scheibe, die beim Anhören viel Freude bereitet, mehr aber auch nicht für mich."
Beinahe etwas ernüchternd dieses Resultat, aber vielleicht hören die gut geölten Lauscher von Marius den Kult. "Es tut doch manchmal gut, wenn man nicht jeden Hype mitbekommt. Derjenige um BLACK SWORD THUNDER ATTACK ist wohl irgendwo in Süddänemark stecken geblieben, denn ich habe diesen famosen Namen dieses Jahr das erste Mal gelesen. Entsprechend besorgte ich mir das Scheibchen der Band aus Thessalien nur wegen Jens' lobender Worte und hatte gar keine besondere Erwartung an den Hörgenuss. Umso glücklicher war ich dann, als ich mir den Stoff das erste Mal einfuhr. Da steckt tatsächlich viel von der Leichtigkeit Tsamis' drin, auch den später irgendwo aufgeschnappten IRON GRIFFIN-Vergleich kann ich irgendwie nachvollziehen. Das Ganze findet in
verwaschen-mystischen Soundversuchen statt, die dem Unterfangen eine gehörige Portion Atmosphäre verleihen. Sängerin Mareike und Gitarrist Chris zaubern hier einige Melodieperlen aufs Parkett, deren Widerhaken ganz tief sitzen. Man muss aber auch anbeißen, liebster Holg. Das geht schon beim Eröffnungslick des schwarzen Schwerts los, es setzt seinen Kurs fort bei den wunderschönen Tonabfolgen des Ausflugs nach Acheron und behält diesen auch bei bis zu den Raketenriffs des Nachtgesangs. Ich finde in den vierzig Minuten ganz viele wunderbare Epic-Metal-Momente, deren Genuss höchstens durch die gelegentlich hineingefummelten Plastik-Keyboards (gibt's eigentlich auch welche aus Stahl?) etwas geschmälert wird." Okay, dann sind es mal wieder meine ollen Lauscher, die Angst vor Widerhaken haben. Entschuldigung.
Auch unser Metal-Priest Jhonny angelt gern in diesem Notenteich: "Bei dieser Band bin ich definitiv eher bei Marius als bei Holger, denn ich höre hier absolut schöne, auch einprägsame Epic-Momente, die für mich eines der speziellsten Alben des Jahres ausmachen. Ja, natürlich klingt das alles massiv nach WARLORD, sogar nach LORDIAN GUARD, aber da Tsamis tot ist, und eh nie besonders aktiv war (drei WARLORD-Alben und zwei LORDIAN GUARD-Alben in etwa 35 Jahren finde ich überschaubar), ist das Material definitiv anders zu bewerten als zum Beispiel die BLAZON STONE-Geschichte. Was mich aber trotzdem am meisten begeistert auf diesem Album ist letztlich einfach das Klangbild. Diese absichtlich billig klingenden Keyboards, der dünne, hallige Gesang, die Gitarren, die absolut nicht druckvoll produziert sind. Das klingt alles so hemdsärmelig, so simpel, aber da steckt wahnsinnig viel Kunst drin, denn dieser antikommerzielle Sound ist ja mit voller Absicht herbeigeführt. Da mir die Songs auch noch gut ins Ohr gehen, handelt es sich für mich um eines der spannendsten traditionellen Metal-Alben des Jahres 2025."
Und dass Jens das Scheibchen gerne mag, hat er ja schon in seinem Hauptreview verkündet. Trotzdem unterstreicht er auch hier nochmals gern seine Meinung von damals: "Es gibt immer wieder Momente in unserer Rubrik "Neuer heißer Scheiß", die das Herz erfreuen. Ein solcher Moment offenbarte sich, als ich Jhonnys Text zu BLACK SWORD THUNDER ATTACK las. Mit dem Label "Kunst" erfasst er meiner Meinung nach den Kern von BLACK SWORD THUNDER ATTACK haargenau. Denn es steckt viel Arbeit und Tüftelei darin, um diesen obskuren Sound zu entwickeln, der ätherisch, grazil und entrückt im Gesangsbereich, aber doch heavy genug in der Instrumentierung tönt. Wie auch bei GRENDEL'S SŸSTER kann ein Verständnis für derartige Klänge nicht als selbstverständlich genommen werden. Umso mehr freut es mich, dass einige Kollegen einen ähnlich positiven Eindruck von der Scheibe haben wie ich. Ich muss allerdings eingestehen, dass ich in diesem Jahr andere Alben deutlich häufiger gehört habe als das selbstbetitelte Debüt der Griechen, aber das dürfte wohl daran liegen, dass ich einige Songs in leicht abgewandelter Version schon zuvor ziemlich gut kannte. Ein Wort noch zu LORDIAN GUARD: Gewisse Parallelen sind natürlich da, aber bei dieser Band waren trotz der schönen Harmonien die programmierten Drums immer ein Störfaktor. BLACK SWORD THUNDER ATTACK ist außerdem schon deutlich rockiger unterwegs. Hat man das Album eine Weile nicht gehört, verzaubert besonders Chris' Gitarrenspiel immer wieder aufs Neue. Es muss hier abschließend mal ohne ausschweifende Lobpreisungen gehen, denn die finden sich ja schon im Hauptreview. Die Note sollte für sich sprechen." Memo an mich: nochmal anhören.
Weiter im Text geht es mit einem einheimischen Gewächs, welches auf den schwungvollen Namen FIREPHOENIX hört. Da Jens gerade so schön in Fahrt ist, ergreift er hier gleich mal das erste Wort: "Vor Rüdigers Hauptreview war mir die Band noch nicht einmal dem Namen nach ein Begriff. Auf jeden Fall ist es schön, dass wir hier eine Eigenpressung unter die Lupe nehmen. Die Band hat jedenfalls mehr Aufmerksamkeit verdient als die gut 200 Aufrufe bei YouTube in den letzten Monaten. Schaut man sich das Artwork an, könnte man auf den Gedanken kommen, es mit Symphonic Metal oder bombastischem Power Metal zu tun zu haben. Glücklicherweise ist dem nicht so. Zwar fährt das Intro 'Prelude To Insanity' reichlich Synth-Bombast auf, aber dann musizieren die Göppinger härtemäßig doch in Gefilden, die den Anforderungen im "Neuen heißen Scheiß" durchaus gerecht werden. Power Metal ist das schon auf eine Weise, aber nicht die der Unterhaltungsbranche zuzurechnende Spielart. Besonders gut gefallen mir die Rhythmusgitarren. Es steckt auch etwas "Painkiller" in "Science-Fiction", natürlich ohne die High-Pitched Vocals. Insgesamt ist der Gesang ja eher entspannt. Rein klanglich meine ich Spätneunziger-Einflüsse herauszuhören, vielleicht sogar SYSTEM OF A DOWN. Mir gefällt "Science-Fiction" ziemlich gut, besser jedenfalls als die Werke vieler großer Power-Metal-Bands der letzten Jahre. Die Frische ist einfach noch da."
Die erste Tube Lob. Folgt von Marius gleich ein ebensolcher Nachschlag? "Auch ich hatte wie Jens anfangs Animositäten gegenüber FIREPHOENIX, aber auch ich habe eine sehr erfrischende Stahlscheibe entdeckt, die mir viel Freude bereitet.
Hier gibt's nämlich kein abgedroschenes Schlagergedudel von irgendwelchen Posern mit peinlichen Gimmicks, sondern richtig feine Gitarrenaction und alle anderen Zutaten, die meinen Metal eben ausmachen. Am Sound hätte ich ein wenig herumzumäkeln, weil die Wand doch schon sehr dicht ist und die eben schon gelobten Rhythmusgitarren sich teilweise nicht so ganz durchsetzen können gegen das sehr klangvolle Schlagzeug. Da auch der Sänger die Mitten bedient, wird es da doch etwas eng. Von diesem Schönheitsfehler mal abgesehen, ist "Science-Fiction" aber hervorragender Füllstoff für die große Lücke zwischen SEVEN SISTERS und BRAINSTORM. Fetzt!"
Da ich mit den beiden letztgenannten Bands nie so ganz warm geworden bin, gehe ich etwas zögerlicher an die Sache heran und komme zu folgendem Ergebnis: "Mit den feurigen Flatter-Kollegen haben wir dann auch mal wieder eine deutsche Kapelle am Start, die Kollege Rüdiger ja bereits auf der Hauptseite abgefeiert hat. Hier wäre die Überraschung ohne die warmen Worte des Kollegen noch größer gewesen, denke ich beim arg bunten Artwork doch eher an Chart-relevanten Mitklatsch-Rockenroll als an amtlich nach vorne treibenden Heavy Metal mit speediger Schlagseite. Weit gefehlt, werter Oberflächlinger! Hier regiert der wahre Stahl! Zwar blitzeblank poliert, dafür aber sensationell in der Ausführung. Mit einer Spur mehr Schmutz wäre das wohl sogar mein Favorit in dieser Ausgabe unserer Trüffelrunde. Die Gitarren treten mächtig Popo und der Gesang ist reibeisenartig und melodisch zu gleichen Teilen. Dies alles in feine Melodien und Hooklines gegossen und fertig ist die bestens unterhaltende Heavy-Metal-Vollbedienung!"
Da habe ich tatsächlich ein bisschen die Spannung aus der Endabrechnung genommen. Ob Jonathan mit uns ins güldene Lobhorn bläst? "Die Baden-Württemberger sind diesmal die einzige Band, die ich vor unserem Spiel quasi gar nicht kenne. Die Farbgebung des Artworks holt mich auf jeden Fall ab. "Science-Fiction" bietet kraftvollen Power Metal, bei dem mir wie Marius schnell BRAINSTORM in den Kopf kommt. An die Brillanz der SEVEN SISTERS reicht das Scheiblein aber, bei allem Respekt, nicht heran. Aber das ist auch extrem schwer. Trotzdem ist den Jungs hier ein starkes zweites Studioalbum gelungen, das mir zwar vom Drumsound und Gitarrensound etwas zu modern produziert ist, aber starke Songs beinhaltet, die technisch gut umgesetzt sind. Mit einer etwas altmodischeren Produktion fände ich das Album sogar noch stärker." Ah, noch jemand, der die Produktion als Manko betrachtet. Ticken meine Ohren ja doch manchmal noch richtig.
Jetzt kommen wir zu alten Bekannten. Die knuffigen Damen und Herren OWLBEAR erquicken uns mit ihrem zweiten Album und Onkel Jens weiß folgendes zu berichten: "Da ist er ja wieder, der Eulenbär. Wenn man ihn einmal gesehen hat, vergisst man ihn nie wieder. Überbordend ist die Freude angesichts eines weiteren Werks nicht unbedingt, aber die Band versteht ihr Handwerk. Vor allem das Gitarrenspiel von Jeff Taft macht ordentlich Druck. Überhaupt, wenn OWLBEAR wie in 'Altar Of Earth' im Stil des klassischen US Metals musiziert, gefällt mir das Ganze recht gut. Ein stampfender Song wie 'Crawl From The Carcass' sagt mir hingegen überhaupt nicht zu. Eine gewisse Künstlichkeit haftet dem Produkt auch an. Zumindest wirkt es so auf mich, was möglicherweise am Klang des Schlagzeugs liegen mag. Aus diesem Grund vor allem will der Funke nicht wirklich überspringen. Huch, das hatte ich ja schon beim Debüt kritisch angemerkt... Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass 'Hawkriders Of The Wastes' vom Unterhaltungs-Metal nicht zuletzt aufgrund der Chöre am Ende phasenweise nicht mehr weit entfernt ist. Zugegebenermaßen ist aber der Refrain von 'Song Of The Grey Witch' schon sehr gelungen. So ist es durchaus verständlich, wenn das Album abgefeiert wird. Ich sehe dem bunten Treiben aber von außen distanziert zu. Der Eulenbär und ich, das wird keine Liebesbeziehung mehr." Oha! Es fällt der böse Begriff "Unterhaltungs-Metal". Da erschreckt man sich erstmal und sucht die Herztropfen.
Aber eine tiefgründige Beohrung von mir erzeugt Beruhigung, denn "Eulen im Heavy Metal sind zumeist eine feine Sache. Da mir ja, im Gegensatz zu einigen tauben Mitstreitern hier, bereits der Erstling gut durch die Löffel flutschte, bin ich bester Dinge, auch vom Zweitling bestens unterhalten zu werden. Genauso verhält es sich auch. Ich habe zwar den Eindruck, die Band ist ein klitzekleines bisschen erwachsener geworden, aber mit Kindermelodien wirft man immer noch um sich. Das ist mir heute zwar an manchen Stellen eine Spur zu jodelig, aber aufgrund
der zumeist amtlich treibenden Riffs, der unbeschwerten Hemdsärmeligkeit und des warmen Klangbildes, zeigen auch im Jahr 2025 meine Daumen erneut nach oben für OWLBEAR. So ist 'Shadow Of The Dragon' ein herzerwärmender Ohrwurm und 'Altar Of Earth' erfreut mit rattenscharfem Riffing. Insgesamt also erneut eine gelungene Angelegenheit für mich." Man merke: Auch ein alter Knatter-Metaller mag Melodien! Es müssen bloß die Rahmenbedingungen passen.
Das sieht Herr Lühring ähnlich: "Bei dem befellten Flatterviech bin ich voll im Team Holg. Ich fand den Vorgänger schon famos und mag auch diese so passend wie stumpf "Feather & Claw" betitelte, konsequente Fortführung. Der Albumname passt nicht nur zum Bandnamen und zum hintergründigen Konzept, sondern auch zur Musik. Federleichte Melodien auf krallenbesetztem Metal-Fundament - es ist wunderschön! Katy Scary und Band stampfen in einem Moment bei 'Crawl From The Carcass' herrlich marschierend durch die hübsch anzusehende Flusslandschaft, nur um im nächsten Moment bei 'Altar Of Earth' ein echtes Speed-Feuerwerk abzufeuern. Das nenne ich mal Abwechslungsreichtum! Die Ohrwürmer häufen sich auch erneut. Den mit einem lecker saftigen Bass (Leona Hayward holt mich hier mal wieder total ab) ausgestatteten 'Song Of The Grey Witch' zum Beispiel bekomme ich seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf. Jens meint ja, dass OWLBEAR es bei 'Hawkriders Of The Wastes' etwas übertrieben habe. Das hören meine unbedarften Ohren aber anders. Das ist sicher etwas cineastisch angelegte Epik, aber dieser Chorus verträgt auch eine etwas plakativere Ausstattung, die eventuell auch vom Gitarrengastbeitrag von Rob Steinway (GREYHAWK, GLYPH) herrührt. Zweites Album - zweiter Volltreffer!"
Bleibt es an Jhonny, die Abschluss-Hymne zu jodeln! "Ich fand schon das erste OWLBEAR-Album spannend, gebe aber zu, dass mir "Feather & Claw" sogar noch besser einläuft. Der Sound ist noch etwas stärker europäisiert, meine ich. BLIND GUARDIAN schaut mehr als ein Mal fröhlich um die Ecke, auch RUNNING WILD oder HELLOWEEN dürften die Amis gerne mal auflegen. Katy Scary hat weiterhin eine kraftvolle Stimme, der hymnische Charakter vieler Songs passt dazu hervorragend. Jens spricht von "Unterhaltungs-Metal". Wo ist das Problem? Natürlich will ich von Metal unterhalten werden, natürlich ist eine Band nicht todernst, die einen Eulenbär auf dem Cover hat. Das ist Unterhaltung. Aber auch RUNNING WILD oder HELLOWEEN unterhalten mich, und ich liebe sie. Und das gilt auch für undergroundigeren Stoff. Wahrscheinlich meint Jens mit "Unterhaltungs-Metal" aktuellen Kram wie BEAST IN BLACK, aber damit hat OWLBEAR natürlich überhaupt nichts gemeinsam. Allein der Sound ist dafür viel zu tief im Metal verwurzelt. Gerade auch die stampfigen Songs, die eine JUDAS PRIEST-Note mitbringen, überzeugen auf dieser Scheibe. Könnte der Refrain von 'Crawl From The Carcass' ein Jungfrauen-Refrain sein? Klar! Aber das ist ja ein Qualitätsmerkmal." Nun, zum letzten Satz schreibe ich mal nichts, sonst hagelt es hier wieder böse Kommentare. Bleibt zu vermerken, dass die kauzige Bärenfamilie hier insgesamt sehr wohlwollend aufgenommen wird. Ob das am Ende den Sieg einfährt? Man weiß es noch nicht.
Da kommen zuerst mal ein paar Franzosen unter dem Banner PALANTYR um die Ecke. "The Ascent & The Hunger" heißt das erste Werk und erneut startet Jens unser literarisches Quartett, ist er doch ein kleiner Franzosen-Metal-Gourmet. "Auf der Bandcamp-Seite finden wir bereits einige Referenzen, von denen mir MYSTIK aus Schweden besonders passend erscheint, und das liegt nicht nur am weiblichen Gesang. Das Debüt der Eisernen Jungfrauen landet vermutlich auch ab und zu auf dem Plattenteller der Bandmitglieder, wobei PALANTYR noch etwas rasanter zu Werke geht. Beim abschließenden 'Graveyard' bekommen wir stellenweise sogar Blastbeats serviert, und es klingt klasse. Die Dynamikwechsel haben ihren ganz besonderen Reiz, aber der nicht selten exaltierte Gesang von Athéna ist die Krönung des Ganzen. Der knurrende Bass bei der coolen Coverversion 'Nosferatu' kommt mir auch sehr entgegen. Da die Songs auf Anhieb begeistern, ist PALANTYR neben HERZEL für mich die interessanteste Band aus Frankreich in den letzten Jahren."
Das geht ja (erwartungsgemäß) toll los! Geht Herr Walza da mit? "Faszinierend, dass Jens bei den Franzosen von PALANTYR die Parallele zu MYSTIK aus Schweden zieht. Das kann ich verstehen, aber anders als er finde ich MYSTIK rasanter. PALANTYR ist in meinen Ohren etwas mystischer und epischer. Das liegt auch am Live-Erlebniss am "Keep It True Rising"-Festival, bei denen mir vor allem die Gitarrenharmonien lange nachgingen. Dabei war der Gesang für mich
live erstmal ein Flop - nicht unbedingt qualitativ, aber doch von der Lautstärke her. Auf Platte ist das aber hervorragend abgemischt. Ich habe also nicht nur rasanten Speed Metal im Ohr, sondern auch elaborierten epischen Metal wie von den SEVEN SISTERS oder alten Kauzstoff wie CIRITH UNGOL. Mein absolutes Highlight ist bisher 'Nosferatu', das mich an die billige Atmosphäre mieser italienischer Horrorfilme erinnert. Und ich bin mir sicher: Das ist auch gewollt. Aber auch die speedigen Momente überzeugen, und hier verstehe ich den MYSTIK-Vergleich natürlich gut. Insgesamt ein überzeugendes Debütalbum, und um Jens ein wenig zu widersprechen: spannender als HERZEL." Das liest sich ja auch sehr ansprechend. So ansprechend, dass Marius gleich in minimale Hektik verfällt.
"Lese ich hier HERZEL? Boah, ich kriege eine Gänsehaut, wenn ich nur an den vier Jahre alten Klassiker denke. "Le Dernier Rempart" ist immer noch gern gesehener Gast im CD-Schlitz und nur beim Gedanken an den Auftritt beim "Iron Fest" fliegt mein Geist in ungeahnte Höhen. Aber was hat das mit PALANTYR zu tun? Beide aus Frankreich, beide machen epischen Heavy Metal. Aber das ist doch schon eine grundsätzlich andere Herangehensweise. Deshalb fremdle ich auch etwas mit Jens' Erwartungshaltung gegenüber frankophilen Kollegen. Denn so französisch finde ich PALANTYR gar nicht. Leider singt die ausdrucksstarke Athéna englisch, was diesem, ersten Album etwas von seiner Einzigartigkeit raubt. Es finden sich einige klassische Speed-Versatzstücke, was dann auch zur schon aufgezeigten Parallele zu MYSTIK passt. Mir macht "The Ascent & The Hunger" mit seinem warmen Klang und Melodienreichtum großen Spaß, ohne jetzt ganz an meine Lieblinge heranzureichen. Herausragend ist das längere Stück 'Son Of The White Mare', das von dem vierzig Jahre alten ungarischen Animationsfilm "Fehérlófia" inspiriert ist. Muss ich mal gucken." Gucken, Marius? Ich dachte, die Lauscher seien zum Hören angebracht?!
Aber nun gut, schauen wir, was die meinigen sehen: "Während bei einigen meiner Kollegen offenbar ein extragroßes Wohnzelt aufgestellt wird, wenn sie an französischen Heavy Metal denken, kratze ich mich nur etwas ratlos am lichten Breitwandscheitel. Schon die vermeintlichen Klassiker aus dem Land des untergehenden Croissants laufen bei mir eher unter ferner liefen, sodass ich PALANTYR eher etwas widerwillig angeschmissen haben. Umso erfreuter war ich sogleich, als ich die galoppelnden Riffs im Opener 'Shan E Sork' vernehme. Das ist ja mega mächtig sensationell! Das kraftvolle Organ von Frontfrau Athénais Kordian hat es mir auch sofort angetan. Obendrein werden die sechs bockstarken Nummern auch noch in Englisch vorgetragen, sodass meine innere Sprachscheuklappe – einige nennen es ja selbstauferlegte Begeisterungs-Limitierung – nicht komplett zuklappt und ich fix mit geballten Fäustchen unterm Kopfhörer mitsinge. Während ich zu den Parallelen zu HERZEL nichts sagen kann, stimme ich in puncto frühen IRON MAIDEN und auch MYSTIK zu und ergänze noch um ACID. Allerdings sind die Damen und Herren im Hause PALANTYR dann doch weitaus verspielter unterwegs. Ich hoffe, man wird auch zukünftig so unbekümmert und frei von der Leber musizieren und nicht wie viele Genossen irgendwann ernster werden. So macht das nämlich sehr viel Freude und reißt auch so einen Nörgeloppa noch mal begeistert aus dem Pupsmöbel." Offenbar ein weiteres Schmankerl.
Zu guter Letzt reisen wir nach Spanien, wo uns SAVAGED mit "Rising" einen vielversprechenden Albumtitel serviert. Immerhin trägt eines der besten Alben überhaupt eben jenen Namen. Da gilt es nun also große Erwartungsschuhe zu füllen. Als großer Freund dieser epochalen RAINBOW-Scheibe starte ich dann mal die Analyse: "Dies ist mein Erstkontakt mit den Spaniern von SAVAGED und ich muss sagen, dass es mich ein wenig Überwindung gekostet hat, die Musik unter diesem Artwork näher zu be-ohren. Aber, wie heißt es so schön? "Never judge a book by its cover." Diese Aussage triff auch hier zu, denn die gebotene Musik kann sich durchaus hören lassen. Die von Jhonny in seinem Hauptreview angeführten Parallelbands kann ich größtenteils nachvollziehen, wobei weder ENFORCER noch SCREAMER zu meinen wirklichen Favoriten zählen. So ist mir auch das Material auf "Rising" teilweise etwas zu glatt und die beinahe richtigen Töne von Sänger Jamie Killhead erzeugen in meinen Ohren auch nach mehrfachem Anhören noch kurzes Zusammenzucken, aber die treibenden Riffs machen schon Laune. Obendrein versteht es das Quartett auch, immer wieder Ohrwürmer heranzuzüchten, die heute zwar noch im Vorschulalter sind, auf kommenden Alben aber auch zu fiesen Erwachsenen heranwachsen können. 'Queen Of My Salvation' oder 'Across The Burning Fields' sind da schon amtliche Beispiele. Dass man auch mit etwas mehr Druck auf den Kesseln arbeiten kann, belegt dann 'The Conqueror' eindrucksvoll, während 'Stars Are Falling' kurz vor der Unterhaltungs-Metal-Grenze abbiegt. Gerade nochmal die Kurve gekriegt." Da ist er wieder, dieser Stilistik-Begriff, der wie ein Damokles-Schwert über zu
melodischen Scheiben kreist, die im neumodischen Power-Metal-Segment aktiv sind.
Sieht (!) Jens das anders? "Im Geiste gehe ich meine Sammlung durch und stelle nicht gerade überrascht fest, dass der spanische Heavy Metal wohl nicht so ganz mein Ding ist. Ich komme da nicht auf mehr als zwei oder drei Tonträger. Das hat seine Gründe. Kann SAVAGED etwas daran ändern? Bedingt, würde ich sagen. Ein Album mit "Rising" zu betiteln, ist vielleicht nicht ganz so klug, denn da gab es doch mal einen Klassiker aus dem Jahr 1976, oder? Das Cover-Artwork wurde berechtigterweise schon gerügt. Dieser kosmische Säbelbarttiger hinderte mich schon daran, in das Debüt reinzuhören. Aber wie Jhonny in seinem Hauptreview richtig schreibt, eigentlich kommt es ja auf die Musik an. Bei dem Vergleich mit SCREAMER gehe ich ebenfalls gerne mit. Allerdings ist 'Fire It Up' nicht dazu angetan, dass SAVAGED mir spontan ans Herz wächst. Der Gesang ist schon extrem schwierig. Aber dann kommt danach das melodische 'Queen Of My Salvation' und - was soll ich sagen? - der Song zündet sofort. Dann folgen da noch einige ordentliche Songs mit schöner Gitarrenarbeit, die auch klingt, wie sie soll. Die Flamenco-Einflüsse in 'The Long Walk' passen natürlich gut zu einer Band von der iberischen Halbinsel. 'The Conqueror' sticht für mich ebenfalls positiv heraus, was klar am Refrain liegt. Somit ist "Rising" ein solides Album mit stellenweise gewöhnungsbedürftigen Vocals."
Begeisterung klingt anders, aber wir haben ja noch die frisch bebrillten Ohren von Marius, die bestimmt schärfer sehen als die alten Horch-Organe der beiden Vorredner: "Wer bei spanischem Metal mit den Schultern zuckt, der hat aber ganz dringend seine Hausaufgaben nachzuholen. Und zwar im Fach WAR DOGS! Abgabe war schon vorgestern. Naja, aber es soll ja um SAVAGED gehen. Auch ich hatte so meine Bedenken bei der ersten Inaugenscheinnahme. Aber ein Blick auf das Label sorgte für Beruhigung. Und so bin ich dann auch froh, dass es dieses Album in die Runde geschafft hat. Ich mag es ja in dieser Redaktion gar nicht laut aussprechen, aber ich stehe auf Authentizität. Und beim Belauschen dieses grundehrlichen Werks der Band aus Barcelona entlädt sich manch Glücksgefühl in meiner Magengegend. Der Sänger kann zwar auch ein bisschen was, aber viel mehr fühlt er die Töne. Ich liebe das ja, wenn Sänger nicht perfekt sind. Aalglatte Perfektion darf man sich gerne in anderen Genres suchen. Auch manche Entscheidungen der Rhythmusfraktion sind zumindest spannend. Da hört man doch gerne auch ein vierzehntes Mal noch genau nach, was da so Merkwürdiges passiert. Am besten gefällt mir "Rising", wenn das Gaspedal durchgedrückt wird und Jamie Killhead seine Sirene auspackt, während eher ruhigere Stücke wie 'The Long Walk' oder 'Stars Are Falling' ihren Kopf auch mal ganz kurz in den See der Belanglosigkeit dippen."
Auch bei anderen Vorzeichen bleibt unterm Strich keine Glanztat über oder sieht Review-Verfasser Jhonny dies nun doch anders? "Die Spanier kommen mit einem wirklich hässlichen Artwork um die Ecke. Aber das Album kann was, schlägt den schon ordentlichen Vorgänger und platziert sich musikalisch zwischen ENFORCER und SCREAMER. Neben Jungfrauen-Vibes fühle ich mich auch sporadisch an Kürbisse erinnert. Für mich ist das kein Makel. Kein Überflieger, aber eine sehr solide traditionelle Metal-Scheibe. Mehr dazu in meinem Einzelreview." Auch nicht wirklich.
FINAL RESULT:
|
Rang |
Band | Album |
| 1. | BLACK SWORD THUNDER ATTACK | Black Sword Thunder Attack |
| 2. | PALANTYR | The Ascent & The Hunger |
| 3. | OWLBEAR | Feather & Claw |
| 4. | FIREPHOENIX | Science-Fiction |
| 5. | SAVAGED | Rising |
Die Einzel-Wertungen:
Holger Andrae:
01. PALANTYR – The Ascent & The Hunger
02. FIREPHOENIX – Science-Fiction
03. OWLBEAR – Feather & Claw
04. BLACK SWORD THUNDER ATTACK – Black Sword Thunder Attack
05. SAVAGED - Rising
Jens Wilkens:
01. BLACK SWORD THUNDER ATTACK – Black Sword Thunder Attack
02. PALANTYR – The Ascent & The Hunger
03. FIREPHOENIX – Science-Fiction
04. OWLBEAR – Feather & Claw
05. SAVAGED – Rising
Jonathan Walzer:
01. BLACK SWORD THUNDER ATTACK – Black Sword Thunder Attack
02. OWLBEAR – Feather & Claw
03. PALANTYR – The Ascent & The Hunger
04. SAVAGED – Rising
05. FIREPHOENIX – Science-Fiction
Marius Lühring:
01. OWLBEAR – Feather & Clawd
02. BLACK SWORD THUNDER ATTACK – Black Sword Thunder Attack
03. PALANTYR – The Ascent & The Hunger
04. FIREPHOENIX – Science-Fiction
05. SAVAGED – Rising
- Redakteur:
- Holger Andrae





