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Perlen der Redaktion: Holger Andraes Highlights 2021

21.02.2022 | 13:44

Die musikalische Retrospektive des Jahres 2021 ist voll von Doom, Gerumpel und alten Bekannten.

Mein musikalischer Rückblick auf das Jahr 2021 ist ein bisschen anders als in den Jahren zuvor, was daran liegt, dass ich nicht sehr viel Zeit und Lust auf neue Musik hatte. Erst in den letzten Wochen des Jahres habe ich angefangen, das musikalische Jahr für mich aufzuarbeiten und bin dabei doch noch über einige erstaunlich tolle Platten gestolpert, die ich euch in den nächsten Zeilen etwas näher bringen möchte. Und so beginne ich ohne lange Vorrede mit einem Album, dessen hohe Platzierung in meiner Liste beinahe schon ungehört feststand. Das ist auch eines der wenigen neuen Alben, welches bereits zum VÖ-Termin Einzug in meine kleine Sammlung fand und welches sich wunderbar zu meinem Bedürfnis nach einer Zuflucht in bekannte Klänge eingefügt hat. Klingt komisch? Ist es auch, aber das einzige Album von SPIRAL ARCHITECT aus dem Jahr 2000 ist eine Inselplatte für mich. Na und? Werdet Ihr jetzt fragen. Das ist 21 Jahre her! Genau! Daher ist es auch so eine kleine Sensation für mich, dass sich einige Musiker dieser Band nun unter dem Banner TERRA ODIUM zusammen gefunden haben und mit "Ne Plus Ultra" ein Album veröffentlicht haben, welches bei mir sofort alle Euphorieknöpfe drücken konnte. Die Scheibe, die mit 'The Thorn' auch noch einen meiner Song-Favoriten des Jahres am Start hat, ist mit einem wunderbar warmen Klang ausgestattet, der vor allem auch Dauergast Steve DiGiorgio am Bass viel Freiraum lässt. Ganz wunderbares Album. Wer auf unverfrickelten Wohlfühl-Prog steht, muss hier mit weiten Ohren an den Start gehen und darf sich nicht vom Label irritieren lassen. Auch wenn da Frontiers Records drauf steht, ist da kein AOR drin. Der zweite Platz geht an meine Helden von MEGA COLOSSUS, die mit "Riptime" ein rattenscharfes Radetzky-Feuerwerk abliefern. Ich habe in meinem kürzlich verfassten Review schon ausreichend warme Worte abgelassen, sodass ich hier lediglich jedem Freund der Mischung JOURNEY/MEGADETH empfehlen möchte, nackig in die Erstverlauschung zu gehen. Warm wird euch von ganz alleine! Weiter im Takt geht es mit unseren Freunden von LIFE ARTIST, die nach Dekaden des Schweigens mit dem ultimativen Überflieger namens "Lifelines" aus der Versenkung auftauchen. Auftauchen? Vielmehr hinaus katapultiert werden! Was für eine Wundertüte an großartigen Rhythmen und Melodien! Ein Album für Top 100 Listen! Ganz anders tönen unsere altbekannten Freunde aus Übersee, die ebenfalls nach langen Jahren des Hinhaltens endlich mit einem neuen Album um die Ecke kommen. Ein Album, das so frisch klingt wie Morgentau und nicht erahnen lässt, wie silberberückt die Musikanten schon sind. Die Rede ist natürlich von den Bay-Area-Helden MORDRED und ihrem Album "The Dark Parade". Die extrem gelungene Mischung aus knusprigen Bay-Thrash-Riffs und stilfremden Elementen und Rhythmen setzen die musikalische Farbenpracht der bekannten Alben fort. Der Unterschied: Heute klingen die sechs Akteure noch frischer als damals. Verjüngungsbrunnen-Taucher? Man weiß es nicht. Fakt ist: Die Band ist sich treu geblieben und erquickt das Herz mit munterer Dynamik. Nochmal alte Bekannte auf Platz Fünf. Hinter CASSIUS KING verbergen sich Dan Lorenzo (gt), Jimmy Schulman (bs.), Ron Lipnicki (dr.) und Jason McMaster (voc.) Die geballte Kompetenz, die aber mit anderem Sänger unter dem Banner Vessel Of Light für mich funktioniert. Völlig anders tönt allerdings das Material auf der CASSIUS KING. Recht flott, mit gewohnt tollen Lorenzo-Riffs gespickt, rhythmisch spannend und mit sensationellen Vokallinien ausgeschmückt, ist "Field Trip" ein Dauerbrenner in meinem Player geworden. Nicht nur für HADES- und WATCHTOWER-Freunde geeignet.

Ein Album, welches mich bereits beim ersten Durchlauf mächtig beeindrucken konnte, ist "Preserved In Time" von den deutschen Doomern WHEEL. Hier gehen ein warmes Klangbild, eine originelle und gleichzeitig ausdrucksstarke Stimme, tolle Melodien und großartige Riffs Hand in Hand und erzeugen so ein rundum ohriges Wohlgefühl. Mein Doom-Highlight in einem starken Doom-Jahr. Pun intended? Möglich. Schwenken wir zum nächsten Platz und freuen uns über eine handfeste Überraschung. Hier steht nämlich das aktuelle und für mich aus heiterem Himmel erschienene Album von STYX namens "Crash The Crown". Man kann die Band ja als Segler in seichten Gewässern belächeln, aber dann kennt man eben nur das besungene Boot auf dem Flüßchen. Wer sich etwas näher mit der Band beschäftigt hat, wird schnell merken, dass diese Nummer nur in Deutschland ein Hit war. Käseland ist doch Holland. Wieder was gelernt. Anyway, "Crash The Crown" bietet alles, was die Band auch in der Vergangenheit ausgezeichnet hat. Die Arrangements sind schon beim ersten Song so toll, man möchte ein bisschen weinen. Manchem mag das alles zu glatt und poliert klingen, aber ich gehe völlig auf in diesem plüschigen Feuerwerk an Tiefgang und Emotionen. Total toll! Nun folgt ein Newcomer aus deutschen Landen, dessen Scheibe bei mir seit Wochen in Dauerschleife rotiert. Die Rede ist von THE NIGHT ETERNAL, deren EP von 2019 komplett an mir vorbei gerauscht ist. Bei der Nachbearbeitung darf ich nun feststellen, dass das natürlich ein Fehler war. Aber zurück ins Hier und Jetzt. "Moonlit Cross" ist ein tolles Heavy-Rock-Album mit Widerhaken. Allein die Nummer 'Son Of Odin' gehört in jede vernünftige Sammlung. Anhören! Weiter im Text geht es mit meinen Lieblingen von PORTRAIT. Angefangen beim Albumtitel des Jahres "At One With None" über die erneut mitreißenden Songs bis hin zum tollen Artwork, liefern die Schweden hier erneut ein kleines Meisterwerk ab. Klar, man sollte ein bisschen auf MERCYFUL FATE stehen, aber tut das nicht? Den Abschluss der ersten zehn Plätze belegt eine weitere Herzensangelegenheit, die auf den Namen PHILM hört. Gerry Nestler und Pancho Tomaselli haben hier zusammen mit Dave-Lombardo-Nachfolger Anderson Quintero erneut ein Album fabriziert, welches gleichzeitig fordert und erfüllt. Ist man zuerst etwas vor den Kopf geschlagen, wenn man die teils recht kruden Songs auf "Time Burner" anhört, so verfliegt dieser Eindruck nach wenigen Spins. Ja, einige Passagen auf dem Album bleiben für rockende Ohren zu jazzig und freidenkend, aber als Gesamtkunstwerk empfinde ich den dritten PHILM-Longplayer erneut erfrischend anders.

Nach den vermeintlich anstrengenden Klängen von PHILM startet die zweite Hälfte meiner Liste mit entspanntem Doom aus deutschen Landen. FLAME DEAR FLAME, schon der Name ist originell und beim Anhören von "Aegis" stellt man schnell fest, dass die Musik es ebenfalls ist. Geboten wird getragener Doom mit einer verzaubernden Frauenstimme, die als Alleinstellungsmerkmal allein schon ausreicht, um hier ein paar Ohren zu riskieren. Und genau bei diesem Sound verweilen wir auch für das nächste Album. Zwölf Jahre sind ins Land gestrichen seit Dan Fondelius und seine Bande mit "Mammons War" ein epochales Meisterwerk serviert haben. Nun gibt es mit "The Sixth Storm" endlich einen Nachfolger. Ein Nachfolger, dem man anhört, dass Dan schwere Jahre hinter sich hat, denn mit 'Heaven's Door' und 'Goodbye' gibt es gleich zwei sentimentale Balladen. Die restlichen sieben Stücke bieten aber erstklassigen COUNT RAVEN-Sound, der sich schnell im Gehörgang festsetzen kann. Allen voran das ultralange 'Oden', welches schwer und schaurig aus den Boxen dröhnt. Ganz großes Kino und ein tolles Comeback! Es bleibt doomig auf Platz 13. Die Herrschaften von CROSS VAULT, die ich bislang nicht auf dem Radar hatte, überfallen mich mit einem emotionalen Schmackofatzen namens "As Strangers We Depart". Allein dieser Gitarrensound erzeugt jedes Mal Gänsehaut. Fleischig, warm, blutig und gurgelnd. So geht das. Obendrein mit 'Gods Left Unsung' mal eben eine Hymne aus dem Ärmel gezaubert, die auch in 20 Jahren noch zu den Doom-Großtaten gezählt werden wird. Anhören und warm anziehen. Erstaunlich viel Doom dieses Jahr in der Liste. Woran das wohl liegen mag? Der 14. Platz ist aber quasi das Gegenteil. Die dritte Scheibe von WITHERFALL bietet wunderbar verspielten US Metal, der natürlich nicht nur wegen Sänger Joseph Michael an SANCTUARY erinnert. Eine Band, die auf hohem Niveau gestartet ist und die sich bisher jedes Mal steigern konnte. So auch dieses Mal. '…And They All Blew Me Away' ist ein gottverdammter Klassiker! Und auch die nächste Scheibe hat mit Doom so gar nichts zu tun. Völig überraschend hat sich das aktuelle Werk der Norweger von NEKROMANTHEON in meine Liste geschummelt. Düster-wilder Thrash, der mich schnell erobert hat. "Visions Of Trismegisos" ist ein absoluter Quickie, der mich aber bei jedem Durchlauf mit Energie durchflutet. Energie, die ich 2021 dringend nötig hatte.

Es bleibt thrashig auf Platz 16. Hier könnte der Spruch "alte Liebe rostet nicht" stehen, denn die Herren von EXODUS haben bei mir einfach einen Stein im Brett. So ist mir "Persona Non Grata" zwar mal wieder viel zu modern produziert, aber die Songs killen schon ziemlich viel weg. Das aktuelle Rumgenöle über Zetros' Gesang kann ich erneut keinen Millimeter nachvollziehen. Man darf doch froh sein, dass der Dukes nicht mehr livehaftig seine Assigkeit zum Besten gibt. Das neue Lebenszeichen meiner Helden von THE TEA PARTY ist schön, kann mich aber nicht komplett in den Bann ziehen. Sicherlich reicht für mich schon Jeff Martins' unvergleichlicher Gesang, um in so einem Jahresrückblick Erwähnung zu finden, aber das Songmaterial ist mir dieses Mal etwas zu reduziert, um völlige Begeisterung auszulösen. Die Tatsache, dass es die Band überhaupt wieder gibt, ist aber sehr schön. Nach eher beschaulichen Klängen wird es auf Platz 18 wieder räudig. Wer 'Vultures In The Sky' von DETENTE nachspielt, ohne sich zum Affen zu machen, hat schon gewonnen. So lief das programmatisch "From The Ancient Chaos" betitelte Debüt der Russen MYSTIC STORM bei mir im vergangenen Jahr recht häufig und es zeigt mir seinem ruppigen Charme bis heute keinerlei Abnutzungserscheinungen. Hier wird der wilde Spirit der 80er wunderbar reproduziert, ohne dass es peinlich wirkt. Nach so viel Rumpelgepumpel kommt nun noch ein Album, welches sich in den letzten Wochen heimlich, still und langsam in diese Liste gedoomet hat. Die Rede ist von "En Delirium" der Band GRIEF COLLECTOR. Tonnenschwerer Epik-Doom mit Augenverdreher Robert Lowe am Stimmband. Reicht ja schon als Kaufgrund, oder? Den letzten Platz in meiner Top 20 belegt das bärenstarke Album "Soldier Of Light" der slowenischen Truppe SKYEYE. Geboten wird druckvoll treibender Heavy Metal mit einer Sirene am Mikro. Erinnerungen an das göttliche Erstlingswerk von BLACK SYMPHONY werden beim Anhören der Scheibe geweckt. Dabei geht man trotz aller Gradlinigkeit auch mal mit weit über 10 Minuten langen Songs über die Ziellinie, ohne zu langweilen. Tolles Album!

Nicht ganz in meine heilige Liste geschafft haben es BULLETBELT, KNIFE, FLOTSAM & JETSAM, SILVER TALON, MORGUL BLADE, FORTRESS, MEMORY GARDEN, NESTOR und PHARAOH. Aber auch diese Alben darf man gern einmal antesten. Auf dem Livesektor gibt es nur die Helden der Herzen zu vermelden: BST mit einer wundervoll intensiven Doom-Performance. Eine Sonne voller langsamer Noten in einer Zeit, in der ich dringend Licht brauchte.

Rang

Band Album
01. TERRA ODIUM
Ne_Plus_Ultra
02. MEGA COLOSSUS
Riptime
03. LIFE ARTIST Lifelines
04. MORDRED
The Dark Parade
05. CASSIUS KING
Field Trip
06. WHEEL
Peserved In Time
07. STYX
Crash The Crown
08. NIGHT ETERNAL, THE
Moonlit Cross
09. PORTRAIT
At One With None
10. PHILM
Time Burner
11. FLAME DEAR FLAME
Aegis
12. COUNT RAVEN
The Sixth Storm
13. CROSS VAULT
As Strangers We Depart
14. WITHERFALL
The Curse Of Autumn
15. NEKROMANTHEON
The Visions Of Trismegistos
16. EXODUS
Persona Non Grata
17. TEA PARTY, THE
Blood Moon Rising
18. MYSTIC STORM
From Ancient Chaos
19. GRIEF COLLECTOR
En Delirium
20. SKYEYE
Soldiers Of Light

Redakteur:
Holger Andrae

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