Perlen der Redaktion: Stendahl liebt, was er kennt

13.01.2026 | 18:53

Der Rausch des Ewiggleichen? Neues aus bewährtem Stahl? Eine von Grund auf überzeugende Wahl? Klar, ist ja von Stendahl!

Hier nun die Stendahl-Perlen 2025: Im Grunde sind die Platzierungen der acht Alben von 9 bis 2 austauschbar und unbedeutend. Oft gehört habe ich alle. PARADISE LOST ist das Album des Jahres bei mir. Das Jahr 2025 brachte mir wenig wirklich Neues, allerdings bin ich auch recht festgelegt auf bestimmte Genres und bevorzuge Bands, die schon lange im Geschäft sind. Das seht ihr an meinem Ranking, denn alle Bands gibt es seit ewigen Zeiten. Fangen wir von hinten an:

Platz 9: CORONER – "Dissonance Theory"

Die erste Veröffentlichung seit 30 Jahren? Überzeugt nach dem ersten Hör mit einem Mix aus Coolness moderner Prägung und althergebrachten Trademarks. Von der Stilrichtung her sonst überhaupt nicht mein Ding, besticht "Dissonance Theory" von CORONER mit einfallsreich komponierten, bisweilen schrägen, aber immer lässigen Tracks.

'I Am The Laaaaaw' tönt es mächtig und man muss einfach den Luftgitarristen mimen. Ich muss weder Professor sein, um das zu verstehen, noch Patronengurte tragen, was mich feinstimmt. War recht überrascht, dass mir die so gut gefällt, hole ich mir noch im Original.

 

Platz 8: MARTYR – "Dark Believer"

Allein die Tracks 'Darkness Before Dawn', 'Wrath Of The Fallen' und das obergeile, finale Geschoss 'Legions Of The Cross' (das meine Fahrten von der Unterkunft in Raustetten zum "Summer Breeze" begleitete) machen das Album zum stilvollen Härtner. Manchmal verästeln sich die Niederländer von MARTYR ein wenig und kommen vom Kurs ab, aber wenn sie Fahrt aufnehmen und ihre 80er Gitarrenlinien zur Geltung bringen, die so schön an selige Metal-Zeiten erinnern, sorgt die Band ähnlich ihren Landsleuten EVIL INVADERS für Gänsehaut.

Mit der leider viel zu unbekannten Kombo ist Old School-Feeling garantiert. Immer, wenn Stendahl gute Laune bekommen wollte, stellte er auf 'Legions Of The Cross' und dann das ganze Album auf Repeat, und schon haben wir 1985: LPs warteten auf Käufer, Mähne, Lederjacke, Killernieten und Spandex sind das Ding!

 

Platz 7: ... AND OCEANS – "The Regeneration Itinery"

Die Grimmbuben ...AND OCEANS aus dem hohen Norden zimmern von Anfang an holzspanige Hütten in den garstigen Düsterwald. Das Feuer bleibt auch über Nacht an und der Wind macht die Kerle nur noch wilder. Die Songs fallen melodisch, komplex und bisweilen brachial aus. Dazwischen setzt es Trance, Interludien, kleine Akustikspielereien und Elektrotupfen.

Im Grunde ist das vertonte Manie, längst ist der alte bärtige Prediger irre geworden, soviel, wie er gebetet hat, in die Orgel gekloppt und an Gott gedacht. Höre ich gern zum Holzhacken oder wenn ich nächtens Besuch aus der Düsterwelt bekomme, zum Schwertchen greifen und ein kurzes Statement abgeben muss, wer hier der König ist.



Platz 6: FRAGMENTS OF UNBECOMING – "Dawnbringer – Chapter VII – The Amber Emperor"

Death Metal ist nichts für mich, auch nicht die Anfänge. Außer es klingt genau wie BOLT THROWER oder es steht ein "Melo" davor und tönt ähnlich wie AT THE GATES. Das tut FRAGMENTS OF UNBECOMING allerdings beides ganz und gar nicht, die Musik gefällt mir aber trotzdem.

Ich fand schon immer Death Metal aus Deutschland recht lässig, SACRIFICIUM und PATH OF GOLCONDA zum Beispiel. Und FRAGMENTS OF UNBECOMING reiht sich da ein: Ein Intro, das weniger tiefgelegt von PRIEST sein könnte, dann walzen und sensen die Buben so melodisch durch den Hochwald, dass danach kaum ein Jägersitz noch als solcher erkennbar ist. Und: Die Vocals sind kein Gegurgel oder Geröchel, sondern tief phrasiert und von allererster Güte. Zudem wildern die Buben auch zuweilen im bösen Black-Metal-Garten. Geil!

 

Platz 5: TESTAMENT – "Para Bellum"

Wenn die ersten drei Supertracks durch sind, ist man schon mal richtig geflashed. Etwas Black Metal im ersten Track, eine DISSECTION-Gedächtniszeile im dritten, das gefällt ebenso wie der Chorus des zweiten, der alles wegbläst.

Seltsam ist die Songreihenfolge gewählt, denn die "The Ritual"-Gedächtnis-Songs kommen hintereinander im zweiten Teil. Thrash ist generell nicht mehr so mein Ding, aber TESTAMENT ist für mich nach wie vor stilprägend und Ikone in dem sonst stark limitierten Segment.

Mir gefällt TESTAMENT mit Growls am besten. Hart, laut, wild, das klopft auch nach 40 Jahren noch mächtig den Vollvisierhelm weg, sogar die Titaniumversion.



Platz 4: AMORPHIS – "Borderland"

Zu diesem Album habe ich beim Versuch, einen Gruppentherapie-Beitrag zu leisten, bereits zwei Reviews verfasst. Sie fielen aber zu gegensätzlich aus, weshalb ich sie nicht verwenden wollte. Und das Warum merke ich beim Hören dieser AMORPHIS-CD immer noch.

Die samtigen, einlullenden und total auf Nummer sicher gehenden Passagen lassen mich die Faust ballen, allerdings vor Wut. Andererseits sind die gegrowlten Parts richtig gut. Der zweite Teil des Albums tönt vielseitiger, da kommt auch die ältere Magie zurück. Seltsam, dass die wirklich guten Bonustracks, welche einige der vorderen Songs in den Schatten stellen, nicht auf dem regulären Album landeten. Insgesamt aber gut zu hören, vor allem, wenn es einmal nicht krachen soll!



Platz 3: MORS PRINCIPIUM EST – "Darkness Invisible"

Die melodischen Death-Metaller von MORS PRINCIPIUM EST liefern seit Jahren gute Alben ab. Kantig, melodisch, etwas an die Kinder vom Bodomsee erinnernd, gibt es diesmal eine opulente Mischung aus klassischen Leads, Frauenstimmen (die superb sind!), atmosphärischen Akustikpassagen, eruptiven Ausbrüchen mit geilen Riffings und dieser so giftigen Hauptstimme.

Die überlangen Tracks sind jedoch immer Melo-Death, nie schweift die Band in Pop ab oder bietet cleane Vocals. Das Konzept könnte in einer Oper geboten werden und viele würden es abfeiern. Wer reitet so spät bei Nacht und Wind?

Der Band gelingt spielend, wovon andere nur zu träumen wagen. Auch diese Finnen sind leider zu Unrecht so unbekannt, doch wer das Intro anstellt, bleibt im Album. Und das immer wieder, weshalb ich das Ding sofort geordert habe.

 

Platz 2: LORD BELIAL – "Unholy Trinity"

Beständig in Richtung NAGLFAR und DISSECTION sicheln zahlreiche Bands. So auf den Punkt wie die Altmeister von LORD BELIAL kommen wenige. Die Schweden bieten einen grandiosen Mix aus blauem Schneetreiben, schwarzen düsteren Kerkern, zugeschneitem Labyrinth im Abendrot und wahnsinnigem Georgel auf dem braun und silbern schimmerndem Hochaltar. Klar, dass Lucifer da nicht ausbleiben kann: Er schnappt sich eine Axt und mimt den Luftgitarristen, was nur von Vorteil sein kann. Die Band geht raffiniert vor: Bisweilen nimmt sie Tempo aus dem Höllenritt, nur um dann loszupreschen und eine verführerische Melodie draufzupacken, die den härtesten Evil von den Hufen holt, bei Satan! LORD BELIAL gelingt es gleichzeitig, ihren charakteristischen Stil beizumengen, ihre ureigene Note, melancholisch, echt Trollhättan eben, der sich durch Eis und karstige Grate den Weg bahnt.

 

Platz 1: PARADISE LOST – "Ascension"

PARADISE LOST gelingt es tatsächlich, mich mit dem neuen Album (das ich immer noch nahezu täglich höre) voll zu überzeugen. Nach "Icon" ist das für mich das Spitzenalbum der Band, und ich würde ihm im Gegensatz zur Gangbesprechung statt acht Punkten nun 9,5 Punkte verpassen. Warum?

Weil es der Band diesmal gelingt, ihre verschiedenen "Richtungen" in einem Song unterzubringen, also integrierend, nicht wie auf zum Beispiel "The Plague Within" nebeneinander, mal DEPECHE MODE, später SISTERS OF MERCY, Wechsel auf mittlere METALLICA, dann Growls. Diesmal passt alles, die Klarstimme führt angenehm ins Drama, Grunts sorgen für düstere Schwere, das Riffing bleibt melancholisch-bleiern, aber auch spannend. Die Band bietet diesmal eher konstant längere Songs, was dem Aufbau von Atmosphäre sehr dienlich ist. Das Album ist gewachsen und ganz unverhofft meine Veröffentlichung des Jahres 2025.

 

Enttäuschung des Jahres?

HELLOWEEN, allerdings hatte ich auch nichts Großes erwartet. Und GHOST, für mich ein einziger Grusel!

Konzert des Jahres?

BLUE ÖYSTER CULT in Berlin: Die von mir so verehrten Altmeister noch einmal zu sehen, war gigantisch. Ein tolles Konzert, das ich in unserem Forum ausführlich beschrieben habe. Ebenso KING DIAMOND in Berlin, auch bereits lobgehudelt auf eurer Lieblingsseite (zum Konzertbericht aus Oberhausen).

Beim Summer Breeze WARDRUNA mit einer eigenwilligen Instrumentierung und Show (die Frauenstimme war auch genial). Dazu gut: DIMMU BORGIR, EVIL INVADERS, ENSIFERUM und WARMEN. Ganz schön konservativ!

Redakteur:
Matthias Ehlert

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