RUNNING WILD: Wiederbelebung der Noise-Ära Teil I

13.08.2017 | 20:46

Wenn der Noise-Piratenschatz geborgen wird, darf auch die berühmteste Piratenflagge des Metals nicht fehlen.

Die Noise-Archive öffnen sich endlich und geben ihre Schätze frei. Dabei kommt man um Rolf Kasparek und RUNNING WILD nicht herum, die in den Achtzigern und Neunzigern einige Klassiker-Alben geschaffen haben. Dabei haben Rock 'n' Rolf und seine Mannschaft das musikalische Ruder mehrfach hart herumgerissen, was besonders die Frühzeit stilistisch interessant macht. Wir haben uns zusammengetan und anhand der Neuveröffentlichungen eine chronologische Abfolge der Alben erstellt, die alle mit zahlreichen Bonustracks, einer Bandhistorie und Liner Notes von Rolf Kasparek ausgestattet sind. Auf geht es in eine Entdeckungsreise in die Geschichte einer der bekanntesten deutschen Metalbands.

 

 

1984 - "Gates To Purgatory"

Die Geschichte der Band beginnt zwar bereits Mitte der Siebziger, aber ich wurde erst mit den Stücken auf den Samplern "Rock From Hell" und "Death Metal" auf RUNNING WILD aufmerksam, obwohl in der Tapetrading-Szene Demos der Hamburger kursierten. Kinners, damals war die Kapelle ganz vorne dabei in deutschen Landen, besonders der Speed-Brecher 'Adrian' hatte es unserer kleinen, metallischen Schul-Clique angetan. Eine Band, die sich nach einem JUDAS PRIEST-Song benannt hatte, konnte ja auch nicht schlecht sein. Damals war uns auch Rolf Kaspareks schwerer deutscher Akzent ziemlich egal, zumal er auf dem Album mit viel Hall kaschiert wurde. "Gates To Purgatory" gehörte zu den ganz großen Veröffentlichungen des Jahres 1984, und Doppel-Leads wie in 'Soldiers Of Hell', coole Melodien wie in 'Black Demon', natürlich auch die Attacken wie das stark an JUDAS PRIEST erinnernde 'Diabolic Force' und 'Adrian S.O.S.' oder auch das IRON MAIDEN-Einflüsse aufweisende 'Ghengis Khan' rotierten regelmäßig im Kassettendeck.

Das Debüt sticht allerdings aus der Diskographie deutlich heraus, bereits mit dem folgenden Album änderte die Band ihren Stil in eine Richtung, die mir nicht mehr gefiel. Das macht das Debütalbum aber nicht weniger zu einem wegbereitenden Meilenstein des teutonischen Metals, das möglicherweise heute etwas weniger aufsehenerregend, aber immer noch beachtlich unterhaltsam aus den Boxen schallt. Vor über drei Jahrzehnten war das ein Riesenerfolg und eine echte Kultplatte, und bis auf 'Preacher' und 'Prisoners Of Our Time' sind die Lieder kaum gealtert. Die Neuausgabe ist nicht nur für diejenigen interessant, die die Scheibe noch nicht haben, denn die Bonustracks beinhalten die beiden Aufnahmen für den "Rock From Hell"-Sampler, die beiden Non-Album-Tracks vom "Death Metal"-Sampler sowie die Songs der "Victims Of States Power"-EP. Die beiden 1991er Neuaufnahmen zweier Albumsongs sind dagegen nur für echte Fans interessant, passen aber konzeptionell ausgezeichnet auf die CD und klingen, ehrlicherweise, auch besser als die Originalaufnahmen, die doch unter beschränkten finanziellen Bedingungen entstanden waren.

[Frank Jaeger]

 

1985 - "Branded & Exiled"

Im Gegensatz zu Frank hielt meine lokalpatriotische Begeisterung für RUNNING WILD noch ein Album länger an, sodass "Branded & Exiled" zur Veröffentlichung auf meinem Plattenteller landetet und dort eine ganze Weile lang, ein sehr gern gesehener Gast war. Das ist inzwischen 33 Jahre her und es sind auch bereits einige Jahre ins Land gestrichen, seit die Scheibe das letzte Mal bei mir lief. Trotzdem bin ich noch immer ziemlich textfest und so machen die ersten Umdrehungen der aktuellen Neuveröffentlichung erstmal Spaß. Ich höre auch keinen sehr großen musikalischen Schnitt zu "Gates To Purgatory", denn die Piraten-Jahre haben noch nicht begonnen. Noch immer wird mit umgedrehten Kreuzen und Sozialkritik gespielt. Abgesehen von 'Mordor', welches man heute fälschlicherweise unter "Hobbit Metal" ablegen könnte. Meine persönlichen Highlights sind das schön harte 'Fight The Oppression', der zackige Titelsong, das düstere 'Evil Spirit' und tatsächlich das mystisch-treibende 'Mordor'. Die damalige Mitsing-Hymne 'Chains And Leather', die nicht nur ein bisschen an Judas Priest erinnert, kann mich heute weniger begeistern. Trotzdem geht das Nostalgie-Kino im Kopf an, was an sich auch ein schöner Effekt ist.

Dies alles sind aber keine wirklich essentiellen Informationen für den Erwerb dieser Veröffentlichung. Schauen wir uns also erstmal die Aufmachung an: Es gibt ausführliche Liner Notes von Malcolm Dome, aber kein Textblatt. Was das soll, entzieht sich meinem Verständnis und gibt Minuspunkte. Dann gibt es noch fünf Bonustitel. Im Gegensatz zu netten B-Seiten, wie beim Debüt, hören wir hier aber lediglich die bereits auf den jeweiligen "Best Of"-Alben veröffentlichten Neueinspielungen von Albensongs. Dabei ist der Titelsong sogar gleich zwei Mal vertreten. Auch wenn das von der musikalischen Umsetzung und vom Sound her objektiv betrachtet besser klingt als die Originalversionen, geht mir hier das Charisma komplett verloren. So ist der sauber-melodische Gesang im bissigen 'Fight The Oppression' völlig unpassend und die beiden Aufnahmen aus dem Jahr 2003 verärgern mich mit einem arg verhallt aufgenommenen Schlagzeug. Gerade bei 'Mordor' klingt das obendrein auch noch mächtig mechanisch. Jetzt muss jeder selbst entscheiden, ob er das Album noch mal ins Regal stellen will. Wer es hingegen noch gar nicht hat, macht hier wenig falsch.

[Holger Andrae]

 

1987 - "Under Jolly Roger"

Man kann sicherlich darüber streiten, welches RUNNING WILD-Album letztendlich den größten Einfluss hatte bzw. auf welcher Scheibe Kasparek und sein Team den größten Fortschritt erzielt haben. Doch egal wie man es dreht und wendet: "Under Jolly Roger" ist bis heute einer der wichtigsten Releases in der Historie der norddeutschen Legende und vielleicht das letzte Album, auf dem Rock 'n' Rolf und Konsorten noch mit richtig rauen Sounds und einer gesunden Portion Rock & Roll auftrumpfen konnten. Ohne dabei die Leistung auf den kurz darauf folgenden Releases Ende der 80er bzw. Anfang der 90er in irgendeiner Form infrage zu stellen.

Doch auch ziemlich genau 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung des bandinternen Meilensteins sind es Kompositionen wie 'Beggar's Night', 'Raw Ride', das straighte 'Merciless Game' oder der unverwechselbare Titelsong mit seinem markanten Intro, die bestens in Erinnerung geblieben sind und bei den Live-Gigs manchmal lauter gefordert werden als der kommerziell erfolgreichere Stoff von "Blazon Stone" oder "Death Or Glory". Das Piratenimage befand sich noch in der Entwicklung, die später noch viel heroischer ausgereizten Melodien wurden im Anfangsstadium noch eine ganze Spur rauer vorgetragen, und Kasparek selbst klang auch später selten so entschlossen wie in den acht Originalen dieser starken LP.

Im Zuge der luxuriösen Neuveröffentlichungen vieler wichtiger Scheiben aus dem RUNNING WILD-Katalog darf "Under Jolly Roger" daher natürlich nicht fehlen und bietet neben einem sehr hübschen Booklet mit einigen interessanten Hintergrundinformationen auch einen zweiten Silberling, auf dem einige bereits frühzeitig neu aufgenommene Albumtracks neben einer alternativen Variante zu 'Beggar's Night' und der Non-Album-Track 'Apocalyptic Horsemen' Verwendung finden - genügend Stoff also, mit dem man sich gerne auseinandersetzt, weil gerade die Re-Recordings noch einmal ein anderes Licht auf die eigentlichen Aufnahmen werfen. Und sollte man tatsächlich noch immer nicht im Besitz des Originals sein bzw. die bereits vermehrt gestreuten Re-Releases im Laufe der letzten Jahrzehnte verpasst haben, gibt es nun keine Ausrede mehr: "Under Jolly Roger" ist als Übergang vom rauen Sound zur melodischen Seite der Band definitiv ein unverzichtbares Kleinod und gleichzeitig eines der wichtigsten deutschen Metal-Alben aller Zeiten!

[Björn Backes]

 

1988 - "Port Royal"

Mit "Port Royal veröffentlichten RUNNING WILD letztlich das Album, das den Schritt vom starken nationalen Act Richtung internationale Klasse ebnete (von 1989 bis 1994 gehörte die Band dann ja zur Speerspitze der weltweiten Metal-Szene). Die räudigen Elemente der Frühphase treten immer deutlicher zurück, dafür nimmt der Melodieanteil zu und die Band ist hörbar musikalisch gereift. Das Piratenthema tritt deutlicher in den Vordergrund, was auch am famosen Artwork zu sehen ist. Wie immer bei den Re-Releases unnötig: die Alternative und Re-Recorded Versions bekannter Tracks. Stark dafür ist die hohe Klassikerdichte auf dem Album selbst, das nun endlich wieder bezahlbar verfügbar ist und natürlich in jede anständige Heavy-Metal-Sammlung gehört (aber das gilt nun mal für jedes RUNNING-WILD-Studioalbum bis 1998).

Ich freue mich jedenfalls, diese Lücke in meiner Sammlung endlich geschlossen zu haben. Wer auf die feinen Kasparek-Riffs steht, den starken Gesang (für mich ist Rolf da schon ne ziemliche Wucht) und natürlich unsterbliche Hits wie den Titeltrack oder 'Conquistadores', der sollte bei dem schön aufgemachten Digipack zugreifen.

[Jonathan Walzer]

 

1989 - "Death Or Glory"

Im Rückblick war das Jahr 1989 ein glorreicher Abschluss der 80er. Etliche Säulen der Metal-Landschaft haben in eben jenem Jahr Meisterwerke rausgehauen, die wohl auf ewig zur metallischen Sozialisation gehören werden. Neben den Großtaten von DREAM THEATER, ANNIHILATOR, SODOM, WATCHTOWER, METAL CHURCH und Dutzenden anderen Bands legte einen Tag vor dem Fall der Berliner Mauer in Hamburg das Piratenschiff RUNNING WILD an, um "Death Or Glory" zu entfesseln. Als Spätgeborener kann ich nur erahnen, welche Wirkung diese Alben zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung gehabt haben müssen. Den Verstärker auf 11 gedreht und das Holzbein angeschnallt, habe ich beim fünften Langdreher RUNNING WILDs keinerlei Zweifel, dass die Scheibe damals für mächtig Furore in der Szene gemacht hat.

Hatten die ersten vier Alben produktionstechnisch noch immer etwas Underground-Charme zu bieten, spielt "Death Or Glory" eine ganze Klasse höher. Der Gitarrensound hat gleich mehrere Qualitätssprünge nach oben gemacht, am Schlagzeug hört man es aber auch gut. Dazu trägt natürlich auch die klangliche Nachbearbeitung dieser Wiederveröffentlichung bei, die insbesondere den Bass noch besser in den Mix einbringt. Auch die Gesangslinien von Rolf sind nach "Port Royal" noch kraftvoller geworden - eine Stimmbandentzündung nach dem dritten Album "Under Jolly Roger" hatte den Frontmann zum Gesangsschüler gemacht - für mich gehört der Titeltrack zu den besten Gesangsleistungen von Oberpirat Kasparek. Songtechnisch verwöhnt uns diese Perle ohnehin mit vielen Köstlichkeiten, an das fulminante 'Riding The Storm' zu Beginn kommt aber keine Nummer mehr so richtig heran. Meckern auf allerhöchstem Niveau halt.

Bei Re-Releases ist neben dem (meist) besseren Sound das Bonusmaterial von großem Interesse. Hier gibt es (wie bei früheren Re-Issues auch) die "Wild Animal"-EP und zwei Bonus-Songs des regulären Albums in einer bearbeiteten Version von 2003. Erstere ist eine sehr gute Zugabe, obwohl Tracks wie 'Störtebeker' oder eben 'Wild Animal' nicht ganz mit "Death Or Glory" mithalten können. Die einzelnen Songs hätte ich persönlich nicht gebraucht, aber Platz nehmen sie ja auch keinen weg. Der einzige wirkliche Wermutstropfen dieser VÖ ist die Tatsache, dass im schicken Booklet kein Platz mehr für die Lyrics war. Liner Notes sind super, Archivbilder auch, aber bei den detailliert ausgearbeiteten Geschichten, die sich nicht alle nur um Piraten drehen, würde man doch gerne mitlesen können.

[Nils Macher]

 

Das war es mit dem ersten Teil der RUNNING WILD-Wiederöffentlichungen aus den Noise-Records-Jahren. In zwei Wochen geht das dann weiter mit Teil 2 der Noise-Ära. Auf der Seekarte: die Alben "Blazon Stone", "Pile Of Skulls", "Black Hand Inn" und "Masquerade".

Für die Zwischenzeit: Das letzte RUNNING WILD "Rapid Foray" (2016) in der Besprechung, der Gruppentherapie, dem Interview mit Rolf Kasparek und im Soundcheck.

Redakteur:
Nils Macher

Login

Neu registrieren