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SCAR SYMMETRY: Interview mit Henrik Ohlsson

05.10.2009 | 11:13

Das neue SCAR SYMMETRY-Album "Dark Matter Dimensions" kann nicht hundertprozentig überzeugen. Nach dem Weggang von Christian Älvestam zeichnen sich zwar gleich zwei Sänger - Roberth Karlsson und der noch unbekannte Lars Palmqvist - für den Gesang verantwortlich, was jedoch nicht unbedingt einen größeren Abwechslungsreichtum im Songwriting mit sich bringt. Schlagzeuger und Texter Henrik Ohlsson bricht im nachfolgenden Gespräch eine Lanze für die beiden Neuzugänge und philosophiert über den unsichtbaren Teil des Universums.

Elke:
Nach drei Alben mit Sänger Christian Älvestam habt ihr euch im vergangenen Jahr von ihm getrennt. Was waren die Gründe dafür?

Henrik:
Die Stimmung innerhalb der Band war zu diesem Zeitpunkt sehr schlecht, weil Christian andere Vorstellungen betreffend unserer weiteren Zusammenarbeit hatte als der Rest. Wir mussten einfach etwas unternehmen, um unsere Existenz zu sichern, da wir im Begriff waren, jegliche Inspiration zu verlieren, die wir für den Fortbestand der Band benötigten. Also baten wir Christian zu gehen und versuchten, wieder kreativ zu werden. Während der letzten Monate mit Christian hatte er immer weniger Lust, bei uns zu singen, was sich auf verschiedene Arten zeigte, wie sein Widerstand gegen Tourneen oder seine generelle Unzufriedenheit über den Stand der Dinge. Eine Einstellung wie diese macht es schwer, motiviert zu sein, und du brauchst Inspirationen, wenn du in einer Band spielst, weil das eine Menge harte Arbeit bedeutet.

Elke:
Waren die unzähligen anderen Formationen, denen er seine Stimme leiht, ebenfalls ein Problem?

Henrik:

Nun, er hatte immer zahlreiche andere Sachen laufen und als SCAR SYMMETRY erfolgreicher wurden, wurde es immer schwieriger, das alles unter einen Hut zu kriegen. Wir alle sind nebenbei in andere Projekte involviert, aber Christian weigerte sich, SCAR SYMMETRY Priorität einzuräumen, während diese Band für den Rest von uns stets an erster Stelle stand. Natürlich gab es dadurch weitere Probleme.

Elke:
Christian hat eine außergewöhnliche Stimme und es dürfte schwierig gewesen sein, für ihn einen adäquaten Ersatz zu finden. Aber gleich zwei neue Leute zu engagieren, war dann doch eine große Überraschung. Musstet ihr diesen Kompromiss eingehen, weil ihr niemanden finden konntet, der sowohl die Growls als auch den klaren Gesang hätte übernehmen können?

Henrik:
Nein, wir wollten zwei Sänger haben, weil wir bereits auf der ersten Tournee gemerkt haben, dass es für eine einzelne Person zu anstrengend ist, den kompletten Gesang zu bestreiten. Ich denke, Christian würde dir als erster bestätigen, dass das kein Picknick ist. Auf den letzten Tourneen trank er keinen Tropfen Alkohol, sondern nippte an seinen Spezial-Tees, und trotzdem war seine Stimme nach einer Woche oder so im Eimer. Wir wollten dieses Problem für die Zukunft vermeiden und haben uns deshalb für zwei Sänger entschieden.

Elke:

Der für die Growls verantwortliche Roberth Karlsson (u. a. EDGE OF SANITY, FACEBREAKER) dürfte allgemein ein Begriff sein. Von einem Lars Palmqvist habe ich jedoch bisher noch nichts gehört. Wer verbirgt sich hinter eurer neuen Klarstimme?

Henrik:
Er ist seit vielen Jahren in diversen Metalbands aktiv, allerdings hat keine davon größere Bekanntheit erreicht. Er hat auch Cover-Sachen gesungen von Bands wie QUEEN, JUDAS PRIEST, DEEP PURPLE und IRON MAIDEN. Lars hat unserem Sound eine Dosis "Metal" verpasst, was wir sehr zu schätzen wissen, und neben seiner tollen Stimme besitzt er auch eine supercoole Persönlichkeit. Die Tatsache, dass er bisher noch nie in einer Band dieser Größenordnung gesungen hat, macht die ganze Sache extrem aufregend für ihn, was wiederum auf uns abfärbt. Wir sind von neuer Energie und Inspiration durchdrungen und fühlen uns wie neugeboren, dank Lars und natürlich auch Roberth.

Elke:
Wie viele verschiedene Sänger habt ihr zum Vorsingen antreten lassen, und warum fiel eure Wahl auf diese beiden?

Henrik:
Wir haben uns einige angehört, alles Schweden. Es gab auch Bewerbungen aus anderen Ländern, sogar von Sängern recht erfolgreicher Bands, aber wir haben sie nie vorsingen lassen, weil wir das nicht für nötig befanden. Lars und Roberth bekamen den Zuschlag, weil wir bei ihrem Auftritt und ihrer Präsenz im Studio dieses besondere Gefühl bekamen. Sie haben beide tolle Stimmen, es gibt eine spezielle Chemie zwischen ihnen, sie sehen gut aus und sind großartige Persönlichkeiten.

Elke:
Obwohl ihr mit zwei Sängern eigentlich noch mehr Möglichkeiten hättet, abwechslungsreiche Gesangslinien zu entwickeln, fallen die Songs auf eurem neuen Album "Dark Matter Dimensions" im Vergleich zu dessen Vorgänger sehr viel härter aus. Es gibt weniger Klargesang und eine stärkere Ausrichtung zum Melodic Death Metal. Wie kam es dazu?

Henrik:
Wir hatten das Gefühl, dass wir mit "Holographic Universe" ein paar Ecken und Kanten eingebüßt hatten, und wollten diese Aggression auf "Dark Matter Dimensions" zurückholen. Es gab auf dem Vorgänger zu viel klaren Gesang, wodurch er vielleicht sanfter ausfiel als unbedingt notwendig. Obwohl ich unser vorheriges Album immer noch mag, denke ich, dass das Neue mehr dem entspricht, was wir eigentlich machen möchten.

Elke:
Trotzdem bekommt man ein wenig dass Gefühl, dass ihr trotz doppelter Personalstärke hinterm Mikro nur mit halber Kraft vorangeht. Plant ihr in Zukunft, diese beiden Stimmen abwechslungsreicher und variabler einzusetzen?

Henrik:
Nun, darüber gibt es verschiedene Meinungen, und wir können nur unserer eigenen Intuition und Nase folgen, wenn wir unsere Musik erschaffen. Wir haben auf unseren Alben immer experimentiert, aber wir verlieren darüber nicht das Fundament unseres Sounds aus den Augen. Es ist wichtig, die Basis-Zutaten unserer Musik zu erhalten, während wir uns auf natürliche Weise weiterentwickeln, und ich denke, wir haben mit "Dark Matter Dimensions" einen logischen Schritt nach vorn gemacht. Die Gesangslinien wurden unter dem Aspekt arrangiert, gut zu klingen. Der Schwerpunkt war nicht, total abzudrehen, nur weil wir jetzt zwei Sänger haben. Wir bleiben bei unseren Waffen, um es mal so auszudrücken, und wir werden unsere kreativen Prozesse nicht verändern, nur weil wir unsere Sänger gewechselt haben. Wir wollen nur großartige Musik erschaffen, die dem Erbe von SCAR SYMMETRY würdig ist.  

Elke:

Es gibt im Internet einen Mitschnitt eures Auftritts auf dem diesjährigen Graspop Festival, und obwohl der Sound generell nicht berauschend ist, wirkt es, als hätte Lars Schwierigkeiten, in Christians Fußstapfen zu treten. Sein klarer Gesang klingt dort nicht so rein, und er kommt auch nicht so hoch wie sein Vorgänger. Sein wievielter Auftritt war das und wie reagieren die Fans bisher auf ihn?

Henrik:
Lars und Roberth sind der Band zum ungünstigsten Zeitpunkt überhaupt beigetreten und mussten mit uns Shows zur Bewerbung des "Holographic Universe"-Albums bestreiten. Deswegen vergleichen einige Leute ihre Leistung mit den Album-Aufnahmen, die Christian eingesungen hat, was total unfair ist. Ein Studio bietet ein komplett anderes Umfeld als eine Bühne, und selbst an Christians Live-Stimme wurde gelegentlich rumgemeckert. Eine Stimme benötigt jedoch eine perfekte Ausgangslage, um 100 Prozent Leistung bringen zu können, was bei einer Band unserer Größenordnung auf Tour selten der Fall ist. Wir reisen schließlich nicht mit Privatjets und wohnen in Luxus-Hotel, um uns vor und nach der Show erholen zu können. Vor dem Graspop hatten wir vielleicht zehn Shows mit Lars und Roberth gespielt, und ich finde, sie haben angesichts der Umstände gute Arbeit geleistet. Manche Menschen verklären die Vergangenheit gerne und denken, dass mit dem alten Line-up alles besser wäre. Aber wir, und viele unserer Fans, wissen, dass solche Spekulationen falsch sind.
Um deine Frage zu beantworten: Die Reaktionen auf unsere Live-Shows im neuen Line-up waren grundsätzlich positiv, und wir schätzen diese Unterstützung sehr, die wir stets erfahren, wenn wir rausgehen und uns den Arsch abspielen. Natürlich gab es auch negative Stimmen, aber die Kritiker schreiben für gewöhnlich nur etwas im Internet. Ich meine, es ist leicht, den Experten zu spielen, wenn man sich hinter einem Bildschirm verstecken kann. Wir alle kennen diese Gattung...

Elke:
Lass uns über euer neues Album "Dark Matter Dimensions" sprechen. Was kannst du mir über den Entstehungsprozess erzählen?

Henrik:
Jonas [Kjellgren - git.] begann unmittelbar nach der Veröffentlichung des vorherigen Albums, neue Songs zu schreiben, und puzzelte immer mal wieder daran herum. Per [Nilsson - git.] hat erst kurz vor den Aufnahmen damit angefangen. Wir haben dann das Beste von Jonas und Per zusammengeschmissen und hatten genug Material für ein Album zusammen. Per und Jonas haben auch die Gesangslinien ausgearbeitet, zu denen Lars und Roberth dann im Studio noch eigene Ideen beisteuerten. Ich habe die Texte auf die Gesangslinien zugeschnitten, außer bei einem Song, 'Sculptor Void', bei dem der Text bereits stand, bevor auch nur eine Note komponiert wurde.
Das Schlagzeug haben wir im Abyss Studio aufgenommen, was bedeutete, dass wir auf ein viel besseres Equipment zurückgreifen konnten als sonst. Ich denke, der Drum-Sound klingt deswegen so mächtig und explosiv. Die anderen Instrumente und den Gesang haben wir in Jonas' Black Lounge Studio eingespielt. Jonas hat das Album mit tatkräftiger Unterstützung von Per auch produziert, der dieses Mal sehr viel Zeit im Studio verbrachte. Insgesamt waren wir vielleicht zwei Monate im Studio, um "Dark Matter Dimensions" aufzunehmen und es war ein sehr geschmeidiger Prozess. Ich muss sagen, dass dies vermutlich die angenehmsten Aufnahmen in unserer bisherigen Karriere waren.

Elke:
Wie bereits erwähnt, fallen die neuen Songs wieder härter aus. Würdest du mir zustimmen, dass sie eine Weiterentwicklung eures Sounds zu "Pitch Black Progress"-Zeiten darstellen?

Henrik:
Ja, das könnte man so sagen. Wir wollten auf "Dark Matter Dimensions" eine Art organischen "direkt in die Fresse"-Sound erschaffen, und ich denke, das ist uns geglückt.

Elke:
Was denkst du rückblickend über den doch sehr viel "experimentelleren" Vorgänger "Holographic Universe"?

Henrik:

Es ist meiner Meinung nach ein gutes Album. Doch wir befanden uns damals in einer schlechten Ausgangssituation, die Stimmung innerhalb der Band war nicht die Beste und die Inspiration nicht so hoch wie jetzt. Ich finde jedoch nicht, dass es "experimenteller" war, denn in meinen Augen haben wir die gleichen Experimentierfreude auf jedem Album. Wir schlagen halt gelegentlich neue Richtungen ein, abhängig davon, wie wir zu dem Zeitpunkt gerade mental drauf sind.

Elke:
Durften die neuen Sänger bei den Texten ein Wörtchen mitreden?

Henrik:
Wir haben eine spezielle Aufgabenverteilung innerhalb der Band, und ich bin für die Texte zuständig. Wobei jeder ein Mitspracherecht hat, wenn er etwas Verbesserungswürdiges findet. In solchen Fällen ändern wir die Texte für gewöhnlich, um alle glücklich zu machen.

Elke:

Die Texte auf "Dark Matter Dimensions" haben einen wissenschaftlichen Hintergrund, unter - und hier zitiere ich dich - "Wertschätzung und Anerkennung der unsichtbaren Welten und Dimensionen, denn ohne der Existenz dieser unsichtbaren Kräfte wäre unser physikalisches Universum nicht in der Lage zu existieren". Kannst du das bitte ein wenig näher erläutern?

Henrik:

Das grundsätzliche Thema des Albums basiert auf der wissenschaftlichen Tatsache, dass wir mindestens 95 Prozent des Universums nicht sehen können. Dieser unsichtbare Teil des Universums wird "dunkle Materie" und "dunkle Energie" genannt, was im Grunde nur etwas umschreibt, worüber wir nicht das Geringste wissen. Aber wir können einige Effekte sehen, die von diesen unsichtbaren Elementen verursacht werden. Ich begann darüber nachzudenken und fragte mich zum Beispiel: Wie können wir so tun, als wüssten wir über alles Bescheid, wenn wir mindestens 95 Prozent des Universums gar nicht wahrnehmen? Wie können wir Dinge ablehnen, wenn unsere logische Wahrnehmung so begrenzt und zynisch ist? Wir sollten alles für möglich halten vor dem Hintergrund, wie limitiert unser Verstand ist! Das Thema von "Dark Matter Dimensions" ist also eine Würdigung der unsichtbaren Kräfte da draußen, denn ohne die Mechanismen der unsichtbaren Welten und Dimensionen wäre unsere physikalische Wirklichkeit nicht in der Lage zu existieren. "Dark Matter Dimensions" steht für alles Unbekannte und Unsichtbare, das trotzdem gegenwärtig ist. Das Thema zieht sich als eine Art roter Faden durch die Texte.

Elke:
Der schwedische Sänger VINTERSORG hat in seinen Texten ebenfalls astronomische und philosophische Themen behandelt. Habt ihr eine ähnliche Herangehensweise? Ist er vielleicht sogar eine Inspiration für dich?

Henrik:

Ich habe ehrlich gesagt noch nichts von VINTERSORG gehört oder gelesen. Aber es klingt nach etwas, was mir gefallen könnte.

Elke:
Zur Veröffentlichung des neuen Albums hat eure Plattenfirma Nuclear Blast ein Online-Spiel namens "Dark Matter Asteroids" ins Leben gerufen. Der Gewinner bekommt ein Meet & Greet mit der Band im Rahmen der bevorstehenden Neckbreaker's Ball Tour. Hast du das Spiel selbst mal ausprobiert? Und wann genau wird der Gewinner verkündet?

Henrik:

Ja, ich habe das Spiel ein paar Mal gezockt, aber ich war nicht besonders gut darin - jedenfalls nicht im Vergleich zu den Leuten mit den höchsten Punktzahlen, haha. Aber das ist in Ordnung, ich wollte sowieso kein Meet & Greet mit mir selbst gewinnen, hehe. Wie auch immer, ich habe keine Ahnung, wann der Gewinner ermittelt wird, Nuclear Blast kümmert sich darum.

Elke:
Auf dieser Neckbreaker's Ball Tour steht ihr bereits als zweite Band des Abends auf der Bühne. Wie viel Spielzeit steht euch dafür zu, und welche Songs können wir erwarten?

Henrik:
Ich denke, wir spielen vielleicht dreißig, fünfunddreißig Minuten und werden vermutlich die Hälfte davon mit neuen Songs füllen und die restliche Zeit mit Titeln der ersten drei Alben.

Elke:
Stehen anschließend weitere Shows auf eurem Terminplan?

Henrik:
Wir machen ein paar kürzere Tourneen in Südamerika, Spanien, Schweden und Großbritannien. Danach geht es für mehrere Auftritte in die Staaten. Außerdem haben wir kürzlich ein Video zu 'Noumenon And Phenomenon' gedreht und werden noch ein weiteres nachlegen. Im Grunde beschäftigen wir uns hauptsächlich damit, das neue Album zu bewerben.

Elke:
Ich möchte das Interview gerne mit der berühmten POWERMETAL.de-Pizzafrage beenden. Wenn SCAR SYMMETRY eine Pizza wären, woraus bestünde der Belag?

Henrik:
Speck und Salami für die Brutalität, Käse für die "cheesy" Melodien, haha. Viel Fleisch und Käse natürlich, das erklärt genau, wofür wir stehen.

Redakteur:
Elke Huber

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